Aug 082011
 

oder

Fehleranalyse

Vorwort

Liebe Leser, wenn man keine Probleme hat, dann macht man sich welche, ist ja das Lebensmotto des FC Köln. Zur Zeit mal wieder darin zu bewundern, dass man der Identifikationsfigur die Kapitänsbinde wegnimmt. Ähnliches kann man bei uns in der Diskussion um Fans und Fanverhalten auch immer wieder bewundern. Ich möchte daher mal Folgendes an einem Satz klar stellen, der in Trier gefallen ist: „Bei St. Pauli gibt es eine Fanszene und es gibt ein drumherum.“ Und ich bin Teil der Fanszene. Ganz klar, ganz deutlich und ganz ausdrücklich. Ich fühle mich in dieser Szene wohl und verstehe mich ausdrücklich als (auch mal kritischer) Teil von ihr. Ich vertraue den meisten Leuten, die dort (ehrenamtlich) das heutige St. Pauli erschaffen haben und weiter erschaffen. Nein, sie sind nicht frei von Fehlern und es gibt auch genügend Leute, die ihre Machtpositionen unbedingt nicht verlieren wollen (Kritik), aber es ist immer noch das, was wir haben, das was uns prägt und das, was dies alles möglich gemacht hat und macht. Ich bin Fanszene, ich bin nicht drumherum. Offen und interessiert? Immer. Aber konturlos? Nein! Und auch mit einer eigenen Meinung. Und eher bei den Leuten, die ich persönlich (doppelt unterstreichen) seit Jahren kenne und nicht bei den Leuten, die ich flüchtig aus dem Internet kenne. Ich sage es mal so: Mit wem ich in Essen im Flaschenhagel gestanden habe, dem vertraue ich doch deutlich mehr, als dem, den ich von ein paar Tweets kenne. Und wer etwas bei St. Pauli bewegen will, der muss sich (teilweise auch leider) auf die gegebenen Strukturen einlassen. Wer all diese Strukturen ablehnt, wer Reflexe nur rauskitzeln will, anstatt sie bewusst zu umgehen um der Sache wegen, der mag zwar Recht haben. Aber Recht haben und Recht bekommen, das ist wie Gerechtigkeit und Jura. Das sind zwei verschiedene Dinge. In diesem Sinne: Viva St. Pauli.

So, nun aber zum Spiel gegen Aachen.

Vorhersagen erfüllen

Ich will raus aus Liga 2. Ich will raus aus dieser Liga der nervigen Anstoßzeiten, der Pseudokults und der nervigen Finanzen. Da man in Deutschland den Fußballsport kommerziell gewinnbringend beinah nur noch in Liga 1 betreiben kann, will ich hier nicht bleiben. Anstoßzeiten, wenn man sich schon über montägliche Heimspiele freut, weil es die einzige Anstoßzeit ist, die klar im Freizeitbereich der Mehrheit der Bevölkerung liegt (man entschuldige mir die Diskriminierung aller Schichtarbeiter), dann zeigt es schon, wie absurd diese Fernsehgeilheit geworden ist. Hier sollte der FC mal sich an die Speerspitze der Bewegung stellen und sich weigern, überhaupt von diesen Scheißsendern übertragen zu werden.

Also wieder um 13 Uhr Feierabend gemacht, damit man überhaupt noch was soziales machen kann an einem solchen Spieltag. Ja, für mich ist Fußball auch Freunde treffen, rumalbern, prollig sein, auch mal politisch unkorrekt zu sein. „Sometimes antisocial, always antifascist“ sage ich nur. Oder wie stand es so schön im OutofControl: „Tigers ist prollen gegen die Gesamtscheiße“. Das ist so richtig, das möchte ich mir am liebsten tätowieren. Ja, ich will leben, lachen, doof sein, unkorrekt sein, schreien und so weiter. Genauso wie ich politisch, selbstkritisch und allgemein kritisch sein will.

Und so waren wir in trauter Runde im Hin & Veg. Menschen, mit denen ich schon gemeinsam in Dresden war, mit denen ich gemeinsam schon in Bussen durch das ganze Land gefahren bin und von denen ich weiß, wie sie ticken. Ich zitiere hier mal ein Lied von New Model Army:

Give me some place that I can go, where I don’t have to justify myself.

Ja, diese Menschen sind so ein Platz. Ich muss mich da nicht rechtfertigen, ich kann ich selbst sein und jeder weiß, dass ich auf der richtigen Seite der Macht stehe. Und das ist für mich St. Pauli.

Für mich ist St. Pauli, dass ich in den Fanladen gehe, von Leuten gegrüßt werde, die ich immer noch nicht mit Namen kenne, einfach, weil wir beide wissen, dass wir uns Freitag Abend in Bochum wiedersehen werden, weil wir wissen, dass wir beide dazu gehören, egal ob wir gleich oder unterschiedlich sind. Das ist St. Pauli.

Für mich ist St. Pauli, dass den Fanräumeschleppern (Helden des Alltages!) immer geholfen wird und jeder sich freut, sie zu sehen. Das ist St. Pauli. Das ist Familie.

Ich habe am Stadion einfach mal rumgegammelt, denn die Zeit war schon wieder knapp bemessen und die ganzen lieben Menschen, die von außerhalb angereist kommen, die verpasst man aufgrund der knappen Zeit (SPM) oder sieht sie nur kurz (HoTo). Wen interessiert bitte da der Fußball auf dem Rasen?

