Dez 212011
 

oder

Klamottenwechseln ist ein Verbrechen

Vorwort

Es ist alles gesagt, nur nicht von mir. Das kann man wohl so sagen, aber „Von Morgen bis Abend hat sich das total durch Berichterstattung und Hexenjagd total verschoben“ (Zitat von einer Userin auf der Übersteigerfacebookseite). Daher noch ein paar Worte in viele Richtungen. Was mich dabei richtig ärgert: Durch diese Mischung von Hexenjagd, kreuzigt ihn und Blödsinn des Vereines kommen wir mal wieder ab vom eigentlichen Thema, nämlich von der Frage, wie wir Würfe, treffende Würfe und Geldstrafen sinnvoll verhindern können.

Lieber Verein…

„Auf St. Pauli regeln wir das unter uns.“ Für eine Werbekampagne ein toller Spruch, nech? Aber wenn man mal etwas wirklich „unter uns“ sinnvoll regeln könnte, dann macht ihr euch zum Hilfsheriff der Polizei. Und die gehört auf St. Pauli nun mal nicht zu „uns“. (Eine philosophische Diskussion ob die Davidwache und ihre Beamte nicht irgendwie doch zu dem Kiez gehören, erspare ich mir hier jetzt mal.) Denn alle Formulierungen in eurer misslungenen Pressemitteilung von gestern, lesen sich wie die eines Hilfssheriff. Immerhin habt ihr darauf verzichtet, noch Zeugen aufzurufen sich bei der Polizei zu melden. Das wäre dann noch der Sahnetopf gewesen.

Oh ja, ich würde es auch sehr begrüßen, wenn der Täter sich bei EUCH meldet. Ich würde das menschlich groß finden. Juristisch würde ich ihm dazu nicht raten. Warum? Das merkt lest ihr jetzt. Denn ganz ehrlich: Wo ist eure Gegenleistung? Wie stellt er sich besser, wenn er sich stellt? In eurer Pressemitteilung steht was von „Eine Selbstanzeige könnte zur Strafmilderung führen.“ Also für einen Strafprozess ist das so einfach nicht richtig, denn da ist ein Geständnis, egal zu welchem Zeitpunkt es abgegeben wird, strafmildernd zu werten. Daher: In welchem Verfahren? Eures beim DFB? Darf ich das bezweifeln? Der DFB in seiner Strafrechtsprechung stellt auf das Verhalten der Vereine ab, nicht auf das Verhalten der einzelnen Täter. Das ist aus seiner Sicht nebenbei nur folgerichtig. Und nur deswegen müssen wir alle jetzt mit einem Geisterspiel rechnen. Das die Strafordnung des DFB mit ihren nicht vorhersehbaren Strafen ansonsten alle rechtsstaatlichen Maßstäbe außer Acht lässt, lasse ich jetzt hier mal unbehandelt. Liebe Leser, ihr könnt ja mal versuchen rauszufinden, welches Strafmaß für eine Bengalowurfshow a la Rostock in Frankfurt droht und welche für eine einzelne Kassenrolle gegen Frankfurt. In der Strafordnung werdet ihr dazu nix finden, da werdet ihr nur zweimal den gleichen Strafrahmen euch zusammen basteln können. Das wäre so, als ob unser Strafgesetzbuch die einzelnen Strafen definieren würde und dann einen § 3XXa hätte in dem steht: „Für alle in diesem Gesetzbuch definierten Straftatbestände kann der Täter mit einer Geldstrafe bis zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe bestraft werden.“ Das eine solche Gesetzgebungstechnik verfassungsrechtlich nicht haltbar wäre, leuchtet wohl jedem ein. Und alleine deswegen muss man „er weiß ja was ihn erwartet“ wieder streichen. Und da habe ich noch gar nicht mich über Vorsatz, Fahrlässigkeit und billigend in Kauf nehmen ausgelassen. Könnte ich auch noch, aber dann fallt ihr alle tot um.

Nebenbei lieber Verein: Das Geisterspiel, was nun folgt ist die Steilvorlage für den Gang vor ein ordentliches Gericht und ein endliches Kippen dieser blödsinnigen Strafordnung. Und wenn ihr dazu nicht die Eier habt (warum hat sie nebenbei die Spielvereinigung Bayern Hof?), dann fangt wenigstens mal an auf dem Bundesparteitag (oder wie der heißt) per Antrag eine Strafordnung einzuklagen, die rechtsstaatlichen Grundsätzen stand hält. Ich würde es begrüßen.

