Apr 232012
 

oder

Der Niedergang des Journalismus am praktischen Beispiel

Vorwort

Liebe Leser, wir riefen doch gestern dazu auf uns einen Screenshot der Hamburger Morgenpost zu senden. Den haben wir zwischenzeitlich erhalten und auch bei den Kollegen von Publikative.org ist einer zu sehen. Vielen Dank für eure Hilfe.

Schnelligkeit vor Genauigkeit?

Die Hamburger Morgenpost hat den Fehler später halbtransparent berichtigt, trotzdem wirft das ganze doch Fragen auf und man muss sich auch fragen, ob das Wort Recherche nicht in die Liste der aussterbenden Worte aufgenommen werden sollte.

Wir stellen fest: Wir können nicht erkennen, ob die Polizei zuerst behauptet hat, dass das Jolly von St. Pauli Fans (oder Chaoten) angegriffen wurde oder ob dies eine Fehlleistung der Hamburger Morgenpost war. Wenn man der Korrekturmeldung der Hamburger Morgenpost glauben will, dann war es die Polizei. Aber was spannend ist:

Die Meldung „St. Paulifans bewerfen Jolly Roger mit Steinen“ wird ungeprüft und mit dem Artikelbeginn „Unfassbar“ (eine Vokabel, die auch in den späteren korrigierten Fassungen stehen bleibt) und einer großen Schlagzeile prominent auf die Internetseite gepackt. Als Quelle wird noch „laut Polizei“ vermerkt, aber keine Distanzierung, kein Wort, dass man es nicht prüfen kann. Und das wohlgemerkt bei einem Sachverhalt, bei dem JEDER eigentlich sofort stolpern müsste und sich fragen müsste: „Kann das sein?“

Nun wollen wir gar nicht irgendeinem Polizeipressesprecher die Schuld zuschieben, der soll da auch in Echtzeit eine Meldung aus den – garantiert nicht klaren – Durchsagen seiner Einsatzkräfte zusammenzimmern. Man muss sich aber fragen, warum solche Updates innerhalb von Sekunden geschrieben und veröffentlicht werden, ohne dass dies hinterfragt und einer skeptischen Überprüfung durchzogen wird. Gibt es denn wirklich soviel mehr Klicks, wenn man anstatt um 16:01Uhr die Meldung um 15:55Uhr raushaut? Und wofür brauche ich noch bezahlte Journalisten, wenn selbst die absurdeste Mitteilung der Polizei auf die Internetseite wandert?

Und nun macht doch mal einen Abstraktionsschritt: Wenn selbst so unwahrscheinliche Polizeimeldungen ohne auch nur die kleinste kritische Überprüfung in das Blatt genommen werden, wie glaubt ihr wird mit „normalen“ Polizeimeldungen umgegangen?

Und warum bitte glauben immer noch breite Teile von auch aufgeklärten St. Paulifans, was in der Zeitung steht? Und warum glauben sie uns und anderen Bloggern eigentlich nicht?

Oh ja, wir sind Partei in diesem Konflikt und natürlich ist in jedem Konflikt die Wahrheit das erste Opfer, aber wenn, dann sollte das doch auch für Polizeimeldungen gelten, selbst wenn sie auf Zeitungspapier gedruckt werden.

Zuguterletzt noch zwei Klarstellungen für den Bericht von gestern: 1. Das Jolly hat sich natürlich nicht zu den konkreten Vorgängen von gestern geäußert, hat aber schon vor Jahren klar gemacht, dass es nicht Fluchtpunkt für Leute ist, die Scheiße gebaut haben. 2. Mit dem Vorsitzenden der besten Abteilung ist nicht der AFM-Vorsitzende gemeint.

Und dann erreicht uns noch folgende Story, die wir für glaubwürdig erachten: Eine große Gruppe der diesmal in der Süd stehenden soll zwei Damen, die auf den Zaun geklettert waren mit „Ausziehen“ Rufen bedacht haben. Wenn das auch nur annähernd der Wahrheit entspricht: Fickt euch, ihr Rufer. Kontrolle mal nicht da, und schon denkt ihr, ihr könnt mal wieder euer wahres Gesicht zeigen? Geht einfach, geht sonst wohin, aber bitte nicht mehr in unser Stadion.