Sep 062011
 

oder

Europapokal

Vorwort

Aus privaten Gründen (Alles Gute dem Brautpaar ;)) weilte man in der Schweiz und da man gerade 100 Km vom Ort des „Internationalen Testspieles“ entfernt war, war es klar, dass man nach Winterthur düst um sich den Kick zu geben.

Daher bekommt ihr einen Bericht über das Spiel. Dazu noch zu viele Worte zur SG Leipzig Leutsch und eine kurze Erklärung, warum ich nicht mehr twittere. Das ist dann auch gleichzeitig ein Ende der Debatte.

Von Zaunfahnen und Bieren

Wir brachen pünktlich auf, so dass wir trotz eines Staus natürlich viel zu früh waren. Sonst wäre ich ja auch nicht Mitglied in meinem Fanclub. 😉 Der Rest verzog sich in Richtung örtlicher Pizzeria und ich suchte meine Akkreditierung. Ich hatte dann mal so Dienstag angefragt, ob Joy eine besorgen kann und sie konnte. Nur wo war die hinterlegt, dies lies sich irgendwie am Freitag für mich nicht klären?

Um die nun folgende Story verständlich zu machen, muss man ein paar Worte über den FC Winterthur verlieren. Ein Schweizer Zweitligst, dessen Geschäftsführer Andreas Mösli nicht nur relativ lange Haare hat, sondern auf dem offiziellen Foto in der Stadionzeitung mit einem Jolly Roger Shirt (Ja, die Kneipe!) abgebildet ist. Dieser hatte sich eigentlich um alles persönlich gekümmert und Kartenwünsche erfüllt, Schals zurückgelegt und eben auch meine Akkreditierung bestätigt. Als ich da nun ankam, wusste niemand, wo diese denn sein könnte, aber der Ex-Fanbeauftragte meinte, da müsse man mal den „Mö“ fragen und der sei da hinten. Also rief man den jungen Herren, dieser kam und sagt „Du hast doch eine Mail von Joy, die zeigst du mir jetzt, dass ist die Akkreditierung.“ Gesagt, getan. „Und ja Leibchen haben wir, geh einfach durch die Kneipe, da liegen die.“ Das war ungefähr meine coolste Art der Akkreditierung ever. Insgesamt muss man sagen: Ein absolut perfekt organisierter Tag. Ein Verein, der im Schnitt sonst irgendwas unter 3000 Zuschauer hat, schafft es an einem bullig heißen Tag für reichlich Getränke zu sorgen, einen perfekten Rasen zu haben und auch sonst alles sehr angenehm und schön zu organisieren. Lieber FC: Vielleicht solltet ihr den Herrn Mösli mal abwerben, als Schweizer weiß der garantiert auch mit Geld umzugehen.

Das Stadion sollte eigentlich erst in einer Stunde aufmachen, aber in der Stadionkneipe war schon Hochbetrieb. Und siehe da: Ganz viele bekannte Gesichter. Ganz viele Südzecken, einige Hamburger und die Rhoihessefront war auch da. Und das erste Bier auch schon. Normalerweise trinke ich ja nicht, bevor ich im Innenraum fotografiere, da sich das aus meiner Sicht nicht gehört, aber heute war das mal anders.

Die Bierkurve (so nennt sich die Fankurve dort) glänzt durch einen eigenen Container (offiziell eine Kunstgalerie ;-)) über dem ein „Flora bleibt unverträglich“ Plakat hängt. Ziemlich groß und am Flutlichtmast. Tja, so geht es eben auch. Und lieber FC, das ist ein professioneller Fußballverein!

Was ich auch ganz groß finde: Der Kinderblock nennt sich „Sirupkurve“, eine Stahlrohrtribüne, die mit Trommeln und Fahnen ausgerüstet ist. Vor dieser Tribüne finden sich am Zaun auch noch einige Kisten, damit die Kinder dort auch stehen können. Das ist mal ein cooles Kinderkonzept.

Das Stadion an sich ist sowieso ein Traum. Es gibt keine Zäune, sondern nur eine Bande zum Spielfeld. Selbst im Gästeblock gibt es zwar seitlich Zäune, aber zum Spielfeld hin nicht. Die Gegentribüne hat einen sehr hübschen Absatz, der sozusagen einen Oberrang und einen Unterrang aus den Stehplätzen macht und ich mag so etwas (ähnlich wie die Kurve in Alfred-Kunze Stadion). Siehe auch die Bilder, die aber leider noch etwas auf sich warten lassen.

