Mrz 312011
 

oder

Aberglaube reloaded

Vorwort

Liebe Leser, ich finde die Idee des Quotenrockers und von stpauli.nu das Interview von Meeske mit eigenen Antworten nachzuspielen sehr amüsant und beide Versionen sehr lesenswert. Ich werde das vorläufig nicht auch machen, weil mir einfach keine Antworten einfallen, die das noch ergänzen würden. Was man einfach merkt ist, dass solche selbstgeschriebenen Promointerviews auf offiziellen Seiten einfach Inhalt ist, der einem immer um die Ohren fliegt, egal wie gut gemeint das ganze ist. Ob und inwieweit die Vereinsführung insbesondere einen sportlichen Misserfolg überlebt, sei mal dahin gestellt, aber Meeske muss aufpassen, dass er nicht irgendwann das typische Bauernopfer wird. Denn seine mehr als bescheidene Darstellung auf JHVs, Spiegelveranstaltungen und in Interviews (dieser Blog berichtete gelegentlich) macht ihn perfekt dazu.

Eigentlich hätte ich diesen Bericht auch als Posting in den Bereich Fußballgötter schreiben können. Mache ich aber nicht, da mir da einfach zu viele Leute schreiben, die glauben im Besitz der heilbringenden Wahrheit zu sein und dies ohne irgendwie ein Training zu sehen oder auch nur annähernd beurteilen zu können, welches die beste Elf ist. Aber alle, die nicht ihrer Meinung sind, haben keine Ahnung. Das finde ich schon mal eine gute Ausgangsposition für eine Diskussion. Gerade über so etwas wie eine sportliche Aufstellung, die immer eine Mischung von Trainingseindrücken, Vertrauen und unerklärbaren Bauchgefühl ist. Daher jetzt hier meine Bauchgefühl Aufstellung für morgen. Diese ist bitte nicht als heilsbringende Wahrheit zu sehen, sondern ähnlich wie das Einwechselratespiel des Königsblogs als lustiger Zeitvertreib und Spielerei:

VDS

Wird ein Hähnchen, zwei Cheeseburger, ein Beck’s Gold und leider nicht mehr rekonstruierbare andere Köstlichkeiten in der Kleinen Pause eingenommen. Das war unser Aberglaube Essen in der Pokalsaison und hat damals (teilweise) geholfen. Ich hatte versucht den Ablauf in den alten Berichten zu recherchieren, aber habe das leider nur teilweise gefunden. Habe aber auch feststellen müssen, dass fünf Jahre alte Berichte echt peinlich sind.

WDS

Hier nun also meine Aufstellung:

Tor

Fußballerisch: Kessler

Emotional: Bene

Und ich würde mich für die riskante, emotionale Seite entscheiden wollen. Warum? Kessler ist unbestritten eine der wenigen Konstanten dieses Jahr. Nahezu keine Fehler, mehrere wirklich gute Leistungen und komplett frei von irgendwelcher Kritik. Aber warum dann wechseln? Bauchgefühl! Und Risiko! Kessler ist ruhig und ich will Feuer von 1 bis 11. Ich will den Wachrüttler, ich will das Feuer. Ich weiß nicht, ob es Derby 2.0 geben kann, aber wenn es ein Spiel gibt diese Saion, wo man das noch mal probieren kann, dann hier. Freitagabend, Flutlicht, Dom und Endspielcharakter, das passt.

Innenverteidigung

Mangels Alternativen und weil sie in unserer kurzen Siegesserie nach der Winterpause funktioniert haben, sind Ralle und Torre hier gesetzt. Das kannst du drehen und wenden wie du willst, da hast du keine Alternative.

Außenverteidigung

Bartels möchte ich hier nicht sehen. Nein, er hat das Klasse gemacht, aber er fehlt uns weiter vorne. Daher würde ich ihn ins Mittelfeld ziehen. Dann bleiben eigentlich nur Kalla und Lelle, denen ich ein gutes Außenverteidigerpaar zutraue. Nur unser Trainer vertraut beiden eher nicht. Alternativ müsste man dann wohl die Innenverteidigung sprengen und das kann nicht Sinn der Sache sein. Wichtig zu Wissen ist, dass Schalke hier eine ihrer wenigen Stärken hat. Egal wer da Außen spielt, sie sind alle schnell und Ballgewandt. Egal wer bei uns da spielt: Sicherheit ist erste Bürgerpflicht und es darf alles passieren, aber die beiden Außenverteidiger müssen immer zwischen Mann und Torauslinie sein. Sich außen überlaufen lassen ist, bei den präzisen Flanken, die Schalke schlagen kann, tödlich.

Mittelfeld

Hier haben wir die größte Spielwiese, da wir viele fitte Spieler haben und sich wenig Spieler wirklich abheben in ihrer Leistung. Meine Aufstellung für diesen Mannschaftsteil ist daher von einer anderen Idee geprägt: Wir bekommen nix von der Bank diese Saison. Daher kann ich nicht Spieler auf die Bank setzen, die von dort nix bringen. Unsere Schwäche sind die letzten 15 Minuten und das heißt, ich brauche echte Teufel in der Hinterhand, die ich einwechseln kann. Und daher würde ich Kruse mal raus nehmen und von der Bank bringen. Ja, das ist wieder eine Entscheidung mit hohem Risiko, aber hausbacken haben wir nun auch schon häufig genug verloren. Nur wen bringen? Hennings? Wirkt untrainiert! Und da ist die Schwäche dieser Lösung. Es gibt keine Alternative zu Kruse und keine Alternative von der Bank. Stellen wir diesen Gedanken zurück und arbeiten die anderen Positionen ab. Takyi hinter die Spitzen. Von der Bank ist er nix und irgendwelche Experimente mit Daube, Lehmann oder wen auch immer sind bisher immer schief gegangen. Doppelsechs Lehmann und Boll oder Daube. Falls Boll fit wird, bleibt für Daube leider nur der Platz auf der Bank. Alle drei im Mittelfeld halte ich für Blödsinn bzw. hat nicht geklappt. Und Takyi als einen von zwei Topscorern der Rückrunde draußen zu lassen halte ich für falsch. Vorteil: Wir hätten einen Spieler auf der Bank, der wirklich noch mal einen Push geben kann. Anderer Außen allemal Bartels. Bleibt das Kruse Problem. Hennings als letzte Chance? Oder eben doch Kruse drinnen lassen.

Sturm

Wie ihr bereits gemerkt habe, bleibe ich bei dem 4-2-3-1 System, welches wir meistens spielen. Die Doppelsechs ist bei uns der einzige Bereich, der konstant solide agiert, daher würde ich das nicht für Experimente auflösen. Und meistens sind solche Experimente auch schief gegangen. Hier verlässt mich deswegen die Mut zur kreativen Aufstellung. Das heißt, es spielt entweder Asamoah oder Ebbers. Und hier würde ich Ebbers beginnen lassen. Klar ist das eine harte Entscheidung, aber da Ebbers Null von der Bank bringt und Asamoah eher noch mal einer ist, der 30 Minuten brennen kann, würde ich es so rum entscheiden. Aber Ebbers auch sagen, dass er bei schultergehänge und über den Platz traben auch nach 10 Minuten draußen ist. Der soll 60 Minuten so brennen wie letzte Saison und dann ausgepowert vom Platz gehen.

Die Einwechselungen: Asamoah für Ebbers ist bei Unentschieden oder Führung klar. Bei einem Rückstand für Takyi oder für Ebbers. Daube für Boll oder für Kruse je nach Spielstand. Und falls wir zurückliegen und Ebbers raus muss: Schulle als zweite Spitze. Einfach nur als Kampftier und als erster Balleroberer. Bei Unentschieden oder Rückstand: Keine Einwechselung nach Minute 70! Bei Führung und normalem Spielverlauf: Ebbers in der 70sten raus, Boll auch, Schulle in Min 80 als Wachmacher.