St. Pauli ist so wenig Fußball, wie es nur sein kann. Ja, ich will pöbeln auf den Rängen, ich achte da nicht auf die 1.000 % Korrektheit und ein Schiedsrichter bekommt auch mal eine an sich strafbare Beleidigung an den Kopf. Wer Fußball anders erleben will, der gehe bitte zum Handball. Fußball muss dreckig bleiben und spätestens, wenn ich mich nicht mehr über so absurde Schiedsrichterleistungen wie die am Freitag aufregen darf, ohne eine PC-Diskussion zu führen, dann ist es nicht mehr meines. Denn diese Leistung war zwar unparteiisch im besten Sinne, sie grenzte aber an das Absurde, an das Surreale. Wie verbogene Uhren bei Dali (nicht zitierfähig, oder?), so ungefähr pfiff dieser Schiedsrichter. Da wird Kalla so umgetreten, dass er mindestens ein Spiel ausfällt. Und was bekommt der Übeltäter? Gelb! Bis dahin war der Stiepermann der beste Aachener, jetzt stoppt ihn Kalla einmal und er begeht ein brutalstes Frustfoul. Und bekommt Gelb. Nun kann man das ja noch als gespielten Witz sehen, aber dann haut Stiepermann noch einen im Mittelfeld um, geht schon von alleine vom Platz und der Schiri holt ihn zurück für die Ermahnung. Ja, Hallo geht es noch? Die Flüche von mir waren jetzt nicht wirklich mehr druckreif. Ein paar Minuten später wird ein Aachener für eine Lächerlichkeit im Mittelfeld vom Platz gestellt. Ebenso der Elfmeter, den man ehrlich gesagt nicht geben kann und eine weitere Reihe von mehr als komischen Entscheidungen machten die ganze Leistung mehr als absurd. (Und da sieht man am Montag Bibi über den Platz traben und weint, weil da weiß man: Hansa – Bochum => gute Schiedsrichterleistung.)

Oh, ich greife vor, denn eigentlich stehe ich erstmal bei meinen usual Hackfressen an meinem Wellenbrecher. Ja, Familie, das hat was von Familie. 20 Jahre, die gleichen Gesichter, hier muss ich mich nicht rechtfertigen. Außer bei meiner Schwester, der ich – mal wieder – das Ohr abgebrüllt habe. Aber das kann sie ab. Mir graut vor der neuen Gegengerade. Nein, ich will niemand Neues. Nein, ich will kein „jetzt brüll doch nicht so rum“, die Leute habe ich über die Jahre alle erzogen oder sie sind weggezogen. Ja, egoistisch, intolerant, etc. Wir gehen immer mehr in die Richtung uns am Ende der Saison alle unsere Leute zu greifen und dann wieder genauso zu stehen wie jetzt. Da habe ich lieber die Frau, die sich immer über die Fahnen aufregt neben mir, als irgendjemand Neues. Ja, das ist intolerant. Intolerant, weil ich so sein kann, wie ich möchte.

Noch mal zurück. Der Verein kontrolliert nun, dass Mitgliederdauerkarten auch nur von Mitgliedern genutzt werden. Herzlichen Glückwunsch lieber Verein, mal wieder werden die treusten der Treusten verarscht. Mal wieder die, die pro Jahr 120 Euro (vollkommen überteuert nebenbei, wenn man bedenkt, dass der Lokalrivale ungefähr die Hälfte kostet) in den Kreislauf St. Pauli pumpen. Ja, es geht um die gefährliche Summe von ca. 70 Cent pro Spiel und Differenz zur vollen Dauerkarte. Ja, war wichtig, lieber Verein. Ganz ehrlich: Ganz freche Abzocke, ganz freche Nummer. Denn hier wird – anders als bei sozialen Ermäßigungen – die Ermäßigung erkauft. Und man komme mir jetzt bitte nicht mit den unzähligen Leuten, die natürlich nur einmal pro Jahr eintreten, um eine Mitgliederdauerkarte zu bekommen. Glaubt ihr doch selber nicht. Ganz ehrlich: Hoffentlich nach der JHV Geschichte. Für die freie Übertragbarkeit von Mitgliederdauerkarten auch an Nichtmitglieder! Es bleiben dann immer noch netto über 100 Euro im Verein. Aber da bei diesem Verein (wie in so vielen Vereinen) das Prinzip gilt, dass man treue Kunden verarscht und einmal Kunden umwirbt, muss man sich über solche lächerlichen Praktiken nicht mehr wundern. Wie sagte jemand so schön: Wird im Fanshop auch kontrolliert, ob ich meinen ermäßigt gekauften Schal nicht weiter verschenke?

Zurück zum Wellenbrecher: Hier ist ebenso Platz für unsere Fanräumeaktivsten, der dann im Pöbeln die Überschrift prägt (und bei dem kein Standard etwas einbringt), wie für einen heimatlosen Twitterer, der mal eine Karte geliehen hat. Und wer mal eine Auszeit macht, wird nach Rückkehr wieder ins Herz geschlossen. Egal ob er freiwillig mal weg bleibt oder unbedingt nach Kanada musste. Und er wird sowieso immer vermisst.

