Jul 012011
 

oder

Warum Sex kein Thema sein sollte; zumindest nicht so.

Vorwort

Liebe Leser, es gibt Texte, die fallen einem leicht und es gibt Texte, die fallen einem schwer. Dieser hier fällt unter die letztere Kategorie. Denn sich sinnvoll mit Sexualität und auch Homosexualität auseinanderzusetzen, wenn man der heterosexuellen männlichen Dominanzgesellschaft (so ähnlich würde es jetzt wahrscheinlich ein sehr geschätzter Blogkollege ausdrücken) angehört, ist per se und insbesondere für mich schwierig. Und dies merkt man dann wahrscheinlich auch. Jedoch: Mich nervt, dass das Thema immer bei weiblichen Sportereignissen hoch kocht und auch die Art, wie es hochkocht. Ihr werdet sehen, dass ich viele Fragen formuliere, daher ist das ausdrücklich ein Diskussionsbeitrag, denn auch ich bin garantiert nicht frei von Fehlannahmen, unbewussten Prägungen und Fragen.-

Und?

Beim Sport geht eigentlich um Wettkampf im besten Sinne des Wortes, um höher, schneller, weiter. (Klar, auch da sind Sachen, die bedenklich sind im Sport, aber das blenden wir jetzt mal aus.) Trotzdem garniert man Sport immer wieder mit Bildern des jeweiligen (meistens weiblichen) Lebensabschnittspartner oder Frau oder Geliebte oder was auch immer, ohne Sexualität wirklich zum Thema zu machen. Eine heterosexuelle Beziehung wird für einen (männlichen) Sportler de facto als normal (Unwort, aber dazu später mehr) unterstellt und der Öffentlichkeit so vorgeführt. Niemand würde ein Bild der Freundin von Schweini mit „Schweini ist nebenbei bekennender Heterosexueller“ kommentieren.

Und dann kommt die Frauen-WM, und Sexualität und insbesondere Homosexualität ist plötzlich das riesige Thema. Jede Zeitung schreibt über Homosexualität im Frauensport, und das meiste klingt für mich gekrampft aufklärerisch und/oder wie die Ausstellung eines Zootieres. Plötzlich sammeln sich in der Mailinggruppe einer Fanorganisation, der ich angehöre, Journalistenanfragen über Homosexualität, und wie man das denn „als Fan“ (nicht als Mensch?) finde. Was bitte soll man darauf inhaltlich wirklich ernsthaft antworten? Ein „mir doch egal“ klingt abgedroschen (und ist auch gefährlich, siehe dazu später) und macht Homosexualität als „unnormal“ zum Thema(vielleicht sieht man bereits jetzt, warum „normal“ ein Unwort ist). Komischerweise fragt niemand eine Fanorganisation, wie sie eigentlich die Heterosexualität von Sportlern findet (wäre „ekelhaft“ eine angemessene Antwort?).

Insgesamt ist das Ganze so ein bisschen eine Zooausstellung, sei es nun das Abfilmen von Spielerfrauen (wie weit wir nebenbei von wirklicher Emanzipation teilweise entfernt sind zeigt sich daran, dass a. Frauen darauf reduziert werden und sich b. darauf reduzieren lassen) oder eben diese plötzliche Berichterstattung. Mensch, die sollen Fußball spielen, Rennen fahren, was auch immer, und ich will weder die Freundin sehen noch den Freund noch will ich das überhaupt wissen! Was zwischen Menschen passiert, sollte zwischen den Beteiligten bleiben. Und es gehört nicht in eine Sportberichterstattung (!), in eine gesellschaftliche Betrachtung schon viel mehr und in eine Gesellschaftsdiskussion schon. Nun kann man den Sport natürlich nicht von der Gesellschaft lösen, aber So würde ich grundsätzlich mir eine Sportberichterstattung mir wünschen, .

