Mrz 312011
 

oder

Aberglaube reloaded

Vorwort

Liebe Leser, ich finde die Idee des Quotenrockers und von stpauli.nu das Interview von Meeske mit eigenen Antworten nachzuspielen sehr amüsant und beide Versionen sehr lesenswert. Ich werde das vorläufig nicht auch machen, weil mir einfach keine Antworten einfallen, die das noch ergänzen würden. Was man einfach merkt ist, dass solche selbstgeschriebenen Promointerviews auf offiziellen Seiten einfach Inhalt ist, der einem immer um die Ohren fliegt, egal wie gut gemeint das ganze ist. Ob und inwieweit die Vereinsführung insbesondere einen sportlichen Misserfolg überlebt, sei mal dahin gestellt, aber Meeske muss aufpassen, dass er nicht irgendwann das typische Bauernopfer wird. Denn seine mehr als bescheidene Darstellung auf JHVs, Spiegelveranstaltungen und in Interviews (dieser Blog berichtete gelegentlich) macht ihn perfekt dazu.

Eigentlich hätte ich diesen Bericht auch als Posting in den Bereich Fußballgötter schreiben können. Mache ich aber nicht, da mir da einfach zu viele Leute schreiben, die glauben im Besitz der heilbringenden Wahrheit zu sein und dies ohne irgendwie ein Training zu sehen oder auch nur annähernd beurteilen zu können, welches die beste Elf ist. Aber alle, die nicht ihrer Meinung sind, haben keine Ahnung. Das finde ich schon mal eine gute Ausgangsposition für eine Diskussion. Gerade über so etwas wie eine sportliche Aufstellung, die immer eine Mischung von Trainingseindrücken, Vertrauen und unerklärbaren Bauchgefühl ist. Daher jetzt hier meine Bauchgefühl Aufstellung für morgen. Diese ist bitte nicht als heilsbringende Wahrheit zu sehen, sondern ähnlich wie das Einwechselratespiel des Königsblogs als lustiger Zeitvertreib und Spielerei:

VDS

Wird ein Hähnchen, zwei Cheeseburger, ein Beck’s Gold und leider nicht mehr rekonstruierbare andere Köstlichkeiten in der Kleinen Pause eingenommen. Das war unser Aberglaube Essen in der Pokalsaison und hat damals (teilweise) geholfen. Ich hatte versucht den Ablauf in den alten Berichten zu recherchieren, aber habe das leider nur teilweise gefunden. Habe aber auch feststellen müssen, dass fünf Jahre alte Berichte echt peinlich sind.

WDS

Hier nun also meine Aufstellung:

Tor

Fußballerisch: Kessler

Emotional: Bene

Und ich würde mich für die riskante, emotionale Seite entscheiden wollen. Warum? Kessler ist unbestritten eine der wenigen Konstanten dieses Jahr. Nahezu keine Fehler, mehrere wirklich gute Leistungen und komplett frei von irgendwelcher Kritik. Aber warum dann wechseln? Bauchgefühl! Und Risiko! Kessler ist ruhig und ich will Feuer von 1 bis 11. Ich will den Wachrüttler, ich will das Feuer. Ich weiß nicht, ob es Derby 2.0 geben kann, aber wenn es ein Spiel gibt diese Saion, wo man das noch mal probieren kann, dann hier. Freitagabend, Flutlicht, Dom und Endspielcharakter, das passt.

Innenverteidigung

Mangels Alternativen und weil sie in unserer kurzen Siegesserie nach der Winterpause funktioniert haben, sind Ralle und Torre hier gesetzt. Das kannst du drehen und wenden wie du willst, da hast du keine Alternative.

Außenverteidigung

Bartels möchte ich hier nicht sehen. Nein, er hat das Klasse gemacht, aber er fehlt uns weiter vorne. Daher würde ich ihn ins Mittelfeld ziehen. Dann bleiben eigentlich nur Kalla und Lelle, denen ich ein gutes Außenverteidigerpaar zutraue. Nur unser Trainer vertraut beiden eher nicht. Alternativ müsste man dann wohl die Innenverteidigung sprengen und das kann nicht Sinn der Sache sein. Wichtig zu Wissen ist, dass Schalke hier eine ihrer wenigen Stärken hat. Egal wer da Außen spielt, sie sind alle schnell und Ballgewandt. Egal wer bei uns da spielt: Sicherheit ist erste Bürgerpflicht und es darf alles passieren, aber die beiden Außenverteidiger müssen immer zwischen Mann und Torauslinie sein. Sich außen überlaufen lassen ist, bei den präzisen Flanken, die Schalke schlagen kann, tödlich.

Mittelfeld

Hier haben wir die größte Spielwiese, da wir viele fitte Spieler haben und sich wenig Spieler wirklich abheben in ihrer Leistung. Meine Aufstellung für diesen Mannschaftsteil ist daher von einer anderen Idee geprägt: Wir bekommen nix von der Bank diese Saison. Daher kann ich nicht Spieler auf die Bank setzen, die von dort nix bringen. Unsere Schwäche sind die letzten 15 Minuten und das heißt, ich brauche echte Teufel in der Hinterhand, die ich einwechseln kann. Und daher würde ich Kruse mal raus nehmen und von der Bank bringen. Ja, das ist wieder eine Entscheidung mit hohem Risiko, aber hausbacken haben wir nun auch schon häufig genug verloren. Nur wen bringen? Hennings? Wirkt untrainiert! Und da ist die Schwäche dieser Lösung. Es gibt keine Alternative zu Kruse und keine Alternative von der Bank. Stellen wir diesen Gedanken zurück und arbeiten die anderen Positionen ab. Takyi hinter die Spitzen. Von der Bank ist er nix und irgendwelche Experimente mit Daube, Lehmann oder wen auch immer sind bisher immer schief gegangen. Doppelsechs Lehmann und Boll oder Daube. Falls Boll fit wird, bleibt für Daube leider nur der Platz auf der Bank. Alle drei im Mittelfeld halte ich für Blödsinn bzw. hat nicht geklappt. Und Takyi als einen von zwei Topscorern der Rückrunde draußen zu lassen halte ich für falsch. Vorteil: Wir hätten einen Spieler auf der Bank, der wirklich noch mal einen Push geben kann. Anderer Außen allemal Bartels. Bleibt das Kruse Problem. Hennings als letzte Chance? Oder eben doch Kruse drinnen lassen.

Sturm

Wie ihr bereits gemerkt habe, bleibe ich bei dem 4-2-3-1 System, welches wir meistens spielen. Die Doppelsechs ist bei uns der einzige Bereich, der konstant solide agiert, daher würde ich das nicht für Experimente auflösen. Und meistens sind solche Experimente auch schief gegangen. Hier verlässt mich deswegen die Mut zur kreativen Aufstellung. Das heißt, es spielt entweder Asamoah oder Ebbers. Und hier würde ich Ebbers beginnen lassen. Klar ist das eine harte Entscheidung, aber da Ebbers Null von der Bank bringt und Asamoah eher noch mal einer ist, der 30 Minuten brennen kann, würde ich es so rum entscheiden. Aber Ebbers auch sagen, dass er bei schultergehänge und über den Platz traben auch nach 10 Minuten draußen ist. Der soll 60 Minuten so brennen wie letzte Saison und dann ausgepowert vom Platz gehen.

Die Einwechselungen: Asamoah für Ebbers ist bei Unentschieden oder Führung klar. Bei einem Rückstand für Takyi oder für Ebbers. Daube für Boll oder für Kruse je nach Spielstand. Und falls wir zurückliegen und Ebbers raus muss: Schulle als zweite Spitze. Einfach nur als Kampftier und als erster Balleroberer. Bei Unentschieden oder Rückstand: Keine Einwechselung nach Minute 70! Bei Führung und normalem Spielverlauf: Ebbers in der 70sten raus, Boll auch, Schulle in Min 80 als Wachmacher.

Klar, kann man alles diskutieren. Nur eines ist klar: Gewinnen müssen wir. Wir brauchen noch irgendwie 9 Punkte und wenn wir die nicht jetzt holen, wo dann?

NDS

Gehe ich irgendwo steil und vergesse mein ganzes Geschreibsel.

Begriffserklärung

VDS = Vor dem Spiel; WDS = Während des Spieles und NDS könnt ihr nun selber raten.

Und dann war da noch…

… Astra. Das spielen mit sexistischen Klischees und Kiezklischees ist immer ein Tanz auf dem Drahtseil. Inwieweit ist das noch eine bewusste verarsche, die eigentlich jedem wissenden Menschen klar sein sollte und wann wird es schlichtweg plumper Sexismus? Die Grenzen sind fließend und viele Leute werden sagen „ach das ist doch noch Klischee und lustig“. Wenn aber mehr oder minder direkt dazu aufgefordert wird, Astra zu trinken und dann Frauen auf ihr wertes Hinterteil zu fassen, dann ist das für mich nur eines: Unerträglich. Gut, dass ich die Plörre sowieso nicht wirklich mag. Aber jeder antisexistisch eingestellter St. Paulifan sollte jetzt überlegen, ob Astra wirklich so cool ist und ob man nicht einfach mal im Stadion kein Bier trinken sollte. Rhetorische weiterführende Frage: Gibt es überhaupt eine Bierwerbung, die nicht mehr oder minder sexistische Klischees bedient? Gesucht wird: Politisch korrektes Bier.

Siehe dazu auch stpauli.nu und die Metalust. Aus den Kommentaren zu dem Metalust Arktikel ziehe ich mir mal eine Aussage des Autors höchstselbst, die ich sehr richtig finde und die ich euch hier nicht vorenthalten mag: „Interessant ist übrigens, wenn man sich die „Supertyp“-Astra-Werbung parallel anguckt, dieses Bild mit dem Lebkuchenherz vom Dom, das gerade an Bushaltestellen zu sehen ist: Der Mann ist angezogen und individualisiert, den man da sieht. Frau bleibt anonym und als verallgemeinerter Arsch zu sehen.“

… Scooter und der Rechtsrock. Im Internet kursieren zwei Bilder, einmal HP von Scooter mit einem Nazishirt. Dieses Bild ist wohl schlichtweg eine Fälschung und damit einer wahrscheinlichen Schmutzkampagne zuzuordnen, die wahrscheinlich irgendwer in irgendwelchen miesen Absichten losgetreten hat und auf die – auch von mir schon geschilderten – Wirkungen des Internets gezielt hat. Es existiert aber auch ein zweites Bild, auf dem die Band Scooter mit der mehr oder minder rechtsradikalen Band Kategorie C angeblich in einem Flieger postiert. Hier wird – soweit ich das sehe – die Echtheit des Fotos nicht angezweifelt und da stelle ich mir dann doch die Frage: Bei aller Fanliebe und der – positiven – Bereitschaft breitwillig für Erinnerungsfotos zu postieren: Gucke ich mir die Shirts der Leute mit denen ich da postiere eigentlich gar nicht an? Hier ist weniger angebliche politische Gesinnung eines eigentlich „normalen“ Künstlers der Vorwurf, als die Gedankenlosigkeit.

… die Rote Flora. Ja es ist mal wieder soweit, die Flora soll verkauft werden. Hierzu folgende Anmerkungen: Die Stadt frisst jetzt ihren ehemaligen Verkauf an Klausmaria. Denn was damals wie eine tolle Lösung aussah, wird nun zu einem richtig üblen Bumerang, der richtig viel Geld kosten wird. Denn irgendeinen mehr oder minder dubiosen Investor, der bereit ist unzählige Euros für das Grundstück auszugeben, wird Klausmaria schon präsentieren und dann hat die Stadt nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera. Pest ist: Verkauf durchgehen lassen, dann eventuell Räumung durchsetzen müssen und mindestens zwei Wochen Bürgerkrieg in der Stadt haben. Oder Cholera: Per Vorkaufsrecht in den Vertrag einsteigen, Klausmaria reich machen und das Ding wieder an den Hacken haben. Aus Sicht der Stadt beides nicht gerade tolle Ideen, oder?

