Jun 152012
 

oder

keine wissenschaftliche Abhandlung

Vorwort

Liebe Leser, es ist Sommerpause und die Verpflichtung von Messi hat unser geliebter Verein auch immer noch nicht verkündet. So sitzt man mehr oder minder gelangweilt vor dem Fernseher und guckt sich die EM an. Nationalfußball. Nicht wirklich etwas, was wir mit dem Herzen verfolgen, weil es soviele Misstöne beinhaltet. Soviele Nebentöne, die uns nicht gefallen. Und die bei weitem kein deutsches Phänomen sind. Nein, so ein wirklich abschließende Meinung erlauben wir uns da mal nicht, wir denken einfach drüber nach. Aber vorher noch zu leichter Unterhaltung.

Das ZDF liegt im Trend

Liebe Leser, ist euch etwas aufgefallen in unserer Gesellschaft? Es kommt immer weniger auf Inhalte an, immer mehr auf ihre Verpackung. Statements werden weniger auf ihre Richtigkeit überprüft, als auf ihre Medientauglichkeit und Politik wird von Inhalten befreit und auf Kampagnen und Gesichter reduziert. Wirkliche inhaltliche Positionierung findet immer weniger statt und unsere Kanzlerin ist da das beste Beispiel. In diesem Klima ist die Sendung des ZDF perfekt. Ein hübsch anzusehender Ort und dazu eine Sendung, die tiefgehende Inhalte am besten vermeidet.

Da ist Oliver Kahns erster Tweet halt sehr viel wichtiger, als eine vernünftige Analyse des Spieles. Aber in einer Zeit, in der man aus einer Kritik an Gomez durch Scholl beinah eine Staatsaffaire macht (es ist wirklich ein schandhaftes Verbrechen einen Stürmer zu kritisieren, der ein Tor geschossen hat), ist das doch ein Wohlfühlfernsehen und alle sind glücklich. Außer diejenigen, die sich im deutschen Fernsehen mal eine wirkliche Analyse wünschen würden.

Aber so etwas leistet auch die ARD nur ansatzweise, immerhin traut sich Scholl mal so etwas wie eine Meinung zu und ist damit schon sehr erfrischend. Immer noch erfrischender als Lodda, der auf die Frage zu welchen von drei genannten Vereinen der Spieler denn nun gehe, diese drei Vereine wiederholt und sagt „wir werden es sehen“. Ja ach ne.

Lustigerweise blitzt eine sehr gute Analyse kurz immer in den Vorberichten des ZDFs auf, wenn per Video mit kleinen Markierungen taktische Schwächen und Stärken der Teams gezeigt werden. Davon will man eigentlich viel viel mehr.

Und dann noch Nationen

Liebe Leser, wir sind doch kritisch, was die Organisation von Menschen in Nationen angeht. Und das reduziert sich bei weitem nicht auf die deutsche Nation. No Borders, No Nations ist eine sehr schöne Utopie. Nun sind Nationen in ihrer Organisationsform in ihrer Verwaltungsform wohl leider notwendiges Übel des real existierenden Menschen. Nationen bzw. zu welcher Nation denn nun gehört ist aber immer zufällig, es ist daher auch kein Verdienst oder etwas auf das man stolz sein könne, wenn man denn Italiener, Franzose oder was auch immer ist.

Nur leider sind Nationen nicht nur Organisationsformen, sondern Nationen spalten Menschen ohne Sinn und Verstand und alleine deswegen müsste der Mensch wohl doch mal über sie in ihrer jetzigen Gestaltung nachdenken, auch wenn dies natürlich ein sehr abstraktes und schwieriges Problem ist, was den Rahmen eines Fußballblogs weit überschreitet. Schon lange (niemals?) waren sie eine Solidaritätsgemeinschaft oder ein wirklich ernsthaftes Bindungsglied zwischen Menschen. Nun sind aber in der Realpolitik Menschen in Nationen organisiert und auch internationale Fußballwettbewerbe werden in Nationen (bzw. deren Fußballverbände) unterteilt. Politisch konsequent wäre es aus der oben genannten Liebe zu der Utopie Europameisterschaften und Weltmeisterschaften nicht zu verfolgen oder zu ignorieren. Aber liebe Leser: Wer ist schon so konsequent? Mal ganz davon ab, dass das Leben kein Spaß macht, wenn man nur konsequent ist.