Hells Bells, der Rücken kribbelt, die moderne Liveübertragung per Handy gesichert, Ticker per SMS geht leider nicht mehr, scheiß Smartphones. So muss die arbeitende Bevölkerung bis nach dem Spiel warten. Scheiße genug. Die Gänsehaut wird verstärkt, als die Schweigeminute kommt, die Schweigeminute, die niemand erleben wollte. Harald Stender wird verabschiedet. Beide Mannschaften stellen sich am Mittelkreis auf (schön nebenbei, dass das seit einiger Zeit auch in Deutschland so gehandhabt wird, besser als das frühere irgendwo rumstehen) und es ist mucksmäuschen still. Außer dem Idiot, der unbedingt da rein brüllen musste. Wenn ich neben dem gestanden hätte, säße ich nun wegen schwerster Körperverletzung im Knast. Danach explodiert das Stadion in einem lauten Aux Armes.

Sitze und Stehränge sind leer. Zu früh im Jahr, zu viele Karten noch im Urlaub. Elektronisches Einlasssystem? Tauschbörse im Internet? Überfällig, gute Modernisierung, wenn man eines beachtet: Unser Verein, unsere Regeln! Das klingt selbstverständlich, ist es aber leider nicht. Wir sind der Verein gilt nur dann, wenn die schweigende Mehrheit (LOL) endlich mal ihren Arsch hochbekommen würde und endlich mal mitarbeiten würde und nicht nur immer alles ablehnen würde, weil es in der Bildzeitung doch anders stand.

Das Spiel beginnt, unsere Jungs haben die Hosen voll. Anders kann man es nicht sagen. Spielerisch läuft 90 Minuten nix. Daher und nur deswegen ist ein Spieler wie Takyi auch vollkommen fehl am Platze. Charles braucht ein zwei gute Dinger, dann flutscht das. Aber in so einem Hektikspiel, da steht er schnell falsch und ist überfordert. Ich mag ihn trotzdem. So eine kleine Diva passt doch auch zu uns. Worüber soll man sich sonst aufregen? Und wer sonst bei uns hat so einen schönen Fuß? Und passt mal auf, Charles wird noch richtig wichtig für uns diese Saison.

Spielerisch läuft nix? Aber die Jungs haben das Messer gezückt und es blitzt zwischen den Zähnen. Das ist endlich wieder St. Pauli. Das ist nicht mehr das Stanislawskische „Wir wollen alles spielerisch lösen“. Nix dagegen, aber wenn man keinen Plan B oder sollte ich eher sagen Plan L habe, dann klappt das nicht. Plan Laufen funktioniert eben auch mal. Die Jungs kämpfen sich rein. Sobiech gewinnt an Sicherheit, Kalla fightet gegen Stiepermann und irgendwann hat er ihn, nimmt ihn den Ball ab, nimmt ihn noch mal den Ball ab und wird umgetreten.

Unzulänglichkeiten häufen sich auf dem Platz und das Spiel wirkt wie im Zirkus, wo sich zwei jonglierende Clowns die Bälle so zuwerfen, dass es unbeholfen aussieht und doch gekonnt ist. Nur ist das hier ein Spiel zur Unterhaltung? Klar! Unterhaltsam, aufregend, lustig und damit Unterhaltung im besten Sinne war dieses Spiel. Boller versucht den No-Look Befreiungsschlag und ein Aachener bedankt sich mit einem sehr sehenswerten Tor. Bei uns fliegt ein langer Pass auf Kruse, dessen Gegenspieler „Nimm du ihn, ich habe ihn sicher“ mit sich selbst spielt und so kann er den Ausgleich erzielen. Vorher hat Sebastian Schachten aber noch seinen großen Auftritt im kunstvoll daneben schießen.

Wie es sich in einer guten Gala gehört, gibt es auch Überraschungsmomente. Foul? Oder nicht? Elfmeter! Und während sich alle sicher sind, dass Brunsi wie in den ganzen letzten fünf Jahren flach links unten (vom Schützen aus gesehen) schießt, denkt sich Brunsi „Arschlecken“ und ballert den Ball in die Mitte.

Halbzeit zwei. Viel Krampf, viel Kampf. So will ich St. Pauli. An der Linie mimt Hyballa den Raubtierdompteur und hätte ihn nicht der Käfig Coachingzone gebremst, dann wäre der von Zaun zu Zaun gelaufen. Bei einer jungen Mannschaft und einem jungen Trainer finde ich das cool. Seine Aachener versuchten auch alles, aber wenn du Scheiße an den Hacken hast, dann hast du Scheiße an den Hacken (alte Weisheit) und wäre dieses Spiel letzte Saison bei uns noch unentschieden ausgegangen, so werden diese Saison die Aachener nicht belohnt.

Bei uns tritt noch mal kurz der Clown in Form von Saglik auf und ballert den Ball kunstvoll, elegant und doch zum lachen an die Latte. Dann aber zaubert Saglik in dieser Zaubernummer endlich mal Übersicht aus dem Hut (das fehlte in allen vorherigen Kontern, weil es durch einen Zauber versteckt war), ein schöner Pass auf Kruse und der heutige Zirkusdirektor beendet die Vorstellung mit einem 3-1.