Darauf abzuzielen, dass sich die Flora irgendwann totläuft, mag eine schöne Idee (gewesen) sein (aus Sicht der Investoren und der Stadt, damit das klar ist), scheint aber aufgrund der hohen Symbolkraft und der Konstanz dieser Institution ein sehr riskantes Spiel.

Ich sage euch auch ehrlich: Viel teile ich mit den Gruppen, welche die Flora tragen nicht. Insbesondere nicht in politischer Hinsicht. Ich bedauere auch, dass durch die Besetzung und den ungeklärten Status ein wirklich schönes Gebäude vergammelt und vor sich hin rottet. Das tut mir in der Seele weh. Man stelle sich dieses Gebäude mal renoviert und einfarbig vor. Ja, ich weiß nix für Streetartfreunde.

Aber – war klar, oder? – ich denke auch, dass für „linke Spinner“ (Klischee) Platz sein sollte und muss und mir ein alternatives, durchgeknalltes und unbequemes Stadtteilzentrum sehr viel lieber ist, als das nächste loftähnliche Büro oder das nächste hochpreisige saubere Eigentumswohnungshaus. Und nur auf diese Alternative läuft es hinaus. Denn eine umfassende Renovierung und danach sinnvolle, nichtkommerzielle Nutzung wird es nicht geben. Leider.

Was ich nicht verstehe ist, dass sich die Floristen (Wortschöpfung der MoPo) komplett einer Legalisierungslösung verstellen. Vielleicht denke ich da zu wenig verquer und revolutionspolitisch, aber ist die Hafenstraße denn so schlecht damit gefahren?

So oder so: Die Rote Flora bleibt eine never ending story.

Und wenn man schon bei der Roten Flora ist: Wer besetzt eigentlich endlich mal die Schilleroper? Noch so ein wunderschönes Gebäude, was von rücksichtslosen Eigentümern einfach mal so dem Verfall überlassen wird, damit man irgendwann irgendwelche Yuppiescheiße errichten kann. Leerstand kotzt mich sowieso extrem an und es ist an dem gerade neu gewählten Senat hier dringend etwas zu ändern.

… das Alkoholverbot in Bus- und Bahn. Es musste kommen und es wird von der bürgerlichen Seite abgefeiert werden und angeblich wieder zu weniger Straftaten führen. Aber mir schmeckt es gar nicht. Klar sehe ich auch das Problem der Gewalttaten in Bus und Bahn. Und klar spielt dort Alkohol IMMER eine Rolle, gerade bei Tätern im jugendlichen Alter. Nur: Wie viele von denen trinken sich in der Bahn so zu? Anders als im Metronom dauert eine Bahnreise auch nicht so lange, dass hier die Schritte von nüchtern bis betrunken durchlebt werden können.

Sprich: Das eigentliche Problem wird nicht angefasst. Dafür wird mal wieder ein Verbot installiert und noch ein Verbot und noch ein Verbot. Und irgendwann haben wir amerikanische Verhältnisse, wo Alkoholtrinken überall außerhalb der vier Wände und der Kneipe verboten ist. Ein Traum für Sicherheitsfanatiker. Ein Albtraum für einen Menschen wie mich, der so etwas hasst. Ich trinke beinah nie in der Bahn, aber die viermal pro 10 Jahre, die ich es mache, möchte ich es weiterhin machen dürfen. Und noch jemand profitiert ganz ungemein davon: Die Kneipen.

… die Bloggeraktion. Ich will da irgendwann mal in eine zweite Runde einsteigen, aber dazu brauche ich etwas, was ich gerade nicht habe: geistige Ruhe. Also noch ein bisschen Geduld. Sich da durchzulesen, lohnt sich aber allemal. Alle Links findet ihr hier.

Mrz 282011
 

oder

Ich wollte doch gar nicht sammeln

UPDATE: Liste ist zur Zeit nicht aktuell. Update nach einem Tauschwahnsinn morgen beim Spiel

Jaja, ich wollte gar nicht sammeln und tue es nun doch. Für einen nicht so St. Pauliaffinen Kollegen, der eher aus Freundlichkeit mir gegenüber das sammeln angefangen hat. Und nun fehlen ihm doch einige und er hat zuviele doppelte. Und da sage ich doch unvorsichtig wie ich bin „ich tausch mal für dich“. Also liebe Leser, ab geht es:

Suche:
1,2,38,10,12,16,18,19,21,22,23,25,26,27,40,52,53,55,56,57,58,59,60,61,62,63,
73,79,89,90,91,94,95,96,97,98,99,100,101,102,116,125,129,130,131,132,134,135
,136,137,138,139,145,147,152,165,167,168,169,174,175,180,182,183,185,186,188
,190,195,201

Bietet:
204,203,202,200,200,197,196,194,193,184,178,177,171,171,166,166,166,164,164,
164,164,163,163,163,163,162,162,162,161,161,160,160,159,159,159,158,158,158,
157,157,157,157,156,156,156,154,154,153,150,149,146,144,143,128,128,128,128,
127,127,127,125,125,124,123,122,122,121,121,120,120,120,119,119,119,118,118,
117,117,115,115,114,113,113,112,112,111,111,111,108,108,108,107,106,106,105,
105,93,93,93,88,88,88,87,87,86,85,85,84,84,84,83,83,83,82,82,81,81,80,80,77,
76,76,75,75,74,74,72,72,69,69,68,68,67,67,66,66,66,51,50,49,44,43,39,39,38,3
8,37,37,37,36,36,33,33,32,32,31,31,31,30,30,30,14,13,7

Kontakt bitte über webmaster ääääätttt magischerfc.de. Tausch gerne auch per Post.

Mrz 232011
 

oder

So wirbt der FC St. Pauli dafür, dass man bei ihm werben soll.

Kurze Erläuterung

Gestern war eine der Veranstaltungen bei dem der FC sich Sponsoren vorstellt und sich Sponsoren gegeneinander vorstellen. Das ist sehr gut, das finde ich cool und das soll auch so sein. In diesem Zusammenhang konnten sich auch soziale Projekte vorstellen, was VcA wahrgenommen hat, Fanräume mangels Personal leider nicht wahrnehmen konnte. Auch das ist wirklich cool von der Vermarktung.

Natürlich liegen bei solchen Veranstaltungen auch die Selbstwerbungsmaterialien unseres Vereines aus. Diese findet man garantiert auch irgendwo auf der Homepage und ich halte die nun auch nicht für geheim oder eine Verschlußssache. Bei Werbung gehe ich davon aus, dass sie verbreitet werden soll. Daher veröffentliche ich die hier jetzt auch einfach mal.

Groß kommentieren möchte ich das nicht, denn sie spricht für sich selbst. Hinweisen möchte ich nur auf die groß herausgestellten „Markenwerte“ und auf das was als Bildmotive genutzt wird. Spannend auch, dass 86 Dauerkarten weniger genannt werden, als in Gesprächen mit Fans immer behauptet wird. Den Rest lest einfach selbst.

Hier also der Link zu dem Scan (PDF; 7MB)

Mrz 222011
 

oder

Das Bloggerprojekt – Wir sind St. Pauli! Aber was sind wir eigentlich?

Administrativer Hinweis

Ihr findet auf der Ankündigungsseite auch alle andere Beiträge, die Blogger zu diesem Thema geschrieben haben. Ich finde es erstmal ganz stark, dass sich so viele Menschen mit so unterschiedlichen Karrieren als Fan an dieser Idee beteiligt haben / beteiligen werden. Dafür ein ehrliches Dankeschön! Ich persönlich wünsche mir jetzt eine sachliche, nachdenkliche, nicht persönlich werdende Diskussion. Es muss auch keinen Kompromiss geben, denn St. Pauli lebt auch von Vielfalt. Ich werde mich auch erstmal mit Kommentaren und ähnlichem zurückhalten und dann vielleicht das spielfreie Wochenende nutzen, um einige Gedankenstränge aufzugreifen. Kommentare zu diesem Artikel werden daher erstmal veröffentlicht, aber von mir nicht beantwortet. Ich denke sozusagen drüber nach. Moderierend eingreifen tue ich bei Bedarf natürlich schon. Eines darf nie vergessen werden (geklaut aus Jekys Beitrag mit ihrem Einverständnis):

Und über allem steht: We love Sankt Pauli, fabulous Sankt Pauli.

Und das lustige ist, wenn man dieses Zitat seinem Chant zuordnet, dann sind wir mittendrin in der Diskussion.

Eine Bitte noch: Du hast einen Beitrag geschrieben oder im Web gefunden, der hier noch nicht steht? Dann sofort her damit! Webmaster ääääätt magischerfc PUNKT de. Wenn ihr das ganze auf Twitter verfolgen wollt, dann sucht doch einfach nach dem Hashtag #profcsp, das ist auch nicht perfekt, aber mangels besserer Gegenvorschläge wurde es nun auserkoren. Wichtig ist auch folgendes: Dein Blog ist unverschämterweise von uns nicht aufgefordert worden mitzumachen? Dann 1. Sorry 2. ran an die Tasten, wir warten auf deinen Beitrag. Nachzügler sind herzlichst willkommen!

Hinweise zu meinem Text

Wenn man so etwas schreibt, dann muss man auch provokativ sein, dann muss man auch Mauern mit Wucht einreißen. Man muss auch mal einfach die Südtribüne abreißen, wenn man 20 Jahre keinen Stadionneubau hinbekommen hat. So muss man bitte auch meinen Text verstehen. Man muss das ganze mit Attacke schreiben und nicht gemäßigt. Daher ist vieles einfach auch „in a nutshell“ und damit in einer perfekten Welt gedacht. Daher gibt es zwei Gegenargumente bei meiner Vision nicht: Nämlich 1. das geht in diesen Verhältnissen nicht und 2. das ist verboten bzw. nicht erlaubt. Dass dem teilweise so ist, das weiß ich auch. Aber vielleicht wird aus meiner Vision schon deutlich, warum diese Gegenargumente keinen Sinn ergeben.

Ich konzentriere mich auch ausschließlich auf die Fanszene. Das vieles auch von außen beeinflusst wird, von Faktoren wie sportlichem Erfolg, das vernachlässige ich jetzt mal ganz bewusst.

Noch etwas ist mir wichtig: Ich will keinen Text schreiben, wo alle Leute sich wiederfinden, wo auf Facebook möglichst viele Leute ein „mag ich“ anklicken oder wo der Hinweis möglichst viel mit „genau“ retweeted wird. Das wäre jetzt schon Kompromisse eingehen oder nach dem Mainstream schreiben und das ist nicht Sinn der Sache. Mal ganz davon ab, dass dies auch nicht die Entstehung der Kultur des FC gewesen ist. Aber dazu gleich.

Daher ist die Überschrift zu jedem einzelnen Punkt „Ich will…“. Beginnen möchte ich aber mit dem Status Quo.

Ich sehe… die Realität

Diese Realität ist meine Realität, das muss man wissen. Banal, oder? Denn es gibt nichts Absolutes in einer solchen Wahrnehmung.

Es wäre etwas einfaches hier zu schreiben, dass wir uns in einer Sackgasse befinden und es hätte wahrscheinlich viel Wahres an sich, aber es wäre einfach zu negativ, denn so dunkel wie es ist, es ist immer noch viel zu viel Licht um es Nacht zu nennen. Daher muss zu Beginn der Bestandsaufnahme deutlich gesagt werden: Wir jammern auf höchstem Niveau. Ich behaupte z.B. mal, dass bei uns ca. 90 % der Leute wissen, was Thor Steinar ist, mindestens 80 % mit offenen Augen durch die Welt gehen und Thor Steinar erkennen und mindestens 70 % auf ihre Art den Träger ansprechen würden. Fragt mal in anderen Stadien. Und das Level des Interesses, das Level des Sich-Informieren-Wollens ist bei uns immer noch sehr hoch. Nicht zu Unrecht verkauft der Übersteiger bei gerade einmal 24.000 Zuschauern irgendwas zwischen 2.000 und 4.000 Heften. Ein Fanorgan mit dieser Reichweite bei den eigenen Zuschauern gibt es nur bei uns. Da kommt vielleicht nur das „Schalke Unser“ ran.

