Mai 042012
 

oder

Heimat, die verloren geht

Liebe Gegengerade,

die Fakten sind schnell benannt und auch, dass du der Nukleus für die Fankultur bist, die heutzutage den FCSP ausmacht, muss niemandem mehr erzählt werden. Nun ist dein Leben zu Ende und wir trauern.

Wie so üblich verdrängt man das bevorstehende Unheil ja immer bis zur letzten Minute und so ist es auch mit deinem Abschied. Aber nun kann man es nicht mehr verdrängen: Nur noch 90 Minuten Fußball sind dir gegönnt und insgesamt vielleicht vier Stunden wo Menschen dich genießen können. Wo soziale Bezugsgruppen sich nicht suchen müssen, sondern es eine Struktur gibt, die über Jahre, nein über Jahrzehnte gewachsen ist.

Wo man nicht weiß, wie der Zigarrenraucher rechts, eine Stufe vor einem heißt, man aber den Geruch seiner Zigarren schon in der zweigeteilten Bundesliga nach dem deutschen Zusammenschluss in der Nase hatte. Und er hat immer zwei Zigarren mit, eine für Halbzeit eins, eine für Halbzeit zwei. Was bei Pokalspielen ist, ob er dann eine Dritte für die Verlängerung mit hat? Wir werden es angesichts unseres Pokalglücks nie erfahren und damals in der Bokal-Saison haben wir nicht gefragt.

Oh natürlich ist das ganze auch verknöchert und überholt, aber Menschen wollen Konstanz, sicheres Wissen und Heimat. Da kann man noch so häufig „Hate your Heimat“ brüllen oder auf Shirts schreiben, es ist nun mal so. Sonst würden sich Menschen sich nicht in so etwas absurdes wie Nationen einteilen und abteilen. So weiß man von meiner (Norberts) Perspektive aus, dass der liebste Übersteigerredakteur fünf Stufen nach oben und vier Meter in die Mitte steht, dass Pat seine freakigen T-Shirts direkt daneben zur Show stellt, dass die Samba Area sich oben am Eingang befindet und der Übersteigerblogger seine zerbrochene Brille bei späten Toren über dem Ausgang sucht, der mit einer „2“ gekennzeichnet ist.

Eines der größten Missverständnisse nebenbei, weil viele Leute meinen, sie würden in Block 2 stehen. Aber so ist die Gegengerade nicht eingeteilt. Block 2 ist der Sitzplatzbereich.

Hinter einem steht die Frauen-Gang, die wahrscheinlich nicht mal zusammengehört, die aber so schöne Kommentare wie „Fass das nicht an“ (nachdem ein gegnerischer Spieler liegen geblieben war und Kruse ihm aufhelfen wollte) über die Jahre produziert haben. Vor einem steht der Bierholer und seine Mechaniker und neben einem steht Schwester und „Ich will jetzt kein Eckentraining“.

Kurz: Man kam und wusste „Hier gehöre ich hin, nirgendwo anders will ich jetzt sein“.

All diese Eindrücke wird man nun nur noch ein einziges Mal haben. Und man muss traurig drum sein. Die Emotionslosen werden sagen „es ist gut, dass die Bruchbude weg kommt“, aber an dieser Bruchbude hängen unzählige Erinnerungen. Erinnerungen, die eben mehr sind als ein Haufen Steine, ein bisschen Metal und Holz. Erinnerung an das Erwachsenwerden, an meine Mutter, an viele liebe Menschen, an Enttäuschungen und an große Fußballspiele.

Nun Ergebnisse herunterzurattern klingt nur hohl. Die reine Statistik lässt die Emotionen nicht wieder beleben. Die Emotionen, die bei einem entscheidenden Tor in der Nachspielzeit auf den Stufen waren. Die Emotionen, die ein 4-3 in der Verlängerung gegen Hertha erst möglich machten. Diese Steine haben so viele Millerntorspiele gesehen, so viele Momente durchlitten und durchfreut, wie niemand von uns.

Wenn das alles nun durch kalten Beton und perfekt ausgemessene Essensstände ersetzt wird, dann geht das Ursprüngliche, das Gewachsene, das Einzigartige, das Unperfekte, aber Geliebte und wird durch das Planvolle, das Moderne, das Kalte, das Perfekte, das Herzlose ersetzt. Die Sicht wird nicht mehr die Gleiche sein, ein blöder Zaun (Überstiegssicher) a la Südkurve wird kommen und die Stufen nicht mehr so sein, dass man zu Zweit drauf stehen kann. Aber modern und bequem wird es sein und wir werden bei Regen nicht mehr nass.

Und trotzdem ist es nicht das Gleiche oder besser. Es wird für uns alle ein schwerer Wandel. Es müssen sich neue Bezugsgruppen finden, es wird mit Krampf versucht werden Bezugsgruppen zu erhalten (Stift und Zettel sind für Sonntag eingepackt) und es wird sich trotzdem erstmal nicht gut anfühlen, nicht heimisch. Ob etwas Neues, Tolles, Lautes, Politisches, wieder Erwecktes entsteht, was wieder Heimat wird, werden wir sehen. Nur unser Herz, das wird immer die ausgetretenen Sandstufen und den schief stehenden Wellenbrecher im Rücken spüren.

Und dieses Herz ist traurig. Unendlich traurig.

Liebe Gegengerade, danke für unzählige Jahre stummen Dienst an uns. Mach es gut im Tribünenhimmel. Zusammen mit dem Bökelberg und anderen legendären Tribünen, die so etwas profanem wie dem Zeitgeist der „Moderne“ zum Opfer gefallen sind.

Lieber FC, schämt euch nebenbei, dass ihr mit den Sitzschalen noch ein Geschäft machen wollt (wie bei anderen Tribünen ja auch schon). Schämt euch, dass es kein Abmontagetag geben wird und schämt euch, dass ihr es nicht geschafft habt bisher zu verkünden, wie eigentlich die Kartensituation bei den ersten Spielen sein wird. Wenn man dann in der Welt liest, dass wahrscheinlich mindestens ein Spiel ohne Nutzung der GG stattfinden muss (und am Ende werden es dann mehr), dann können wir uns schon vorstellen, zu wessen Lasten das geht. Nur offiziell aussprechen will das anscheinend niemand, weil man wahrscheinlich Angst vor den Folgen (Proteste etc.) hat. Ja, wir wissen, was jetzt als Einwand kommt: „Wartet doch erstmal die offizielle Verkündung ab“. Nur ganz ehrlich: Das diese – mal wieder – viel zu spät erfolgt, genau dies ist doch der Grund, warum die Spekulationen ins Kraut schießen. Peinlich, lieber FC.