Das Publikum jubelt, das Publikum geht gut unterhalten nach Hause und wird in 14 Tagen wieder kommen, wenn der Zirkus zum nächsten Gastspiel in der Stadt ist. Trotzdem sieht der Kritiker noch Verbesserungsbedarf, denn unser Ensemble hat doch Lücken zwischen den Trapezkünstlern in der Sturmhöhe und der Elefantendressur in der Abwehr. Und unser Polizist vom Dienst war angeschlagen und auch nicht in Topform, so dass in seinem Ermittlungsgebiet sich immer wieder Lücken auftaten, sich Schachten von der gekonnten Pferdedressur lösen musste, reinrücken musste, alles verschieben musste und plötzlich auf Kallas Seite das Rennpferd durchging. Da müssen die Trapezkünstler besser nach hinten verschieben, dann kann Kalla auch das Rennpferd Stiepermann besser dressieren.

Der Vorhang wird geschlossen und nun das Publikum rauscht in die Nacht. Ich will nun lachen, ich will hippelig-freudige Menschen sehen, ich will pöbeln, ich will albern sein, nein sorry, nun ist nicht der Moment um über politische Ansichten zu diskutieren oder eine Diskussion führen, morgen wieder ja, aber nun will ich berauscht sein. Und dies ohne Alkohol. Ja, unbeschwert leben will ich. Ich will romantisch sein und wenn eine Dame vom Heiraten spricht, als ob es einkaufen wäre, aber dabei die Augen ein „verdammt nochmal ich bin richtig verliebt und freu mich drauf“ ausstrahlen, dann macht das bei mir #hach. Und wenn ich dann noch meine Nachbarn nach Hause fahre und merke: Mensch, lange nicht gesehen und doch gleich wieder verstanden, dann weiß ich: St. Pauli, das ist Heimat.

Hmm, aber irgendwie wäre ein Bier doch nicht schlecht, oder? Und so kaufe ich ein Bier an der Tankstelle, setze mich in die Nacht, höre meine Nachbarn kichern oder auch leise reden, höre Schritte und will eigentlich mitten in der Nacht AUX ARMES brüllen. Zu den Waffen, St. Pauli und Tiocfaidh ár lá!

Aug 072011
 

oder

Die Rostocker Marathonnacht

Vorwort

Liebe Leser, meine Schwester und ich hatten beschlossen, dass wir mal die Rostocker Marathonnacht laufen wollen. Der Bericht dazu folgt nun. Dazu auch ein kleiner Produkttest, wenn ihr so wollt.

Duathlon war eigentlich nicht gebucht

Als wir inklusive Unterstützungscrew (danke noch mal dafür) in Hamburg losfuhren, da nieselte es und alles war irgendwie feucht. Kein perfektes Wetter, aber für’s laufen eigentlich sehr gut. Der Nieselregen verwandelte sich jedoch schnell in einen ordentlichen Dauerregen. Auf der Autobahn ging nur wenig, aber wir waren so früh los, dass es nur zähfließender Verkehr war und kein Stau, der uns auf der A1 unterhielt. Die A 20 nach einem Tankstopp dann trocken und leer, so dass es zügig nach Rostock ging. Eine Fußballanmerkung sei mir erlaubt: Die Ultras aus Rostock haben es anscheinend nicht so mit Autobahnbrückenbemalung. Denn anders als in eigentlich jeder anderen Stadt findet man hier keine Bemalungen an jeder Autobahnbrücke.

Parkhaus gefunden, 12 Euro für den ganzen Tag, perfekt. Kurz noch die Stadt angeguckt, Startnummern geholt und dann wollten wir was die Stadt angeguckt, Startnummern geholt und dann wollten wir was Essen gehen. @bluecher23 hatte uns einen Tipp gegeben, aber leider passten die Öffnungszeiten nicht so wirklich. So ging es am Hafen in ein Restaurant und wenn man sich in der Stadt mal frei bewegen darf, dann muss man erstmal sagen: Rostock ist verdammt hübsch. Den Hafen ha man zum größten Teil saniert und die Warnow, die durch die Stadt fließt hat den Effekt, den Wasser in Städten immer hat: Es macht sie hübsch hat den Effekt, den Wasser in Städten immer hat: Es macht sie hübsch Auch die Innenstadt ist hübsch, auch wenn wieder das ganz typische Auch die Innenstadt ist hübsch, auch wenn wieder das ganz typische Phänomen der Neuzeit zu bewundern ist: Immer die gleichen Ketten.

So nun aber laufen. Im Internet konnte man viele kritische Kommentare über die Organisation dieses Laufes finden. Vorweg: Dies kann ich nicht bestätigen. Die Organisation war sehr gut. Ein kleines Minus: Am Anleger des Schiffes wusste niemand wo und wann es ablegen soll.

Ja und hier sind wir schon beim absoluten Höhepunkt der Veranstaltung: Man wird mit dem Schiff zum Start gebracht. So kommt man zu einer kostenlosen Hafenrundfahrt. Und auf Bitten des Schiffes machte der Kapitän es mit Informationen. Und so erfuhr man, dass die Glückszahl der Stadt die Nr. 7 ist, weil es irgendwie 7 Dinge mit einer Sieben gibt.

Insgesamt eine coole Art zum Start zu kommen, denn die Langsamkeit eines Schiffes beruhigt und entspannt. Von der Anlegestelle zum Start war es ein kleines Stück zu laufen, was aber okay war.

Am Start, der am Eingang des Warnowtunnels und in der Mitte von Nichts war musste man noch eine Stunde warten, was ein bisschen lang war, wir aber auch überstanden.