Exkurs: Ja „normal“ ist hier ein extremes Unwort. Denn dazu gehört „unnormal“, und wer da keine Herabwertung sieht, der ist schon sehr, sehr unsensibel. Und das ist noch sehr freundlich ausgedrückt. Ich höre schon den Einwand der mehrheitlich heterosexuellen Gesellschaft. Nun ja, aber ist die denn so homogen wie heterosexuell? Was ist denn „normaler“ heterosexueller Sex? Der zur Fortpflanzung (rufen Sie bitte jetzt im Vatikan oder bei anderen religösen Sexualmoralisten )? Licht aus? Nur verheiratet? Nur zu zweit? Nur Mann und Frau? Blasen noch normal? (Fragt erneut mal im Vatikan oder ähnlichem nach, oder im Oral Office; okay, Flachwitz) Und so weiter und so fort. Es gibt so viele Spielarten, so viele Gelüste, und ich weigere mich absolut, eines davon als „normal“, als „Norm“, selbst als „Mehrheit“ hinzustellen, weil allein schon die Heterosexualität in viele einzelne Arten zerfällt. Das Konzept des „safe, sane, consensual“ mag extrem unscharf sein, mag aus einer Spielart des Zusammenlebens zweier Menschen stammen, ist aber schon eine gute grobe Grenze für das sexuelle Zusammenleben von zwei (oder mehreren?) Menschen. Ich spare mir jetzt eine Erörterung, das ist ja hier ein Fußballblog, kein Sexualratgeber (den ich auch nicht schreiben könnte)…

Unsere Gesellschaft ist jedoch weit davon entfernt, so zu denken. Zwei Männer/Frauen, die sich gleichgeschlechtlich in der Öffentlichkeit küssen? Aufregung. Oder etwa nicht? Fast jeder guckt so einem Paar hinterher, wenn es händchenhaltend durch die Gegend geht. Kann ich mich wahrscheinlich nicht einmal von ausnehmen. Ich finde es dann aber doch immer amüsant, wenn Homosexuellen vorgeworfen wird, sie würden mit ihrer Homosexualität hausieren gehen. Tun die Heterosexuellen (unbewusst vielleicht) doch jeden Tag. Exkurs Ende

Und dies alles gesagt, fragt man sich: Warum wird jetzt, hier und so das ganze zum Thema gemacht? Warum sonst nicht? Aber wahrscheinlich ist da etwas anderes bei der heterosexuellen männlichen Gesellschaft das Thema: Frauen werden über Aussehen, über „sieht die geil aus, die will ich aber…“ vermarktet. Und da stört die nicht verfügbare Frau. Oder um in der oben benutzen Sprache zu bleiben: Sie stört das „ich kann sie alle haben“ denken breiter Teile der männlichen Dominanzgesellschaft. Ja, das klingt jetzt hart, aber seien wir ehrlich: So tickt die Gesellschaft immer noch.

Ändern wir es zumindest in unserem Bereich, gucken wir einfach guten (oder schlechten) Sport. Hätte mein Fazit eigentlich lauten sollen, aber seien wir ehrlich: Das ist gefährlich. Denn es beinhaltet ein „rede nicht drüber und alles ist gut“ ebenso wie es ein „die Dominanzgesellschaft drückt ihre Inhalte durch und über den Rest reden wir nicht“ beinhaltet. Daher muss man drüber reden, reden wie sich die Gesellschaft verändert, damit man eine wirkliche Gleichanerkennung hat. Und man muss über Diskriminierung reden. Über die offene (Nigerias Trainerin sei hier nur als Beispiel (!) genannt), aber auch über die versteckte („Frauenfußball muss weg vom Lesbenimage“ Ja, warum denn? Ist ein „Lesbenimage“ etwas schlechtes? Was ist das eigentlich? Reduktion des Menschens auf seine Sexualität. Hurra, siehe oben. Nebenbei ist der DFB gerade in diesem Bereich ganz groß engagiert, was einfach nur zum kotzen ist.) Wie man drüber reden soll? Weiß ich nicht, aber ich weiß, dass es mir so nicht gefällt.

(Mit ausdrücklichen Dank an alle Leute, die diesen Text vorher gesehen haben und ganz viele Anmerkungen mir geliefert haben.)

