Aug 012011
 

oder

Eine allgemeine Abhandlung zu Diskriminierung

(Vorab: Ich bitte die chaotische Formatierung zu entschuldigen, irgendwo in der Bearbeitungsphase und dem ständigen hin- und herschieben zwischen Smartphone und Rechner ist leider die Formatierung kaputt gegangen und ich bekomme sie nicht geändert.)

Liebe Leser, ich finde es schwierig, mich an der Debatte um Diskriminierung, “safe rooms“, etc. zu beteiligen. Ich bin kein Experte, ich bin auch garantiert selber nicht frei von (auch unbewussten) Diskriminierungen und ich gehöre keiner Minderheit an. Ich will und ich kann auch Verhaltensweisen des Übersteigers nicht verteidigen. Wenn die sich verteidigen wollen, dann sollen sie es selber machen. Ausdrücklich:
Damit gebe ich keine Meinung zugunsten oder zuungunsten des Übersteigers ab. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich bis letzten Montag nicht mal wusste, dass es Transphobie gibt. Ich befürchte beinahe, dass geht wahrscheinlich auch 90 % meiner Leser so, denn z. B. fehlt darüber auch ein deutschsprachiger Wikipedia-Eintrag (ist in Wikipedia aber als „notwendig, soll entstehen“ gekennzeichnet). Ich muss weiterhin zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht jeden Tag Seiten über Diskriminierung lese. Ich stehe zu diesem Fehler. Ich bin in diesem Bereich immer lernwillig, wenn mich jemand etwas lehren will. Aber dazu muss man mich mitnehmen wollen. Warum? Das schreibe ich jetzt.

Niemand ist frei von Stereotypen, Gewohnheiten und/oder Sprachformeln, die diskriminieren. Nehmen wir doch mal diesen Blog, der konsequent nicht gendert. Ja, das ist Faulheit und ist per se erst mal eine Beibehaltung einer sexistischen Sprache. Sich in diesem Bereich immer wieder zu hinterfragen, ist für jeden absolut notwendig. Und hier auch den Negerkuss zum Schokokuss werden zu lassen, sprich: sich zu ändern.
Beim Gender habe ich dies nicht gemacht (zu Beginn habe ich es mal versucht), den Negerkuss habe ich noch als vollkommen normal gelernt, benutze ihn aber heute so gut wie nicht mehr, außer ich verfalle aus Unkonzentriertheit in das alte Sprachmuster.

Ebenso wird das Diskriminierungsgefühl sehr abgestuft sein. Platt gesprochen: Von „Fotze“ werden sich nahezu 100 % der Frauen diskriminiert fühlen, von einem Nichtgendern viele, aber garantiert nicht alle. Dies ist eine Annahme, die ich aus Gesprächen mit Frauen ziehe.

Und genau hier wird die Diskussion um „safe rooms“ und „Definitionsmacht“ schwierig. Denn viele Dinge sind sehr individuell, sehr ich-bezogen und neutrale Instanzen gibt es in dieser Diskussion nicht. Ich nehme mich da gar nicht aus.

Klar, kluge Menschen werden genauestens definiert haben, was ein „safe room“ ist (und dies auch im besten Wissen und Gewissen), aber ein „sich sicher fühlen an einem Ort“ kann niemand einem Anderen verorten. Und so muss man das immer beurteilen. Ein Fußballstadion ist ein Ort, an dem sich viele Menschen nicht sicher fühlen werden. Die Aggression, die Spannung und ja, auch die Prolligkeit wird viele Menschen abschrecken.
Andere werden sich dabei gerade heimisch fühlen.

Und so kann niemand sagen, ob das Millerntor ein „safe room“ ist. Jeder kann seine eigene Empfindung äußern, er kann dies laut oder leise tun, sie ist in einer ständigen Selbstkontrolle von Einzel- und Gruppenverhalten IMMER ernst zu nehmen. Alles muss immer kritisch (und dabei insbesondere selbstkritisch) durchdacht werden. Und ja, es müssen auch eigene Verhaltensweisen immer durchdacht werden. Nur verallgemeinern kann ich diese individuelle Erfahrung nicht. So kann ich weder coole Bilder eines Homosexuellen, noch den Fakt, dass ich in der Kurve Menschen von Minderheiten sehe, die sich ganz offensichtlich gelöst amüsieren (so in Trier und auf diversen Fahrten im Bus) als Beweis dafür nehmen, dass wir im Allgemeinen ein „safe room“ sind, noch kann ich andersherum das individuelle Verneinen als absoluten Gegenbeweis nehmen.
Beides muss ich aber in meine Selbstkritik, meine Selbstkontrolle, meinen Verbesserungswillen einfließen lassen.