Bis zum Start war es trocken, aber die dunkle Wand am Himmel versprach einen Regenlauf. Und pünktlich zum Start fing es an zu regnen. Hier dachte ich noch: Egal so ein paar Tropfen, das wird schon gehen. Und es geht ja erst durch den Tunnel und dahinten wird es ja heller.

Satz mit X: Das war wohl nix. Als wir den Tunnel verliesen, fing es richtig an zu regnen. So, nun mal zur Laufstrecke. Start am einen Eingang des Warnowtunnels. @bluecher23 warnte zu Recht davor, dass ein Tunnel heisst, dass man einen Anstieg hat. Ich war sehr schnell losgelaufen und auch den Anstieg sehr schnell gelaufen.

Nach dem Tunnel ging es über eine Brücke (noch eine Steigung) in den IGA Park. Und nun ging die Welt unter. Sicht ca. 3 Meter und akute Wasserkühlung. Ist ja zum Laufen an sich nicht so schlimm, aber so doll muss es dann doch nicht sein. Wenn einem Bäche durch die Hose laufen, dann ist das schon ein eigenartiges Gefühl. Man entschuldige mir meine Direktheit. Ich lief die Kilometer so zwischen 5:55 und 6:10, was für mich eigentlich zu schnell ist. Ich wollte aber dringend wieder in den Tunnel. Ich hatte Angst, dass das Wasser in den Bauchbeutel läuft und mein Handy (dort drin) kaputt geht und so wollte ich es wenigstens aus machen.

Das IGA Gelände mag sehr schön sein, aber wirklich was gesehen habe ich nicht. Ich kämpfte nur mit den Elementen. Grossen Respekt nebenbei an die ganzen Helfer, die tapfer Wasser verteilten und das auch noch mit lustigen Sprüchen auf den Lippen „Der Becher ist jetzt Hella direkt aus der Flasche, kein Regenwasser.“ Und einige Zuschauer hatten auch den Elementen getrotz und feuerten Tapfer aus Bushäuschen oder Garagen an.

Noch 13 km, ich fühlte mich gut, aber ich war mit der Pace und dem Puls für mich eigentlich zu schnell und zu hoch. Meine Pace immer noch knapp über 6 Minuten und ich begann zu rechnen. Ich hatte eher im Scherz gesagt, dass ich unter 2:10 bleiben wolle. Dazu muss man wissen, dass meine Bestzeit bisher 2:14 und einen Keks war. Nun erschien das plötzlich realistisch. Also: Alles oder nix. Vollgas!

Die Strecke nun entlang der Warnow mit teilweise sehr hübschen Blicken auf die Warnowbucht und Rostock. Und auf die riesigen Gewitter am Himmel. Der Veranstalter denkt sich das ganze wahrscheinlich wie folgt: Lauf in den Sonnenuntergang mit tollen Blicken über’s Wasser. Da spielte der stockdunkle Himmel aber leider nicht. Trotzdem eine sehr schöne Strecke.

Ich lief immer noch 6:05 bis 6:10 auf den Kilometer und die ersten 10 Kilometer insgesamt in 1:01. Jetzt gab es nur noch zwei Möglichkeiten: Bestzeit oder Heldentod.

Der Regen hatte sich in ein leichtes Nieseln verwandelt. Aber wer dachte, das die Naturgewalten nicht noch eine kleine Gemeinheit für uns vorbereitet hätten, der sah sich getäuscht. Es ging auf einer Landstrasse in eine Senke und unten stand die Feuerwehr. Und dies nicht für einen Getränkestand, sondern weil die Strasse richtig stark unter Wasser stand. Die Läufer wurden vorbildlich gewarnt und kurze Zeit später befand man sich auf der Schwimmstrecke der Rostocker Marathonnacht. Besser auf der Watstrecke. Hmm, Idee für einen neuen Sport? Ach ne, so komische Strongmen Runs gibt es ja schon.

Mir ging das Wasser schön bis über die Knie, kleinere Läufer 😉 konnten darin auch ihren Popo kühlen. Gut 30 bis 40 Sekunden blieben liegen, aber bei mir hatte das ganze einen positiven Effekt. Die Beine fühlten sich plötzlich wieder frisch an und mein Puls war weit runter gekommen. Also weiter Vollgas.

Vor mir eine Dame im roten Shirt, die mich zog und wir beide überholten unzählige Läufer. Da kann man sagen, was man will, das ist die perfekte Kombination, jemand, der einen zieht und Läufer die man überholt.

Tolle Stimmung aber, dann im Halbdunkeln in die Innenstadt einzulaufen. Vereinzeltes Publikum munterte einen auf und die tapferen Helfer reichten alle 2 Kilometer Getränke. Weiter Vollgas, nun machen wir die letzten Körner platt. Es wurde etwas langsamer bei mir, aber eine 2:10 Zeit war immer noch sehr gut machbar. Nur eines war klar: Wenn man die ganze Zeit schön am Wasser längs läuft, dann muss es irgendwann hoch gehen, wenn man etwas entfernt vom Wasser das Ziel hat. Meine Zugdame hatte ihrem Tempo Tribut gezollt und war stehen geblieben, normalerweise habe ich dann immer einen aufmunternden Spruch auf den Lippen und warte auf solche Leute auch mal ein paar Sekunden um selber die Zugmaschine zu spielen, aber heute war ich a. Egoist und b. hatte ich sie auch zu schnell aus den Augen verloren.

