Sep 222011
 

oder

Handlungsbedarf jetzt!

Vorwort

Liebe Leser, wir müssen reden. Wir müssen über unsere eigenen Fehler reden. Wir müssen uns viele Fragen stellen und wir müssen Antworten suchen. Ich kann euch keine Patentlösung präsentieren, aber totschweigen oder verharmlosen? Das ist keine Lösung. Es geht um das leidige Thema Gewalt im Fußball.

Was tun?

Fakt ist: Es gibt Gewalt im Fußball. Ich zweifele bei keinem der verlinkten Berichte an ihrem grundsätzlichen Wahrheitsgehalt. Fakt ist auch: Das ist kein Problem eines Vereines. Ich halte auch nichts davon aufzurechnen oder nun einen Verein als schlechter oder besser hinzustellen. Und dies gilt ausdrücklich auch für den Lokalrivalen und auch für Hansa Rostock. Diese Vergleiche bringen uns nicht weiter. Weiter bringen uns auch nicht Stellungnahmen von Vereinen oder Repressionen nach dem Gießkannenprinzip. Beides führt nur zu Solidarisierungseffekten und zu Abkapselung, weil man sich ungerecht behandelt fühlt. Nun wo aber ist die Lösung?

Ich weiß es nicht, aber ich fand dass der Kommentar der Hamburger Morgenpost vom 21.09.2011 (leider nicht Online verfügbar) neben vielem dämlichen einen richtigen Grundgedanken enthielt: Warum tun wir aktiven Fans uns eigentlich so schwer damit Gewalt zu verurteilen? Provokant gesagt: Warum engagieren wir uns mit viel Aufwand bei der Frage, wie wir Bier kaufen, aber nie wirklich gegen Gewalt? Ja, das ist polemisch, aber ich finde diese Frage muss man einfach mal in den Raum stellen und auf sich wirken lassen. Wie sagte Jano mal so schön auf einem Plenum (sinngemäß zitiert): „Was machen wir eigentlich mit den Leuten, die sich boxen wollen?“ Und ja, ich halte es für ein absolutes Nichtproblem, wenn sich erwachsene Menschen unter ihres Gleichen auf einem Acker treffen und sich gegenseitig die Nase einschlagen wollen. Wer so etwas macht, der weiß in welche Gefahr er sich begibt und ist im Notfall selber Schuld, wenn etwas passiert. Nein, es geht um die Leute, die jemanden umboxen, weil er einen „Ultraschal“ trägt oder weil einfach nur der Verein nicht passt. Ja, hier müssen wir Antworten finden und diese auch vertreten. Auch wenn es mal weh tut und man sich in einer Familie streitet. Mit einem Schweigen und/oder einigen halbherzigen Worten geht es aus meiner Sicht nicht weiter.

Und es erzähle mir keiner, dass Gewalt zu einer Fußballkultur oder noch besser einer Ultrakultur dazu gehört. Wer hat denn diese Kultur festgelegt? Ein Plenum? Eine Vollversammlung? Sind die Regeln irgendwo festgelegt? Gibt es ein Opt-out? Oder sind sie nur die Regeln der gerade stärkeren, die einen einzelnen mit Schal oder Shirt sehen? Gab es nicht mal so etwas wie einen Ehrenkodex?

Bleibt noch eine andere Frage, die gerade wir uns stellen sollten: Wenn wir wirklich links sein wollen, wenn wir wirklich linke Werte wie „alle Menschen sind gleich“ oder „den schwächeren stützen“ leben wollen, warum leben wir sie im Fußballkontext nicht? Wie ist das anreißen eines Menschens aufgrund von Äußerlichkeiten mit einer solchen Philosophie vereinbar? Wie die fehlende Distanzierung?

Ihr merkt: Ich stelle Fragen, ich habe keine Antworten. Wir als Fans, als aktive Fans, als Fanszene müssen uns diese erarbeiten. Und wenn wir eine Antwort erarbeitet haben, dann müssen wir die letzte und schwierigste Frage beantworten: Wie gehen wir mit Leuten um, die einen Konsens nicht teilen? Und eine weitere Frage: Wie wollen wir diskutieren? Ist das Internet ein Segen? Ein Fluch? Beides?

Provokante These: Deutsche Ultras haben ein Gewaltproblem. Was sich sehr wie ein „alle über einen Kamm scheren“ anhört, soll es hier gar nicht sein, denn auch ich weiß, dass Ultra nicht gleich Ultra ist und Ultragruppe nicht gleich Ultragruppe. Bestes Beispiel dafür ist, dass sich bei vielen Vereinen die Ultras in zwei Gruppen gespalten haben, von denen die eine – sehr verkürzt gesagt – eher straßenorientiert ist, die andere eben eher nicht. Nur mal ehrlich: Wir Kenner der Szene wissen vielleicht, dass Ultra nicht gleich Ultra ist, aber fragt mal die 24.000 Zuschauer im Millerntorstadion. Und dann hat plötzlich jeder Mensch, der sich als Ultra definiert ein Gewaltproblem. Und ich behaupte mal kühn: Viele in dieser Szene haben das erkannt. Ich zitiere einen Werder Bremen (Ultra?) Blog, der sich so schön „Chaos-Drogen-Antifa“ nennt:

Grundsätzlich kann ich die „Freiheit für Ultras“ und alle ähnlich gearteten Spruchbänder nicht mehr sehen. Diese (fan-)politische Forderung ist nicht nur so sehr ausgelutscht, dass man sie nicht mehr wahrnimmt, nein, meistens wird diese Plattitüde noch von Gruppen in den Raum geworfen, die, gelinde gesagt, unreflektiert agieren. Wem es gefällt, „Gegner_innen“, die keine sein wollen, zu demütigen, einzuschüchtern, zu verletzen und darüber hinaus weitere Personen, die einfach nur mal schnell ihren Hunger im Fastfood-Restaurant stillen wollen und nicht mit einem ausbrechenden Fußball-Krieg rechnen, zu traumatisieren, dem unterstelle ich nicht nur einen Gewaltfetisch – sowas fällt ohne Diskussion in die Kategorie menschenfeindlich. Dann solche Mimimi-Spruchbänder zu lesen (auch wenn kein direkter Zusammenhang besteht) macht mich sprachlos. Man sieht doch, was passiert, wenn man den Fordernden die Freiheiten lässt. Nö, danke. Da werde ich zur CSU. Wahlweise zum USK. Klar, noch ein „A.C.A.B.“ hinten dran, der Klassiker, muss halt sein. Es ist ein Leichtes zu erraten, wer am liebsten für Recht und Ordnung auf den Straßen sorgen würde.

(Im Kommentar schreibt dann jemand provokant „So einen großen Unterschied zu Bremen sehe ich nicht.“)

Ganz ehrlich: Will irgendwer widersprechen? Oder anders formuliert: Wenn man Freiheit für Ultras haben will, wenn man Freiheit für Fußballfans haben will, dann muss man mit dieser Freiheit umgehen können. Können wir das? Und wenn ja wie?

Herr Schreiber, treten sie zurück! JETZT!

Herr Schreiber, sie sind eine Schande für ihre Partei, ihre Stadt, ihren Bezirk und alle Stadtteile die in diesem Bezirk vereint sind. Treten Sie umgehend zurück und treten Sie aus der SPD aus. Und liebe SPD, wenn ihr noch einen Funken Anstand habt, dann wählt dieses Ekelpaket umgehend ab und schmeißt es aus der Partei. 118.000 Euro auszugeben, damit irgendwelche Touristen Hamburg hübsch finden, anstatt dieses Geld für die Bedürftigen auszugeben, das ist so unmenschlich, so neokonservativ, dass Herr Schreiber seine politische Heimat neu in der FDP finden sollte.

Und ganz ehrlich: Herr Scholz, zwar sind auch in Hamburg die Bezirke autark und so können Sie als Bürgermeister nicht eingreifen, aber als Parteichef müssen Sie ein Machtwort sprechen. Und zwar genau JETZT!

Und weil das hoffentlich jeder Leser dieses Machwerkes so sieht, will ich euch alle morgen nach dem Spiel auf der Demo sehen! (Facebook link)

Frauen als Strafe?

Also Fenerbahce hätte eigentlich ein Geisterspiel austragen müssen. Das ist in der Türkei nach Zuschauerausschreitungen wohl üblich und passiert wohl ständig, so dass sich anders als bei uns darüber wohl auch niemand so wirklich lange aufregt. Der Verband änderte nun die „Strafe“ und lies den Besuch von Frauen und Kindern bis 12 Jahre zu. Folge war eine beeindruckende Stimmung und ein Besuch von 41.000 Frauen und Kindern. Trotzdem bleibt irgendwie ein komischer Beigeschmack, denn wenn die Karten frei verkäuflich gewesen wären, dann wären wir (und das wäre in der BRD genauso) von einer 50/50 Besetzung des Stadions meilenweit entfernt gewesen. Und wenn man die Bilder sieht, dann ist dies nicht einem (angeblichen) Desinteresse des weiblichen Geschlechtes an Fußball geschuldet.