Das ist für mich der Anspruch des Anderssein. Selbstkritik, Selbstdefinition und Selbständerung als stetiger Prozess. Offen für Neues und für sich selbst alles bewerten. Aber (und das sei mir hier
erlaubt) darüber nicht vergessen, dass wir ein Fußballclub sind, ein Ort, wo nicht das feine Wort der Sprache geschwungen wird. Und nein, damit rechtfertige ich keine Diskriminierung.

Womit wir beim Thema Definitionsmacht sind. Klar ist: Auch  diesem Bereich gibt es eine Schwarzzone, eine dunkle Grauzone, eine helle Grauzone und eine Weißzone, die alle schön konturlos ineinander fließen. Und dies zu definieren ist mehr als schwierig. Und das bei einer sich ständig ändernden Wahrnehmung von Sprache. Dazu nur ein Beispiel: Ich habe in den 89er Jahren in England Shirts gesehen, wo sinngemäß draufstand: „Du wirst lila, wenn dir schlecht ist, rot, wenn du in der Sonne liegst, weiß, wenn du Angst hast und du nennst mich „farbig“? Coloured auf englisch. Das sollte ein Antidiskriminierungsshirt sein und es ist eben von entsprechenden Händlern angeboten worden. Spätestens seitdem versuche ich die Bezeichnung „farbig“ zu vermeiden, weil ich selbst sie als diskriminierend empfinde. Umso erstaunlicher finde ich, dass sich Leute heute selber als PoC bezeichnen, was für People of Colour steht und für diese Leute eine politisch korrekte Bezeichnung sein soll. Ich kann das nicht werten, ich will das nicht werten, ich will nur sagen, dass ich in meinem subjektiven Unwissen darüber erstaunt war. Aber zurück zur Definitionsmacht:

Definitionsmacht hat ja nicht nur zufällig das Wort MACHT da drin, denn seien wir uns klar: Das ist Macht. Und zwar eine ziemlich starke, denn ein Verstoß gegen die Definition hat immer den Vorwurf eines -smus, ein Vorwurf, der jeden „links“ denkenden Menschen sehr treffen wird.

Und Macht zu legitimieren ist DAS Thema der Neuzeit. Von Gottes Gnaden?
Vergesst es! Alle Macht geht vom Volke aus? Wer von euch, liebe Leser, glaubt noch an diesen Satz und hält ihn für verwirklicht? Wir müssen uns also fragen, wie wir hier Legitimation herstellen. Die demokratische „von unten“-Legitimation hat hier einen Webfehler, denn dann entscheidet die Mehrheit im Notfall, wie sie die Minderheit diskriminiert.

Okay, lassen wir die Minderheit entscheiden!?! Klingt super, aber dass es sich die Mehrheit hier sehr bequem macht, ist jedem klar, oder?
Diskriminierung zum (alleinigen) Thema der Minderheit zu machen, ist per se wiederrum Diskriminierung. Und auch andersherum wird ein Hemmschuh draus.
Minderheiten neigen nicht dazu, demokratisch legitimierte Vertretungen zu haben. Was jetzt kein Vorwurf ist, sondern eine einfache Feststellung.
Und sie sind so heterogen wie jede Gruppe von Menschen. Und da ist doch wohl auch der Hebel der Diskriminierung genauso wie die gesamte Problematik dieser Diskussion. Mehrheit wie Minderheit werden Attribute gegeben, die verallgemeinernd sind, die vielleicht für einige (vielleicht auch für viele?) stimmen, aber garantiert nicht für alle.
Die Individualität des einzelnen Menschen wird gepflegt beiseite gewischt und stattdessen werden Gruppen mit Attributen erschaffen.
Beispiele erspare ich mir, denn Klischees hier wiederzugeben langweilt mich.