Einen Fixpunkt muss es aber vorab geben, auch wenn der brutal klingt und vielen nicht gefallen wird:

Wir sind ein Fußballverein, wir können nicht die Welt retten. Fußball ist ein proletarischer Sport und so sehr es uns Studierten nicht gefallen mag, es herrschen im Fußball auch mal raue Sitten und Gebräuche vor und man kann nicht alles perfekt machen. Wir sind in vielem von der Gesellschaft und ihrer Entwicklung abhängig, wir können (und müssen, wenn ich hier schon eine Vision einbauen darf) gegen vieles protestieren, aber wir werden es nicht Auf dem Heiligengeistfeld, 20359 Hamburg ändern. Und dass wir und unsere Vision im Widerspruch zu dem archaisch aufgebauten Profifußball mit seinen (Männlichkeits?)Ritualen stehen und wir so einen nicht überwindbaren Widerspruch leben, das sollte auch klar sein. Und wir alleine werden ohne die Gesellschaft diesen Widerspruch auch nicht auflösen.

Blicken wir zur Erläuterung des „jetzt“ doch mal auf die Vergangenheit. Was war eigentlich los in den 80ern? War damals alles besser? Nein, natürlich nicht. Viele Jüngere (denen ich jetzt mal pauschal den Vorwurf mache, sich ins gemachte Nest zu legen) können sich nicht vorstellen, was für Volk damals in Stadien im allgemeinen und am Millerntor im Besonderen sich trollte und wie viel Rassismus insbesondere als vollkommen normal angesehen wurde. Bei St. Pauli gab es auch deswegen ein Vakuum und die Möglichkeit etwas Neues zu schaffen, weil es keine festen Strukturen gab. Das ist heute anders. Wer heute neu an das Millerntor kommt, der wird sich mit einer festen, teilweise verwirrenden Struktur der Fans vertraut machen müssen.

Was war aber anders? Und was hat diesen Schub zu heute gegeben? Die Leute, die damals kamen, waren – wenn man so will – Fußballfremd. Viele Leute, die damals die erste Generation der „aktiven Fanszene“ bildeten, waren aus politischen Zusammenhängen bzw. aus diffusen politischen Sympathien an das Millerntor gepilgert und brachten daher ihre Überzeugungen in eine fremde Welt mit.

Und keine andere Fanszene davor oder danach konnte so den Namen „aktive Fanszene“ für sich verbuchen wie diese. Wisst ihr, was aus meiner -subjektiven Sicht – damals anders war? Die 200 Leute, die bei jedem Spiel waren, waren auch die 200, die den Fanladen frequentierten und die Fanzines, schrieben, verkauften und Flyer verteilten. Das ist heute in der weit verzweigten Szene nicht mehr so. Nix gegen den Übersteiger, aber seine Redaktion besteht nicht mehr aus dem harten Kern der Allesfahrer. Deswegen beschreibt er teilweise auch eine andere Realität als ein Allesfahrer, ein harter Kern Ultra, wenn man so will.

Diese vielleicht 200 Leute haben kopiert, ja ganz brutal kopiert haben sie. Nämlich in England. Da haben sie viele Ideen her, z.B. die der Fanzines und die der vereinspolitischen Einmischung und die Idee, etwas gegen Rassismus zu machen. Aber sie haben nicht blind kopiert, denn sie haben z.B. nicht den Hooliganismus aus England kopiert. Nein, Leute, glaubt nicht, dass da Friedensengel unterwegs waren, die sich brav an Regeln gehalten haben. Immerhin sind z.B. zwei ehemalige Fanbeauftragte wegen mehr oder minder schweren Straftaten auch mal in Kontakt mit der Polizei gewesen. Ich sage nur Nürnberg und Gartenzwerg und die „Älteren“ werden wissen, was gemeint ist. Und körperliche Auseinandersetzungen gab es auch damals. Alleine schon, weil jeder Nazi garantiert nicht fröhlich wegspaziert ist. Oder habt ihr euch mal überlegt, wie die Hafenstraße besetzt wurde? Garantiert nicht in dem man sich an die Hände fasste, „We shall overcome“ sang und dann nach Hause ging. An Gesetze und Regeln hielt man sich auch nicht, denn sonst wäre der Totenkopf in München wahrscheinlich immer noch verboten.

Eines ist aber gewiss: In Deutschland erschuf man etwas, was es so in Deutschland noch nicht gab. Und man trat jedem Fan eines anderen Vereines erstmal positiv interessiert entgegen. So gab es damals selbst positive Kontakte zu Leverkusenern, obwohl man mit Köln befreundet war, ja selbst zu vereinzelten Rostockern. Einfach weil die „korrekt“ waren, wie es so schön hieß. Diese positive Neugier gab es zum Anbeginn von Ultra nebenbei bei allen deutschen Vereinen, sie ist dann aber häufig einem Pauschalurteil gewichen.

Was damals einfacher war, war folgendes: Es gab klare Feindbilder, wenn ich die mal so nennen darf. Wenn in einem Stadion gegen nicht europäische-weiße (Begriff nicht politisch korrekt) Spieler Affenlaute gerufen wurden (so selbst lautstark am Millerntor), dann muss ich nicht über Rassismusdefinitionen, die Entstehung von Rassismus oder seine Grenzen diskutieren, dann habe ich einen klaren Auftrag. Das ist in Zeiten des diffizileren, gemeineren und versteckteren Rassismus sehr viel schwieriger. Mal ganz davon ab, dass diffizilere Diskriminierungsschemen wie z.B. Sexismus und Homophobie erst sehr viel später in das Bewusstsein rückten. Und was eben auch klar sein muss: So sehr man die gesellschaftlichen Voraussetzungen nicht außer Acht lassen darf, die alle diese Diskriminierungsformen prägen: Wir sind ein Fußballverein und bei aller globalen Diskussion muss man erstmal lokal bei uns konkret handeln. Nichts ist abnutzender als ein studentischer Diskussionszirkel, der aber nicht konkret handelt. Und das die konkreten Handlungen dann auch mal sehr unzureichend aussehen, das ist aus meiner Sicht auch klar.

St. Pauli war in aller Munde und St. Pauli war in Deutschland einzigartig und Vorbild für sehr viele Szenen. Oft kopiert, nie erreicht, muss man ganz deutlich sagen. Aber überlegt mal, wo sich die alte Freiburger Szene wohl dran orientiert hat. Wo selbst heutige Szenen viele ihrer Ideen her haben. Genau, aus dem Millerntor.

Und heute? Vieles hat sich über die Jahre abgenutzt, das muss man einfach so sagen. Aufbruchstimmung ist immer einfacher, als dem 20sten zu erzählen, dass Zigeuner sagen nicht geht. (Das ist jetzt ein krasses Beispiel.)

Und es kam irgendwann ein Orientierungswechsel. In den 80er Jahren war England noch das Vorbild, später musste es Italien werden. England in seinen gentrifizierten Sitzplatzstadien konnte nicht mehr Vorbild sein, Italien mit seinen wilden Kurven war es. Und hier entsteht ein Generationskonflikt, der aus meiner Sicht nur schwer zu überwinden ist. Der eine sieht laute, gut organisierte Gruppen mit Vorsänger, der andere sich wild bewegende Stehplätze, die aus ihrer eigenen Anarchie laut und wild waren. Aber das jeweils andere sieht er nicht. Klare Frage der Sozialisation, wenn mich jemand fragt.

So kam das Phänomen Ultra nach Deutschland. Und „wir“ Alten reagieren bis heute mit Unverständnis. Das ist der eine Fehler. (später dazu) Der andere ist, dass aus meiner Sicht auch die Ultras St. Pauli (ungleich Ultra Sankt Pauli) es nicht geschafft haben, sich aus dem Deutschen Brei wirklich richtig hervorzuheben. Vielleicht ist schon die Namensgebung und damit die Auslösung der Reflexe bei anderen deutschen Gruppen der Fehler. Vielleicht ist es auch die fehlende optische Abgrenzung, vielleicht auch die (teilweise) fehlende inhaltliche Abgrenzung. Aber – und diesen Vorwurf mache ich jetzt pauschal – etwas einzigartiges, etwas aus dem Nichts erschaffendes, das ist unsere Kurve zur Zeit nicht. Sie ist eine gute Kurve, mit vielen intelligenten Leuten, mit einer Gruppe, die gute Gedanken äußert, die viel Kraft hat. aber diese Vorbildfunktion für alle anderen, die hat sie nicht. Nur für Werder ;-). Diese Vorbildfunktion haben andere, z.B. Frankfurt. Und ob dies gut ist, wage ich mal ganz stark zu bezweifeln.

Aber ich glaube an das revolutionäre bei unseren Ultras. Ich glaube, dass sie – gäbe man ihnen (bzw. sie sich selbst) den richtigen Anstoß – eine Kurve, eine Kultur erschaffen könnten, die so etwas von krass wäre, aber auch so etwas von Einzigartig. Denn darum geht es: Nicht Italien, nicht Griechenland, nicht wen auch immer eins zu eins kopieren, sondern Versatzstücke richtig zusammenzusetzen und eigene Ideen einzubringen. Aber da sind wir bei der Vision.

Ja, wir Alten. Wir weigern uns abzutreten. Das ist toll, es ist aber auch ein Problem. Denn viele von uns sind nicht mehr wirklich aktiver Fan oder haben ihre Nische besetzt. Das ist okay, irgendwann kommt die Familie, kommt die Bequemlichkeit und kommt auch der geregelte Job und die Karriere. Aber in diesem Übergang haben wir etwas verpasst: Nämlich Mentor der Jüngeren zu sein. Bis heute belächeln viele „Ultra“, belächeln viele die Jungen und tun so, als ob wir sowieso alles besser konnten. Aus meiner Sicht Blödsinn. Wir benehmen uns wie Eltern, die ihrem Kind nichts zutrauen. Klar, wir dürfen nicht bevormunden, aber wir hätten und müssten immer noch den Jungen beistehen und sie unterstützen. Ihr habt euch damals bei Rostock gefragt, woher meine Meinung kommt? Genau aus diesem Gedanken. Jugend hat immer den Bonus der jugendlichen Unvernunft. Ich als Älterer muss ihr diesen Platz lassen, sich selbst auszuprobieren und dabei auch Fehler zu machen und die Konsequenzen zu tragen. Ich muss sie aber unter die Arme greifen, ihre Reflektion unterstützen und sie in ihrem guten Denken unterstützen. Mensch, ich drifte in eine Vision ab.

Ja, wir Alten und das ist nun mal die Mehrheit der Gegengerade/Nordkurve und damit auch die Mehrheit der Stadionbesucher, wir werden bequem, Alt, leise und langweilig. Man könnte beinah sagen: Angepasst. Aber langweilig ist der Tod eines revolutionären Vereines wie St. Pauli. Und nun komme ich daher zu meinen Visionen.