Exkurs: Was in der Schweiz ein bisschen eigenartig ist, zumindest wenn man Deutschland gewöhnt ist, ist das Verhalten von Polizei und Ordnungsdienst. Die Polizei an sich ist auch bei Risikospielen in Stadien nicht oder erst sehr spät präsent. Dafür sehen die Ordner aus wie bei uns Polizisten, haben Vollschutz, Knüppel und Reizgas. Und in diesen Ordnertruppen versammeln sich Leute, die auch Bock haben, sonst machst du diesen Job nicht.

So zeigt dieses Video (Link geht auf den After Chances Blog) auch nur die halbe Wahrheit, denn vor dem aus dem Block prügeln dieser Mutantenordner, haben diese auch mal fröhlich auf die Leute eingeschlagen, die von hinten auf die Blockabsperrung gedrückt wurden, ohne, dass diese sich irgendwas zu schulden gekommen lassen hatten. (Nochmal: Das ist keine Polizei, die da zu sehen ist, auch wenn sie so aussieht) Nun mal ganz deutlich: Keine Sympathie mit Basel, aber das Problem in der Schweiz ist schon etwas vielschichtiger, als es in der Presse gemacht wird. Das sind eben nicht nur „brutale Hooligans“, sondern eben auch eine Polizei, die keine Nahkampferfahrung hat, die überhaupt keine Pläne für Menschenmassen hat (so die Formulierung eines Schweizers). Hinzu kommen Ordnungsdienste, die sich durch Brutalität und Willkür auszeichnen und endet bei Fußballfans, welche diese Freiheiten nutzen um wilde Sau zu spielen. Gefährliche Mischung, wenn man mich fragt und die Schweiz sollte dringend ihre Konzepte überarbeiten. Und „Law and Order“ ist auch hier kein sinnvolles Konzept

Exkurs Ende, denn heute waren zwar finstere aussehende Ordner anwesend, aber die habe ich genau einmal gesehen, nämlich als sie ihre „Waffen“ anlegten.

Nach einer Stadionbesichtigung trank man noch ein Bier und dann entschloss man sich doch den regulären Gästeblock zu nutzen, obwohl bewusst auf einen Gästeblock verzichtet worden war. Der Grund war eigentlich ganz einfach: Er lag im Schatten. Und er füllte sich mit ca. 800 Leuten, wobei wir irgendwie 25 Leute aus Hamburg, plus ca. 100 Leute, die man schon mal irgendwo gesehen hat, gezählt haben. Der Rest waren Punker und Sympathisanten aus der Nachbarschaft, aber es waren auch keine schlimmen Ausfälle dabei. Bemerkenswert aber, dass von der Haupttribüne wirklich zwischendurch „Pauli, Pauli“ als Anfeuerung gerufen wurde.

Und nun kommen wir zum Thema des Tages: Zaunfahnen. Ein jetzt namentlich genannter Fanclub vergaß seine Fahne und durfte sie dafür später umgedreht am Gästeblock hängend bewundern. Hat ein bisschen gedauert, aber dann kam der etwas ungehaltene Fahnenbeauftragte und wunderte sich. Die Lacher waren groß und die Sprüche flogen nur so. Die sollen mal froh sein, dass wir den Lappen nicht still und heimlich eingepackt haben und ihn Sonntag auf der Gegengerade präsentiert haben. 😀

Die Osnabrücker Gang hat einen neuen Zaunlappen und auch der musste ausgiebig fotografiert werden (falls jemand von denen das liest: Fotos kommen). Und so konnte das Spiel beginnen. Mit einer etwas verwunderlichen Fahne am Zaun, hing da doch ohne Witz eine Fahne der Rauten. Okay, das empfand man nun nicht wirklich als gelungen und so musste die mal dringend den Platz wechseln. Und da die dahinterstehenden nur „Nein, ist nicht unsere, nehmt ruhig mit“ antworteten, wurde die mal etwas dezenter gelagert. Und nein, ich habe das nicht mitbekommen, denn ich kochte im Innenraum zu diesem Zeitpunkt, aber so ist es mir erzählt worden.

Ansonsten: Alles entspannt, auch auf Winterthurseite viele Leute in Antira Shirts oder ähnlichem Zeug. Was man da immer merkt: St. Pauli ist eine Idee, die sich fortpflanzt. Und das ist es, was mir gefällt.