Oder wo wollt ihr mildern? Ein halbes Jahr statt zwei Jahre Stadionverbot? Löblich, finde ich in Ordnung. Nur seien wir ehrlich: Was sind drei Jahre Stadionverbot gegen 500.000 Euro aus dem Geisterspiel? Was wäre lebenslanges Stadionverbot dagegen? Findet ihr es angemessen für eine Dummheit ein Leben zu ruinieren? Auf diese Frage bekommen wir ja seit dem Schalke Spiel keine Antwort. Wie wäre es mit folgendem Satz in der Pressemitteilung: „Der FC St. Pauli sichert bei einem Geständnis zu, gegen den Täter nicht zivilrechtlich vorzugehen, sondern es bei einer seinen persönlichen Verhältnissen angemessenen Strafe zu belassen.“ Jaja, ich weiß was jetzt kommt „der weiß doch vorher, was ihn erwartet“ Ja und? Nur deswegen ist jede Strafe angemessen? Deswegen darf man für einen Becherwurf ein Leben zerstören? Das ist ein Rechtsverständnis, was mir einfach nicht in den Kopf gehen will. Dann sind auch Peitschenhiebe für Autofahren in Ordnung, weil man (äh frau) es vorher weiß? Ich hasse diese Gesetzeshörigkeit und dieses „Das ist aber verboten…“ Was ist das denn für eine Geisteshaltung? Den Gesetzgeber kritisch zu hinterfragen MUSS die Aufgabe eines jeden Bürgers sein, sonst funktioniert schon alleine Demokratie nicht. Das wäre groß lieber Verein und dann können wir das sinnvoll regeln und dann kann man den Täter nur ermutigen sich zu stellen. Und wir könnten uns mit der Frage beschäftigen, wie wir Würfe absolut verhindern. Bevor sie geschehen. Aber die Eier habt ihr anscheinend nicht.

Lieber Verein, zeige dich „non established“ und zwar jetzt. Und nicht irgendwann im Nachgang.

Also lieber Verein, was tut ihr? Würdet ihr einen geständigen Täter der Strafe des Medienprangers aussetzen? Oder würdet ihr der Bild und MoPo mal erklären, dass Besuche zu Hause und auf Arbeitsstelle unerwünscht sind und man Akkreditierungen auch diesen Medien mal dauerhaft entziehen kann? Habt ihr die Eier? Würdet ihr eurem Sportchef erklären, dass nicht jeder, der Scheiße gebaut hat ein „Irrer“ ist? Würdet ihr ihm sowieso mal erklären, dass er zu Fanverhalten sein Maul zu halten hat? Wie würde er bitte steil gehen, wenn Sven Brux (sorry Sven, aber mir fiel gerade niemand besseres ein) sich zu Transferpraktiken in den Zeitungen äußern würde? Ja, seid ihr da mal unbequem? Mal „non established“? Oder ist das genauso wie das „unter uns“ regeln nur eine Werbefarce?

Oh nein, lieber Verein, ich will auch, dass der Täter BESTRAFT wird. Aber ANGEMESSEN. Ich zitiere jetzt mal den Übersteiger: „Zweimal die Gegengerade mit der Zahnbürste schubben und Sven ein Jahr lang den Köder bezahlen und gut is’.“ (Das „r“ fehlt auch im Original und ich wollte den Tippfehler nicht korrigieren.) Ich pack jetzt selbst noch einen drauf: Ich finde selbst einen riesigen Blumenstrauß für Schwegler und ein Stadionverbot für eine halbe Saison zusätzlich und das putzen der Gegengerade UND Südkurve inklusive Toiletten (und das ist eine Strafe) absolut für angemessen. Und selbst ein eventuelles Strafverfahren ist für mich okay (fahrlässige Körperverletzung? Da kommt nix bei rum). Nur Lebenszerstörung durch Weiterreichung von Strafen und durch Hexenjagd des Boulevards, halte ich nicht für angemessen. Und da lieber FC, da müsst ihr von euch aus mal aktiv werden. Ja, das ist Täterschutz. Das es einen solchen gibt unterscheidet eine humane Gesellschaft von einem Willkürstaat, falls das jemand noch nicht begriffen hat. Mich kotzt sowieso an, dass in Deutschland immer mehr eine Diktatur der Anständigen kommt, die alles Randständige, alles nicht Normkonforme absolut diskrediert und für immer ausschließen will. Das fängt mit „sogenannten Fans“ an und hört irgendwo auf, was ich mir jetzt