Ich will… eine offene, linke Fanszene

Über allem muss stehen, dass ich eine Fanszene haben will, die sich grundsätzlich als links versteht. Weniger parteipolitisch, als offen, progressiv, antirassistisch, antisexistisch, antihomophob, anti-antiziganistisch, anti-islamophob und anti-antisemitisch (die doppelten Verneinungen klingen bekloppt), sowie gegen jegliche andere Form der Diskriminierung und kritisch den herrschenden Verhältnissen gegenüber. Über Details und Handlungsweisen kann man immer streiten, aber das muss die Grundrichtung sein. Ich will nie eine Union Berlin-Kopie sein, wo der Nazi neben dem Linksparteimitglied steht und beide sagen „mir doch egal, Hauptsache Unioner“ (wobei hier ein Vorurteil über Union wiedergegeben wird, welches ich auf seinen Wahrheitsgehalt nicht überprüfen kann und nicht will). Ich will auch, dass ein Nazi bei uns nicht 10 Meter weit kommt, ohne zu bereuen, dass er da längs gegangen ist. Mir wäre es zuwider, wenn da Argumentationen kommen wie „lass doch, der macht doch nichts.“ Dieser Schritt in die Sozialisierung von Nazis darf bei uns (und nirgendwo) sein.

Ich will dass diese Grundeinstellung immer zu einer bewussten, konstruktiven und positiven Diskussionskultur führt. Und auch zu einer ständigen Selbstkontrolle. Nochmal: Eine Fanszene ist kein studentischer Diskussionszirkel, aber trotzdem ist eine – ab und zumal nervige – Diskussion und Selbstreflektion notwendig.

Ich will… Langeweile

Fußball an sich ist langweilig. Gewagte These, oder? Aber jeder, der regelmäßig zu Auswärtsfahrten fährt, der sich bei Heimspielen rumtreibt, weiß, dass vor dem Höhepunkt viel Warterei und Nerverei zu überstehen ist und der Höhepunkt dann teilweise auch noch der Tiefpunkt ist. Habt ihr euch jemals überlegt, warum es Alkoholmissbrauch gibt, warum Leute sich gegenseitig verprügeln? Ich glaube, genau aus dieser Langeweile. Man versucht sich zu betäuben oder sucht seinen Kick aus einer Gefahrensuche. Problem erkannt, Gefahr gebannt? Nein, nicht wirklich, denn Langeweile bewusst auszuhalten, dies ist schwierig.

Ich will… Respekt

Ich will Respekt. Und zwar gegenüber jeder Stadiongruppe. Ich will, dass man Ultras für ihre Leistung respektiert und ich will, dass Ultras andere für ihre Leistung respektieren. Um nur mal ein plattes Beispiel zu nennen. Ich will nicht, dass dieser Respekt zu einer Kritiksperre verkommt, denn auch wen man respektiert, kann man kritisieren, aber ich will, dass diese Kritik – selbst wenn sie inhaltlich scharf vorgetragen wird – immer im gegenseitigen Respekt geschieht. Nur wenn jeder diesen Respekt auch erkennt, kann man inhaltliche Diskussionen führen.

Ich will… Toleranz

Ich will Toleranz. Ich will, dass man grundsätzlich erst mal jedem positiv interessiert gegenüber tritt und für jeden offen ist. Aber tolerieren kommt von dem lateinischen Wort für „erdulden“ und jede Erduldung hat ihre Grenze. Toleranz darf nicht zu einer inhaltlichen Konturlosigkeit führen. So muss man tolerant sein gegenüber jedem Business Seat-Sitzer, aber wenn der meint, unser Stadion ist sein Ballermann, dann endet meine Erduldung. Auch dies ist natürlich ein Klischee, welches ich zur Verdeutlichung nutze. Toleranz ist kein Selbstzweck. Wir sind hier nicht bei Gandhi und erdulden alles. Es gibt immer Grenzen. Die Grenze Nazi ist klar, die anderen Grenzen müssen auch gesucht werden. Ich will es nicht auf so Leerformel bringen, wie „jeder darf alles machen, wenn es andere nicht stört“, weil die einfach zu weitgreifend sind.

Ich will… Politik im Stadion

Ich will Politik im Stadion. Ist das denn notwendig? Ich finde ja, denn es ist ein Teil unserer besonderen Kultur, und auch radikale Politik sollte ihren Platz bei uns finden und sich auch dem Markt der Meinungen stellen. So lange Politiker in Vereinsvorständen sind, so lange Angie der größte Fan der Nationalmannschaft ist, so lange müssen wir unsere Meinung auch im Stadion vertreten. Und zwar laut, unangepasst und radikal. Sucht mal im Fanladenbuch nach der ersten politischen Forderung bei St. Pauli. Die war radikaler als alles, was heutzutage so gefordert wird.

Ich will… Engagement

Ich will Engagement. Das heißt jeder sollte in diesem Verein sich einbringen und zwar nach bestem Wissen und Gewissen. Ob dies nun durch Engagement in eine der unzähligen Organisationen ist, ob dies in einer Sportabteilung ist, ob es durch den Besuch der JHV ist oder ob dies einfach nur durch eine positiv, interessierte Begleitung der Engagierten ist. Ich weiß um all die zeitlichen Einschränkungen und ich verlange auch nicht von jedem, dass er dem FC seine gesamte Freizeit opfert, aber zumindest der Kauf und das bewusste Studieren von Fanmedien ist für mich ein sine qua non des Fandaseins beim FC.

Ich will… keine schweigende Mehrheit

Nein, jetzt kommt nicht der Frontalangriff auf Jeky 😉 Aber: zu Respekt, fairen Umgang miteinander gehören für mich auch drei Sachen: 1. man glaube bitte seinen Vertretern und nicht der Presse, gerade nicht der Hamburger Presse (diesen Satz bitte doppelt unterstreichen) 2. man informiere sich und das nicht nur aus der Hamburger Presse. 3. Man springe nicht einfach plötzlich aus der Hecke, sondern artikuliere seine Meinung rechtzeitig und sachlich. Es gibt zwei Negativbeispiele, die ich so nie wieder erleben möchte: 1. das Corny vs. Aufsichtsrat-Ding. Nein, man musste da nicht der Meinung des Aufsichtsrates sein, aber so eine „kreuzigt sie“-Stimmung angeheizt von der Hamburger Boulevardpresse, so etwas ist St. Paulis unwürdig. Jeder, der sich zu einer JHV trollt, muss sich informieren, den Parteien zuhören und muss dann sachlich sein Urteil bilden. Welches Urteil er bildet, das ist mir egal.
2. die Stadionlenkungsgruppe. Von Fans (!!!) mit „da wird doch nur über die Stuhlfarbe diskutiert“ verspottet. Und was ist nun? Ja, das Kind in einen tiefen Brunnen gefallen. In einen sehr tiefen. Höre ich Widerspruch? Diese Beispiele müssen immer warnende sein. Hinzu kommt folgendes: Jeder sollte sich eine gesunde Skepsis gegenüber den Mächtigen bewahren. Hinterfragt was Präsidenten der Presse stecken. Hinterfragt warum die Presse so etwas schreibt. Es muss nicht immer die goldene Uhr des Herrn Hoffmann sein, aber auch sonst umspielen die Mächtigen die Presse für ihre Zwecke. Und diese lässt das nur zu gerne mit sich machen.

Ich will… ein neues Ultra

Ich finde das Prinzip des Ultradaseins cool. Ich finde die Idee, einen Teil seines Lebens, wenn nicht sein ganzes Leben unter die Knute des Vereines zu stellen und es mit gleichgesinnten in einem radikalen Weg zu leben, cool. Und es gibt Jugendlichen garantiert eine Orientierung und einen Halt in diesen unsicheren Zeiten. Ultra ist daher die Zukunft des Fans. Ultra muss und soll Ansprüche stellen und soll und muss Verantwortung übernehmen. Ja, ich will einen USP-Vertreter in unserem Aufsichtsrat oder Präsidium. Ich finde das gut. Einige andere Punkte => später.

Aber ich will, dass Ultra ausbricht aus dem, was in Deutschland als Ultra verstanden wird. Inhaltslosigkeit, Reduzierung auf Symbolik und Gewalt ist für mich in Deutschland sehr prägend. Das kann es nicht sein. Ich will revolutionären Inhalt, ich will eine Abwendung von Zielloser Gewalt und ich will neue Symbolik. Das was jetzt folgt ist dabei meine Idee, die ich natürlich nur als Vorschlag eines Außenstehenden formuliere, denn ich bin nur bedingt ein Ultra. Aber vielleicht ist es ja der Anstoß, der benötigt wird, um den Mut zu fassen, etwas ganz anderes zu sein.

Ich möchte hier ein bisschen ausholen, werde mich dabei aber auch wiederholen. Ultra in Deutschland ist aus meiner Sicht in einer deutlichen Sackgasse. Man verliert sich in dem Hypen von Schal- und Fahnenklau und in Territoriumskämpfen. Überfälle außerhalb von Spieltagen sind an der Tagesordnung und immer mehr dämliche Gewalt greift um sich. Das Territorium (die Stadt) wird mit Graffiti überzogen und Choreos macht man immer weniger. Und wirklich wachsen tun nur noch wenige Gruppen.

Ja, ich zeichne den Ist-Zustand eher negativ. Und daher will ich, dass wir und unsere Ultras sich daraus emanzipieren und ausbrechen. Ich halte unsere Ultras für stolz genug, für intelligent genug und auch für selbstbewusst genug diesem Einheitsbrei, dieser Sackgasse zu entfliehen. Weg mit unsinniger Gewalt, weg mit dem Aufreiben in Kleinkriegen mit Polizei oder anderen Fans, Kraft nutzen für neue, viel weitergreifende Schritte. Hier ein paar Ideen, die ich mir sehr gut vorstellen kann. Dabei orientiert an den heutigen Verhaltensweisen:

Territorium: Ja, ich will, dass unser Viertel, unsere Stadt als unsere erkennbar ist. Ich finde es cool, wenn Stromkästen nicht mehr grau, sondern braun-weiß-rot sind. Aber: Verein, nicht Gruppe, und viel mehr Inhalt. Früher klebte überall in Hamburg ein „St. Pauli Fans gegen rechts“ heute klebt überall ein USP-Aufkleber. Ihr merkt den Unterschied oder? Das eine war eine damals neue politische Aussage, das andere ist eine bloße Äußerlichkeit. Hier wäre mir ein Back to the future sehr viel lieber. Klebt doch überall politische Aussagen wie z.B. Flora bleibt oder so und dann einfach im Namen von St. Paulifans. Weg mit der Gruppe, hin mit dem Verein. Ich will wieder in ganz Deutschland „St. Pauli Fans gegen rechts“ und andere politische Aussagen lesen.

Territorium2: Ja, es ist unser Viertel, unsere Regeln. Aber dies ist St. Pauli, hier kann jeder er selbst sein. Daher: Lasst doch wer denn will durch unser Viertel ziehen. Das ist Respekt. Nur wenn er sich daneben benimmt, dann muss er auch wissen, dass es hier kein faires Ding oder so einen Quatsch gibt. Wer vor dem Jolly auftaucht um Ärger zu machen, der bekommt einen. Unsere Regeln sind tolerant, aber nicht devot.

Schalklau: Mal ehrlich: Wer in so einer Konstruktion, die aus einem Opfer und einem vollkommen überlegenen Täter braucht, der nutzt da eine Machtkonstruktion, die für mich mit einer linken politischen Einstellung nicht vereinbar ist. Könnte man fiktiv einen ebenbürtigen Gegner nehmen, dann kann das gerne jeder machen, aber ob ein solcher wirklich vor einem steht, weiß man nicht und, so wird auch kein Schal geklaut. Daher weg mit diesem sinnentleerten Gewaltritual. Wenn Gewalt, dann zielgerichtet und für einen inhaltlichen Zweck. Nein, dieser heiligt nicht die Mittel und Gewalt sollte immer die Ausnahme und die ultima ratio sein.

