Okt 272011
 

oder

Chance yourself

Prolog

Da lese ich doch diesen Epilog des Kollegen Lichterkarussells. Und dabei bin ich kein Freund von politischen Diskussionen im WWW. Warum nicht? Ganz einfach, es gibt mir da viel zu viele Weltverbesserer, die anscheinend die Weisheit mit Löffeln gefressen haben, Adorno, Lenin und Habermas oder wen auch immer auswendig kennen, sich auch noch in Banken und Weltfinanz auskennen, Geschäfte mit Finanzhebeln erklären können und sagen können, wie die Welt funktioniert und haben für alles eine Lösung. Ich halte nix von solchen Omnigelehrten. Die Welt ist zu kompliziert, als dass man sich alles wirklich aneignen kann. Und seien wir ehrlich: Viele dieser Omigelehrten sind einfach nur eines: Scharlatane. Gerade, wenn die Lösung ist „Das System ist schuld“. Und so kann ich auch nicht behaupten, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Auch ich kann nicht die Weltlösung anbieten, die sofort kickt. Aber vielleicht kann man sich immer wieder Gedanken machen und dies will auch ich.

Und da kommt der geschätzte Kollege und haut so ein Ding raus. Da kann man auch draus lesen: Das System ist schuld?

Klar, dass ist ja auch die einfachste Logik der Welt. Und dazu so unglaublich bequem. Und jeder schreit sofort „Genau“ und so kann man die Occupy Bewegung abfeiern, ohne wirklich jemandem weh zu tun. Denn „dass die Banken, Spekulanten, Börsenhaie und die Globalisierung“ Schuld sind, dass ist doch jedem klar, oder?

Bevor ihr mich jetzt falsch versteht. Das wird jetzt keine Kritik an meinem geschätztem Kollegen, denn auch er geht ja weiter und stellt fest, dass gerade die „Systemschuld“ Brüller doch ebenso im System funktionieren und das System lautstark mittragen, seien sie noch so nonkonform. Jeder ist Teil des Systems? Und das ist schuld? Klingt auch schon bequem. Blame it on the System und schon hast du keinen Verantwortlichen.

Greift für mich viel zu kurz. Daher werde ich jetzt mal ketzerisch:

Nur was mir bei jeder „Das System ist schuld“ Kritik fehlt? Die Vision, die Utopie eines gerechten Systems. Nein, dies entwirft eigentlich niemand wirklich. Wahrscheinlich weil es dann weh tun würde. Und auch angreifbar werden würde, denn selber machen ist schwieriger, als einfach nur kritisieren. Es fehlt aber auch der Vordenker, der Massen begeistern kann und Massen für eine Utopie gewinnen kann (boa, das ist natürlich ein gefährlicher Ansatz, klar). Kuddel Marx hatte so eine Utopie, die ist dann von Menschen durchgenudelt worden und zu einem Unterdrückungsmechanismus geworden. Und ich behaupte noch etwas: Kuddel Marx Utopie ist überholt. Sie geht von den Voraussetzungen des 19. Jahrhunderts aus, nicht von frei sich bewegendem Kapital, welches zu einer eigenen Schlange geworden ist. Besitzergeführte Unternehmen sind nicht gerade zur Zeit auf der Liste der Bösen sehr oben. Aber eine ähnliche Utopie, die bräuchte man. Oder auch nicht?

Oder ist die Zeit der Utopie und der Visionen (geht zum Arzt) vorbei?