Sep 122011
 

oder

18 Minuten reichten

Vorwort

Liebe Leser, was soll man über so ein Spiel schreiben? Nicht viel, denn eigentlich jeder wird es gesehen haben. Hat irgendwer von euch eigentlich heute schon mal auf die Tabelle geguckt? Wir haben 7 Spieltage hinter uns und zwischen Platz 1 und 13 sind in Liga zwei 13 Punkte (das Montagsspiel ändert daran nichts mehr). In Liga 3 sind es nach 8 Spieltagen gerade mal 8 Punkte und dies obwohl der Tabellenführer in beiden Ligen gleich viele Punkte hat. In der 2. Liga ist insbesondere eine Zweiklassengesellschaft zu erkennen von so 10 Klubs, die bereits jetzt eigentlich nur nach unten gucken können. Darunter auch mit Duisburg und Bochum zwei Vereine, die man dort nicht erwartet hätte. Und 6 Vereinen, die auf die Abstiegsplätze schon richtig Platz haben und wohl nur nach oben gucken können. So richtig sich noch nicht entschieden, wo sie hinwollen haben sich eigentlich nur Paderborn und Union nicht. Klar, das ist alles eine Momentaufnahme und mit einem Lauf kann man schnell wieder nach oben oder nach unten rutschen, aber bemerkenswert ist dies schon. Denn Platz 13 hat auch schon 10 Punkte Rückstand auf Platz 3. In Liga 3 sind es gerade mal 5 Punkte. Aber verlassen wir diese Überlegungen und gehen rein in den Tag.

Arschlecken!

Ja so ein Heimspieltag hat doch nach all den Jahren seine Routinen, aber da ich zu spät am Fanladen war, gab es diesmal dort keine Premiumcola und kein Beck’s. Die Schlange war einfach zu lang. So nur kurz dort das nötigste erledigt, auf den Fanräumesachen ein Shirt mit einem Berliner Bären, der Fußball spielt und hinten drauf einem „Berlin“ gefunden (wer hat das denn da hingelegt?) und los zum Stadion. Zwischen Kartenvergabe noch kurz ein bisschen die Örtlichkeiten gezeigt und am Container dann die Überschrift an den Kopf geworfen bekommen. Okay, als Antwort auf „Na, du Stalinist“ war das schon angebracht und wenn es von einem Roten Stern kommt, auch immer gerne genommen. Ich habe schon mal erwähnt, dass ich die Recken mag, oder? Alleine schon, weil Solidarität in schweren Zeiten für die kein Fremdwort ist.

Unsere Bezugsgruppe war heute urlaubstechnisch etwas ausgedünnt und wir hatten ungefähr auch noch 1.000 Kinder dabei, so dass einige Eltern unten am Zaun hingen. So stand ich zwischen Astra Luego und einer Person, die ich gar nicht kannte, aber alles sehr entspannt und lustig. Dazu später aber noch mehr.

Jolly Rouge flächendeckend auf allen Tribünen vertreten, wenn auch nicht in der Freiburgintensität. Wie schon im letzten Beitrag erwähnt: Der Protest an sich hat meine volle Sympathie, ich selber war in Rot gekleidet und hatte meine Jolly Rouge Fahne dabei. Es müssen sich nun aber über die Sozialromantiker hinaus Menschen hinaus vernetzen und gute Anträge auf die JHV einbringen. Bisher ist mir dort viel zu wenig passiert.

Mir scheint es in diesem Zusammenhang auch wichtig zu sein, aufzuzeigen, wie flach die Hierarchien bei St. Pauli sind. Wenn ich sehe, wie Leute innerhalb von einem Jahr Einfluss und Respekt gewinnen, dann zeigt das nur, wie schnell das geht. Ich sage ja immer: Saufe zwei drei mal mit den richtigen Leuten, schon bist du in einem Gremium.

Aber it’s a fun day. Auch wenn es lange nicht so aussah. Die Choreo? Auf der Süd? Hammer! Ich liebe Wendechoreos und die war großartig. Hab ich schon mal die USP Choreogruppe abgefeiert? Nein, dann tue ich es hiermit, denn ich weiß aus meiner Passantenzeit, wie mühsam es ist in mehr oder minder kalten Räumen auf den Knien zu sitzen und irgendwelche Tapeten oder ähnliches vorzubereiten. Und dann auch immer eine passende Idee zu haben, das ist so einfach nicht. Hey, da kann einem auch mal eine Choreo inhaltlich nicht passen, aber meinen Respekt für die Arbeit haben die absolut.

Wobei wir bei den Zines des heutigen Tages sind. Ich muss sagen: Basch und Kiezkieker? Top, absolute Ergänzungen des Fanzinehimmels. Ich persönlich würde nie Zine A vor Zine B setzen, denn alle haben ihre Berechtigung. Ich bin bei weitem nicht mit allem einverstanden, was in den einzelnen Zines steht, aber das wäre ja auch langweilig. Ich finde die unterschiedlichen Ansätze sind alle Teil der Familie St. Pauli in der ich Grundsolidarität übe. Und wo es dem Übersteiger an Feuer und Witz mangelt, da gleicht er mit Hintergrundinformationen und Vernetzung aus. Und haut ab und zumal dann doch ein Freakartikel raus, wie der Reisebericht zum Niederländischen Pokalfinale. Und Feuer? Das hat der Kiezkieker. Aber so etwas von. Da merkt man, wie ein Gehirn brennt für diesen Verein. Teilweise mir absolut zu prollig und zu unkorrekt, aber das Feuer, das tropft aus jedem Satz. Das Basch kommt da viel weniger gefeuert, dafür aber sehr informierend rüber. Wer up to date sein will, was in der Ultrakultur so passiert, der muss das Teil lesen. Und die Schreibe liest sich dabei auch noch sehr flüssig. Abgerundet wird dies durch kleine gruppeninternen Sticheleien (Winterthurbericht).

Ich blogge und fotografiere, wie man auf dieser Seite sieht. Was ich aber ganz selten mache ist, dass ich blogge und dazu ein Foto veröffentliche, aber wenn ich die Stimmung heute im Stadion beschreiben will, dann kann ich nur dieses Foto veröffentlichen:

Oder anders ausgedrückt: Bei St. Pauli ist eine Stimmung, dass sich Gegner vor Angst in die Hosen machen. Und das war gestern auch beim Stand von 0-2 so. Kurze Schockminute, aber danach war auf den Rängen auch wieder Vollgas angesagt. Zumindest auf unserer Höhe.

Nun zum Spiel: Die erste Halbzeit war eher aus der Kategorie „Vergessen wir es lieber“. Mehr Torschüsse, mehr Ballbesitz? Wahrscheinlich bei uns, aber seien wir ehrlich: 1860 mit dem, was man „reifere Spielanlage“ nennt und der Elfmeter war die logische Folge einer immer besser werdenden Münchener Elf. Thorandt stellte sich da einfach schlichtweg dämlich an und Lauth verwandelte sicher. Okay, passiert mal und das unsere Jungs Come Back Kids sind, wissen wir ja alle. Nur wenn du in der 45. das 0-1 bekommst und in der 47. das 0-2 und im Endeffekt bei dir 5 Minuten sämtliche Lichter aus sind, dann glaubt wohl niemand daran, dass es noch mal 11 Minuten später 3-2 steht. So auch nicht mein Nebenmann, der kurz vor dem 1-2 folgenden Satz zu Protokoll gab:

„Da geht gerade gar nix, das wird noch 10 Minuten dauern, bis unsere Jungs wieder was zustande bringen.“

Konnte man so stehen lassen, den Satz. Und 10 Minuten später war er bei uns beiden für einen wirklichen Lacher gut. Liebe DFL, ihr solltet nebenbei mal das Bet & Win Konto von Herrn Maurer checken. Der scheint nach dem 0-2 100 Euro als Livewette auf den FC platziert zu haben, denn anders ist es aus meiner Sicht nicht zu erklären, dass er beim Stand von 2-2 Lauth und damit den Ruhepol im Spiel der Münchener auswechselte. Wie kann ich in einer solchen Wackelphase meinen Kapitän vom Platz nehmen? Für mich vollkommen unbegreiflich. Und angeschlagen war der nicht, denn eine Behandlung nach seiner Auswechselung fand nicht statt. Und schlecht war Lauth nun auch nicht wirklich.

So konnte Kruse den Sack zu machen und fertig war die Laube. Man kann ja von Kruse halten, was man will und viele waren ja ob seiner Ansage, dass er Führungsspieler sein wolle, doch skeptisch. Aber nach 7 Spielen und 5 Toren muss man sagen: Er lässt Worten Taten folgen und war auch Gestern der beste Mann auf dem Platz. Klar, er muss diese Form nun eine Saison durchhalten, aber bisher ist er auf dem richtigen Weg.