Klar, kann man alles diskutieren. Nur eines ist klar: Gewinnen müssen wir. Wir brauchen noch irgendwie 9 Punkte und wenn wir die nicht jetzt holen, wo dann?

NDS

Gehe ich irgendwo steil und vergesse mein ganzes Geschreibsel.

Begriffserklärung

VDS = Vor dem Spiel; WDS = Während des Spieles und NDS könnt ihr nun selber raten.

Und dann war da noch…

… Astra. Das spielen mit sexistischen Klischees und Kiezklischees ist immer ein Tanz auf dem Drahtseil. Inwieweit ist das noch eine bewusste verarsche, die eigentlich jedem wissenden Menschen klar sein sollte und wann wird es schlichtweg plumper Sexismus? Die Grenzen sind fließend und viele Leute werden sagen „ach das ist doch noch Klischee und lustig“. Wenn aber mehr oder minder direkt dazu aufgefordert wird, Astra zu trinken und dann Frauen auf ihr wertes Hinterteil zu fassen, dann ist das für mich nur eines: Unerträglich. Gut, dass ich die Plörre sowieso nicht wirklich mag. Aber jeder antisexistisch eingestellter St. Paulifan sollte jetzt überlegen, ob Astra wirklich so cool ist und ob man nicht einfach mal im Stadion kein Bier trinken sollte. Rhetorische weiterführende Frage: Gibt es überhaupt eine Bierwerbung, die nicht mehr oder minder sexistische Klischees bedient? Gesucht wird: Politisch korrektes Bier.

Siehe dazu auch stpauli.nu und die Metalust. Aus den Kommentaren zu dem Metalust Arktikel ziehe ich mir mal eine Aussage des Autors höchstselbst, die ich sehr richtig finde und die ich euch hier nicht vorenthalten mag: „Interessant ist übrigens, wenn man sich die „Supertyp“-Astra-Werbung parallel anguckt, dieses Bild mit dem Lebkuchenherz vom Dom, das gerade an Bushaltestellen zu sehen ist: Der Mann ist angezogen und individualisiert, den man da sieht. Frau bleibt anonym und als verallgemeinerter Arsch zu sehen.“

… Scooter und der Rechtsrock. Im Internet kursieren zwei Bilder, einmal HP von Scooter mit einem Nazishirt. Dieses Bild ist wohl schlichtweg eine Fälschung und damit einer wahrscheinlichen Schmutzkampagne zuzuordnen, die wahrscheinlich irgendwer in irgendwelchen miesen Absichten losgetreten hat und auf die – auch von mir schon geschilderten – Wirkungen des Internets gezielt hat. Es existiert aber auch ein zweites Bild, auf dem die Band Scooter mit der mehr oder minder rechtsradikalen Band Kategorie C angeblich in einem Flieger postiert. Hier wird – soweit ich das sehe – die Echtheit des Fotos nicht angezweifelt und da stelle ich mir dann doch die Frage: Bei aller Fanliebe und der – positiven – Bereitschaft breitwillig für Erinnerungsfotos zu postieren: Gucke ich mir die Shirts der Leute mit denen ich da postiere eigentlich gar nicht an? Hier ist weniger angebliche politische Gesinnung eines eigentlich „normalen“ Künstlers der Vorwurf, als die Gedankenlosigkeit.

… die Rote Flora. Ja es ist mal wieder soweit, die Flora soll verkauft werden. Hierzu folgende Anmerkungen: Die Stadt frisst jetzt ihren ehemaligen Verkauf an Klausmaria. Denn was damals wie eine tolle Lösung aussah, wird nun zu einem richtig üblen Bumerang, der richtig viel Geld kosten wird. Denn irgendeinen mehr oder minder dubiosen Investor, der bereit ist unzählige Euros für das Grundstück auszugeben, wird Klausmaria schon präsentieren und dann hat die Stadt nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera. Pest ist: Verkauf durchgehen lassen, dann eventuell Räumung durchsetzen müssen und mindestens zwei Wochen Bürgerkrieg in der Stadt haben. Oder Cholera: Per Vorkaufsrecht in den Vertrag einsteigen, Klausmaria reich machen und das Ding wieder an den Hacken haben. Aus Sicht der Stadt beides nicht gerade tolle Ideen, oder?