Ich werde jetzt mal ketzerisch: Freie Lebensentfaltung, wahre Demokratie und Entscheidungen im Konsens sind Ideen, mit der sich viele in der Linken anfreunden können. Stichworte wie Basisdemokratie, Plenum, selbstbestimmtes Leben, sind Utopien, die teilweise selbst im Kleinen gelebt werden. Aber kann ich das auf eine gesamte Gesellschaft ausbreiten? Da habe ich jedoch einen sehr schnellen Zielkonflikt. Konsens? Wird schwer herzustellen sein. Mehrheit? Also „Demokratie“? In dieser geht es mit der Mehrheit bei gleichem Schutz der Minderheit. Und zur Zeit sehe ich die Mehrheit eher bei der Utopie des Steve Jobs, als bei der Utopie einer gerechten Gesellschaft. Zumindest stellen sich für Letzteres selten Leute bei Eiseskälte an und zahlen dann auch noch 300 Dollar oder so dafür. Und das auch die Nonkonformisten.

Ketzerisch könnte man sagen: Ändere dich und du änderst das System. Stehe für Gerechtigkeit und nicht für das neuste in China unter menschenunwürdigen Zuständen produzierte Gadget an. Wer ist dafür bereit? Sozusagen auf sein Iphone und sein Ipad zu verzichten?

Ja, ich sehe ihn schon. Den Vorwurf des „kein richtiges Leben im falschen.“ Mag so sein, aber für mich ist das eine sehr bequeme Lösung, weiterhin zu nörgeln, nix zu tun und dies in die Welt hinauszuposaunen. Definiere doch einer erstmal das „richtige Leben“. Als Selbstversorger mit einer ausgeglichenen Ökobilanz? Als Eremit? „Geh mir aus der Sonne“. Schöne Idee, aber wer von euch ist dazu bereit? Oder bin ich zu radikal? Welcher Ausweg gibt es dann noch, wenn das Leben an sich doch schon falsch ist? „Die Pest“ lesen und dann die für einen selbst geeignete Form des Selbstmordes nutzen? Nicht wirklich gut, oder? Daher weg damit. Es gibt kein richtiges Leben? Vollkommen richtig. Aber es gibt ein besseres Leben, ein Leben was in die richtige Richtung geht. Und dann ändert dies auch das falsche Leben. Weg von schwarz/weiß, hin zu bunt.

Vielleicht ist das die Utopie. Weg von Verschlagwortung und ihrer verschlagwortartigen Behandlung. Ich verschlagworte mal mit:

Globalisierung: Ich wundere mich immer, warum die Linke das so als Schimpfwort ausgegeben hat. Haben wir nicht noch vor 20 Jahren „Hoch die internationale Solidarität“ gebrüllt? Ist es nicht einfach lächerlich, wenn man „Globalisierung“ als Schlagwort benutzt, dieses Schlagwort wie einen Teufel ablehnt (sorry für den religiösen Vergleich), dann aber mit seinem Attac Genossen in Seattle über’s Internet chattet und per Billigflieger nach Rom zum Kongress/Demo (Fußballspiel ;-)) jettet und sich freut in Europa seinen Pass nicht vorzeigen zu müssen? Das ist klassische Globalisierung und ich denke niemand will das missen. Und da habe ich noch gar nicht gesagt, dass man die Attac Demo mit seinem neuen Smartfone aus Asien aufnimmt und ins Internet stellt.

Wer ist schon so konsequent sich in seinem Konsumverhalten, seinem Sozialverhalten auch nur ansatzweise der Globalisierung zu entziehen? Kann man mal drüber nachdenken, während man im Internet surft und seine südafrikanischen Äpfel, sein argentinisches Steak mampft. Oder sich daran gewöhnt hat, dass jedes Obst und Gemüse jederzeit verfügbar ist.

Klar, ich sehe sie schon springen, die Allwissenden aus einer anderen Ecke „Das ist nationalistisch.“ Klar sieht so aus. Deswegen kann man ja auch alle Überlegungen wieder kritisieren und sich in einer Kritik der Kritik verlieren und einen Überbietungswettbewerb der politcal correctness starten. Und zusätzlich deswegen ist das Schlagwort Globalisierung und seine pauschale Ablehnung so gefährlich.