Ein weiterer Gewinner des Spieles war Marius Ebbers, denn alleine durch seine Präsenz auf dem Platz und seinem unbändigem Kampfgeist wurde die Truppe mitgerissen. Ich beurteile Ebbers nicht nur an Toren, denn für eine Sturmspitze marschiert der auch wie ein Irrer. Und genau das hat uns letzte Saison immer wieder gefehlt. Ein Marius Ebbers, der auch noch die 100ste Ecke rausköpft. Damit ist Saglik auch gleich ein Verlierer, denn er hatte durch die Verletzung seine Chancen und hat sie leider nicht nutzen können. Im Gegensatz zu Ebbers nimmt er am Spiel nicht sehr teil, so dass er an Toren gemessen werden muss. Und da hatte er eine Killerchance direkt nach dem Elfmeter und die MUSS er machen, wenn er Ansprüche stellen will.

Positiv aufgefallen ist mir auch noch Schachten, über den ich 90 Minuten nicht gemeckert habe und das ist schon ein riesiger Fortschritt. Und diese ansteigende Leistung krönte er dann noch mit dem Ausgleichstreffer.

Ach 1860, irgendwie habe ich ja immer noch Grundsympathien zu den Löwen. Und wenn der Präsident von denen sich selber aus dem Krankenhaus entlässt um nach Hamburg zu fahren, dann vor dem Spiel auf einem Südkurvenstein sitzt und eine schmöckt, dann ist das irgendwie auch wieder sympathisch. Wenn auch nicht wirklich gesundheitlich unbedenklich. Wie bei so vielen Vereinen gibt es auch bei Sechzig viele korrekte Typen und viele Leute stromerten auch mit braun-weißen durchs Viertel. Ebenso gibt es auch ganz viele Deppen und leider gehört die örtliche Uffta Gruppe auch eher in die Kategorie „nervige Deutschultras“. Aber wie soll in dieser Situation, wo jahrelang jegliches (selbst-)kritisches Potential durch Wildmoser getötet wurde auch etwas wie eine eigene neue Kultur entstehen? Ohne einer Flucht aus der grauen Einöde des Stadions des Lokalrivalens entsteht da auch nix mehr. Der Gästeblock war ordentlich gefüllt, aber wirklich Lärm machten die nicht.

Zurück zum Spiel. Nach den 18 Minuten Extase konnte Tschauner sich noch auszeichnen, konnte noch ein bisschen gefeiert werden, konnte noch durchgedreht werden und dann war der Tag auch schon abgefrühstückt. Die Gegengerade übte sich noch im Interviewstören durch Trainerablenkung (großartiger „Schubidu“ Gesang) und als dann die Regenwolken kamen, waren wir alle schon in der Gastronomie der Wahl. Ich noch mal mit dem Twittervolk, ja sind ja einige nette Leute, aber trotzdem gefällt mir die Plattform nicht. Viel gesabbelt, viel Interna gewälzt und irgendwann dann nach Hause gekommen.

Hier nun für die Statistikfreaks: Ich gehe seit 1986 regelmäßig (das ist jetzt die Untertreibung des Jahres) zum FC. In dieser Zeit haben wir nach meiner Erinnerung (und ich meine, dass dies von Pathos letztens mal bestätigt wurde) genau drei Spiele in der Liga nach einem 0-2 gewonnen. Gegen Darmstadt in grauer Vorzeit, das Hoilett/Brunnemann Spiel gegen Rostock gestern. Hinzu kommt noch der Herthaknaller im Pokal. Und da ich mich gestern mit Hauke (Brückner) darüber unterhielt findet ihr das ganze auch ausführlich auf der offiziellen HP.

Und dann war da noch…

… das Spieldatum, was genau auf den 11.09. fiel. Nicht nur, dass wir traditionell an diesem Tag gewinnen (das weiß ich aber eher, weil Pauline an diesem Tag auch Geburtstag hat) und wir einem 3-0 in Paderborn und einem 7-1 gegen Braunschweig nun ein 4-2 folgen ließn, nein der Terroranschlag vor 10 Jahren wurde im Stadion von keiner Seite gewürdigt oder angesprochen. Das einfach mal als Feststellung. Kann nun jeder draus machen, was er will. Dies ist umso bemerkenswerter, als dies am 1. Jahrestag noch anders war.

… ihr wollt euch einfach mal solidarisieren und Besetzern einer Fabrik dick die Daumen drücken, dass sie bei ihrem Kampf um „ihr“ Haus Erfolg haben? Und das ohne auch nur ein Wort zu verstehen oder irgendeinen Hintergrund zu kennen? Dann guckt euch einfach dieses Video an. Das sprüht so vor Lebensfreude, dass man nur Sympathien und Solidarität entwickeln kann. Einige Hintergründe für den eher skeptischen Menschen gibt es auch hier.

Sep 082011
 

oder

Basisgedanken

Es ist schon spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Herangehensweise an die Diskussion um die beiden Modelle ist. Jede Herangehensweise hat etwas für sich und aus jeder kann man auch Gedanken ziehen, die man in seine persönliche Abwägung einbeziehen muss. Hinzu kommen viele interessante Kommentare, Mails und Gespräche, aus denen man auch wieder Gedanken ziehen kann. Für Faktenliebhaber und als Grundinformation kann man nur das Machwerk von Lichterkarussell zum immer wieder lesen empfehlen, der Artikel ist in Fakten nicht zu übertreffen und seien wir ehrlich: Das wäre der Wunsch an Übersteiger und/oder Viva gewesen, so ein Ding rauszuhauen. Vielleicht ist ja die offizielle Page so cool, überarbeitet und ergänzt das Teil noch mal zusammen mit dem Macher des Lichterkarussells und packt es dann auf die offizielle HP. Und vieles sagt er auch schon aus. Und in den Kommentaren und Pingbacks findet man noch ganz andere Blickwinkel und einige Aspekte, die der Kollege nicht beleuchtet hat. Und einige bewegen mich, auch wenn das teilweise jetzt „ist schon geschrieben, nur noch nicht von mir“ wird. PS: Sehr lesenswert finde ich auch die Ausführungen des Kleinen Tods, weil er so ganz ohne Polemik auskommt, sich seine Entscheidung nicht leicht macht und alles für sich nach besten Wissen und Gewissen abwägt. Wenn mal alles so immer diskutiert werden würde. (Und da ist am Ende dann vollkommen egal, ob ich nun jeden Aspekt teile oder nicht, ich kann ihn nachvollziehen. Beifall dafür).

Gentrifizierung?

Erstmal muss man sich mal klar machen, was Gentrifizierung eigentlich heißt. Ich habe jetzt mal den Wikipediaartikel verlinkt und da findet man ganz viele Aspekte dieses Begriffes, wobei man vieles garantiert stundenlang diskutieren kann. Ich denke im Hinblick auf St. Pauli ist insbesondere ein Satz entscheidend und ich denke, dass dies auch die brutale Problematik der Gentrifizierung deutlich macht:

Eine Gentrifizierung im engeren Sinne zeichnet sich […] durch den Austausch einer statusniedrigeren durch eine statushöhere Bevölkerung aus.

(Ohne jetzt diesen Satz in seine Einzelteile zerlegen zu wollen, er gefällt mir nicht 100 %). Vereinfachen wir diesen Satz jetzt noch ein bisschen: Arme Bevölkerung wird durch reiche Bevölkerung aus ihrem angestammten Quartier verdrängt. Das passiert auf St. Pauli ohne Frage, man gucke sich mal das Gelände der ehemaligen Astrabrauerei und die Folgen an. Man lese von Kneipen, deren Verträge nicht mehr verlängert werden, weil Wohnungen dann teurer vermietet werden und man gucke sich schicke Bürobauten an, wo eben noch eine Bowlingbahn stand. (Wobei das jetzt nicht meine Meinung ist, sondern eher das, was einem verkauft wird, ich finde diese tanzenden Türme grauenhaft).

Das ganze hat Folgewirkung, es zieht Kapital nach, die Orte werden für „reiche“ Menschen spannend, die auch eine entsprechende Infrastruktur (Starbuckskette statt eigentümergeführter Kneipe, Biomarkt statt Aldi, Eigentum statt Miete wenn ich das mal plakativ auf Schlagwörter verkürzen darf) nach sich ziehen. Und da diese Infrastruktur mehr Geld umsetzt, mehr Gewinn macht und dementsprechend mehr Miete zahlen kann, kommt es zu einem Verdrängungswettbewerb. Und das ist dann im Endeffekt eine Spirale mit unzähligen Wechselwirkungen, die den Rahmen hier sprengen würden.

In einem solchen Umfeld bewegt sich auch unser Stadionneubau. Und man muss ganz klar sagen: Auch wir gentrifizieren! Das ist für mich bereits jetzt mehr oder minder feststehend.

