Mai 232012
 

oder

Das nennt man präventiv

Schon wieder ein Derby verloren, ihr Rauten

Liebe Leser, es ist Sommerpause. Und in ein Sommerpause gehört ganz klassisch auch das Sommerloch. Und da es irgendwie langweilig ist groß über Neuzugänge zu spekulieren, die dann am Ende doch nach Ingolstadt gehen, dann muss man als Zeitung natürlich auch andere Themen haben. Und ganz zufällig gräbt die Hamburger Morgenpost gestern am 22.05.12 eine bereits eine Woche alte Antwort des Hamburger Senates auf eine Große Anfrage der SPD Fraktion aus und verkürzt das Ergebnis auf folgende Schlagzeile: „St. Pauli-Fans krimineller als Anhänger des HSV“. Das nennt man dann wohl Boulevard.

Nun ist der Zeitpunkt natürlich sehr zufällig und steht in gar keinem Zusammenhang damit, dass am Donnerstag Prof Dr. Feltes die Ergebnisse der Untersuchungskommission zum Schweinske Cup präsentieren wird. Und natürlich ist es auch nur der automatisierten Assoziierung der MoPo zu verdanken, dass natürlich in dem Bericht Schweinske Cup inklusive langer Bilderstrecke verlinkt sind. Alles reiner Zufall, damit man so ein Klima schafft, was einfach ein „hartes Durchgreifen“ gegen „Chaoten“ verlangt und wo „wahre Fans“ sich gegen die „Taliban der Fans“ (und wenn das bei Frau Maischberger so gesagt wird, dann muss das ja stimmen) mit ihren „faschistoiden Choreografien“ (Hurra, was wäre ein deutsches politisches Thema ohne ein Nazi Vergleich?) wenden.

Wir ersparen es euch, liebe Leser, diesen Artikel zu verlinken. Viel interessanter ist es doch mal sich die direkte Quelle anzusehen und ein bisschen zu analysieren. Und dann merkt man, dass die Hamburger Morgenpost – natürlich rein zufällig und nur dem Zeitdruck in der heutigen Medienlandschaft geschuldet – doch einige Fehler in der Analyse der Zahlen macht.

Vorbemerkung: Polizeiliche Verbrechensstatistiken sind mit äußerster Vorsicht zu genießen! Hier ordnen Nichtjuristen für statistische Zwecke Geschehnisse Straftaten zu. Das ist gröbst fehlerhaft. Auch heißt eine Beurteilung durch die Polizei noch lange nicht, dass die Staatsanwaltschaft oder Gericht der gleichen Meinung sind und auch eine entsprechende Straftat sehen. Hinzu kommt eine erhebliche Dunkelziffer, die wir später im Text noch verdeutlichen wollen.

Und noch etwas ist wichtig: Der Text soll uns nun garantiert nicht friedlicher als die Rauten hinstellen. Solche Vergleiche verbieten sich grundsätzlich und sie sind albern. Jede Straftat ist eine Straftat zuviel, wichtig ist aber die Kirche mal im Dorf zu lassen.

Nun aber zur Textanalyse. Was macht man mit so einer Statistik? Man überprüft ihre Datenbasis und man macht einen Fremdvergleich. Beides unterlässt die Morgenpost.

Überprüfung der Datenbasis

Man lese die Antwort auf die Frage 1 mal genau durch. Was fehlt da, liebe MoPo? Richtig, wer Täter war. Nirgendwo steht, dass „St. Pauli Fans“ oder auch Lokalrivalenfans die Täter waren. Es steht da nur „bei Heimspielen des einen oder des anderen Vereines“. Kurz: Wer von beiden Gruppen denn „krimineller“ ist, kann man zumindest so nicht aussagen. Dafür müsste man die Verdächtigen, die als Gästefan und oder als neutral gezählt werden herausrechnen. Und dabei darf man auch noch folgendes nicht vergessen: Solche Einordnungen durch die Polizei sind auch eher fehlerhaft. (Und häufig durch strukturelle Vorurteile geprägt) Oder um es ein bisschen plakativ an einem fiktivem Beispiel zu bringen: Nur weil ein Riotkid an einem Spieltag mit einem Totenkopfkapu in der Schanze eine Mülltonne anzündet, heißt das noch lange nicht, dass es a. Fan ist und b. das der Fanszene zuzurechnen ist.