  6 Responses to “Warum Sex ein Thema ist”

  1. Moin. Ein schöner und wichtiger Beitrag. Ein solcher muß ja auch nicht immer in jenem oder ähnlichem Blog stehen… 😉

    Vorweg: auch ich bin ein Angehöriger der heterosexuell-(weiß-)männlichen Gruppe. Doch das hindert ja keinen Menschen, ein Individuum mit einer eigenen und eventuell nicht gesellschaftskonformen Meinung zu sein. Denn leider ist die allgemeine Schlagrichtung der Gesellschaft immer noch dahingehend, daß alles von der Hetero-Norm Abweichendes als exotisch und minderwertig, wenn nicht gar schon in der Existenz als „unwert“ angesehen wird, auch wenn es so offen nicht „gewagt“ wird auszudrücken (außer von den „wird man doch noch mal sagen dürfen“-Rechtsaußen)…

    Was an gegenseitiger zwischenmenschlicher Liebe ein Problem darstellen soll, das hat sich mir noch nie erschlossen. Wer wen wie und warum liebt, das sollte fernab einer wirklichen (nicht nur vorgeschobenen) gesellschaftlichen Diskussion nur die Betreffenden etwas angehen. Liebe ist normal. Ihre teilweise Ablehnung nicht, nur eben leider gesellschaftskonform (hinter zumeist vorgehaltener Hand).

  2. Mein Eindruck ist, dass die Berichterstattung durch verschiedene Aspekte bedingt ist:

    – Homosexualität im Frauenfußball war mindestens historisch problematisch.

    – Homosexualität im Frauenfußball ist teilweise noch immer problematisch.

    – Die Spielerinnen selbst sind, soweit sie heterosexuell sind, teilweise genervt vom Klischee und wollen dem etwas entgegensetzen. (Was häufig mit einer entsprechend sexualisierten Selbstvermarktung einhergeht.)

    Die Berichterstattung über das Thema ist m.E. grundsätzlich gerechtfertigt und auch notwendig. Dass dies mitunter in recht unerträglicher Weise passiert, ist eine andere Frage und jedenfalls vom „Ob“ der Berichterstattung zu trennen.

    Ob es im Kern tatsächlich eine Verfügbarkeitsfrage ist, die männliche Ablehnung auslöst, weiß ich nicht. Ich glaube, es geht diesbezüglich eher um einen grundsätzlichen Bedarf nach klassisch Femininem – deswegen sind m.E. „geile Lesben“ für die meisten Männer ja wiederum nicht nur kein Problem, sondern werden sogar goutiert.

  3. „Die Spielerinnen selbst sind, soweit sie heterosexuell sind, teilweise genervt vom Klischee und wollen dem etwas entgegensetzen.

    Da wird die Sache ja interessant – wieso denn? Was legitimiert da zum Genervtsein? Mich nervt es zwar auch, wenn ich ungefragt als heterosexuell vereinnahmt werde und mich wer in Gespräche über „geile Lesbenpornos“, die ja nicht etwas sind, was lesbische Liebe goutieren würde, sondern eine instrumentalisierende Heten-Fantasien, einfach so hinein zerren will – die Differenz zur Frauenfussballerin, die „das Klischee“ nervt, ist aber vermutlich doch erheblich.

    Die „historische Problematik“ kann man spezifizieren: Bis Anfang der 90er galt der §175, der ein differentes Schutzalter im Falle so genannter „homosexueller Praktiken“ formulierte, bis 1969 die Nazi-Fassung. Der noch vor kurzem retrospektiv gerechtfertigt wurde, indem die hehre Politik sich weigerte, Urteile, die in dieser Nazi-Fassung gründeten, aufzuheben. Schwule KZ-Opfer wurden nie entschädigt. Nur, damit klar ist, wie die Gegenwärtigkeit dieser historischen Problematik sich zeigt.

    Der175 hatte übrigens zudem die Pointe, dass er sich nur auf Männer bezog, weil Lesben in einer phallozentrischen Gesellschaft eh kaum wer ernst nimmt. Deshalb ist die Frage, wieso das da geschieht, wo Frauen in einen klassische Männerdomäne einbrechen – wieso gerade da alle über Homosexualität schreiben. Gilt übrigens ähnlich, wenn Schwule in klassische Männerdomänen eindringen. Im „3. Reich“ wurden Lesben übrigens als Asoziale oder sonstwas inhaftiert.