Noch ein Wort zu dem Klamottenwechselabsatz: Wie kann man so etwas von der Polizei übernehmen? Oder woher habt ihr so etwas? Wie wollt IHR denn die Danebenstehenden bestrafen? Jetzt mal angenommen, das war volle Absicht? Das dies die Polizei in ihrer Denke als Verfolgungsbehörde annimmt, ist klar. (Hmm, irgendwo ganz woanders habe ich dieses Argument letztens gelesen 😉 (Achtung Insider)). Welche Strafe ist eures Erachtens denn angemessen? Und was bringt euch die Ermittlung dieser „Täter“? Fragen, die es zu beantworten gilt, die ihr beantworten müsst und die uns – leider – von dem eigentlichen Thema ablenken. Erst denken, dann handeln gilt eben nicht nur für Fans, sondern auch für Verein(soffizielle).

Und jetzt ändere ich den Adressaten:

Lieber Du…

… du meinst, dass der Täter sich stellen soll? Du findest es ungeheuerlich, dass Leute ihn decken? Dies vielleicht auch noch absichtlich? Nun frage ich dich, wie würdest du reagieren, wenn der Täter nicht irgendwer wäre, sondern dein Freund? Ihr geht seit 20 Jahren zusammen zum Fußball, ihr wart zusammen in Rostock, ihr habt Dresden erlebt und (zarte Übertreibung) überlebt?. Und nun baut er Scheiße. So richtig. Du weißt, dass es Scheiße ist. Sofort als die Kassenrolle die Hand verlässt, weißt du, dass dein Freund gerade im Inbegriff ist, den größten Bockmist seines Lebens zu machen. Und nun frage ich dich: Wie reagierst du? Gehst du zu den Ordnern und brüllst „ich kenn ihn, sie war, sie war *räusperundstimmeverstell* er wars, er wars…“? Würdest du ihm nach dem oben gesagten raten sich im Stadion zu stellen? Oder würdest du genauso reagieren, wie in meinem Beispiel (was jetzt nicht zwingend der tatsächliche Hergang ist) die Umstehenden? So und nun könnt ihr ganzen Moralapostel über die Umstehenden urteilen. Nein, es geht hier nicht um eine Strafbarkeit, sondern um die moralische Wertung. Und wenn ich dann lese, dass einige auch für diese am besten lebenslanges Stadionverbot fordern, dann frage ich mich bei einigen, was sie für Freunde haben.

ach ja Lebenslang

Mal ganz davon ab, dass eine lebenslange Strafe in Deutschland (nebenbei zu Recht) verfassungsrechtlich ausgeschlossen ist: Wenn so jemand lebenslanges Stadionverbot bekommen soll, was soll dann der Clipschütze von Rostock, der Platzstürmer von Nürnberg oder der Hooligan von Dresden bekommen? Was ist dann noch angemessen? Öffentliche Erschießung? Ausstellung im Mittelkreis? Vorschläge werden angenommen.

Und was kostet eigentlich Gehirn einschalten?

Ich wollte ja eigentlich noch ein worst off der dümmsten Beiträge in Foren und sozialen Netzwerken veröffentlichen, aber dazu habe ich leider nicht die Zeit. Da wird Absicht unterstellt und sich als Ermittler versucht, da wird viel mehr gefordert, als oben schon erwähnt. Es ist zum kotzen, dass AUCH bei St. Pauli Law and Order und populistisches Gepöbel anscheinend die Mehrheit hat. Soviel zum aufklärerischen, linken und anderen Verein.

Dez 212011
 

Die sogenannten sozialen Netzwerke sind ein Übel unserer Zeit und ich werde mit ihnen nicht warm. Trotzdem hat dieser Blog mal getwittert (und es wieder aufgegeben) und hat eine Facebookfanseite. Das meiste was dort passiert hat noch weniger Relevanz als dieser Blog an sich. Aber ab und zu laufen Menschen da draußen zu Hochform auf und hauen einen raus. Und den von heute morgen möchte ich den Nicht-Facebooklesern (also der SPM  ;-)) nicht vorenthalten, sondern als fröhlichen Start in den Morgen auch hier verbreiten: