Nov 042011
 

oder

Es bleibt trotzdem falsch

Vorwort

Liebe Leser, es ist mal wieder so weit. Die Gewaltdiskussion und die angeblich ausufernde Gewalt der angeblichen Fans wird mit angeblichen Maßnahmen bekämpft. Was wird kommen? Die Abschaffung der Stehplätze steht wahrscheinlich ganz oben auf der Liste der Vereine. Nur vordergründig aus Sicherheitsbedenken, ist doch der angenehme Nebeneffekt, dass man endlich diese doofen Plätze, die man höchstens für 20 Euro verkaufen kann und die das Preisniveau nach unten begrenzen, los ist. Das ein Sitzplatz erstmal nicht sicherer ist, als ein Stehplatz, sieht man daran, dass es auch im Europapokal ständig kracht und auch Hertha sich in die Liste der Vereine mit einer medienwirksame Randale stellt. Und das Olympiastadion hat nun nicht wirklich Stehplätze. Klar, ich kann damit Randale IM Stadion verhindern, indem ich so unglaublich wahnsinnige Preise wie in England nehme, denn dann kommt kein problematischer Jugendlicher mehr, kein Mensch mehr, der mit Gewalt sozialisiert ist. Ob man das erstrebenswert findet, steht auf einem anderen Blatt. Und das Fußballgewalt in England wirklich tot ist, kann man auch nicht behaupten, sie hat sich nur in die Straßen verlagert und weg von den Stadien.

Und man muss schwatz-gelb erstmal Recht geben: Gewalt ist im Fußball eingebaut. Und zwar nicht, weil Fußball nun besonders gewalttätig ist. Das behauptet zwar Jahr für Jahr die ZIS, aber wenn man sich diese Statistik mal nicht im luftleeren Raum anguckt, dann ist die Gewalt auf Dorffesten nicht anders. Ich verweise auf den entsprechenden Bericht auf dieser Seite und der gilt ebenso für den diesjährigen ZIS Bericht. Daher muss sich der Fußball die Frage auch anders stellen. Es geht nicht darum, wie Gewalt im Fußball verhindert werden kann, nein es geht darum, wie der Fußball verhindert, dass genau er die Spielwiese wird, wo die Gewalt der Gesellschaft ausgelebt wird und wie man verhindern kann, dass die gewalttätige Gesellschaft auf den Fußball zeigt um von ihren Versäumnissen abzulenken. Und ob ein Polizeistaat ohne Rechte für Fans da das richtige Mittel ist, wage ich mal ganz stark zu bezweifeln.

Hippies des Ostens

Kommen wir aber zu Dynamo. Fakt ist, dass Dresden ein sehr problematisches Publikum hat. Nein, es geht mir nicht um das ständige Gezündel. Das bauschen die Medien gerade auf und so sehr das gefährlich ist, so sehr gefährden sich die zündelnden Gruppen erstmal selbst. Das musste Nürnberg auf schmerzhafte Weise lernen und das werden wohl auch noch andere lernen.

Worum es mir geht ist die ständige körperliche Gewalt gegen Fans, Ultras was auch immer von anderen Mannschaften. Ein kurzes Stöbern in den Bildergalerien zeigt, dass u.a. bei jedem Spiel stolz Schals der gegnerischen Mannschaft präsentiert werden. Und wie die in die Hände der Präsentatoren gelangen, muss ich wohl nicht erklären. So etwas heißt im Juristendeutsch entweder Diebstahl oder meistens Raub oder räuberische Erpressung. Und ist damit keine Allerweltsstraftat mehr, sondern schlichtweg eine mittelschwere bis schwere Straftat mit auch entsprechenden Folgen für das Opfer. Man komme mir jetzt bitte nicht mit „Ultrakultur und das gehört dazu untereinander.“ Nicht nur, dass ein „Kultur“, die auf Recht des Stärkeren und Brutalerem basiert, ja wohl so gar nicht erstrebenswert ist, nein, wenn ich dann sehe, was für Schals und Fahnen präsentiert werden, dann wird da nicht nur „den Wessi Ultras“ auf’s Maul gehauen, sondern jedem noch so normalen Fan. Sprich: Da hängen Fanshopfahnen neben Fanshopschals. Nicht gerade etwas, was ein Ultra mitführt. Und damit wird die eigene „Kultur“ verlassen. Und wenn man dann liest, dass „Herzen und Fäuste immer für Dynamo schlagen werden“, dann muss man an einem nicht zweifeln:

Dresden hat ein Gewaltproblem. Dazu kommen noch rechtsradikale Gesänge einiger Fans (das Thema blende ich ab jetzt mal ein bisschen aus, soll es absolut nicht verharmlosen!) und eine viel zu tief sitzende Gleichgültigkeit anderer. Die dann aufhört, wenn eine Gruppe mal das Hirn einschalten will, das sind dann die Nestbeschmutzer. Vielleicht müsste Dynamo erstmal lernen, dass man einem KSC Fan eben nicht den Schal wegboxt, sondern ihm einfach mal ein Bier ausgibt, ihm ein gutes Spiel wünscht und das Spiel dann ganz entspannt gewinnt. Macht auch weniger Stress. Aber natürlich auch weniger Adrenalin und gerade die Junkies dieses Stoffes gibt es leider bei jedem Verein.

Kurz und gut: Dynamo ist mir so etwas von unsympathisch, wie mir eine Fangruppe nur unsympathisch sein kann. Wird denen mit uns wahrscheinlich nicht anders gehen, ist ja auch egal.

Und dies ist auch kein neues Phänomen und man muss dem Verein „das sind keine Fans“ und insbesondere dem Land Sachsen „wir finanzieren keine Fanprojekte“ hier Versäumnisse vielfältiger Art vorwerfen. Und das über Jahrzehnte. Zwar hat Dynamo nun ein Fanprojekt, aber wer weiß, dass Fanprojektarbeit Generationsarbeit ist, der weiß auch, wie lange so etwas dauert. Auch dies muss man deutlich sagen.

Und nun kommen wir zu der aktuellen Pressemitteilung von Dynamo Dresden, die nun anscheinend alles nachholen wollen, was sie über Jahrzehnte versäumt haben. Positiv und absolut richtig ist: Eine verstärkte Fanbetreuung. Ziel muss es einfach sein einen Selbstreflektionsprozess in Gang zu setzen.

Und so bekloppt das klingt, ich finde es falsch auf Tickets zu verzichten oder sie aus dem DFB Pokal auszuschließen. Warum?

Erstmal schafft man genau das nicht, was man will, nämlich eine differenzierte Selbstbetrachtung und eine Reflektion. Man gibt den Kräften, die sich als Opfer stilisieren wollen, die sich von „denen da draußen; der Polizei; der DFL; dem DFB“ mies behandelt fühlen, wieder jeden Grund den äußeren Feind hochzukochen und so den inneren Zusammenhalt zu stärken. Das ist ein Klassiker aus der Massenpsychologie und insofern mehr als Blind, dass dies eigentlich nie irgendjemand bedenkt. Differenzierte, individualisierte Strafen und auch Vorteile sind da viel besser.

Hinzu kommt: Ja, das Spiel zwischen uns und Dresden, da findet man 1.000 Gründe, warum dies ein Hochrisikospiel ist. Da ist die politische Dimension, da ist Ost/West, da ist das Gewaltpotential. Nur man bedenke mal, was beim letzten Spiel passiert ist. Außer einer oralen Körperverletzung (Video ab 1:37) ist nicht viel passiert. Nach dem Spiel gab es Trubel mit Hamburgern (ungleich St. Pauli)), was auch seine Berechtigung hatte, aber zwischen Dynamo und St. Pauli ist trotz der Brisanz (an diesem Tag ging es für beide um Aufstieg bzw. Aufstiegschancen) nicht viel passiert. Und gerade dieses zum großen Teil positive Beispiel hätte man vor dem erneuten Aufeinandertreffen allen Dresdenern vor Augen führen können und müssen. Und der Verein hätte dringend eine Wiederholung gebraucht. Und diese Chance nimmt er sich jetzt selbst. Und nein, ich will nicht verharmlosen, was für finstere Gestalten auch an diesem Tag mit Dynamo unterwegs waren.

Ich meine auch damals hat Dynamo die Tickets nur sehr restriktiv abgegeben und ich denke, dass so etwas auch diesmal möglich gewesen wäre. Ja, Personalisierung, Abgabe nur an bestimmte Gruppen von Menschen (Vereinsmitglieder etc.), Kontrollen und andere Restriktionen sind unschön und garantiert nicht begrüßenswert. Aber besser als ein kompletter Ausschluß oder Verzicht sind sie allemal. Und gerade bei 2.000 Karten (oder einem leicht reduzierten Kontingent) wäre eine auch interne Kontrolle sehr viel besser möglich gewesen, als wenn man 10.000 Leute in Dortmund hat.

Oder man wäre von Dynamoseite auf die Idee gekommen, die nun Olespapa äußert. Schickt uns die Jugendmannschaften und die U16 (U18?) des Fanprojektes. Macht in Hamburg eine entsprechende Begegnung mit unseren Jugendlichen und versuche wenigstens die nächste Generation zu ändern. Das wäre ziemlich cool gewesen. Schade, dass Dresden diese Idee nicht gehabt hat. Und das obwohl ich „SG DÜNAMMMMO“ aus 1.000 Kinderkehlen als brutalste Körperverletzung ansehe.

Gleiches gilt nebenbei für den Pokalausschluss. Ich würde hier eine andere Strafe für viel sinnvoller halten: Lass Dynamo spielen. Mit klaren Restriktionen, wer die begleiten darf. Und als Strafe müssen die alle Einnahmen in gewaltpräventive Projekte fließen lassen. Würde ich gut finden.

Und noch etwas sei deutlich gesagt: Der Ausschluß der Dresdener sorgt ja nicht für einen entspannten Tag für uns. Die Mutanten werden sowieso kommen und im Viertel rumrennen. Die Polizei wird also ebenso wie damals gegen Rostock ein Großaufgebot stellen müssen und wahrscheinlich bekommen wir trotzdem ein Alkverbot. Und mehr Ordner, Kontrollen etc. brauchen wir auch um zu verhindern, dass Dresdener einsickern. Nein, das ist erstmal nicht schlimm, denn viele Dresdener wissen sich zu benehmen, aber das sieht man nicht immer jemandem an. Und in einem gemischten Block ist eben die Kontrolle, auch die Selbstkontrolle viel geringer, als in einem Auswärtsblock.

Man kann nur hoffen, dass die zarten Pflänzchen der anders denkenden sich langsam bei Dynamo durchsetzen. Und das weder der innere, noch der äußere Trampel es zertritt. Braun-weiß und schwarz-gelb müssen sich nicht mögen und werden es vielleicht auch nie, das ist nicht das Thema. Ich drücke Dynamo und dem besagten Pflänzchen alle Daumen.