Aber ich sage Euch: Wenn sich 60 Leute auf einem Acker treffen wollen und sich boxen wollen, wenn die daraus ihren Kick ziehen: Bitte, macht es. Ist nicht mein Ding, aber finde ich absolut nicht den Weltuntergang. Und sollte der Polizei auch komplett wumpe sein. Hier muss keiner geschützt werden, denn jeder weiß, was er tut und warum er es tut. Nur bitte: Lasst alle Minderjährigen zu Hause und überlegt euch erstmal, welches Vorbild ihr für diese seid. Denn auch dies ist Ultra: Vorbild sein, mit all der darin liegenden Verantwortung.

Bei diesem Gewaltding gilt sowieso: Steht darüber, wenn euch irgendjemand als Weichei verspottet. Spottet zurück und erklärt ihm, wie armselig er ist, wenn er sich in Gewalt flüchtet und den Inhalt vernachlässigt.

Das Banner: Ich finde es langweilig sich dafür aufzureiben, dass mein Banner irgendwo hängt. Und ich finde es spätestens dann albern, wenn es wie in Frankfurt hinter einer Reihe von Ordnern hängt. Viel geiler würde ich es finden, wenn da Aussagen hängen würden. In Dortmund z.B. ein fettes „Derbysieger“, in München ein fettes „USK abschaffen.“ Inhalte sollten für mich vorne stehen und vor der Gruppendarstellung stehen.

Und da kommen wir zum Kern meiner Wünsche an Ultra: Definiert einen neuen Inhalt. Weg von Äußerlichkeiten, hin zu Inhalten. Sei es beim Support, sei es in politischen Dingen, sei es in Fandingen. In diesen Dingen will ich Radikalität und Kreativität sehen. Da muss die Jugend Vorreiter sein, Grenzen überschreiten und neues ermöglichen. Auch mal in Mauern reinlaufen, denn nur so zerbrechen sie. Einige meiner Träume kommen hier noch später.

Ja, da ist das unsägliche Pyroding. Und da sage ich euch: Mit einer Maske auswärts und dann verstecken? Nö, Leute, wie schon in der Gazzetta geschrieben: Wenn dann richtig, zu Hause und in der Hand gehalten und wirklich als optisches Stilmittel in einer Choreo. Und im Konsens der Kurve.

Ich will… eine wirklich selbstverwaltete Kurve

Ich will eine Kurve, die selbstverwaltet ist. Und das heißt für mich nicht, dass man sich irgendwie sozialdarwinistisch anstellen muss um eine Karte zu bekommen. Das ist für mich eine Scheinselbstverwaltung. Nein, ich will eine Kurve, wo die 3.000 Karten wirklich nach Gutdünken der Gruppen, die in ihr stehen, verteilt werden. Ich will eine Kurve, in der Polizei und Ordner nix zu suchen haben, sondern alles untereinander geregelt wird. Ich will eine Kurve, wo man sich selber die Regeln gibt. Ich will auch genügend Platz, auch bezahlbaren Platz für jeden, der da nicht stehen will, aber ich will so eine Kurve als Vorreiter und als Motor. Ihre Selbstverpflichtung muss nur eines sein: Immer über den Tellerrand zu gucken. Wie geil wäre bitte eine Südkurve nur mit Stehplätzen und diesem Konzept. Gelbe Wand? Vergesst es. (Ich schreibe ja eine Utopie)

Ich will… uneingeschränkte Solidarität

Ich will, dass wir unsere Probleme selber regeln. Wenn jemand zündelt, wenn jemand scheiße baut, dann will ich, dass das zu Hause in Ruhe und durch uns geklärt wird. Das heißt auch: Niemand wird von Polizei oder Ordnern aus dem Block gezogen. Es gibt auch hier Grenzen, insbesondere wenn sich jemand wiederholt nicht an unsere Grenzen hält, aber erstmal will ich, dass die Fanszene unbedingt zusammenhält.

Ich will… No Borders, No nations!

Ich will ein Klima, wo sich auch ein Mensch, der nicht der weißen Rasse angehört, jede Frau etc. sich in jedem Teil des Millerntor pudelwohl fühlt. Ihr werdet sagen, dies ist Realität. Nein, ist es verfickt nochmal nicht und es gibt immer wieder Idioten, die Frauen angrabbeln oder Menschen, die nicht der weißen Rasse angehören, anmachen. Und ich will, dass diese Idioten entweder ganz schnell begreifen, was für Idioten sie sind oder aus meinem Stadion verschwinden. Und ich will, dass wir diese Utopie nach außen tragen, dass wir deutlich machen, dass Abschiebung und Abschottung unseres Wohlstandes bei gleichzeitiger Unterstützung uns wohlgesonnener Diktatoren so etwas von unmenschlich ist, dass es nicht der Sinn unserer Gesellschaft sein kann. Ich will, dass wir ein Vorbild der Integration, des Multikulti (Unwort) sind und dies von uns auf die Gesellschaft überspringt. Mir ist nicht nur egal, was für ein Schal ein Mensch trägt, es ist mir auch egal, welche Hautfarbe oder Religion er hat. Er ist willkommen. (Kleiner Hinweis: Mir ist bewusst, dass Begriffe wie „Rasse“ „weiß“ gar nicht gehen. Sie sind hier ganz bewusst als provokantes Stilmittel benutzt.)

Ich will… Organisation

Ja, unsere fein austarierten Organisationsformen in Ultragruppe, Fanclubsprecherrat, ständigen Fanausschuss und vielen anderen Gruppen schrecken ab. Sie neigen auch zu einer Erstarrung. Aber sie haben auch ihre guten Seiten, ihren Informationsfluss, ihre Möglichkeit sich schnell zu vernetzen. Daher will ich mehr Fanclubs, mehr Gruppen, die ihre Kurve beackern, mehr Zweckbündnisse.

Ich will… Support und keine Supportdiskussion

Ja, mich nervt das Dauerlala aus der Süd auch manchmal. Ja, ich würde mir auch eher einen spielbezogenen Support wünschen, der eher brüllen, als singen ist, der eher aggressiv als einschläfernd ist. Nein, ich will nicht, dass er sich am Gegner abarbeitet. Bezugslose Beleidigungen sind nicht meines. Ich finde sie aber auch nicht den Weltuntergang. Und man kann sie am Millerntor so schön vermeiden. „We drink a lot of Astras“ sage ich nur.

Aber: Mit Schweigen entscheidet man keine Supportdiskussion. Wenn man das Dauerlala nicht gut findet, dann muss man es überbrüllen. Mir ist ein Stadion lieber, wo wirr 4 Kurven aneinander vorbei brüllen und singen, als ein Stadion, wo drei Kurven schweigen und eine singt, während der Rest in sein Bier lamentiert. Anarchie, wenn ihr so wollt, oder Vielfalt.

Und abschließend: Ich will… Fanmacht

Nein, Fanszenen entwickeln sich nicht wirklich basisdemokratisch. Immer mal wieder bestimmt eine Minderheit den Kurs und drückt Sachen durch. Ihr glaubt doch nicht, dass der krasse politische Kurs zu Anbeginn eine Mehrheitsmeinung war? Trotzdem will ich Basisdemokratie und zwar hoch bis zum Vereinspräsidenten. Ich weiß, dass dieses ein Wagnis ist in einer Welt, in der Unternehmen (und auch dies ist unser Verein) mehr oder minder von einer diktatorisch agierenden Klasse geleitet werden. Aber nicht in meinem Verein. Ich will, dass die Zeitungen ab und zumal was von „Chaos“ schreiben und wir sie dafür auslachen. Ich will, dass wir streiten, dass wir Entscheidungen nach Bauch und nicht nach wirtschaftlichen Notwendigkeiten treffen und ich will, dass ab und zumal sich eine Minderheit einen Dreck um die Mehrheitsmeinung kümmert und handelt.

Ende

Soviel zu meinem Ritt durch alle Themen. Ich habe garantiert vieles vergessen, vielleicht reiche ich das noch nach. Mein Tip: Lest all die anderen Beiträge. Alle, die ich bisher gesehen habe (Stand: 8:10) kann man lesen, kann man diskutieren und kann man als „Thema absolut getroffen“ sehen. Und wenn ihr des Lesens zwischendurch müde seid, dann guckt euch Stefans Umsetzung des Themas an, für den Gänsehaut-Moment zwischendurch. Danke dafür.

Der Artikel erscheint um ca. 8:20 unkorrigiert, eine korrigierte Fassung folgt im Laufe des Tages und zwar jetzt!

Mrz 182011
 

Ankündigung: Wir sind St. Pauli! Nur was sind wir? – Ein Bloggerprojekt

Ihr findet unten bei diesem Artikel eine kurze Übersicht der bisher erschienenen Artikel. Die meisten findet ihr auch als Pingback in den Kommentaren, aber ich hoffe so eine gewisse Übersichtlichkeit herstellen zu können. Gerne kopieren, wenn gewollt. Auf Twitter: Hashtag #profcsp

Irgendwann letztens saßen der junge Mann, der hinter dem Lichterkarussell Blog steht und meine Wenigkeit in dem schönen Raval. Wir besprachen die Idee, dass man St. Pauli und seine Fanszene mal wieder positiv inhaltlich nach vorne bringen muss/sollte/könnte. Wir haben in den 80er und 90er Jahren etwas aus dem Nichts geschaffen, was einzigartig ist/war/immer sein wird. Trotzdem kann eine Überprüfung, eine inhaltliche Diskussion, eine Vision nie schaden. Und da wir nun mal Blogschreiber sind, haben wir beschlossen: Wir nutzen unsere Blogs dazu und laden alle ein, die im Internet schreiben, sich daran zu beteiligen. Kurze Zeit später saß man dann mit den Machern der Metalust und von stpauli.nu schon wieder im Raval und nachdem auch die Idee toll fanden, ging man an die Arbeit.

 

Daher ging folgender Aufruf an die Leute, die wir (in diesem Sinne Lichterkarusell und ich) auf dem Schirm hatten und die im Internet aktuell und regelmäßig etwas über den FC schreiben:

 

 

Zitat Beginn:

 

St. Pauli ist eine der innovativsten Fanszenen der Welt. Der einzigartige Ruf des Vereines und seiner Anhänger ist in den 80er und 90er Jahren aus dem Nichts geschaffen worden und von der Fanszene begründet worden. St. Pauli war damals Vorreiter und Vorbild vieler neuer Entwicklungen in Deutschland und in der Welt. Und heute? Wie ist eigentlich der Stand?

 

Kritik an einzelnen Verhaltensweisen in konstruktive Ideen umwandeln, Begeisterung schaffen, Diskussionen zu führen, dies sind die Ziele. Wie ist der Status Quo? Wo wollen wir hin? Was ist Toleranz? Was ist die Grundlinie?

 

Die Idee ist, dass alle Menschen, die im Internet zu dem FC Texte veröffentlichen ihre Ideen, ihre Visionen, ihre formulieren und zur Diskussion stellen. Dabei können ebenso abstrakte Gedanken geäußert werden, wie konkrete Probleme angesprochen und Lösungsideen gemacht werden und von anderen wieder diskutiert werden. Sei es nun in Kommentaren, sei es durch eigene Beiträge auf den eigenen Plattformen.

 

Ziel ist es eine Diskussion auszulösen, die sich auf Fanzines, Gruppen, Einzelpersonen ausbreiten soll und die Fanszene des FC inhaltlich ganz nach vorne bringen soll. Ziel ist es auch vielleicht im August einen Reader herauszubringen, der mit einer Auswahl von Texten gefüttert wird und breit gestreut wird.

 

Start: 22.03.11

 

Ablauf: An diesem Tag veröffentlichen alle Leute, die Bock haben einen Text, der frei nach Schnauze die oben genannten Themen aufgreift. Ich würde – wenn es allen Recht ist – auf meiner Page eine Sammlung aller Texte als Linksammlung veröffentlichen und so dem Leser auch einen Überblick geben. Um dem ganzen vielleicht eine einheitliche Struktur zu geben, schlage ich vor, dass jeder mit einer Bestandsaufnahme anfängt und dann daraus seine Vision, seine Idee entwickelt.