Ja, auch wir sympathisieren mit einzelnen Nationalmannschaften. Man darf aber folgendes nicht vergessen: Wenn man als Deutscher den deutschen Nationalismus ablehnt, dann ist es absurd, wenn man mit einer anderen Nationalfahne rumläuft und einen anderen Nationalismus mitmacht. Auch das ist genauso Nationalismus und niemand muss glauben, dass es einen unverkrampften griechischen oder irischen Nationalismus wirklich gibt. Oder man macht eine negative Projektion auf Deutschland und ist immer gegen Deutschland. Und nutzt eben doch die Nation als Hebel und akzeptiert diese komische Einteilung. (Ganz bewusst ist hier nebenbei von den Ländern und nicht von den Verbänden die Rede). Und deswegen ist das Thema Nation und Nationalismus immer auch ein Fußballthema.

Und da sind wir bei der leidigen Diskussion, ob es eigentlich einen unverkrampften, positiven Patriotismus gibt, der sich von einem stumpfen Nationalismus absetzt. Ihr könnt euch vorstellen, dass wir das eher skeptisch sehen und verweisen hier mal auf einen bereits älteren Artikel der Süddeutschen, der sich gerade einer gewissen neuen Popularität erfreut.

Nur eines wissen wir ganz genau: Der immer wieder bei Europameisterschaften und Weltmeisterschaften aufkommende Nationalismus ist garantiert nicht unverkrampft und harmlos. Zum einen ist er vollkommen sinnentleert und hält sich an Symbolen und Oberflächlichkeiten auf. Sonst – und man verzeihe uns dieses Beispiel- wäre es wohl kaum verständlich, warum sich der Deutsche plötzlich derbe patriotisch fühlt, wenn er seine „Made in China“ Fahne an seinen Toyota pinnt. Zum anderen ist er dann nicht unverkrampft, wenn ständig irgendwelche Deppen in aller Öffentlichkeit die Hand zum Deutschen Gruße erheben können und niemand etwas dagegen tut. Auch der Nazi darf mitfeiern? Da ist sie wieder, der soziale Nährboden und die soziale Akzeptanz des Nazis, die so brandgefährlich ist.

Noch etwas lässt einen doch sehr stark zweifeln. Ein „wir“ braucht auch immer ein „ihr“ und gerade bei Nationalitäten, ihren Zufälligkeiten und auch ihren fehlenden Prägungen für Menschen wird dieses „ihr“ meistens in Klischees und Ressentiments gesucht. Nun mag das bei zwei weißen priviligierten Ländern wie Niederlande und Deutschland noch auf Augenhöhe passieren, aber schon bei einem Blick auf ganz Europa „der faule Südeuropäer“ (und natürlich noch sehr viel krasser bei einer Weltmeisterschaft) ist dies nicht mehr der Fall.

Wenn man all dies gesagt hat, dann muss man damit als emanzipierter, selbstkritisch denkender Mensch ein Problem haben. Ist es eigentlich gewagt, wenn man das ganze auf den Vereinsfußball abstrahiert? Auch dort wird gerne mit Klischees, mit Vorurteilen („Rostock alles Nazis“) und einem „wir“ gearbeitet, welches sich stark gegen „die“ abgrenzt und damit ausgrenzt. Es sind die gleichen Mechanismen, die dort greifen. Und der Unterschied ist wahrscheinlich nur, dass man sich seinen Fußballverein mehr oder minder aussuchen kann, seine Nationalität nicht.

Und zum Abschluss noch der Höhepunkt dieser EM, die irischen Fans bringen Tom Bartels zum schweigen, was sonst nicht mal Messi schafft.