Der Berg kam und meine Körner waren weg. So ging der letzte Kilometer gut deutlich über 6:30 in die Bücher und ich schleppte mich durchs Ziel. Das wurde mit 2:09:20 durchquert und damit eine neue Halbmarathonbestzeit. Der Jubel im wieder stärker werdenden Regen war groß. Rostock hat eine sehr hübsche Medaille und eine noch hübschere Urkunde.

Nach einem kurzen Schnack mit @bluecher23 und @thomas2058 hieß es für uns auch: Dave is on the road again. Und in Regenschauern ging es wieder in unsere Hansestadt.

Fazit: Eine sehr nette Laufveranstaltung, die wider erwarten doch gut organisiert ist. Falls es in den vorherigen Jahren Mängel in der Organisation gegeben hat, dann sind diese abgestellt. Wer also mal zu einer sehr ungewöhnlichen Zeit laufen will, der kann dies dort machen. Letztendlich noch die Strecke auf gpsies.com

Und hier noch Bilder von einigen Helden und den Zuständen:

Aug 022011
 

Tschüß Harald!

Der FC St. Pauli ist nicht mehr der gleiche Fußballverein.

Er muss seine weitere Geschichte ohne Harald Stender bestreiten und Harald hinterlässt eine Lücke, die wahrscheinlich niemand schließen kann. Harald Stender ist am 01.08.11 verstorben. Und ich bin aufrichtig traurig.

Wie wahrscheinlich die meisten Fans der Neuzeit habe ich die Wunderelf nicht gesehen, kann zu Haralds sportlichen Leistungen nichts sagen und ich behaupte auch, dass diese für sein Ansehen im Verein eher zweitrangig sind. In die Jahrhundertelf ist er wahrscheinlich eher gewählt worden, weil er „eine Seele von Mensch“ war.

Ich habe Harald kennen gelernt als St. Paulianer, der sich im Ehrenrat engagierte und dort in turbulentesten Zeiten versuchte die Wogen zu glätten, zu schlichten und Brücken zu bauen. Dem die Einheit, die Geschlossenheit und das Wohlergehen des Vereines immer am wichtigsten war. Harald konnte man ebenso im Alten Stamm schnacken sehen, wie vor Spielen mit jungen Ultras. Er zog keine Gräben, wichtig war ihm, dass die Leute ein braun-weißes Herz hatten. Mit ihm ist eines der schönsten und besten Fotos aus einem Merchkatalog entstanden, wo man zwei alten Herren ansehen konnte, wie stolz sie auf ihren Verein sind.  Er wurde von jedem geschätzt und von jedem hoch angesehen. Und dies vollkommen zu Recht.

Harald, ich hoffe du und dein Kumpels aus der Wunderelf und aus diesen 78 Jahren FC St. Pauli spielen nun in der verstorbenen Liga um den Titel mit und gewinnen ihn endlich auch mal. Du hast es verdient.

Im kleinen Kreise habe ich immer gesagt, dass Harald Stender der einzige Mensch ist, für den ich die Adresse „Heiligengeistfeld“ aufgeben würde und ich rege bereits jetzt an, dass der Verein sich dafür einsetzt, den Südkurvenvorplatz in Harald-Stender-Platz umzubenennen und ihn so ewig in der Adresse zu führen. Als Leitbild für alle zukünftigen Generationen.

Mach es gut Harald, wir werden dich vermissen.

 

Aug 012011
 

oder

Eine allgemeine Abhandlung zu Diskriminierung

(Vorab: Ich bitte die chaotische Formatierung zu entschuldigen, irgendwo in der Bearbeitungsphase und dem ständigen hin- und herschieben zwischen Smartphone und Rechner ist leider die Formatierung kaputt gegangen und ich bekomme sie nicht geändert.)

Liebe Leser, ich finde es schwierig, mich an der Debatte um Diskriminierung, “safe rooms“, etc. zu beteiligen. Ich bin kein Experte, ich bin auch garantiert selber nicht frei von (auch unbewussten) Diskriminierungen und ich gehöre keiner Minderheit an. Ich will und ich kann auch Verhaltensweisen des Übersteigers nicht verteidigen. Wenn die sich verteidigen wollen, dann sollen sie es selber machen. Ausdrücklich:
Damit gebe ich keine Meinung zugunsten oder zuungunsten des Übersteigers ab. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich bis letzten Montag nicht mal wusste, dass es Transphobie gibt. Ich befürchte beinahe, dass geht wahrscheinlich auch 90 % meiner Leser so, denn z. B. fehlt darüber auch ein deutschsprachiger Wikipedia-Eintrag (ist in Wikipedia aber als „notwendig, soll entstehen“ gekennzeichnet). Ich muss weiterhin zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht jeden Tag Seiten über Diskriminierung lese. Ich stehe zu diesem Fehler. Ich bin in diesem Bereich immer lernwillig, wenn mich jemand etwas lehren will. Aber dazu muss man mich mitnehmen wollen. Warum? Das schreibe ich jetzt.