Nehmen wir als Beispiel die Haupttribüne. Einen Preisvergleich Sitzplatz alte Haupt gegen Sitzplatz neue Haupt, den muss ich wahrscheinlich nicht noch mal aufmachen. Alleine durch diesen Preissprung werden Menschen verdrängt. Und das (zur Zeit) beinah ohne Alternative, denn auch Süd ist teuer, die Gegengerade verkauft und die Nord mit nur sehr wenig Plätzen ausgestattet.

Offensichtlich ist auch, dass der „normale“ Haupttribünenbesucher an den Rand gedrängt worden ist und in der Mitte die Businesselite ihre Plätze gefunden hat. (Oder eben die Leere, weil die Businesselite in der 2. Liga nicht kommt). Und hier hat es auch einen Wandel zum Kuchenblock gegeben. Nicht mehr der kleine Sponsor, der eine Verbundenheit zum Verein hat, sitzt dort (nein, der sitzt eher auf der Süd oder ist ganz aus diesem Businessbereich weg), sondern eher die internationale Kette, die ihren Kunden halt mal Bayern zeigen will. Auch dies ist für mich eben der klassische oben genannte Austausch.

Man nehme doch auch mal die Zahlen als Beispiel: Vor dem Ausbau hatten wir irgendwas um die 20.000 Plätze, davon waren wirklich höherwertig (im Sinne von TEUER) vielleicht 2.000, so dass 18.000 „normale“ Plätze übrig blieben. Zur Zeit haben wir 24.487 Plätze (laut Bundesliga.de). Ich bin mal so dreist, dass ich sage, dass die 4.600 Plätze auf der Haupt und mindestens die 1.200 Business Seats auf der Süd „teure“ verdrängende Plätze sind und wir zur Zeit eher weniger, als mehr „normale“ Plätze haben als im alten Millerntor. Das ist eine – wenn auch vielleicht nur vorübergehende – Herausdrängung.

Die Frage ist nun: Können wir dies in einem ganz fertigen Millerntor zumindest abfedern? Und wenn ja, wie? Und da kommt der Gegengerade (und später der Nord) entscheidende Bedeutung zuteil. Entscheidend ist hier eben, dass man genügend „normale“ Plätze schafft und das meint nicht nur Stehplätze, weil dann der Alte, der Kranke, der klassisch statusniedrigere auch herausgedrängt wird. Und eines darf man in diesem Zusammenhang nie vergessen: Eine Zusicherung, dass auf der Gegengerade die Preise nicht steigen ist ungefähr soviel Wert, wie die Garantie, dass die Mieten in den nächsten 10 Jahren nur sozialverträglich angehoben werden. Da weiß jeder, was im 11. Jahr passiert.

Und wenn ihr mich fragt: Hier sind insbesondere Sitzplätze hinter den Toren ein entscheidendes Regulativ, weil sie eben von der (etwas) eingeschränkten Sicht nicht so teuer gemacht werden können. Und das hier natürlich die Business Seats Süd ein sehr blockierenden Gedanken haben (eine Ultrakurve, wo da wieder gestanden würde, nebenbei auch), das sei auch mal deutlich gesagt. Aber! Was nicht passieren darf ist, dass Tribünen sich gegeneinander ausspielen lassen. Ich verweise da nur auf den Rückbau von Business Seats, den jeder fordert. Und am besten zuerst auf „seiner“ Tribüne. Jedoch: Gentrifizierung heißt ja auch immer an den Rand drängen, sei es nun in der Stadt, sei es im Stadion und wenn die „armen“ nur noch in der Ecke geduldet werden, dann ist das auch nicht der Sinn der Sache. Das ist ein Drahtseilakt, um das mal deutlich zu sagen.

Und klar, wir ziehen Publikum ins Viertel, was deutlich zu dem Gentrifizierungsbauten passt. Durch Business, durch höherwertig und auch durch Kapazitätserweiterung an sich. Sprich: Wir gentrifizieren nicht nur in unserem Stadion, wir gentrifizieren auch das Viertel.

Und nun kommt die Welle ins Spiel und dieser Kommentar beim oben zitierten Lichterkarussell (der ist jetzt einfach mal Copy & Paste übernommen, ich befürchte nur, dass die Absätze etwas verschoben sind):

„ein aspekt bei der diskussion kommt für meinen geschmack zu kurz und zwar der blick auf die gentrifizierungsbauten überall im viertel, in die sich die welle/tsunami nahtlos einführt. ob ich als bewohner vom bnq vorbei am riverside über die tanzende türme + den dann neu gebauten esso revier mich am ende auf die welle stellen soll und das alles nicht so schlimm finden soll.

je mehr ich darüber nachdenke umso weniger kann ich mich damit anfreunden.
will man dem zeitgeist entsprechen muß die welle gebaut werden. aber dem fcsp würde hier auch einen kontrapunkt zum unsäglichen bauboom im viertel gut zu gesicht stehen. die diskussion ob eine gegengerade das viertel vielleicht auch zum negativen ändern kann, oder der gentrifizierung vorschub leistet, sollte auch in die diskussion mit einfliessen.“

Sehr überlegenswerter Beitrag. Vieles ist richtig, einiges sehe ich anders. Richtig ist: Leisten wir der Gentrifizierung Vorschub? Ich denke ja, siehe oben. Richtig ist: Wir reihen uns in den Bauboom ein (ich habe das „unsäglich“ bewusst weggelassen, weil ich da noch einen Gedanken später zu habe). Was mich jedoch nachdenklich macht: Reiht sich wirklich NUR die Welle nahtlos in die – vollkommen zu Recht – genannten gentrifizierenden, grauenhaften Bauten ein? Optisch? Absolut! Da führt kein Weg dran vorbei. Und da ist die Welle auch selbst aus meiner Sicht etwas mehr belastet, als das „Basismodell“, auch wenn das in seiner Beton-Glas Optik mit einigen Schamziegelsteinen (hier weiche ich nebenbei von Kleiner Tod deutlichst ab) nun nicht gerade sich von den Gentrifizierungsbauten abhebt. Da ist natürlich die „alte“ Gegengerade perfekt, aber die gammelt uns unter dem Arsch weg.

Nur man bedenke auch mal folgendes: Die Optik allein ist zwar eine Frage persönlicher Ästhetik, aber für mich doch eine eher oberflächliche. Und noch etwas: Sie ist wandelbar. Denn auch die Welle muss nicht ein schwarzer Monolit sein, sie könnte auch eine Wellblechkonstruktion, eine Backsteinkonstruktion etc. sein. Und man muss dann sehr vorsichtig werden, ob man es nur ablehnt, weil es „anders“ ist. Entscheidender empfinde ich die Funktionalität.

Wenn man sich diese ansieht und die genannten Gebäude vergleicht, dann muss man schon einen Unterschied sehen: Riverside, tanzende Türme, BNQ, neue „Esso“ Häuser sind alles Bauten, die von ihrer Funktionalität, ihrer Nutzung maßgeschneidert sind für reiches Publikum und die als Zielgruppe genau dieses reiche Publikum haben, was hipp wohnen will. Unsere Gegengerade – egal in welcher Form – soll (!) ja genau Stehplätze in großer Anzahl beinhalten und damit genau nicht „höherwertige“ Plätze, wie sie auf der Haupt und Süd entstanden sind. Egal, welchen Bau, es werden mit die billigsten Plätze in unserem Stadion. Einschränkung: Ja das mit den Sitzplätzen, siehe oben. Trotzdem sehe ich hier schon einen Bruch mit den oben genannten Bauten und eine Differenzierung, die gegen ein nahtlos spricht.

Oder mal ab vom Geschmack: Man stelle sich mal fiktiv in den tanzenden Türmen gute, sinnvolle sozialverträgliche Wohnungen vor. Wären sie dann alleine von ihrer Optik ein Gentrifizierungsobjekt? Ich denke nein, auch wenn ich sie weiterhin hässlich fände. Aber das ist aus meiner Sicht ein sehr subjektiver Eindruck. (Mal ganz davon ab, dass man solche aufwändigen Bauten meistens für „höherwertige“ Projekte einsetzt, das ist mir auch klar.)

Bauboom: Seien wir ehrlich: St. Pauli hatte Nachholbedarf. Man würde hier wohl von einem Modernisierungsstau sprechen oder so ähnlich. Seien wir auch ehrlich: Bauten wie die Essohäuser sind per se keine architektonischen Schönheiten und auf der Fläche ließe sich garantiert auch mehr Wohnraum realisieren, als dort jetzt ist. Was das ganze erst unsäglich macht ist, dass man eben keine Stadtentwicklung vorgenommen hat und insbesondere dem Profitstreben nie Einhalt geboten hat. Die meisten Flächen, die nun von irgendwelchen Bavaria 0815 KGs oder wie die heißen mit Gentrifizierungsobjekten zugekleistert werden, gehörten der Stadt. Und diese hat mehr oder minder vorsätzlich diese zu Höchstpreisen an private Investoren mit den jetzt zu bewundernden Folgen verkauft. Höchstpreis fordert eben auch Höchstpreis in der Vermietung bzw. Nutzung ein. Eine Erhaltung, ein echtes Quartiersmanagement, das hat die Stadt versäumt. Und meines Erachtens ist dies jetzt auch nur noch unter Schmerzen zu erreichen. So müsste die Stadt die Esso-Häuser zurückkaufen und ein sinnvolles, am Bedarf des Viertels orientiertes und fortschrittliches Neubau/Sanierungs/Umbaukonzept entwerfen. Und auch dies kostet richtig Geld. Ebenso wie unser Nachholbedarf uns Geld kostet. Hätten wir wirklich 1989 bereits mit Tribünen angefangen und alles modernisiert, dann sähe die Lage jetzt ganz anders in unserem Stadion aus. Und wir hätten auch nicht das Problem, dass uns die GG unterm Arsch wegfault. Und das ist nicht nur sprichwörtlich gemeint.