Denn häufig ist Globalisierungsablehnung eher etwas anderes: Ein äusserst konservativer Abwehrkampf der Besitzenden. Das hat mit „links“ und „solidarisch“ sehr wenig zu tun. Boa, geil, ich kritisiere auch die Kritik. 🙂

Globalisierung kann nämlich auch Wandel bedeuten. Wandel durch Instrumente wie das Internet, Verschiebung von Wohlstand durch Handel und Handelsmöglichkeiten. Fair Trade z.B. ist hier ein Beispiel (was dann wieder kritisiert werden kann). Klar, ist ein brutal kapitalistischer Ansatz.

Noch ein Beispiel?

Banken: Was ist der Überfall einer Bank gegen die Gründung einer Bank? Klar, eine Kleinigkeit. Off Topic, wer heutzutage noch eine Bank ausraubt, der hat noch nie was von Umsatzsteuerbetrug gehört. Bankraub? Eigentlich immer 3 Jahre Minimum. Und das bei Summen von 5.000 bis 20.000, die man so erbeuten kann. Um eine ähnliche Strafe für Umsatzsteuerbetrug zu bekommen, muss man aber schon einen Millionenbetrag ergaunern. Und natürlich macht ihr jetzt brav beides nicht, ihr seid ja Menschen, die sich an das Gesetz halten. Aber zurück zum Thema: Ja Banken und ihre Kultur, die sich ihre Kinder ja selber züchtet sind schlichtweg verbrecherisch. Und umso Größer, umso schlimmer. Klar, auch Volksbanken und Sparkassen sind nicht ohne, aber eben kleinere Lichter und deswegen bei weitem nicht so gefährlich. Und nun gucken wir alle mal auf unsere EC Karte. Und da ist er wieder unser Nonkonformer. „Hab ich bei Comdirekt, ich zahl doch keine Kontoführungsgebühren.“ Nein, du zahlst anders und sei es nur damit, dass du „Too big to fail“ Banken schaffst, die wilde Sau spielen können, weil sie ganz genau wissen, dass man ihnen den Arsch rettet.

Ja, das System, das System, was wir alle ablehnen. Und die Repressionsorgane, die man doch nicht auch noch zuarbeiten kann. Schöner Ansatz, aber auch hier mal wieder die Frage, ob ihr wirklich so konsequent seid, diese Organe nie zu nutzen. Mal ganz davon ab, dass so ein blöder Staat Straßen, Schulen und Universitäten bereit stellt. Ruft ihr bei einem Unfall nie die Polizei? Nie die Feuerwehr? Wenn bei euch eingebrochen wird, dann macht ihr keine Anzeige? Respekt, wenn ihr so konsequent seid, aber ich bezweifele das für die meisten. Mal ganz davon ab, dass wahrscheinlich jeder seinen steuerlichen Pflichten freiwillig nachkommt oder eine Steuererklärung macht um seine Erstattung zu bekommen und damit einer klassischen Eingriffsverwaltung zuarbeitet und mit Daten versorgt.

Wie nun, frage ich euch, kann eine Utopie aussehen? Wahrscheinlich hat dieser „Global denken, lokal handeln.“ Ansatz sehr viel für sich. Wahrscheinlich müssen Nischen des selbstbestimmten Lebens wie Bauwagenplätze viel mehr als Vorbild, als Idee, als Ansatz gesehen werden und für die Gesellschaft diskutiert werden. Klar, auch da ist nicht alles Gold was glänzt, aber der Mensch ist unperfekt. Eine Feststellung, die vielleicht banal ist, aber gerne übersehen wird. Niemand ist frei von Vorurteilen, von -ismen, von Besitzständen und Neid.

„Lokal handeln“ heißt eben auch: Erstmal im Kleinen bei sich selbst anfangen, ganz ohne den Blick auf das System. Wechsele die Bank, den Stromanbieter, überlege, woher dein Essen kommt etc. Würde dies eine Mehrheit machen, würde dies wahrscheinlich mehr am System ändern, als jede Systemdiskussion.