Niemand ist frei von Stereotypen, Gewohnheiten und/oder Sprachformeln, die diskriminieren. Nehmen wir doch mal diesen Blog, der konsequent nicht gendert. Ja, das ist Faulheit und ist per se erst mal eine Beibehaltung einer sexistischen Sprache. Sich in diesem Bereich immer wieder zu hinterfragen, ist für jeden absolut notwendig. Und hier auch den Negerkuss zum Schokokuss werden zu lassen, sprich: sich zu ändern.
Beim Gender habe ich dies nicht gemacht (zu Beginn habe ich es mal versucht), den Negerkuss habe ich noch als vollkommen normal gelernt, benutze ihn aber heute so gut wie nicht mehr, außer ich verfalle aus Unkonzentriertheit in das alte Sprachmuster.

Ebenso wird das Diskriminierungsgefühl sehr abgestuft sein. Platt gesprochen: Von „Fotze“ werden sich nahezu 100 % der Frauen diskriminiert fühlen, von einem Nichtgendern viele, aber garantiert nicht alle. Dies ist eine Annahme, die ich aus Gesprächen mit Frauen ziehe.

Und genau hier wird die Diskussion um „safe rooms“ und „Definitionsmacht“ schwierig. Denn viele Dinge sind sehr individuell, sehr ich-bezogen und neutrale Instanzen gibt es in dieser Diskussion nicht. Ich nehme mich da gar nicht aus.

Klar, kluge Menschen werden genauestens definiert haben, was ein „safe room“ ist (und dies auch im besten Wissen und Gewissen), aber ein „sich sicher fühlen an einem Ort“ kann niemand einem Anderen verorten. Und so muss man das immer beurteilen. Ein Fußballstadion ist ein Ort, an dem sich viele Menschen nicht sicher fühlen werden. Die Aggression, die Spannung und ja, auch die Prolligkeit wird viele Menschen abschrecken.
Andere werden sich dabei gerade heimisch fühlen.

Und so kann niemand sagen, ob das Millerntor ein „safe room“ ist. Jeder kann seine eigene Empfindung äußern, er kann dies laut oder leise tun, sie ist in einer ständigen Selbstkontrolle von Einzel- und Gruppenverhalten IMMER ernst zu nehmen. Alles muss immer kritisch (und dabei insbesondere selbstkritisch) durchdacht werden. Und ja, es müssen auch eigene Verhaltensweisen immer durchdacht werden. Nur verallgemeinern kann ich diese individuelle Erfahrung nicht. So kann ich weder coole Bilder eines Homosexuellen, noch den Fakt, dass ich in der Kurve Menschen von Minderheiten sehe, die sich ganz offensichtlich gelöst amüsieren (so in Trier und auf diversen Fahrten im Bus) als Beweis dafür nehmen, dass wir im Allgemeinen ein „safe room“ sind, noch kann ich andersherum das individuelle Verneinen als absoluten Gegenbeweis nehmen.
Beides muss ich aber in meine Selbstkritik, meine Selbstkontrolle, meinen Verbesserungswillen einfließen lassen.

Das ist für mich der Anspruch des Anderssein. Selbstkritik, Selbstdefinition und Selbständerung als stetiger Prozess. Offen für Neues und für sich selbst alles bewerten. Aber (und das sei mir hier
erlaubt) darüber nicht vergessen, dass wir ein Fußballclub sind, ein Ort, wo nicht das feine Wort der Sprache geschwungen wird. Und nein, damit rechtfertige ich keine Diskriminierung.

Womit wir beim Thema Definitionsmacht sind. Klar ist: Auch  diesem Bereich gibt es eine Schwarzzone, eine dunkle Grauzone, eine helle Grauzone und eine Weißzone, die alle schön konturlos ineinander fließen. Und dies zu definieren ist mehr als schwierig. Und das bei einer sich ständig ändernden Wahrnehmung von Sprache. Dazu nur ein Beispiel: Ich habe in den 89er Jahren in England Shirts gesehen, wo sinngemäß draufstand: „Du wirst lila, wenn dir schlecht ist, rot, wenn du in der Sonne liegst, weiß, wenn du Angst hast und du nennst mich „farbig“? Coloured auf englisch. Das sollte ein Antidiskriminierungsshirt sein und es ist eben von entsprechenden Händlern angeboten worden. Spätestens seitdem versuche ich die Bezeichnung „farbig“ zu vermeiden, weil ich selbst sie als diskriminierend empfinde. Umso erstaunlicher finde ich, dass sich Leute heute selber als PoC bezeichnen, was für People of Colour steht und für diese Leute eine politisch korrekte Bezeichnung sein soll. Ich kann das nicht werten, ich will das nicht werten, ich will nur sagen, dass ich in meinem subjektiven Unwissen darüber erstaunt war. Aber zurück zur Definitionsmacht:

Definitionsmacht hat ja nicht nur zufällig das Wort MACHT da drin, denn seien wir uns klar: Das ist Macht. Und zwar eine ziemlich starke, denn ein Verstoß gegen die Definition hat immer den Vorwurf eines -smus, ein Vorwurf, der jeden „links“ denkenden Menschen sehr treffen wird.

Und Macht zu legitimieren ist DAS Thema der Neuzeit. Von Gottes Gnaden?
Vergesst es! Alle Macht geht vom Volke aus? Wer von euch, liebe Leser, glaubt noch an diesen Satz und hält ihn für verwirklicht? Wir müssen uns also fragen, wie wir hier Legitimation herstellen. Die demokratische „von unten“-Legitimation hat hier einen Webfehler, denn dann entscheidet die Mehrheit im Notfall, wie sie die Minderheit diskriminiert.