Okay, wir bleiben bei unserer Frage, wo die Definitionsmacht hin soll.
Es gibt eigentlich immer Gruppen, Vereine oder Organisationen, welche diese für sich reklamieren. Dies ist erstmal positiv und wichtig. Es versuchen einige Leute wirklich, sich ernsthaft dieser Frage zu stellen und ihre Meinung dazu zu formulieren. Und viele Sachen sind unglaublich klug, augenöffnend und weiterführend. Ich bin auch weit davon ab, irgendwem von denen böse Absichten oder Fehler zu unterstellen.

Jedoch: Ein Sprechen für die Allgemeinheit ihrer Minderheit, ihrer Mehrheit, ihrer Gruppe und eine Allwissenheit können auch diese Gruppen/Vereine/Organisationen nicht beanspruchen und es wäre ein Fehler, wenn sie es doch täten. Und mir als aufklärendem Diskutanten wird auch zu schnell mit der -ismen-Keule und der „ich bin nicht -ismen“-Keule geschwungen, anstatt aufzuklären, mitzunehmen, zu diskutieren, zu lernen und zu lehren.

Die Wahrheit hat nicht der gepachtet, der am lautesten schreit (platt gesagt). Die Wahrheit (wenn es sie denn gibt) können Mehrheit und Minderheit nur gemeinsam in einem ständigen offenen (!) Diskurs und einem ständigen aneinander Lernen finden. Ja, das ist verkürzend und klingt diskriminierend und ich weiß jetzt schon, was als Gegenargument kommt:
„Du bist doch nur ein weißer, heterosexueller Mann, der Angst vor dem Verlust seiner Machtstellung hat und der hier perfide ein Machtspiel spielt.“ Okay, dagegen kann man nix sagen, denn ob man böse oder gute Absichten hat, das ist dem Beweis nicht zugänglich. Daher kann ich natürlich nicht sinnvoll auf dieses Argument antworten, außer mein bisheriges Handeln und mein bisheriges Sagen zur Schau zu stellen. Wer darin böse Absichten erkennt und mir ein Machtspiel unterstellt, den werde ich nicht vom Gegenteil überzeugen. Insofern versuche ich es auch gar nicht erst.

Nun haben wir also bereits ein Problem, überhaupt jemanden mit einer Legitimationsmacht „zu beauftragen“ (mir fällt keine bessere Formulierung ein). Nur, selbst wenn wir diesen Jemand nun finden, gibt es sofort ein neues Problem: Macht benötigt auch immer Kontrolle. Und da kann man das eben Gesagte genauso wiederholen.

Daher bleibt aus meiner Sicht nur Eines: Der ewige Diskurs, die ewige Selbstkontrolle, die ständige Auseinandersetzung mit solchen Themen und dies am Besten in einem offenen und zielgerichteten Dialog.

Dabei darf man aber einige Dinge nicht vergessen: 1. Man muss auch mal stolz auf das Erreichte sein. Wie schrieb ein User im Forum so schön? „Nichts ist gewonnen, aber nicht alles ist verloren.“ (Ohne mir jetzt den weiteren Beitrag zu eigen machen zu wollen.) Man muss Erreichtes auch mal als Erreichtes definieren und auch darauf stolz sein. Um es auf St. Pauli-Verhältnisse umzumünzen: Nein, wir sind nicht diskriminierungsfrei, wir sind nicht perfekt, wir sind sogar weit davon entfernt, aber nenne mir ein anderes Stadion, wo sich (hoffentlich) in jedem Bereich des Stadions bei dem Ruf „du schwule Sau“ sofort jemand umdreht und seine Ablehnung deutlich macht. Ja, ich weiß selbstgefällig. Diesen Vorwurf kann man gerne machen, ich halte ihn nicht für richtig. Denn wenn man immer so tut, als ob man bei minus 10 anfängt, dann ist das auch kein mitnehmen, kein weiterentwickeln, kein sich verbessern. So kommt man nie zur – noch lange nicht erreichten – Perfektion. 2. Man darf über den Diskurs das Leben nicht vergessen. Kein Mensch ist perfekt. Nur deswegen macht das Leben auch Spaß.

Und wer mir jetzt damit unterstellt, ich hätte hier Partei ergriffen, dem reisse ich den Kopf ab. Um das noch mal deutlich zu sagen.