Trotzdem und das sei als Fazit dieses Abschnittes immer wieder verdeutlicht: Wir gentrifizieren und wir müssen sehen, wie wir dies ausgleichen und abfedern, wenn wir einer sozialen Verantwortung wirklich gerecht werden wollen. Was uns gleich zu der nächsten Frage überleitet:

Wir und das Viertel

Es ist ja nach dem oben beschriebenen absurd und es zeigt ja auch, dass Gentrifizierung eben kein einfaches Phänomen ist, aber St. Pauli ist und bleibt das Veranstaltungsklo Hamburgs. Jede laute, lärmende und nervige Veranstaltung wird in dieses Viertel geschoben oder hat zumindest starke Auswirkungen auf dieses Viertel. Und was man klar sagen muss: Wir sind so eine nervige Veranstaltung! Wenn da 30.000 Leute in ein neues Millerntor pilgern, dann ist das eine der größten Tagesveranstaltungen, die auf St. Pauli stattfinden. Und das inklusive Lärm, Dreck und allem anderen, was Menschenmassen so verursachen.

Und davon ist ein breiter Teil auch noch ein Publikum, was mit dem Viertel gar nix mehr am Hut hat. Und da denke ich nicht einmal ausschließlich an Business Seats und ähnlichem.

Das es dagegen bisher null Protest gegeben hat, zeigt aus meiner Sicht die bisher vorhandene enge Verbundenheit des Viertels zum FC. Und hier muss dringend daran gearbeitet werden, dass dies keine Einbahnstraße ist/wird/bleibt. Unser FC muss sich viel mehr ins Viertel bewegen und zwar AUCH mit Geld. Ideen wie „St. Pauli braucht mehr (Sporthallen)“, Kiezkick, Fanräume etc. sind vielleicht der Fußweg in die andere Richtung, eine Fahrbahn wäre aber ein klares finanzielles Engagement des Profibereiches. Das hier z.B. die Finanzierung und der Bau einer vereinseigenen Dreifeldhalle mit entsprechender Nutzung durchs Viertel auf der Hand liegen würde, sei nur mal so am Rande erwähnt. Und dies ist eine Aufgabe des kommerziellen Teils, der Veranstaltung FC St. Pauli, nicht des gemeinnützigen Vereines. Ich will ja nichts sagen, aber gerüchteweise entstehen zwischen der Polizeiwache und Fanräume so ca. 600qm Platz. Passt da eine Sporthalle rein? Sonst schmeißt einfach die Polizeiwache raus, die braucht kein Mensch.

Schon gar nicht in dieser Größe und in dieser Omnipräsenz. Eine Stadionwache, ja braucht man wohl, da kommt man wohl nicht drum herum. Aber wie wäre es denn, diese irgendwo so zwischen Nord und Haupt zu bauen? Da sieht sie keiner und da nervt sie auch nicht. Und die Domwache lieber Hamburger Senat, die wolltet ihr doch schon lange sparen, oder?

Die Grundstücksgrenze

Eine weitere Frage stellt sich: Wieviel Platz braucht man? Und genau hier hat der Wellenentwurf seinen Charme, er kommt mit dem vorhandenen Grundstück aus. Ich verweise hier auf die Erläuterungen im Lichterkarussell. Nur wenn man sich die Grafik anguckt, dann ist das nicht viel Platz und ob man den nicht eventuell auch in einem klassischen Modell „schinden“ kann, ist mir nicht klar. Ich als Laie könnte mir eine angeschrägte Tribüne vorstellen, wie sie ja auch jetzt zum Spielfeldrand in der GG Realität ist. Oder ein überlappender Oberrang, wie er in Nürnberg gebaut ist.

Aber keine Ahnung, wieviel Plätze oder Geld das kostet. Auch gerade löst beides nicht das riesigste Problem des klassischen Entwurfes. Nämlich die Platzproblematik beim Dom. Und der wird sich nicht wegbewegen. Das Domreferat wird niemals (!) auf auch nur einen Centimeter Platz verzichten. Niemals!

Und ich habe einfach vor folgendem Szenario Angst: Wir weihen im August 2012 feierlich ein, dann kommt der Herbstdom, es kommt bei den 13.000 Menschen zu Gedränge, irgendwas passiert und BUMM sagt die Polizei „Tja lieber FC, zu Domspielen leider nur 10.000 Leute.“ Und selbst in diesem Szenario wird sich der Dom nicht bewegen, versprochen.

Da muss Platz und Entfluchtung geschaffen werden und dieses Problem hat die Welle deutlich gemacht und versucht eine Lösung zu präsentieren. Ob es andere gibt? Ich weiss es nicht.

Das die Welle dieses Problem durch die Flucht in die Höhe löst und sich dadurch Folgeprobleme ergeben, nämlich die der Steilheit, der Absturzsicherheit und der Bierbecherwurfsicherheit, dies muss jedem klar sein. Bei den gewünschten Dimensionen gibt es auf dieser Fläche keine perfekte und problemlose Lösung!

Haltbarkeit

Wie lange muss so ein Stadion eigentlich halten? Die Intervalle in denen Stadien oder Arenen „unmodern“ werden, sind verdammt kurz geworden, wenn man mal sieht, dass der umgebaute Bruchweg und das umgebaute Dreisamstadion innerhalb von 10 Jahren von modern zu unmodern gingen.

Trotz dieses Gedankens denke ich, dass das Teil mal gepflegte 25 Jahre ohne grössere Sanierungen halten sollte. Und da muss man sich fragen: Hält Stahlrohr in einer so gewagten Konstruktion so lange? Oder ist der alte Spruch „Hoffentlich ist es Beton“ hier vielleicht besser? Das muss absolut kritisch geprüft werden!

Kosten

Ich halte das zur Zeit für eine schwer kalkulierbare Frage. Denn Basismodell von der Stange geht halt nicht wirklich und nur bei einem Bau von der Stange wäre ein wirklich grosser Kostenvorteil zu erreichen und die Welle wäre aus dem Rennen.

Die Frage die sich stellt ist: Wenn beide Entwürfe realisierbar sind, ist die Welle einem dann eine Markfünfzig mehr wert? Und wenn ja, wie gross darf diese Markfünfzig sein? Oder neutraler formuliert: Wie gross darf die Spanne zwischen beiden Modellen sein, damit man diesen Punkt nicht als entscheidend wertet? Meine persönliche Schmerzgrenze wäre so bei einer bis 1,5 Millionen. Wobei man andere Faktoren wie z.B mehr Plätze (und wenn es nur 50 sind) gegenrechnen müsste.

Das wohlgemerkt ist ein Punkt, den wir erst dann wirklich diskutieren können, wenn wir wissen, wie die beiden Modelle ihre Probleme umschiffen.

Habe ich einen Favoriten?

Ja, den habe ich, aber der steht da und gammelt vor sich hin. Ich werde mit der Vorstellung einer neuen Tribüne niemals warm. Und ob ihr mich auf einem VIP Stehplatz oder einem normalem Stehplatz auf der Welle oder in dem Basismodell seht, das würde ich mal mit 40/60 beziffern. Ich werde also verdrängt. 😉 (Achtung: Scherz)

Und dann war da noch…

… die Rückkehr der Sozialromantiker, die ich ehrlich gesagt eher kritisch sehe, denn aus meiner Sicht ist dieser Zug schlichtweg abgefahren und zwar ohne uns. Leider hat sich nie eine Struktur gefunden, die aus einer allgemeinen Unmut wirklich politische Forderungen gemacht und gepuscht hat. Nun noch einmal an die diffuse Unmut zu appellieren erscheint mir nicht zielgerichtet. Hinter den Zielen stehe ich jedoch weiterhin voll und ganz.

… Schalke hat die durstigen Fans, titelt news.de. Was mich da mal interessieren würde, ist der pro Kopf Verbrauch, denn es sind nur absolute Zahlen genannt. Aber der Artikel beleuchtet auch mal, wie viel Geld da eigentlich gemacht wird. Und auch die Paykartenverarsche hat ihren Weg in die normalen Medien gefunden.

Sep 072011
 

Hans Apel ist tot.

All seine Ämter und Tätigkeiten aufzuzählen, überlasse ich anderen. Für mich entscheidend ist: Er war seit 1947 Mitglied meines Vereines.