    Finde Norberts Eintrag prima; denke aber schon, dass das, was bei uns als „sexuelle Orientierung“, die sich zumeist exklusiv auf das eine oder andere vermeindlich eindeutige, biologische Geschlecht bezieht, verhandelt wird, eine Rolle spielt, thematsiert gehört und dass man vor allem das Konzept „Heterosexualität“ hinterfragen und analysieren muss. Als Schwuler ist man ja sozusagen dessen „Abfallprodukt“, so zumindest zumeist die allgemeine Diskussionslage, deshalb ist super, dass Norbert im Grunde genommen genau das in seinem Eintrag gemacht hat: Heterosexualität befragen, die normalerweise als selbstverständlich angenommen wird.

    Das ist der erste Schritt zur Emanzipation aller, sozusagen, weil es Homophobie ja vor allem gibt, um Heterosexuelle zu normieren, eine weitere historische Dimension. Einträge wie der oben sind erster Schritt zur Befreiung.

  4. Sie sind, so vermute ich, davon genervt, dass ihre Sexualität in bestimmter und unzutreffender Weise vorausgesetzt wird. Das finde ich insoweit nachvollziehbar, als du ja auch beschreibst, wie dich die umgekehrte Vereinnahmung nervt.

    Den Zusammenhang zwischen der Thematisierung und dem Einbrechen in eine Männerdomäne sehe ich nicht so klar. Zum einen gibt es keine vergleichbare Thematisierung in Bereichen wie Management oder der Ärzteschaft. (Im Prinzip waren ja alle qualifizierten Berufe einmal Männerdomänen.) Zudem ist es doch, soweit ich weiß, tatsächlich so, dass der Anteil homosexueller Frauen im Fußball überdurchschnittlich ist. Insofern ist das Thema in diesem Bereich zum einen präsenter und zum anderen wird dadurch eben auch – der teils eben beschämende – Umgang mit Homosexuellen deutlich. Darüber ist kritisch zu berichten.

    Ich finde die Diskurse um Heteronormativität, Biologismus etc. sehr interessant. Ich bin mir nur nicht sicher, ob sie sich tatsächlich fruchtbar machen lassen, um Homophobie weltweit zu knacken. Dafür scheinen mir die Konzepte zu abstrakt und – was den Biologismus betrifft – auch zu weit entfernt von der Alltagsanschauung der Mehrheitsgesellschaft.

  5. Na ja, wenn man sich da der Perspektive vieler in der Mehrheitsgesellschaft anähnelt und an dieser orientiert, kann man sich auch allmorgendlich verprügeln, verspotten und beschimpfen lassen. Finde ich immer erstaunlich, was da so an Devotem von einem erwartet wird von manchen Mehrheitsgesellschaftlern. Man muss ja nun auch Teilen der heterosexuellen Dominanzkuktur nicht gleich a priori die Befähigung zu Reflektion, Mündigkeit und Selbsbestimmung absprechen, auch wenn sie sich oft so verhalten, als gäbe es dafür gute Gründe.

    Und natürlich ist es ein himmelweiter Unterschied, ob man nun als etwas identifiziert wird, was gesamtgesellschaftlich als „Abweichung“ gilt oder auch nicht. Diese permantente Abgrenzung gegen die Devianten ist doch geradezu Zentrum bundesdeutscher Stammesriten.

    Frauen in Männerdomänen werden sehr wohl auch männliche Attribute in abwertender Hinsicht angedichtet, wenn sie nicht zur „Mutti“, „Quotenfrau“ oder „hat sich hochgeschlafen“ umgedichtet werden. Weil an dieser ganzen Hetero/Homo-Unterscheidung eben immer bestimmte Vorstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit im Allgemeinen hängt, die ja im Fussballkosmos sich verdichtet, ein auch in St. Pauli-Kontexten – „der soll Gras fressen und kämpfen“ – oft deutlich untereflektiertes Feld. Das, so vermute ich, zugleich aber mancher Lesbe vielleicht gerade ein Entkommen aus all den alltäglichen, sexistischen Klischees ermöglichte.

  6. Ein ganz interessanter Beitrag aus dem SZ-Magazin: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/35917

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