Darauf abzuzielen, dass sich die Flora irgendwann totläuft, mag eine schöne Idee (gewesen) sein (aus Sicht der Investoren und der Stadt, damit das klar ist), scheint aber aufgrund der hohen Symbolkraft und der Konstanz dieser Institution ein sehr riskantes Spiel.

Ich sage euch auch ehrlich: Viel teile ich mit den Gruppen, welche die Flora tragen nicht. Insbesondere nicht in politischer Hinsicht. Ich bedauere auch, dass durch die Besetzung und den ungeklärten Status ein wirklich schönes Gebäude vergammelt und vor sich hin rottet. Das tut mir in der Seele weh. Man stelle sich dieses Gebäude mal renoviert und einfarbig vor. Ja, ich weiß nix für Streetartfreunde.

Aber – war klar, oder? – ich denke auch, dass für „linke Spinner“ (Klischee) Platz sein sollte und muss und mir ein alternatives, durchgeknalltes und unbequemes Stadtteilzentrum sehr viel lieber ist, als das nächste loftähnliche Büro oder das nächste hochpreisige saubere Eigentumswohnungshaus. Und nur auf diese Alternative läuft es hinaus. Denn eine umfassende Renovierung und danach sinnvolle, nichtkommerzielle Nutzung wird es nicht geben. Leider.

Was ich nicht verstehe ist, dass sich die Floristen (Wortschöpfung der MoPo) komplett einer Legalisierungslösung verstellen. Vielleicht denke ich da zu wenig verquer und revolutionspolitisch, aber ist die Hafenstraße denn so schlecht damit gefahren?

So oder so: Die Rote Flora bleibt eine never ending story.

Und wenn man schon bei der Roten Flora ist: Wer besetzt eigentlich endlich mal die Schilleroper? Noch so ein wunderschönes Gebäude, was von rücksichtslosen Eigentümern einfach mal so dem Verfall überlassen wird, damit man irgendwann irgendwelche Yuppiescheiße errichten kann. Leerstand kotzt mich sowieso extrem an und es ist an dem gerade neu gewählten Senat hier dringend etwas zu ändern.

… das Alkoholverbot in Bus- und Bahn. Es musste kommen und es wird von der bürgerlichen Seite abgefeiert werden und angeblich wieder zu weniger Straftaten führen. Aber mir schmeckt es gar nicht. Klar sehe ich auch das Problem der Gewalttaten in Bus und Bahn. Und klar spielt dort Alkohol IMMER eine Rolle, gerade bei Tätern im jugendlichen Alter. Nur: Wie viele von denen trinken sich in der Bahn so zu? Anders als im Metronom dauert eine Bahnreise auch nicht so lange, dass hier die Schritte von nüchtern bis betrunken durchlebt werden können.

Sprich: Das eigentliche Problem wird nicht angefasst. Dafür wird mal wieder ein Verbot installiert und noch ein Verbot und noch ein Verbot. Und irgendwann haben wir amerikanische Verhältnisse, wo Alkoholtrinken überall außerhalb der vier Wände und der Kneipe verboten ist. Ein Traum für Sicherheitsfanatiker. Ein Albtraum für einen Menschen wie mich, der so etwas hasst. Ich trinke beinah nie in der Bahn, aber die viermal pro 10 Jahre, die ich es mache, möchte ich es weiterhin machen dürfen. Und noch jemand profitiert ganz ungemein davon: Die Kneipen.

… die Bloggeraktion. Ich will da irgendwann mal in eine zweite Runde einsteigen, aber dazu brauche ich etwas, was ich gerade nicht habe: geistige Ruhe. Also noch ein bisschen Geduld. Sich da durchzulesen, lohnt sich aber allemal. Alle Links findet ihr hier.