Zum Spiel muss man nicht viel sagen, Winterthur war in allen Belangen unterlegen und das gegen eine Mannschaft unseres FCs, die schlichtweg nur halb Schwung gab. Gut für Saglik, dass er zwei Tore machte, das ist für so einen Stürmer ja immer ganz wichtig, damit es vielleicht auch mal klick macht. Auffällig ist, dass Schachten anscheinend immer in Testspielen trifft. Ein Mitglied der Reisegruppe will nun für das erste richtige Testspiel im Winter 100 Euro auf ein Tor von Schachten setzen. Scheint ein sicheres Ding zu sein.

Auf den Rängen eine ausgelassene Stimmung, inklusive Pyro beim Anpfiff, was leider dem FC Winterthur Geld kosten wird, denn in der Schweiz geht so etwas automatisch, auch bei Freundschaftsspielen. Angesichts der fetten Cateringumsätze und den wohl doch mehr als erwarteten Zuschauern hoffe ich mal, dass die das verkraften können. Und dann wollte der Paupi noch flitzen und was macht er? Er schickt seinen Vertreter, der aber immerhin vollkommen nackt einmal das Tor umrundet. Naja, wie gehe ich jetzt mit diesem Foto um? Ihr könnt in den Kommentaren gerne abstimmen.

Nach dem Spiel wurde das ganze in Bier ertränkt und das meine ich so, wie ich es sage. Danke Mö, danke Riri, danke FC Winterthur für ein wahrliches Freundschaftsspiel.

Was nebenbei bemerkenswert war: In Deutschland würde ein Stadion auch bei einem solchen Spiel schnell geräumt werden und auf eine Eventarena beschränkt werden. Hier bleibt das Stadion offen, Kinder tollen auf dem Rasen rum, nehmen die Werbebanden als Spielzeug und alles ist entspannt. Keine Ordner, die hektisch dicht machen, keine Zäune. Einfach nur eine entspannte Stimmung in der Sonne.

Diskriminierung/Herrschaftswissen und warum ich nicht mehr twittere

Vielleicht haben sich einige Leute gewundert, dass ich seit Mittwoch letzter Woche nicht mehr twittere. Die meisten werden es wahrscheinlich nicht getan haben, denn so lebensnotwendig sind meine Beiträge nun auch nicht. Warum habe ich nicht mehr getwittert? Weil mich so vieles stört und ich so vieles, was mich stört auf Twitter komprimiert wiederfinde. Gleichzeitig ist dies ein Beitrag zur sich schon Wochen hinziehenden Diskussion über Gentrifizierung und Diskriminierung beim FC. Und es ist mein vorerst letztes Wort zu diesem Thema.

Ich muss ausholen, daher wird es teilweise ein bisschen unverständlich, ich bitte dies schon vorab zu entschuldigen. Herrschaftswissen, das im Sinne eines Wissensvorsprungs zur Machterhaltung genutzt wird, kotzt mich an. Das ist umso erstaunlicher, als dass Juristen klassisch die Personen mit Herrschaftswissen sind. Sie wollen deswegen auch nix erklären oder wirklich vom „gemeinen Volk“ verstanden werden, weil das ihre Macht untergraben würde. Und diesen Einfluss gibt ihnen die Gesellschaft bis heute. Warum werden wohl Juristen zu Urteilen zitiert, aber nie mit der Begründung, warum ein Urteil so ist, sondern nur mit einer These, die dann als Wahrheit hingestellt wird. Bestes Beispiel ist der Becherwurf, wo ein Jurist im Abendblatt und einer in der Hamburger Morgenpost behauptet, dass man den Verursacher in Haftung für alles nehmen könnte. Dass dies SO einfach nicht richtig ist und das Urteil aus Rostock, was dort immer als Musterurteil genommen wird, doch deutlich differenzierter ist, das interessiert niemanden. Weder den Juristen, der seinen Namen in der Zeitung sieht, noch den Journalisten, der ihn als „Experten“ (die bekanntlich die Titanic gebaut haben, während die Arche von Laien gebaut wurde) interviewt, geschweige denn den Leser, der das ganze vollkommen unreflektiert übernimmt. So funktioniert das nebenbei auch mit Polizeimeldungen.