Ich habe mit ihm weder politisch noch weltanschaulich wirklich viel gemeinsam gehabt. Häufig genug war ich auch im Verein in der Fraktion, die über seine Aussagen den Kopf geschüttelt hat.

Aber dies ist mir egal, er war durch und durch braun-weisser, wusste, dass die Queen warten kann, wenn es um Fussball geht und hat seinen Kopf in turbulenten Zeiten für diesen Verein hingehalten. Und dafür werde ich ihn in Erinnerung halten.

Möge er kein Termin haben, sondern im Stadion weilen, wenn die braun-weisse Himmelself um Harald Stender die Meisterschaft holt.

YWNA

Sep 062011
 

oder

Europapokal

Vorwort

Aus privaten Gründen (Alles Gute dem Brautpaar ;)) weilte man in der Schweiz und da man gerade 100 Km vom Ort des „Internationalen Testspieles“ entfernt war, war es klar, dass man nach Winterthur düst um sich den Kick zu geben.

Daher bekommt ihr einen Bericht über das Spiel. Dazu noch zu viele Worte zur SG Leipzig Leutsch und eine kurze Erklärung, warum ich nicht mehr twittere. Das ist dann auch gleichzeitig ein Ende der Debatte.

Von Zaunfahnen und Bieren

Wir brachen pünktlich auf, so dass wir trotz eines Staus natürlich viel zu früh waren. Sonst wäre ich ja auch nicht Mitglied in meinem Fanclub. 😉 Der Rest verzog sich in Richtung örtlicher Pizzeria und ich suchte meine Akkreditierung. Ich hatte dann mal so Dienstag angefragt, ob Joy eine besorgen kann und sie konnte. Nur wo war die hinterlegt, dies lies sich irgendwie am Freitag für mich nicht klären?

Um die nun folgende Story verständlich zu machen, muss man ein paar Worte über den FC Winterthur verlieren. Ein Schweizer Zweitligst, dessen Geschäftsführer Andreas Mösli nicht nur relativ lange Haare hat, sondern auf dem offiziellen Foto in der Stadionzeitung mit einem Jolly Roger Shirt (Ja, die Kneipe!) abgebildet ist. Dieser hatte sich eigentlich um alles persönlich gekümmert und Kartenwünsche erfüllt, Schals zurückgelegt und eben auch meine Akkreditierung bestätigt. Als ich da nun ankam, wusste niemand, wo diese denn sein könnte, aber der Ex-Fanbeauftragte meinte, da müsse man mal den „Mö“ fragen und der sei da hinten. Also rief man den jungen Herren, dieser kam und sagt „Du hast doch eine Mail von Joy, die zeigst du mir jetzt, dass ist die Akkreditierung.“ Gesagt, getan. „Und ja Leibchen haben wir, geh einfach durch die Kneipe, da liegen die.“ Das war ungefähr meine coolste Art der Akkreditierung ever. Insgesamt muss man sagen: Ein absolut perfekt organisierter Tag. Ein Verein, der im Schnitt sonst irgendwas unter 3000 Zuschauer hat, schafft es an einem bullig heißen Tag für reichlich Getränke zu sorgen, einen perfekten Rasen zu haben und auch sonst alles sehr angenehm und schön zu organisieren. Lieber FC: Vielleicht solltet ihr den Herrn Mösli mal abwerben, als Schweizer weiß der garantiert auch mit Geld umzugehen.

Das Stadion sollte eigentlich erst in einer Stunde aufmachen, aber in der Stadionkneipe war schon Hochbetrieb. Und siehe da: Ganz viele bekannte Gesichter. Ganz viele Südzecken, einige Hamburger und die Rhoihessefront war auch da. Und das erste Bier auch schon. Normalerweise trinke ich ja nicht, bevor ich im Innenraum fotografiere, da sich das aus meiner Sicht nicht gehört, aber heute war das mal anders.

Die Bierkurve (so nennt sich die Fankurve dort) glänzt durch einen eigenen Container (offiziell eine Kunstgalerie ;-)) über dem ein „Flora bleibt unverträglich“ Plakat hängt. Ziemlich groß und am Flutlichtmast. Tja, so geht es eben auch. Und lieber FC, das ist ein professioneller Fußballverein!

Was ich auch ganz groß finde: Der Kinderblock nennt sich „Sirupkurve“, eine Stahlrohrtribüne, die mit Trommeln und Fahnen ausgerüstet ist. Vor dieser Tribüne finden sich am Zaun auch noch einige Kisten, damit die Kinder dort auch stehen können. Das ist mal ein cooles Kinderkonzept.

Das Stadion an sich ist sowieso ein Traum. Es gibt keine Zäune, sondern nur eine Bande zum Spielfeld. Selbst im Gästeblock gibt es zwar seitlich Zäune, aber zum Spielfeld hin nicht. Die Gegentribüne hat einen sehr hübschen Absatz, der sozusagen einen Oberrang und einen Unterrang aus den Stehplätzen macht und ich mag so etwas (ähnlich wie die Kurve in Alfred-Kunze Stadion). Siehe auch die Bilder, die aber leider noch etwas auf sich warten lassen.

Exkurs: Was in der Schweiz ein bisschen eigenartig ist, zumindest wenn man Deutschland gewöhnt ist, ist das Verhalten von Polizei und Ordnungsdienst. Die Polizei an sich ist auch bei Risikospielen in Stadien nicht oder erst sehr spät präsent. Dafür sehen die Ordner aus wie bei uns Polizisten, haben Vollschutz, Knüppel und Reizgas. Und in diesen Ordnertruppen versammeln sich Leute, die auch Bock haben, sonst machst du diesen Job nicht.

So zeigt dieses Video (Link geht auf den After Chances Blog) auch nur die halbe Wahrheit, denn vor dem aus dem Block prügeln dieser Mutantenordner, haben diese auch mal fröhlich auf die Leute eingeschlagen, die von hinten auf die Blockabsperrung gedrückt wurden, ohne, dass diese sich irgendwas zu schulden gekommen lassen hatten. (Nochmal: Das ist keine Polizei, die da zu sehen ist, auch wenn sie so aussieht) Nun mal ganz deutlich: Keine Sympathie mit Basel, aber das Problem in der Schweiz ist schon etwas vielschichtiger, als es in der Presse gemacht wird. Das sind eben nicht nur „brutale Hooligans“, sondern eben auch eine Polizei, die keine Nahkampferfahrung hat, die überhaupt keine Pläne für Menschenmassen hat (so die Formulierung eines Schweizers). Hinzu kommen Ordnungsdienste, die sich durch Brutalität und Willkür auszeichnen und endet bei Fußballfans, welche diese Freiheiten nutzen um wilde Sau zu spielen. Gefährliche Mischung, wenn man mich fragt und die Schweiz sollte dringend ihre Konzepte überarbeiten. Und „Law and Order“ ist auch hier kein sinnvolles Konzept

Exkurs Ende, denn heute waren zwar finstere aussehende Ordner anwesend, aber die habe ich genau einmal gesehen, nämlich als sie ihre „Waffen“ anlegten.

Nach einer Stadionbesichtigung trank man noch ein Bier und dann entschloss man sich doch den regulären Gästeblock zu nutzen, obwohl bewusst auf einen Gästeblock verzichtet worden war. Der Grund war eigentlich ganz einfach: Er lag im Schatten. Und er füllte sich mit ca. 800 Leuten, wobei wir irgendwie 25 Leute aus Hamburg, plus ca. 100 Leute, die man schon mal irgendwo gesehen hat, gezählt haben. Der Rest waren Punker und Sympathisanten aus der Nachbarschaft, aber es waren auch keine schlimmen Ausfälle dabei. Bemerkenswert aber, dass von der Haupttribüne wirklich zwischendurch „Pauli, Pauli“ als Anfeuerung gerufen wurde.

Und nun kommen wir zum Thema des Tages: Zaunfahnen. Ein jetzt namentlich genannter Fanclub vergaß seine Fahne und durfte sie dafür später umgedreht am Gästeblock hängend bewundern. Hat ein bisschen gedauert, aber dann kam der etwas ungehaltene Fahnenbeauftragte und wunderte sich. Die Lacher waren groß und die Sprüche flogen nur so. Die sollen mal froh sein, dass wir den Lappen nicht still und heimlich eingepackt haben und ihn Sonntag auf der Gegengerade präsentiert haben. 😀

Die Osnabrücker Gang hat einen neuen Zaunlappen und auch der musste ausgiebig fotografiert werden (falls jemand von denen das liest: Fotos kommen). Und so konnte das Spiel beginnen. Mit einer etwas verwunderlichen Fahne am Zaun, hing da doch ohne Witz eine Fahne der Rauten. Okay, das empfand man nun nicht wirklich als gelungen und so musste die mal dringend den Platz wechseln. Und da die dahinterstehenden nur „Nein, ist nicht unsere, nehmt ruhig mit“ antworteten, wurde die mal etwas dezenter gelagert. Und nein, ich habe das nicht mitbekommen, denn ich kochte im Innenraum zu diesem Zeitpunkt, aber so ist es mir erzählt worden.