 

 

Zitat Ende

 

Natürlich haben wir garantiert mindestens die Hälfte der Onlineschreiberlinge vergessen und insofern: Wenn du vergessen wurdest, fühle dich hiermit umso herzlicher eingeladen und unsere Unwissenheit sei zu entschuldigen.

 

Viele Leute haben schon gesagt, dass sie sich beteiligen werden, ein Namedropping werde ich jetzt aber unterlassen, das kommt nach getaner Arbeit. Ich garantiere euch viele spannende Texte.

Ich werde hier eine Seite installieren, auf der alle Beiträge schnell und einfach zu finden sind. Damit möchte ich mich nicht zum primus interpares oder ähnlichem aufschwingen, daher soll aus ausdrücklich jedem freigestellt sein, eine gleiche Liste herzustellen oder meine Liste zu guttenbergen (sprich ohne Quellenangabe zu übernehmen).

 

„Seid ihr größenwahnsinnig?“ werden nun viele uns zurufen und vielleicht haben sie auch Recht, aber wer denn, wenn nicht wir, wann dann, wenn nicht jetzt? Wünschenswert wäre, dass ein Reflektions- und Diskussionsprozess entsteht, der weit über die irreale Welt des Internets hinaus geht und daraus eine positive, konstruktive weiter-, neu oder auch Gleichentwicklung des Status Quo entsteht.

Und nun freue ich mich und mit mir viele andere auf ganz viele spannende und interessante Texte. Jeder Leser sei schon hier aufgefordert, seinen Senf dazu zu mischen.

Hier die bisher eingegangenen Texte:

Pathos93: Aber St. Pauli ist eben nicht nur Fußball. Fußball ist kein Autarkum, keine Insel der Seligen ohne gesamtgesellschaftlichen Kontext – dies muss auf St. Pauli künftig wie bisher verinnerlicht werden.

Quotenrocker: Und je mehr Zeit ich mit alten und neuen Bezugsgruppen verbringe, je mehr Fans, ob aktiv oder nicht, ich kennen lerne, desto mehr Input erhalte ich. Impulse von Dritten, die mich zum Nachdenken bewegen, zum Umdenken, zum Handeln, zum Schreiben.

Metalust und Subdiskurse Reloaded: Zusammen in Vielfalt kann nur der Claim sein, wenn man sich selbst ernst nehmen will als FC St. Pauli.

Der Übersteiger Blog: Der Verein, zu dem kaum ein Hamburger aktuell eine Einzelkarte bekommt, weil immer ausverkauft ist, bei dem aber beispielweise mehrere Personen aus der Schweiz schon seit Jahren eine Dauerkarte haben und zu fast jedem Heim- und Auswärtsspiel anreisen.

Kleiner Tod: Und ganz unabhängig davon, ob diese Vorstellung nun zutreffend oder nicht ist – ist dies schon ausreichend oder sollten wir hier nicht noch mehr tun? Miteinander reden beispielsweise. Fragen stellen, Antworten suchen.

StPauli.nu: Das Sankt Pauli, das ich mir vorstelle, positioniert sich deutlich gegen Gentrifizierung im Stadtteil, ist bewusst kein einfacher Fußballverein. Hat während meiner Lebensspanne keine ausgelagerte Profi-GmbH. Und mindestens erlebe ich einen Spieltag, an dem ich als weißer Heteromann die Minderheit stelle.

Stefan Groenveld: Ich bin kein großer Schreiber und ich bin mir sehr sicher, dass die nächsten Tage und Wochen im Rahmen dieses Projektes wunderbare Texte zum Vorschein kommen. Aber ich kann Bilder zeigen. Bilder, die für mich Sankt Pauli bedeuten. Bilder von Siegen, Bilder von Abschieden, Bilder von Zusammenhalt, Bilder von klaren Aussagen zum Ende der Toleranz, Bilder von kreativen Aktionen, Bilder von Menschen, die nicht in Vergessenheit geraten

Fabulous St. Pauli: Vielleicht beenden wir dann erstmal wieder die Diskussion über Besser- und Schlechterfans und es geht wieder mehr um Fußball und um die wichtigen Dinge, die für viele der Erstligisten nicht ins Stadion gehören, weil Politik da nichts zu suchen hat. Für uns schon.

Curi0usities: Ich will kuschliges, familiäres Stadionerlebnis mit 60.000 (Steh-)Plätzen. ich will SMS-Ticker-Aktionen und hinterher den Jolly Rouge.

DerKiesel: Ich meine aber, es muss mehr geredet werden. Geredet – nicht geschrieben. Und nicht übereinander, sondern miteinander. Ich möchte nicht wissen, wie die glorreichen alten Tagen Rückblickend aussehen würden, wenn es damals schon das Internet in seiner heutigen Form gegeben hätte.

Lichterkarussell: Ich habe kein Bock auf Leute, die meinen ständig den Dicken machen zu müssen. Versteht mich nicht falsch, Fußball und Prollen gehört für mich untrennbar zusammen. Das habe ich ja auch schon an anderer Stelle des Öfteren geäußert, aber ich wünsche mir da von jedem Einzelnen teilweise weit mehr Weitsicht.

Flutschikato: Hierdurch vermeidet die Szene eine inhaltliche Stagnation, man akzeptiert nicht so ohne Weiteres Neuerungen, wenn man dafür sein Spruchbändchen hochhalten darf.

Adi’s football Blog: Selbstverständlich nicht rückwärtsgewandt und konservativ. Für neue Ideen und von denen gibt es zum Glück in der Fanszene des FC Sankt Pauli so viele wie sonst nirgends, sollte immer Platz sein. Aber es gibt Dinge die sind nicht verhandelbar.

Jens von der Breitseite: Warum also bin ich eigentlich bei St. Pauli? Nun ja, weil das Forum nicht wirklich das reale Leben ist. Da draussen, im Viertel, im Stadion, im Jolly und im Fanladen, da ist das wahre Leben. Da lohnt es sich zu leben.

Fabulous St. Pauli (Gastautor): Wo – außer am Millerntor – kann man noch sagen „Ich geh zum Fußball“???

Sitz[blog]ade: Hier wird nicht einfach alles nur abgenickt und hingenommen so nachdem Motto “Wir können doch eh nichts daran ändern”. Die Leute sind bereit den Mund aufzumachen und sich zu wehren anstatt sich zu ergeben.

Neunzehnhundertzehn: Ich möchte, wenn meine Tochter, mich in ein paar Jahren fragt warum sie Mitglied bei St.Pauli ist und wir nicht wie ihre Schulfreunde zu 96 gehen ehrlich antworten können:“Weil St.Pauli anders ist!“

OllisTresenThesen: Ich weiß nur, dass früher nicht alles gut war und heute nicht alles schlecht ist. Wichtig bleibt, dass wir aufbegehren, wenn etwas aus dem Ruder zu laufen droht.

Foxxi: Als veraltet und ewig gestrig gelten jene, die sich den jahrhundertealten Gesetzen des Marktes unterwerfen und nicht bereit sind neue Wege zu gehen, auch wenn diese steiniger sind und uns gegenwärtigen Verzicht aufbürden.

FCUM.A.D.: We turn up on a matchday, we run everything outside the official club in our own unofficial groupings, and with that we almost fall into a type of fan category which is easy to turn into a customer.

Mein Beitrag findet sich hier

 

Mrz 162011
 

oder

Jolly Rouge? Gescheitert!?!

Präskriptum

Hattet ihr schon gedacht, dass ihr diese Woche nicht mit einem Meinungsartikel belästigt wird? Natürlich doch. Meinen Kommentar zu der aktuellen Atomdebatte könnt ihr oben als Überschrift lesen. Ich schreibe keine Internetseite, die ihren Schwerpunkt auf politischen Themen hat und ich wiederhole noch einmal: Natürlich gibt es viel schlimmeres, viel wichtigeres als Fußball und darüber zu schreiben. Und natürlich ist eine Abhandlung über Kommerz und den Kampf dagegen noch viel unwichtiger.

Ein riesiger Haufen Polemik

Jolly Rouge ist gescheitert. Ich weiß nicht, ob ich das nun mit einem Punkt oder mit einem Fragezeichen versehen soll. Mir ist eher nach einem Punkt zumute und daher steht da einer. Das Aufregungsgebelle ebbt ab, die Kommerzkarawane zieht weiter. Das ist das vorläufige Fazit von drei Monaten Jolly Rouge. Ob sich die ganze Kampagne noch mal wiederbeleben lässt? Keinen Ahnung, aber nehmen wir mal eine Bestandsaufnahme vor:

Vorab stelle ich mal folgende Thesen über das Internetzeitalter auf, die sich hier wieder sehr exemplarisch zeigen lassen: 1. die Aufregung ist groß, schnell und laut. Die Bereitschaft ein „I like“ zu drücken oder seinen Avatar mit einem entsprechenden Symbol zu versehen, ist extrem hoch. 2. diese Welle ebbt aber genauso schnell wieder ab, die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne ist sehr klein. 3. die Bereitschaft im realen Leben, reale Schritte durchzuführen ist sehr viel geringer, als die Bereitschaft im Internet Sympathien zu äußern. 4. ein sich organisieren findet so gut wie nicht statt. Facebookgruppen hier mal ausdrücklich nicht als Organisationsform anerkannt. 5. Wenn man als Mächtiger die Aufregungswelle überstanden hat, kann man in kleinen Schritten nach vorne, es wird keine weitere Aufregungswelle geben. (Murks, in Zeiten von Tsunamis ist selbst das Wort „Welle“ einfach besetzt und scheiße, sorry Leute, mir fällt kein besseres hier ein).

Kann ich diese Thesen abschließend beweisen? Nein, kann ich nicht, ich bin auch kein Sozialforscher, ich bin Fußballfan. Nur ich finde, dass man an den Beispielen Guttenberg und Jolly Rouge viele dieser Thesen nachvollziehen kann. (Ich hoffe, dass dies beim Thema Atomkraft nicht so ist, denn dafür ist dies ein viel wichtigeres Thema. Dass Angie und Co natürlich insbesondere auf Punkt 5 hoffen ist hoffentlich jedem denkenden Menschen klar.)

Leider hat bei Jolly Rouge die Aufregungswelle keine Organisation oder keine wirkliche Bereitschaft für wirkliche Veränderungen bewirkt, zumindest bisher. Vereinzelte Aufrufe das ganze nun doch in einer Versammlung enden zu lassen, die auch wirklich bindende Beschlüsse tätigen kann, verhallen bisher ohne eine wirkliche Reaktion. Auch eine wirkliche Organisation der Gegner fand nicht statt. Zwar hat der Zeckensalon das versucht, aber so richtig was draus geworden ist nicht. Zumindest nicht mit Außenwirkung.

Erschwerend kommen sehr St. Pauli typische Phänomene hinzu, die auch den letzten Wind aus der Jolly Rouge Fahne nehmen:

Phänomen Nr. 1: Der-ich-habe-für-alles-Verständnis-und-so-kann-man-es-doch-nicht-machen-Gedanke. Beispiel: Da hängt USP ein „ByeBye Business-Seats“ Plakat auf. Welche Kritik würdet ihr nun erwarten? Vielleicht die, dass ein entsprechender Antrag auch von USP nicht wirklich unterstützt wurde auf der letzten JHV? Würde ich selbst noch verstehen, vielleicht nicht ganz meine Meinung, aber nachvollziehbar, aber nein, was wird gemacht? Es wird erstmal Haargespalten: Also meinen nun die Sitze, da wäre ich ja voll hinter oder meinen sie die Personen, die drauf sitzen, ne das ginge ja nicht. Klar, natürlich will USP die Sitze behalten, aber diese doofen Typen, die sollen weg, alle. Merkt ihr selber, oder?