Und leider nicht nur dort. Auch in linken Zirkeln ist Herrschaftswissen und das Arbeiten mit Herrschaftswissen an der Tagesordnung. Da wird auf irgendwelche Philosophen als Begründung verwiesen, die im Notfall niemand der Leser gelesen hat und falls doch wahrscheinlich wieder vergessen hat. Das weder Hegel, noch Adorno (der aber natürlich pauschal immer Recht hatte; Danke Claudia für diesen herrlichen Link), noch irgendein anderer Philosoph irgendetwas zu Gentrifizierung oder Gegengeradenbaustilen geschrieben hat, interessiert nur am Rande. Und erklären, warum man auf diese Quellen kommt? Und was sie mit dem konkreten Fall zu tun hat? (sorry, Juristenformulierung) Warum das denn? Der aufgeklärte Stadtmensch hat die gelesen zu haben und der Adendorfer ist sowieso meistens zu doof und darf deswegen nicht mitreden.

Das ist perfektes Herrschaftswissen, denn da ja die meisten schon deswegen nicht mitreden dürfen, können, sollen, kann ich als (angeblich) Wissender einen nach dem anderen raus hauen. Und jedes Argument dagegen kann ich durch Adorno, Hegel, wen auch immer entkräften, ich sage nur bloß nie warum.

Letztens war der hochgeschätzte Licherkarussellmacher sehr überrascht, als ich sagte, dass ich mich nicht als „links“ definiere. Diese – vielleicht auch für den geneigten Leser – erstaunliche Erkenntnis liegt genau an dem eben geschriebenen. Da wird ein Demoaufruf gegen Wohnungsnot in großen, studentischen Worten irgendwann auf „das System“ gelenkt, wobei im Notfall a. niemand weiß, was gerade gemeint ist und b. sich wahrscheinlich auch die 100 Leute, die es verstehen nicht einig sind, was eigentlich „das System“ ist. Aber es ist super, denn man hat die unbekannte Krake (zu der natürlich auch niemand gehört, wenn er gerade in den Aldisupermarkt latscht oder bei Shell tankt), die man bekämpfen kann. Aber so, wie ich das schreibe, ist das wahrscheinlich eine verkürzte Kapitalismuskritik und deswegen strukturell antisemitisch. Keine Ahnung ehrlich gesagt und ich behaupte mal, dass es wahrscheinlich 99% meiner Leser so geht, dass sie keine Ahnung haben, was eigentlich eine verkürzte Kapitalismuskritik ist und warum diese strukturell antisemitisch ist. Aber man wird dann voll der Antisemit, meistens ohne es eigentlich überhaupt zu wissen, zu wollen oder zu ahnen (so etwas wie Vorsatz, oder Fahrlässigkeit, das gibt es bei solchen Leuten nicht, da gibt es nur Gut oder Antisemit). Aber egal.

Und hier habe ich immer ein Problem: Man kann sich über solche Dinge stunden-, wochen-, monate-, jahrelang streiten und es wird auch getan. Aber was man dabei vergisst ist, dass jeden Tag noch mal: JEDEN TAG Nazis nicht darüber diskutieren, ob ein rausgerotztes „Scheiß USA“ nun antisemitisch ist oder nicht, sondern JEDEN TAG zwei Menschen körperlich verletzen. Nicht sprachlich und das ist für mich ein sehr viel dringenderes Problem. Ja, ich habe da Prioritäten und diese muss man setzen. Ach Mist, wieder falsch! „Das System“ braucht ja die Nazis. Habe ich vergessen. (Sorry für die Polemik)

Und wenn ich sehe, wie sich die Linke hier zerfleischt, wie sogenannte Antideutsche mit sogenannten Antiimps streiten, wie man ständig judäische Volksfront und Volksfront von Judäa schreien will, dann will ich kein Linker sein. Nein, ich habe keine Sympathien dafür, Israel als Monster darzustellen, denn das ist nicht strukturell antisemitisch, das ist schlichtweg nur antisemitisch. Ich habe aber auch kein Bock darauf, dass Araber mit Tieren gleichgestellt werden und/oder einem Hass auf Muslime das Wort geredet wird. Und hier habe ich das erste Mal mein Problem mit Twitter, denn an einem sogenannten Follow Friday (Freitags werden Accounts zum folgen empfohlen) wird dann mein Blog/Twitteraccount zusammen mit einem dieser unsäglichen Blogs in einem Tweet und ohne Differenzierung genannt, der eben genau diesen Hass auf Muslime aus der sogenannten antideutschen Sicht predigt, der eben genau „Für Arabern und anderen Tieren“ als angemessene Überschrift stehen lässt. Und wenn das jetzt jemand Unbefangenes liest, ordnet er mich dann dort ein? Oder kann er das differenzieren? Ich weiß es nicht und ich kann es nicht steuern und das stört mich.