Ansonsten: Alles entspannt, auch auf Winterthurseite viele Leute in Antira Shirts oder ähnlichem Zeug. Was man da immer merkt: St. Pauli ist eine Idee, die sich fortpflanzt. Und das ist es, was mir gefällt.

Zum Spiel muss man nicht viel sagen, Winterthur war in allen Belangen unterlegen und das gegen eine Mannschaft unseres FCs, die schlichtweg nur halb Schwung gab. Gut für Saglik, dass er zwei Tore machte, das ist für so einen Stürmer ja immer ganz wichtig, damit es vielleicht auch mal klick macht. Auffällig ist, dass Schachten anscheinend immer in Testspielen trifft. Ein Mitglied der Reisegruppe will nun für das erste richtige Testspiel im Winter 100 Euro auf ein Tor von Schachten setzen. Scheint ein sicheres Ding zu sein.

Auf den Rängen eine ausgelassene Stimmung, inklusive Pyro beim Anpfiff, was leider dem FC Winterthur Geld kosten wird, denn in der Schweiz geht so etwas automatisch, auch bei Freundschaftsspielen. Angesichts der fetten Cateringumsätze und den wohl doch mehr als erwarteten Zuschauern hoffe ich mal, dass die das verkraften können. Und dann wollte der Paupi noch flitzen und was macht er? Er schickt seinen Vertreter, der aber immerhin vollkommen nackt einmal das Tor umrundet. Naja, wie gehe ich jetzt mit diesem Foto um? Ihr könnt in den Kommentaren gerne abstimmen.

Nach dem Spiel wurde das ganze in Bier ertränkt und das meine ich so, wie ich es sage. Danke Mö, danke Riri, danke FC Winterthur für ein wahrliches Freundschaftsspiel.

Was nebenbei bemerkenswert war: In Deutschland würde ein Stadion auch bei einem solchen Spiel schnell geräumt werden und auf eine Eventarena beschränkt werden. Hier bleibt das Stadion offen, Kinder tollen auf dem Rasen rum, nehmen die Werbebanden als Spielzeug und alles ist entspannt. Keine Ordner, die hektisch dicht machen, keine Zäune. Einfach nur eine entspannte Stimmung in der Sonne.

Diskriminierung/Herrschaftswissen und warum ich nicht mehr twittere

Vielleicht haben sich einige Leute gewundert, dass ich seit Mittwoch letzter Woche nicht mehr twittere. Die meisten werden es wahrscheinlich nicht getan haben, denn so lebensnotwendig sind meine Beiträge nun auch nicht. Warum habe ich nicht mehr getwittert? Weil mich so vieles stört und ich so vieles, was mich stört auf Twitter komprimiert wiederfinde. Gleichzeitig ist dies ein Beitrag zur sich schon Wochen hinziehenden Diskussion über Gentrifizierung und Diskriminierung beim FC. Und es ist mein vorerst letztes Wort zu diesem Thema.

Ich muss ausholen, daher wird es teilweise ein bisschen unverständlich, ich bitte dies schon vorab zu entschuldigen. Herrschaftswissen, das im Sinne eines Wissensvorsprungs zur Machterhaltung genutzt wird, kotzt mich an. Das ist umso erstaunlicher, als dass Juristen klassisch die Personen mit Herrschaftswissen sind. Sie wollen deswegen auch nix erklären oder wirklich vom „gemeinen Volk“ verstanden werden, weil das ihre Macht untergraben würde. Und diesen Einfluss gibt ihnen die Gesellschaft bis heute. Warum werden wohl Juristen zu Urteilen zitiert, aber nie mit der Begründung, warum ein Urteil so ist, sondern nur mit einer These, die dann als Wahrheit hingestellt wird. Bestes Beispiel ist der Becherwurf, wo ein Jurist im Abendblatt und einer in der Hamburger Morgenpost behauptet, dass man den Verursacher in Haftung für alles nehmen könnte. Dass dies SO einfach nicht richtig ist und das Urteil aus Rostock, was dort immer als Musterurteil genommen wird, doch deutlich differenzierter ist, das interessiert niemanden. Weder den Juristen, der seinen Namen in der Zeitung sieht, noch den Journalisten, der ihn als „Experten“ (die bekanntlich die Titanic gebaut haben, während die Arche von Laien gebaut wurde) interviewt, geschweige denn den Leser, der das ganze vollkommen unreflektiert übernimmt. So funktioniert das nebenbei auch mit Polizeimeldungen.

Und leider nicht nur dort. Auch in linken Zirkeln ist Herrschaftswissen und das Arbeiten mit Herrschaftswissen an der Tagesordnung. Da wird auf irgendwelche Philosophen als Begründung verwiesen, die im Notfall niemand der Leser gelesen hat und falls doch wahrscheinlich wieder vergessen hat. Das weder Hegel, noch Adorno (der aber natürlich pauschal immer Recht hatte; Danke Claudia für diesen herrlichen Link), noch irgendein anderer Philosoph irgendetwas zu Gentrifizierung oder Gegengeradenbaustilen geschrieben hat, interessiert nur am Rande. Und erklären, warum man auf diese Quellen kommt? Und was sie mit dem konkreten Fall zu tun hat? (sorry, Juristenformulierung) Warum das denn? Der aufgeklärte Stadtmensch hat die gelesen zu haben und der Adendorfer ist sowieso meistens zu doof und darf deswegen nicht mitreden.

Das ist perfektes Herrschaftswissen, denn da ja die meisten schon deswegen nicht mitreden dürfen, können, sollen, kann ich als (angeblich) Wissender einen nach dem anderen raus hauen. Und jedes Argument dagegen kann ich durch Adorno, Hegel, wen auch immer entkräften, ich sage nur bloß nie warum.

Letztens war der hochgeschätzte Licherkarussellmacher sehr überrascht, als ich sagte, dass ich mich nicht als „links“ definiere. Diese – vielleicht auch für den geneigten Leser – erstaunliche Erkenntnis liegt genau an dem eben geschriebenen. Da wird ein Demoaufruf gegen Wohnungsnot in großen, studentischen Worten irgendwann auf „das System“ gelenkt, wobei im Notfall a. niemand weiß, was gerade gemeint ist und b. sich wahrscheinlich auch die 100 Leute, die es verstehen nicht einig sind, was eigentlich „das System“ ist. Aber es ist super, denn man hat die unbekannte Krake (zu der natürlich auch niemand gehört, wenn er gerade in den Aldisupermarkt latscht oder bei Shell tankt), die man bekämpfen kann. Aber so, wie ich das schreibe, ist das wahrscheinlich eine verkürzte Kapitalismuskritik und deswegen strukturell antisemitisch. Keine Ahnung ehrlich gesagt und ich behaupte mal, dass es wahrscheinlich 99% meiner Leser so geht, dass sie keine Ahnung haben, was eigentlich eine verkürzte Kapitalismuskritik ist und warum diese strukturell antisemitisch ist. Aber man wird dann voll der Antisemit, meistens ohne es eigentlich überhaupt zu wissen, zu wollen oder zu ahnen (so etwas wie Vorsatz, oder Fahrlässigkeit, das gibt es bei solchen Leuten nicht, da gibt es nur Gut oder Antisemit). Aber egal.

Und hier habe ich immer ein Problem: Man kann sich über solche Dinge stunden-, wochen-, monate-, jahrelang streiten und es wird auch getan. Aber was man dabei vergisst ist, dass jeden Tag noch mal: JEDEN TAG Nazis nicht darüber diskutieren, ob ein rausgerotztes „Scheiß USA“ nun antisemitisch ist oder nicht, sondern JEDEN TAG zwei Menschen körperlich verletzen. Nicht sprachlich und das ist für mich ein sehr viel dringenderes Problem. Ja, ich habe da Prioritäten und diese muss man setzen. Ach Mist, wieder falsch! „Das System“ braucht ja die Nazis. Habe ich vergessen. (Sorry für die Polemik)

Und wenn ich sehe, wie sich die Linke hier zerfleischt, wie sogenannte Antideutsche mit sogenannten Antiimps streiten, wie man ständig judäische Volksfront und Volksfront von Judäa schreien will, dann will ich kein Linker sein. Nein, ich habe keine Sympathien dafür, Israel als Monster darzustellen, denn das ist nicht strukturell antisemitisch, das ist schlichtweg nur antisemitisch. Ich habe aber auch kein Bock darauf, dass Araber mit Tieren gleichgestellt werden und/oder einem Hass auf Muslime das Wort geredet wird. Und hier habe ich das erste Mal mein Problem mit Twitter, denn an einem sogenannten Follow Friday (Freitags werden Accounts zum folgen empfohlen) wird dann mein Blog/Twitteraccount zusammen mit einem dieser unsäglichen Blogs in einem Tweet und ohne Differenzierung genannt, der eben genau diesen Hass auf Muslime aus der sogenannten antideutschen Sicht predigt, der eben genau „Für Arabern und anderen Tieren“ als angemessene Überschrift stehen lässt. Und wenn das jetzt jemand Unbefangenes liest, ordnet er mich dann dort ein? Oder kann er das differenzieren? Ich weiß es nicht und ich kann es nicht steuern und das stört mich.