Noch etwas muss man beachten: Wenn man davon ausgeht, dass das Hinspielderby aufgrund der Terminierung am Wochenende, des besseren Wetters und auch des ersten Aufeinandertreffens in zehn Jahren sehr viel turbulenter war als das Rückspielderby, dann verfälscht alleine das die Statistik für die Saison 2010/2011.

Und dies sind nur zwei Beispiele, die einem in einer kritischen aber oberflächlichen Analyse sofort auffallen müssen.

Noch etwas bringt die Schlagzeile der Hamburger Morgenpost sofort zu Fall. Wenn man mal davon ausgeht, dass sich bei unseren Heimspielen irgendwas um die 400.000 Zuschauer pro Saison tummeln, bei den Rauten so um die 800.000 und wenn man mal von der Gleichung Mehr Mensch = Mehr Straftat ausgeht (und die wird wahrscheinlich niemand wirklich anzweifeln), dann sind wir schon länger viel krimineller im Sinne der Hamburger Morgenpost. Was die Hamburger Morgenpost hier macht, ist schlichtweg statistischer Blödsinn, weil sie absolute Zahlen miteinander vergleicht ohne sie in Relation zu setzen. Daraus lässt sich auch ableiten, dass Hamburg viel krimineller ist als Lübeck. Was erstmal natürlich gar nicht stimmt, weil man hier Äpfel mit Birnen vergleicht.

Kurz: Um so „kriminiell“ wie wir zu werden, müssten die Rauten doppelt soviele Straftaten begehen bei ihren Heimspielen. Multikriminell? Vergesst Hansa, denkt an St. Pauli!

Externer Vergleich

Aber noch etwas unterlässt die Hamburger Morgenpost. Sie unterlässt einen externen Vergleich und spätestens dann kann man diesen Artikel wirklich als „No news“ wieder verschwinden lassen. Wie schrieb jemand so schön? „Auf jedem Dorffest ist mehr los.“ Und dem ist wahrscheinlich auch so.

Nehmen wir doch – mal wieder – das Oktoberfest als Vergleichsmaßstab. Wie immer, das hinkt etwas! Es hat aber besondere Merkmale, die mit Fußball übereinstimmen. Es gibt Alkohol, es gibt Menschenmassen und es gibt viele Jugendliche. Ein Fest, was auch 2011 von der Münchener Polizei als positiv, friedlich und mit einer verbesserten Sicherheitslage beschrieben wird. Beim Oktoberfest kam es laut dem Abschlussbericht zu 1422 Delikten auf ca. 6 Millionen Besucher. D.h. wenn man das auf 800.000 (Rauten) Besucher runterrechnet, dann wären das 184 Straftaten. Sprich mehr, als bei den Rauten. Würde es man es auf uns herunterrechnen, dann wäre man bei 92 Straftaten, sprich im Vergleich zu den beiden letzten Jahren etwas weniger. Nur noch einmal: friedlich, positiver Trend etc. Und jeder, der sich in der Bierzeltszene auskennt wird wissen, dass das Oktoberfest aufgrund seiner öffentlichen Beachtung und erheblicher polizeilicher Maßnahmen komplett harmlos ist.

Ketzerisch gesagt: Kriminalität (und damit auch Gewalt!) im Fußball ist ein nicht Thema. Sie ist weder auffällig noch ungewöhnlich, wenn man sie vergleicht. Und dies gilt umso mehr für beide Hamburger Vereine.

Und noch ein paar Schmankerl zuletzt

Wenn man sich dann die einzelnen Delikte anguckt, dann haben wir wohl einen Ruf verloren (Hallo Eintracht Frankfurt). Bei den Rauten wurden 23 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz registriert, bei uns gerade mal 4. Oh man, wenn uns das nicht als Choreo um die Ohren gehauen wird.

Thema Dunkelziffer: Da werden in drei Saisons bei beiden Vereinen gerade mal um die 40 Eigentumsdelikte (Raub und Diebstahl) in der Statistik erfasst. Das alleine mehr Schals ständig über den Zaun hängen, ist auch eine Sache, die man mal kritisch anmerken könnte.

Und die restlichen Fragen?

Kann man getrost überlesen.