Dieser Blog weiß schon ganz genau, warum er nie etwas zum Nahostkonflikt schreibt, denn da kann man nur was falsch machen, weil hier mit Herrschaftswissen nur so um sich geworfen wird. Und das aus Quellen, deren Echtheit, deren Neutralität (gibt es solche hier überhaupt?) man sowieso nicht überprüfen kann. Zumindest nicht in einer angemessenen Zeitspanne. Und dies ist immer noch ein Fußballprollblog und kein Politikphilosophenblog.

Und noch ein Problem habe ich bei Twitter: Ich möchte zwei Thesen in dieser Welt verankern, die mein Idealbild sind. These 1: Alle Menschen sind gleich. These 2: Niemand wird aufgrund seiner Herkunft, seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, seiner Religion, seiner sexuellen Orientierung (man setze hier bitte noch die ganzen Sachen ein, die ich jetzt vergessen habe) diskriminiert. Das sind sehr nah aneinander liegende Thesen, aber sie sind doch nicht gleich. Diese beiden Thesen vertrete ich und nur auf Basis dieser beiden Thesen diskutiere ich. Ich bin ein sehr starker Verfechter des „Führens durch Vorbild“. Wenn ich Leute überzeugen will, dann schaffe ich es am besten, in dem ich ihnen Vorbild bin. Und bei diesen beiden Thesen versuche (!!!) ich Vorbild zu sein. Es klappt nicht immer, aber ich versuche es und verlange es von jedem, der diese Thesen wirklich ernst meint. Das „führen“ ein grauenhaftes Wort ist, sei nur am Rande erwähnt, das ist aber so ein stehender Begriff, daher habe ich ihn benutzt.

Nein, die Gesellschaft vertritt diese beiden Thesen nicht. Ich garantiert auch nicht immer, aber ich versuche es wenigstens. Denn nur so und nicht anders, kann man aus meiner Sicht die Gesellschaft ändern. Aber: Wenn jemand mit mir über Diskriminierung und alle anderen Themen sprechen will, dann nur auf Basis dieser Thesen. Nur im Rahmen der Gleichberechtigung von allen Diskussionsteilnehmern und bei gleichen Spielregeln für alle. Ich diskutiere nicht, wenn einer Leuten aufgrund ihres Wohnortes (Herkunft!) das Recht abspricht irgendetwas zu beurteilen. Das ist lächerlich. Wer darf denn z.B. über die Entwicklung St. Paulis diskutieren? Nur die Menschen, die in diesem Stadtteil wohnen? Reichen noch angrenzende Stadtteile? Barmbek? Poppenbüttel? Nur auf St. Pauli Geborene (Mist, dies ist ein Moment wo ich dann meine Mutter bräuchte)? Nur in 2. Generation dort lebende? Oder vielleicht auch Menschen, die sich mit dem Stadtteilverein (und ja, das ist er) identifizieren? Ihr merkt, dass man sehr schnell in eine „Ich steh hier aber schon seit 20 Jahren“ Argumentation kommt, die drei Zwecke verfolgt: 1. Macht erhalten bzw. schaffen, 2. Leute ohne Argumente mundtot zu machen und 3. zu diskriminieren! Und dies spiele ich nicht mit. Weder, wenn es um Gentrifizierung geht, noch bei irgendeinem anderen Thema. Und klar, eine Diskriminierung als Landratte für einen Vorortbewohner ist deutlich etwas anderes, als die Diskriminierung z.B. einer Frau, aber im Endeffekt ist es doch Diskriminierung. Und da spiele ich nicht mit.

Meine inhaltliche Meinung sollte bekannt sein, daher weiß ich jetzt auch, was als Gegenargument kommt: „Du willst doch nur deine weiße, heterosexuelle, reiche, vorstädtische Herrschaft erhalten.“ Ich sage dazu nur eines: Ich strebe keine weltliche Macht an. Schon gar nicht in diesem Verein. Und dieser Blog will es auch nicht. Er will Denkanstöße liefern und meine Meinung (!) in die Welt hinausbrüllen, er will natürlich Vorbild sein. Aber er wird niemals und ich wiederhole NIEMALS das Recht der einzigen Wahrheit oder der einzigen richtigen Meinung pachten. Er will seine (!) Meinung erläutern und nachvollziehbar machen und er will sein Wissen gleichberechtigt teilen. Das klappt nicht immer, aber hoffentlich immer öfter. Klappt es nicht, hoffe ich auf entsprechende Kommentare. Oder um es mit einem amerikanischen Songwriter zu sagen (und dieses Zitat hatte ich schon vor Jahren in diesem Blog):