Engagiere dich in deiner Zweckgruppe nach Wahl, bestimme dein Leben, deine Umgebung aktiv mit. Sei es nun im Verein, im Viertel, in der politischen Iniative. Nur suche nicht die Weltlösung.

Noch etwas ist bemerkenswert: Wer ist schon bereit von seinem „Wohlstand“ abzugeben? Das nicht einmal materiell gesehen. Da gibt es ein ketzerisches Beispiel: Jeder wollte ein neues bequemes Stadion, aber Business Seats? Doch nicht bei mir! Nur bevor wir uns mit einem Jahresumsatz verschuldet haben, habe ich den Satz „Halt, wir wollen da keinen Neubau, weil das wird uns zuviel BS, lass uns lieber noch ein paar Jahre warten, wie es früher gedacht war.“ leider nie gehört. Ist in der „Hurra, ab jetzt Bundesliga“ Euphorie wohl untergegangen. Nur wenn das St. Floriansprinzip das Denken beherrscht, dann habe ich im Kleinen (FC) wie im Großen (Rettung der Welt) Angst.

In diesem Sinne: Don’t talk act. Und danke liebstes Lichterkarussell.

  3 Responses to “Ach ja, die Politik”

  1. Ich stimme voll und ganz zu, dass die Generalkritik „Das System ist schuld“ äußern und sich dann mit der Rechtfertigung „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ quasi im Liegestuhl zu sonnen, nicht der richtige Weg ist. Dann lieber versuchen, im kleinen Dinge zu bewegen. Weitere Beispiele wären z.B. darauf zu achten ob meine Bank/Versicherung mit meinem Geld, durch Investitionen in Fonds, in die Rüstungsindustrie (z.B. am Bodensee) investiert.
    Gibt es aber vielleicht nicht auch systemimmanente Probleme?
    In Norwegen gab es gerade am Sonntag einen riesigen Spendenmarathon gegen Cluster Munition. Es sind 27.259.900 Norwegische Kronen (3.554.030 €) gespendet worden. Gleichzeitig war Norwegen, laut UN, 2006 der 7. größte Waffen- und Munitionsexporteur weltweit. Norwegen stellt zwar keine Cluster Munition mehr her, sich aber für eine riesige Summe gegen diese zu feiern und gleichzeitig seinen Wohlstand unter u.a. auf andere Bereiche der selben Branche zu erlangen ist doch sehr bizarr. Hier stellt sich mir die Frage: Würde man den Preis des Wohlstandsverlustes für einen Stopp der Waffenproduktion zahlen? Stark vereinfacht: Würden die Meisten es hinnehmen oder gar unterstützen, wenn sie weniger Staatsleistungen erhalten, da der Staat, durch das fehlen der Gewinne der Rüstungsindustrie, weniger Geld einnimmt? Und hier kommen wir dann vielleicht wieder zur Systemfrage: Funktioniert zum Beispiel der Wohlfahrtsstaat ohne diese Einnahmen gar nicht? Dann könnte man wieder die Schuld aufs System schieben.
    Aber da ich ich mich auch nicht als Weltretter sehe und allwissend bin, habe ich auch keine Antworten auf diese Fragen oder Lösungsvorschläge für diese Probleme.

  2. Selbstmord ist tatsächlich keine Lösung.
    Ich könnte auf den ganzen Schnickschnack verzichten und
    abends nach harter Feldarbeit auf unserer Selbstversorgerkolchose
    gemütlich die Friedenspfeife rauchen.

  3. […] Occupy Zwei Lesetipps zum Thema, da mir derzeit die Zeit fehlt mich intensiver damit auseinanderzusetzen: Zum Einen das Lichterkarussell, zum Anderen die durch ersteren Text angestoßenen Überlegungen beim Magischen FC-Blog. […]

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