Und dann kommt er der ultimative „ich habe jedes Recht und warum nur wird gegen mich protestiert?“ Beitrag, der sinngemäß so geht: „Also ich bin seit Jahren Kleinsponsor und ich habe vier Business Seats und ich kann das nicht verstehen, wie man dagegen protestieren kann und ich war doch schon in der Regionalliga da und ich bin doch St. Paulianer.“ (so einen Beitrag gibt es auch für Nichtauswärtsfahrer, Nichtsteher, Biertrinker, Nichsupporter, was auch immer.)

Danach kommen dann 10 zustimmende Meinungen und das ganze Thema ist erledigt. Dazu folgende Anmerkungen: 1. Wisst ihr, warum Plakate Plakate heißen? Richtig, weil sie PLAKATIV sein müssen. Die Tapete „Wir sind gegen die Überzahl an Business Seats, wir haben nix dagegen, wenn man eine angemessene Zahl hat, insbesondere da wir auch wissen, dass da teilweise echt dufte Typen sitzen, die einfach braun-weiß durch und durch sind und nur ein bisschen Geld haben, aber müssen es denn so viele Sitze sein? Wir denken, es reichen auch weniger“ soll erstmal gemalt werden und durchlesen würde sich die niemand. 2. Protestplakate sind eben plakativ und transportieren schlagwortartig einen Protest. Niemand (!!!) hat die Absicht, Business Seats ganz zu verbieten oder ein reines Stehplatzstadion zu bauen. 3. Ich hasse dieses „ihr seid aber intolerant“ fischen. Und 10 Leute springen sofort und sagen „Ja, das ist aber intolerant.“ Ja und? Wenn Toleranz mit Konturlosigkeit gleichzusetzen ist, dann bin ich derbst intolerant. Und nein, Toleranz ist kein Selbstzweck und schon gar nicht erstrebenswert, wenn man sie so meint.

Äh ich schweife ab, denn dieses Plakat ist alles, aber eben nicht intolerant, sondern ein Protest gegen zu viele Business Seats, nicht gegen einzelne Leute, die nun unbedingt da sitzen wollen/sollen/dürfen. Warum hat es wohl bei ca. 1.600 Business Seats diese Problematik in dieser breiten Form nicht gegeben? Eben. Danke. Nur solche Feinheiten, die verstehen viele bei St. Pauli nicht und daher geht jeder scharf formulierte Protest in einer Toleranz Sauce unter, wird darin eingelegt und jedes Geschmackes beraubt. Dazu passt nebenbei auch der im Blickpunkt veröffentlichte Standpunkt des Alten Stammes. Dazu mal eine rhetorische Frage: Mit welchem Recht darf eigentlich der Alte Stamm im Blickpunkt veröffentlichen? Keine Abteilung, kein offizielles Organ des Vereines. Oder andersherum gefragt: Dürfte z.B. die AGIM (deren Haltung ich nicht kenne) auch einen kritischen Artikel veröffentlichen? Und wenn nein, warum nicht?

Phänomen 2: Man verliert sich in Kleinteiligkeit. Natürlich kann man jede Forderung diskutieren, aber keine Forderung ist nun die Hauptforderung und alle sind aus meiner Sicht in einem von unten aufgebauten Verein auf einer beschlussfähigen Versammlung klären.

Und während dessen schreitet die Kommerzialisierung und die Verleugnung eigener Werte fröhlich weiter voran. Da ist schon mal ein schönes Plakat auf dem Mittelkreis neu und damit eine weitere Werbemaßnahme. Auf der Anzeigentafel hat sich auch ein weiterer Werbepartner eingenistet und auf der Homepage kann man „Engel“ gewinnen.

Und zu allem Überfluss wird in Susis Showbar bekleidet in der Halbzeit getanzt. Ihr werdet sagen: „Das ist doch das, was vom Präsidium kommuniziert wurde“ und ich gebe euch Recht. Dass die Bekleidung nach glaubwürdigen Zeugenaussagen knappste Unterwäsche ist und diese Liveshow bequem von der Gegengeraden-Sitzplatztribüne aus verfolgt werden kann, ach das ist Pauli! Und hey, dass ein Vater seiner 9 jährigen Tocher das erklären muss, was das soll? Egal, soll sie sich schon mal dran gewöhnen, dass Frauen für Männer da zu sein haben und das möglichst schön und möglichst leichtbekleidet. Ich polemisiere? Ja tue ich! Ich habe kein Bock mehr auf eine feingeistige Unterhaltung darüber, ob das nun Sexismus ist oder nicht, ob die Frauen das freiwillig machen oder nicht oder ob das nun auf dem Kiez dazu gehört oder nicht. (Achtung Insider) Mal ganz davon ab, dass ich sowieso nicht die Definitionsmacht habe (Insider Ende) und bin es auch leid, feinste Abgrenzungen zur Rechtfertigung zu haben. Ich habe einfach keinen Bock mehr, dass so ein Scheiß für Minderjährige sichtbar in meinem Stadion stattfindet. (Das nebenbei gesagt der ständige Alkoholmissbrauch in unserem Stadion auch so richtig Bombe ist für Minderjährige, muss ich nicht sagen, oder?)

Daher behaupte ich folgendes: So lange die Kommerzialisierung unseres Vereines, der Ausverkauf unserer Ideale immer haarscharf an der Bombe längs balanciert, so lange wird es keinen weiteren Aufschrei geben und so lange wird Jolly Rouge ein Kapitel im Rückzugskampf um den ehemals anderen Verein bleiben. Denn der Gewöhnungseffekt gepaart mit dem „wir müssen des doch um Profifußball zu spielen“ wird langsam auch den letzten Kritiker weich machen oder aus dem Stadion vertreiben.

Vielleicht finden sich ja mutige Menschen, die meine Thesen durch ihr Handeln widerlegen. Für mehr Querdenker im Stadion!

Noch ein Argument will ich kurz verhackstücken und zwar die Gleichsetzung von Antisupport mit Susis Showbar. Oder „Ihr singt doch auch „Scheiß Lokalrivale“. Ja, kein Argument ist absurd genug, als dass es nicht noch irgendwo verwurstet wird. Ich beherrsche mich jetzt mal, trete nicht vor Verzweifelung gegen die Wand, sondern antworte mal inhaltlich: Ja, tun viele. Ja, ist irgendwie doof seine eigenen Verfehlungen mit den Verfehlungen anderer zu rechtfertigen. Führt am Ende irgendwie zu „Aber ich durfte den doch töten, hat der doch auch gemacht“, oder? Ja mal ganz davon ab, dass das eine von „oben“ kritisiert wird, das andere aber gefördert und als normal hingestellt wird. Widerspruch, oder?

Das ich Antisupport ohne Anlass nicht gut finde, das sei mal auf einem anderen Blatt geschrieben. Und ja, in diesem Thema werde ich intoleranter, als ich es früher einmal war. Das nur als Disclaimer. Aber eines sollte man auch nie vergessen: Das hier ist Fußball, das hier sind Dramen.

Pyro in zwei Teilen

Die Pyroshow im Volkspark hat den Verein 7.000 Euro gekostet. Nun weiß ich nicht so richtig, was ich dazu schreiben soll, denn irgendwie ist die Messe gelesen und irgendwie egal was ich schreibe, es wird polemisch. Aber irgendwie kann ich auch nix dazu schreiben. Und @Jeky hat mir eine sehr schöne Inspiration geliefert, wobei schon hier gesagt sei, dass das der auf sie beziehende Teil nicht ernstgemeint ist und auch nicht die Inspiration kritisiert, sondern vielmehr die Haltung, den Graben nie zu verlassen. Und das insbesondere nicht in Pyrofragen.

Teil 1: Die Polemik oder 7.000 zu 30.000

Jetzt werde ich mal richtig polemisch (bevor mir das jemand vorwirft):

Nun ja, 7.000 Euro? Irgendwie habe ich mir Strafe immer anders vorgestellt. Schmerzend und irgendwie schlimm. Aber in einer Zeit, wo eine Meinungsäußerung 30.000 Euro kostet, ist 7.000 Euro für eine Straftat eher lächerlich. Klar, ihr werdet sagen: Der FC kann nix dafür, Frank Rost schon und da habt ihr auch Recht, trotzdem finde ich es spannend diese beiden Strafen in ein Verhältnis zu setzen, insbesondere da sie an einem Tag verkündet wurden. Hier eine Meinungsäußerung, deren Ahndung mit Strafe arbeitsrechtlich mehr oder minder problematisch ist, auf der anderen Seite eine Straftat, die – wenn man den dieser Meinung folgen möchte – mehr oder minder Leute gefährdet.

Strafe soll ja was bewirken, sonst hat Strafe keinen Sinn und menschenrechtsjuristisch gedacht ist Strafe ohne Sinn auch verboten. Und da kann man bei diesen 7.000 Euro doch mal ernsthaft fragen, was denn diese Strafe bitte bringen soll? „Wir“ sind Wiederholungstäter. Und bekommen dann einen lächerlichen Geldbetrag aufgebrummt, ohne weiteres? Das wirkt – sorry, wenn ich das so sage – wie eine Gebühr, die halt so ist. Und sie steht in keinem Verhältnis, wenn man bedenkt, dass Vereine 100.000 Euro für einen Rasen ausgeben. So eine Strafe wird also auch keinen Verein anhalten irgendwie zu handeln. Jeder – zusätzliche?- Sozialarbeiter oder auch Ordner kostet mehr, als einmalig pro Derby 7.000 Euro abzuzweigen. Ach komm, jetzt treiben wir es auf die Spitze: Die Auflaufprämien von Naki, Sukutu-Paso und Ebbers beim letzten Spiel haben mehr gekostet und haben genauso wenig Support gebracht.

Dass so eine Strafe auch die Täter nicht erreicht, ist doch klar. Selbst wenn man sie erwischen würde und die Strafe aufdrücken würde, würde so eine Summe nicht wirklich weh tun. Da würden sich genügend Solidarische finden. Dass Geldstrafen viel zu abstrakt sind, habe ich schon ein paar Blogs vorher geschrieben. So eine Strafe ist nur eines: Ermunterung es wieder zu tun.

Das kann man nun deuten, wie man will. Ich bleibe jetzt mal polemisch und sage: In der Otto-Fleck-Schneise hat man sich damit abgefunden, dass es bei Derbys raucht und zündelt und ein bisschen Action will man ja auch. Bad News is better then no news oder was? Wenn nicht die Handballer mit „1.000 Emotionen“ werben würden, würde diese Kampagne wahrscheinlich bald dort erfunden werden und mit Pyro Bildern unterlegt werden.

Natürlich kann man jetzt einwenden, dass wir ein armer Verein sind und der Verein doch nicht noch von uns Fans geschadet werden soll. Aber ganz ehrlich: 7.000 Euro kann der Verein auch mal für Fans zahlen, sonst zahlt er ja nix. Und dass wir ihm genügend Geld bringen durch Verkauf unseres Images, das will ja wohl keiner bezweifeln, oder?

Wenn unser Verein ernsthaft Pyro verhindern will, kommt folgender Vorschlag: Ihr versprecht 20.000 Euro pro Saison, die konkret für Fans eingesetzt (gespendet war mir ein zu großes Wort) werden können und dieser Betrag wird gekürzt durch Strafen der jeweiligen Saison. Ich würde behaupten, dass dies einen Denkprozess anstoßen würde. Wird nicht passieren, weiß ich.

Ich könnte noch Stunden so weiter machen, aber dann werde ich noch als bedingungsloser Pyrobefürworter gegeißelt und das bin ich nicht. Also kommen wir zu Teil 2.