a righteous student came and asked me to reflect

he judged my lifestyle was politically incorrect

I don’t believe in self important folks who preach

no Bad Religion song can make your life complete

prepare for rejection you’ll get no direction from me

(Der geneigte Leser sieht den erstmal vorhandenen Widerspruch zu “Führen durch Vorbild”. Ein Führen durch Vorbild ist für mich hier aber erstmal keine Machtausübung und soll auch keine „direction“ sein, so wie ich (!!!) diese Zeilen verstehe.)

Danke für diese weisen fünf Zeilen. Was hat dies nun mit Twitter zu tun? 140 Zeichen, Verkürzung, Totschlagargumente sind ein Markenzeichen dieser Plattform. Das stört mich.

Und noch etwas stört mich an Twitter: Diese Erstellung von Bewegungsprofilen, denn es ist dort vollkommen normal in die Welt zu schreiben: „Oh, ich habe gerade @magischerfcblog“ da und da gesehen“. Ob der dies will, ob dies für ihn in Ordnung ist, das wird nicht gefragt. Und ja, da bin ich paranoid. Und ja, es stört mich. Und auch deswegen twittere ich nicht mehr. Insbesondere, weil dies jeder überall lesen kann, wenn er weiß, wie er danach sucht.

Ich habe viele sehr nette Leute über Twitter kennen gelernt, viele sehr lustige Stunden mit diesen Menschen verbracht und ich will den Kontakt zu vielen absolut nicht missen. Daher lebt mein Account noch, deswegen habe ich ihn nicht restlos gelöscht. Aber schreiben? Das tue ich nicht mehr, zumindest nicht öffentlich. Mein letzter Tweet kündigt diesen Bericht an. Wer danach noch in Kontakt mit diesem Blog bleiben will, der kann dies über Newsfeed, Facebookfanseite oder den guten alten Mailnewsletter tun.

Und ihr merkt etwas? Ja, dieser Abschnitt schießt sich gepflegt selber ins Knie, denn er setzt Wissen voraus und erklärt es jemandem, der dieses Wissen nicht hat, nicht worum es geht. Klassisches Herrschaftswissen. Sorry dafür, es ist einer gewissen Eile und Frustration geschuldet.

Wer Visionen hat, der gehe zum Arzt!

Im Hamburger Abendblatt findet sich eine Serie, wo nach Visionen für den Stadtteil St. Pauli gefragt wird. Die Artikel sind mehr oder minder so, dass man sofort mit dem Kopf auf den Tisch hauen will. Ich verweise hier nur auf meine Kollegen vom Lichterkarussell (früher nebenbei hieß Gentrifizierung mal Yuppisierung und jeder wusste, was gemeint war ohne Handbuch) und stpauli.nu . Ich persönlich mag mich mit dem Beitrag von Corny nicht auseinandersetzen, auch nicht mit dem Beitrag von Schreiber oder wem auch immer. Ich finde solche Visionen in diesem Fall immer aufgestülpt und vieles auf St. Pauli ist unumkehrbar und Wahnsinn und offene Verdrängungspolitik. Wenn ich einen Wunsch, eine Vision für St. Pauli hätte, dann wäre er eigentlich ganz einfach: Das St. Pauli den Balanceakt zwischen Vergnügungsviertel und Wohnquartier, zwischen Schlagermove und Parks, zwischen Laut und Leise, zwischen Spielbudenplatz und Großer Freiheit, zwischen FC und Hafen, zwischen Yuppie und Armen irgendwann sozial ausgewogen hinbekommt, ohne seinen Charakter als sündige Meile zu verlieren und sich doch weiter zu entwickeln. Wie? Das kann ich euch nicht sagen. Ich weiß es nicht, ich hoffe es passiert organisch und nicht, weil die Politik Flächen verplant, die einfach gar nicht existieren. Ich befürchte beinah, es passiert nicht so.

Hallo DFB, gibt es wieder keine Beweise?

Ohren putzen, hinhören, Verein verurteilen, am liebsten gleich wieder auflösen, lieber DFB.