Dieser Blog weiß schon ganz genau, warum er nie etwas zum Nahostkonflikt schreibt, denn da kann man nur was falsch machen, weil hier mit Herrschaftswissen nur so um sich geworfen wird. Und das aus Quellen, deren Echtheit, deren Neutralität (gibt es solche hier überhaupt?) man sowieso nicht überprüfen kann. Zumindest nicht in einer angemessenen Zeitspanne. Und dies ist immer noch ein Fußballprollblog und kein Politikphilosophenblog.

Und noch ein Problem habe ich bei Twitter: Ich möchte zwei Thesen in dieser Welt verankern, die mein Idealbild sind. These 1: Alle Menschen sind gleich. These 2: Niemand wird aufgrund seiner Herkunft, seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, seiner Religion, seiner sexuellen Orientierung (man setze hier bitte noch die ganzen Sachen ein, die ich jetzt vergessen habe) diskriminiert. Das sind sehr nah aneinander liegende Thesen, aber sie sind doch nicht gleich. Diese beiden Thesen vertrete ich und nur auf Basis dieser beiden Thesen diskutiere ich. Ich bin ein sehr starker Verfechter des „Führens durch Vorbild“. Wenn ich Leute überzeugen will, dann schaffe ich es am besten, in dem ich ihnen Vorbild bin. Und bei diesen beiden Thesen versuche (!!!) ich Vorbild zu sein. Es klappt nicht immer, aber ich versuche es und verlange es von jedem, der diese Thesen wirklich ernst meint. Das „führen“ ein grauenhaftes Wort ist, sei nur am Rande erwähnt, das ist aber so ein stehender Begriff, daher habe ich ihn benutzt.

Nein, die Gesellschaft vertritt diese beiden Thesen nicht. Ich garantiert auch nicht immer, aber ich versuche es wenigstens. Denn nur so und nicht anders, kann man aus meiner Sicht die Gesellschaft ändern. Aber: Wenn jemand mit mir über Diskriminierung und alle anderen Themen sprechen will, dann nur auf Basis dieser Thesen. Nur im Rahmen der Gleichberechtigung von allen Diskussionsteilnehmern und bei gleichen Spielregeln für alle. Ich diskutiere nicht, wenn einer Leuten aufgrund ihres Wohnortes (Herkunft!) das Recht abspricht irgendetwas zu beurteilen. Das ist lächerlich. Wer darf denn z.B. über die Entwicklung St. Paulis diskutieren? Nur die Menschen, die in diesem Stadtteil wohnen? Reichen noch angrenzende Stadtteile? Barmbek? Poppenbüttel? Nur auf St. Pauli Geborene (Mist, dies ist ein Moment wo ich dann meine Mutter bräuchte)? Nur in 2. Generation dort lebende? Oder vielleicht auch Menschen, die sich mit dem Stadtteilverein (und ja, das ist er) identifizieren? Ihr merkt, dass man sehr schnell in eine „Ich steh hier aber schon seit 20 Jahren“ Argumentation kommt, die drei Zwecke verfolgt: 1. Macht erhalten bzw. schaffen, 2. Leute ohne Argumente mundtot zu machen und 3. zu diskriminieren! Und dies spiele ich nicht mit. Weder, wenn es um Gentrifizierung geht, noch bei irgendeinem anderen Thema. Und klar, eine Diskriminierung als Landratte für einen Vorortbewohner ist deutlich etwas anderes, als die Diskriminierung z.B. einer Frau, aber im Endeffekt ist es doch Diskriminierung. Und da spiele ich nicht mit.

Meine inhaltliche Meinung sollte bekannt sein, daher weiß ich jetzt auch, was als Gegenargument kommt: „Du willst doch nur deine weiße, heterosexuelle, reiche, vorstädtische Herrschaft erhalten.“ Ich sage dazu nur eines: Ich strebe keine weltliche Macht an. Schon gar nicht in diesem Verein. Und dieser Blog will es auch nicht. Er will Denkanstöße liefern und meine Meinung (!) in die Welt hinausbrüllen, er will natürlich Vorbild sein. Aber er wird niemals und ich wiederhole NIEMALS das Recht der einzigen Wahrheit oder der einzigen richtigen Meinung pachten. Er will seine (!) Meinung erläutern und nachvollziehbar machen und er will sein Wissen gleichberechtigt teilen. Das klappt nicht immer, aber hoffentlich immer öfter. Klappt es nicht, hoffe ich auf entsprechende Kommentare. Oder um es mit einem amerikanischen Songwriter zu sagen (und dieses Zitat hatte ich schon vor Jahren in diesem Blog):

a righteous student came and asked me to reflect

he judged my lifestyle was politically incorrect

I don’t believe in self important folks who preach

no Bad Religion song can make your life complete

prepare for rejection you’ll get no direction from me

(Der geneigte Leser sieht den erstmal vorhandenen Widerspruch zu “Führen durch Vorbild”. Ein Führen durch Vorbild ist für mich hier aber erstmal keine Machtausübung und soll auch keine „direction“ sein, so wie ich (!!!) diese Zeilen verstehe.)

Danke für diese weisen fünf Zeilen. Was hat dies nun mit Twitter zu tun? 140 Zeichen, Verkürzung, Totschlagargumente sind ein Markenzeichen dieser Plattform. Das stört mich.

Und noch etwas stört mich an Twitter: Diese Erstellung von Bewegungsprofilen, denn es ist dort vollkommen normal in die Welt zu schreiben: „Oh, ich habe gerade @magischerfcblog“ da und da gesehen“. Ob der dies will, ob dies für ihn in Ordnung ist, das wird nicht gefragt. Und ja, da bin ich paranoid. Und ja, es stört mich. Und auch deswegen twittere ich nicht mehr. Insbesondere, weil dies jeder überall lesen kann, wenn er weiß, wie er danach sucht.

Ich habe viele sehr nette Leute über Twitter kennen gelernt, viele sehr lustige Stunden mit diesen Menschen verbracht und ich will den Kontakt zu vielen absolut nicht missen. Daher lebt mein Account noch, deswegen habe ich ihn nicht restlos gelöscht. Aber schreiben? Das tue ich nicht mehr, zumindest nicht öffentlich. Mein letzter Tweet kündigt diesen Bericht an. Wer danach noch in Kontakt mit diesem Blog bleiben will, der kann dies über Newsfeed, Facebookfanseite oder den guten alten Mailnewsletter tun.

Und ihr merkt etwas? Ja, dieser Abschnitt schießt sich gepflegt selber ins Knie, denn er setzt Wissen voraus und erklärt es jemandem, der dieses Wissen nicht hat, nicht worum es geht. Klassisches Herrschaftswissen. Sorry dafür, es ist einer gewissen Eile und Frustration geschuldet.

Wer Visionen hat, der gehe zum Arzt!

Im Hamburger Abendblatt findet sich eine Serie, wo nach Visionen für den Stadtteil St. Pauli gefragt wird. Die Artikel sind mehr oder minder so, dass man sofort mit dem Kopf auf den Tisch hauen will. Ich verweise hier nur auf meine Kollegen vom Lichterkarussell (früher nebenbei hieß Gentrifizierung mal Yuppisierung und jeder wusste, was gemeint war ohne Handbuch) und stpauli.nu . Ich persönlich mag mich mit dem Beitrag von Corny nicht auseinandersetzen, auch nicht mit dem Beitrag von Schreiber oder wem auch immer. Ich finde solche Visionen in diesem Fall immer aufgestülpt und vieles auf St. Pauli ist unumkehrbar und Wahnsinn und offene Verdrängungspolitik. Wenn ich einen Wunsch, eine Vision für St. Pauli hätte, dann wäre er eigentlich ganz einfach: Das St. Pauli den Balanceakt zwischen Vergnügungsviertel und Wohnquartier, zwischen Schlagermove und Parks, zwischen Laut und Leise, zwischen Spielbudenplatz und Großer Freiheit, zwischen FC und Hafen, zwischen Yuppie und Armen irgendwann sozial ausgewogen hinbekommt, ohne seinen Charakter als sündige Meile zu verlieren und sich doch weiter zu entwickeln. Wie? Das kann ich euch nicht sagen. Ich weiß es nicht, ich hoffe es passiert organisch und nicht, weil die Politik Flächen verplant, die einfach gar nicht existieren. Ich befürchte beinah, es passiert nicht so.

Hallo DFB, gibt es wieder keine Beweise?

Ohren putzen, hinhören, Verein verurteilen, am liebsten gleich wieder auflösen, lieber DFB.