Okay, lassen wir die Minderheit entscheiden!?! Klingt super, aber dass es sich die Mehrheit hier sehr bequem macht, ist jedem klar, oder?
Diskriminierung zum (alleinigen) Thema der Minderheit zu machen, ist per se wiederrum Diskriminierung. Und auch andersherum wird ein Hemmschuh draus.
Minderheiten neigen nicht dazu, demokratisch legitimierte Vertretungen zu haben. Was jetzt kein Vorwurf ist, sondern eine einfache Feststellung.
Und sie sind so heterogen wie jede Gruppe von Menschen. Und da ist doch wohl auch der Hebel der Diskriminierung genauso wie die gesamte Problematik dieser Diskussion. Mehrheit wie Minderheit werden Attribute gegeben, die verallgemeinernd sind, die vielleicht für einige (vielleicht auch für viele?) stimmen, aber garantiert nicht für alle.
Die Individualität des einzelnen Menschen wird gepflegt beiseite gewischt und stattdessen werden Gruppen mit Attributen erschaffen.
Beispiele erspare ich mir, denn Klischees hier wiederzugeben langweilt mich.

Okay, wir bleiben bei unserer Frage, wo die Definitionsmacht hin soll.
Es gibt eigentlich immer Gruppen, Vereine oder Organisationen, welche diese für sich reklamieren. Dies ist erstmal positiv und wichtig. Es versuchen einige Leute wirklich, sich ernsthaft dieser Frage zu stellen und ihre Meinung dazu zu formulieren. Und viele Sachen sind unglaublich klug, augenöffnend und weiterführend. Ich bin auch weit davon ab, irgendwem von denen böse Absichten oder Fehler zu unterstellen.

Jedoch: Ein Sprechen für die Allgemeinheit ihrer Minderheit, ihrer Mehrheit, ihrer Gruppe und eine Allwissenheit können auch diese Gruppen/Vereine/Organisationen nicht beanspruchen und es wäre ein Fehler, wenn sie es doch täten. Und mir als aufklärendem Diskutanten wird auch zu schnell mit der -ismen-Keule und der „ich bin nicht -ismen“-Keule geschwungen, anstatt aufzuklären, mitzunehmen, zu diskutieren, zu lernen und zu lehren.

Die Wahrheit hat nicht der gepachtet, der am lautesten schreit (platt gesagt). Die Wahrheit (wenn es sie denn gibt) können Mehrheit und Minderheit nur gemeinsam in einem ständigen offenen (!) Diskurs und einem ständigen aneinander Lernen finden. Ja, das ist verkürzend und klingt diskriminierend und ich weiß jetzt schon, was als Gegenargument kommt:
„Du bist doch nur ein weißer, heterosexueller Mann, der Angst vor dem Verlust seiner Machtstellung hat und der hier perfide ein Machtspiel spielt.“ Okay, dagegen kann man nix sagen, denn ob man böse oder gute Absichten hat, das ist dem Beweis nicht zugänglich. Daher kann ich natürlich nicht sinnvoll auf dieses Argument antworten, außer mein bisheriges Handeln und mein bisheriges Sagen zur Schau zu stellen. Wer darin böse Absichten erkennt und mir ein Machtspiel unterstellt, den werde ich nicht vom Gegenteil überzeugen. Insofern versuche ich es auch gar nicht erst.

Nun haben wir also bereits ein Problem, überhaupt jemanden mit einer Legitimationsmacht „zu beauftragen“ (mir fällt keine bessere Formulierung ein). Nur, selbst wenn wir diesen Jemand nun finden, gibt es sofort ein neues Problem: Macht benötigt auch immer Kontrolle. Und da kann man das eben Gesagte genauso wiederholen.

Daher bleibt aus meiner Sicht nur Eines: Der ewige Diskurs, die ewige Selbstkontrolle, die ständige Auseinandersetzung mit solchen Themen und dies am Besten in einem offenen und zielgerichteten Dialog.

Dabei darf man aber einige Dinge nicht vergessen: 1. Man muss auch mal stolz auf das Erreichte sein. Wie schrieb ein User im Forum so schön? „Nichts ist gewonnen, aber nicht alles ist verloren.“ (Ohne mir jetzt den weiteren Beitrag zu eigen machen zu wollen.) Man muss Erreichtes auch mal als Erreichtes definieren und auch darauf stolz sein. Um es auf St. Pauli-Verhältnisse umzumünzen: Nein, wir sind nicht diskriminierungsfrei, wir sind nicht perfekt, wir sind sogar weit davon entfernt, aber nenne mir ein anderes Stadion, wo sich (hoffentlich) in jedem Bereich des Stadions bei dem Ruf „du schwule Sau“ sofort jemand umdreht und seine Ablehnung deutlich macht. Ja, ich weiß selbstgefällig. Diesen Vorwurf kann man gerne machen, ich halte ihn nicht für richtig. Denn wenn man immer so tut, als ob man bei minus 10 anfängt, dann ist das auch kein mitnehmen, kein weiterentwickeln, kein sich verbessern. So kommt man nie zur – noch lange nicht erreichten – Perfektion. 2. Man darf über den Diskurs das Leben nicht vergessen. Kein Mensch ist perfekt. Nur deswegen macht das Leben auch Spaß.

Und wer mir jetzt damit unterstellt, ich hätte hier Partei ergriffen, dem reisse ich den Kopf ab. Um das noch mal deutlich zu sagen.