Teil 2: Wenn Milchmädchen, dann richtig…

Frau @Jeky kommentierte die Strafe wie folgt:

„Nur 7.000 Euro Strafe fürs Zündeln beim Derby für #fcsp? Macht ja nur
unter 1 Euro pro Mitglied. Meinen Beitrag hätte ich dann gerne zurück.“

Hmm… wie umgehen mit dieser Aussage? Erster Gedanke: Folgerichtig, ist ihre Meinung, ignorier es halt, das Thema ist ausgesungen, zumindest zur Zeit. Mein zweiter Gedanke war: „Klar bekommst du von mir, selbst inklusive Zinsen, aber nur in Getränken.“ Mein dritter Gedanke: „Bätsch, wird doch nicht aus Mitgliedsbeiträgen gezahlt, Dummchen.“ Aber das schrieb @deruebersteiger etwas höflicher und es wäre auch unfreundlich und nicht richtig. Mein vierter Gedanke: Mach irgendwas draus und wenn es nur Blödsinn ist.

Und da das ganze eine Milchmädchenrechnung beinhaltet, beschloss ich, dass ich auch eine Milchmädchenrechnung auf mache. Nein, zwei: für beide Seiten eine. Hier also die ultimative Pyro-Milchmädchenrechnung sowohl für Ablehner als auch für Befürworter von Pyro:

Die Ablehnervariante

7.000 Euro Strafe

+ 100 Euro Porto, Überweisungsgebühren etc. pauschal berechnet.

+ 5.000 Euro pauschal wegen mehr Ordnern

+ 4.000 Euro Arbeitspauschale für den ärmsten Sven, der sich wieder damit rumnerven muss. Schmerzensgeld ist nicht eingerechnet.

+ 100.000 pauschal Euro weil die ganzen Zaunfahnen der Pyrobefürworter Werbebandenplatz in der Süd wegnehmen

+ Unbezahlbar wegen Imageverlust, weil jetzt wir nicht mehr die immer friedlichen, immer feiernden Paulis sind

Die Zustimmervariante

7.000 Euro Strafe

– 3.400 Euro Vorkaufsgebühr der 200 Pyrobefürworter, die alle Auswärtsspiele gesehen haben. Man kann auch 6.000 Euro nehmen als Vorkaufsgebühr aller Derbybesucher, sucht euch eine Zahl aus.

– 4.000 Euro pauschal, weil die Klickzahlen auf der offiziellen HP exorbitant gestiegen sind, weil Leute nach geilen Fotos von den Pyros gesucht haben und so die Werbung besser verkauft werden kann.

– 10.000 Euro pauschal für die ausländischen Leute, die plötzlich mit Totenkopf rumlaufen, weil hier ihre Kultur kopiert wird.

– 100.000 Euro pauschal, weil die Logenbesitzer möglichst nah dran sein wollen an dem rauen, ungehobelten Haufen. „Mama, sind das die Pyrozünder?“

– Unbezahlbar, weil doch wieder alle Augen auf St. Pauli gerichtet waren und dies nicht nur aus sportlichen Gründen.

So, findet ihr nicht witzig? Müsst ihr nicht. Polemisch? Ja, ist auch dieses. Und natürlich auf beiden Seiten unendlich fortsetzbar. Und nochmal danke @Jeky für den Tweet, für den sie jetzt trotzdem ein Getränk bekommt. 😉

Und nächste Woche setze ich mich fett mit der Fanszene auseinander und nicht nur ich. Und dann habt ihr noch mehr zu lesen.

Mrz 102011
 

oder

Zwei nicht juristische Sachen, drei mal St. Pauli, zwei Urteile und eine Strafanzeige

Schalke Stani?

Lutz Wöckener legt in einem Kommentar von heute (10.03.11) unserem Trainer den Weggang nach dieser Saison nahe. Nun stellt sich folgende Frage: Aus dem blauen Dunst heraus oder nachdem er den Willen eines Insiders gehört hat? Nun hier können wir natürlich nur spekulieren und das schöne an der Spekulation ist, dass sie jeder anders macht und zu einem anderem Ergebnis kommt und man egal wie die Sache ausgeht immer brüllen kann „Ich hatte immer schon Recht“. Fakt ist: Unser Trainer hat natürlich ein zwei Referenzen und sein Vertrag läuft noch ein Jahr, so dass man garantiert schon mal über Vertragsverlängerung oder nicht gesprochen hat. Fakt ist auch: Lutz Wöckener ist in diesem Verein bestens vernetzt (auch wenn das viele immer nicht wahr haben wollen). Fakt ist ebenso, dass unser Trainer es in Zeiten der Vertragsverhandlungen immer wusste seine Pressekontakte elegant und für ihn gewinnend einzusetzen. Bereits als Spieler, später als Manager und heute auch als Trainer. Wenn man dies so sieht, dann würde es mich nicht wundern (und hier beginnt die Spekulation), wenn so etwas von interessierter Seite gestreut wird, sei es nun, um ihn wegzuloben (finde ich eher unwahrscheinlich) oder sei es um vielleicht Vorstellungen bei einer (letztmaligen?) Vertragsverlängerung durchsetzen zu können. Oder vielleicht auch um sich bei anderen Vereinen im Einzugsgebiet des Abendblattes interessant zu machen? Und @renemartens, ich weiß ich habe dir jetzt nicht geantwortet. Weil ich es nicht kann.

Ich dachte, ich hätte es leicht

Ich dachte ein wohlgeschätzter Kollege des Internetschreibens hätte nun schon seine Kritik an www.warum-bist-du-bei-sankt-pauli.de rausgehauen und an dem Aktionstag. Das hätte es mir jetzt leicht gemacht, denn ich hätte darauf verlinkt und irgendwas von „ganz so hart sehe ich es nicht“ und „hey Leute, immerhin bewegt mal jemand seinen Arsch in diesem schwierigen Thema“ geschrieben. Hat er aber bisher nicht und daher muss ich meine eigenen Magenschmerzen formulieren, die irgendwo in Richtung „Unbestimmtheit“ und „Inhaltslosigkeit“ gehen und die ich doch nicht in Worte fassen kann. Aber vielleicht ist das ja gerade das spannende (und letztendlich wahrscheinlich auch erschreckende), wenn individuell der Inhalt gefüllt werden muss Ich persönlich bleibe hier erstmal im wagen, da die Internetszene da gerade eine Anlehnung an das ganze plant. (Hab ich euch jetzt neugierig gemacht? Ich hoffe!). Als Unterstützer hat sich dieser Blog eintragen lassen, auch weil ich jede Aktion, die auch mal das Selbstverständnis hinterfragt als alter Szenenörgler nur gut finden kann.

Upsolut Urteil

Man wartet immer noch auf das schriftliche Urteil im Upsolut Prozess und laut dem Hamburger Abendblatt von vorgestern sei dies a. ungewöhnlich b. habe der Verein nun Berufung eingelegt, ohne die Begründung zu wissen, damit man das vorantreiben könne. Und nach der ZPO müsse ein schriftliches Urteil eigentlich nach 9 Wochen vorliegen. Ich bin ja blöd, das gebe ich ja zu, aber eine solche Frist finde ich in der ZPO nicht. Ich bin aber (leider) kein Zivilrechtler mehr, so dass ich mich täuschen mag. Ob und inwieweit eine solche Frist ungewöhnlich ist, kann ich nicht sagen. Für die Gerichte mit denen ich beruflich zu tun habe, wäre eine solche Frist lang. Vielleicht ist ja unter den geneigten Lesern ein Zivilrechtler, der mich auf die Norm aufmerksam macht, die ich gerade blind wie ich heute bin übersehe. Oder eben irgendwo ist im Abendblatt irgendwas irgendwie verdreht worden, eine Sache, die ich auch nicht für ganz unwahrscheinlich halte. Siehe Überschrift und siehe gleich.

Das eine Berufung erfolgen wird und wir hier eine höchstrichterliche Entscheidung erhalten werden, ist wohl auch jedem klar.

Hartz 4 Empfänger dürfen kein Lotto spielen!

Sagt das LG Köln. (Bereits hier sorry: welt.de mag ich sonst nicht zitieren). Und bevor jetzt alle Leute steil gehen, hier meine ultimativen Tips beim Umgang mit Urteilen (und für die Juristen unter uns Mit Beschlüssen und allen anderen Entscheidungen eines Gerichtes): 1. glaube nie uneingeschränkt dem, was in der Presse steht. 2. versuche immer die Hintergründe zu ergründen 3. guck dir immer genau an, wer warum wogegen geklagt hat. 4. lese am besten das Urteil im Volltext und dabei insbesondere den Sachverhalt! Und wenn du danach immer noch einen Skandal vermutest, dann ist es wahrscheinlich einer. Daher kann ich diese Beurteilung eines juristischen Blogs auch nicht verstehen oder bin einfach zu vorsichtig oder zu wenig mit Boulevard Gespür ausgestattet. So wird das nie was mit mir und Twitterheldenstatus.

Es stellt sich nämlich bei einer genaueren Betrachtung die Frage, kann man hier wirklich von einem Skandal sprechen? Es handelt sich um eine einstweilige Verfügung, die ein in Malta ansässiger Sportwettenanbieter gegen Westlotto erwirkt hat. Und zwar auf Grund des Wettbewerbrechtes. Also nicht um arme Hartz 4 Empfänger zu schützen oder ihnen etwas böses zu tun. Verkürzt gesagt ist eine solche einstweilige Verfügung möglich, wenn sich ein Konkurrent in einem Wettbewerb Vorteile durch die Nichtbeachtung von Gesetzen verschafft.

Bei einer einstweiligen Verfügung – auch dies sei vorab angemerkt – wird nur eine summarische Prüfung des angemeldeten Anspruches vorgenommen. Ob in einer Hauptsache nach absoluter Abwägung aller Aspekte eine solche Entscheidung überhaupt bestehen bleiben kann, steht auf einem ganz anderem Blatt. Auch dies muss man wissen. Insbesondere, da es sich hier anscheinend (!!!) um eine ohne mündliche Verhandlung erwirkte einstweilige Verfügung handelt. Das ist dann noch unsicherer und wackeliger als die normale einstweilige Verfügung.

Gegen welches Gesetz meint nun das Gericht habe Westlotto verstoßen? Ja, da denkt unser maltesischer Freund um die Ecke: Begründet wird das Glückspielmonopol damit, dass nur der Staat die unmündigen Bürger (Polemik von mir) vor der Suchtgefahr schützen kann. Nur so ist nebenbei ein Glückspielmonopol überhaupt EU-rechtlich haltbar. Im Staatsvertrag steht nun drin, dass sich die Länder verpflichten, die Spieler zu einem verantwortungsbewussten Spiel anzuhalten“. Wer hier jetzt Gummiklausel brüllt, der hat nebenbei recht.

Kleiner Einschub: Was möchte der maltesische Wettanbieter natürlich letztendlich erreichen? Ja klar, dass dieses Monopol fällt. Hartz 4 Empfänger sind dem so etwas von egal. Wer jetzt hier „Skandal“ schreit, der hat Recht, meint aber das kapitalistische System (das ich so etwas noch mal schreibe ;-))

Ja hat denn nun Westlotto gegen den Staatsvertrag verstoßen? Wenn man einigen Quellen glauben mag (siehe dazu aber oben), dann hat der maltesische Wettanbieter Testkäufer losgeschickt, die sich über Hartz 4 unterhalten haben und gesagt haben, dass sie mit ihrem Regelsatz nicht auskommen. Und genau dieses Stück Sachverhalt ist eine der sehr entscheidenden Punkte! Denn wenn jemand mir konkret schon sagt, dass er Probleme hat, mit dem Geld auszukommen, dann ist die kommentarlose Annahme seines Scheines, höchstwahrscheinlich nicht mehr verantwortungsbewusstes Spielen, bzw. das anhalten dazu oder? Will mir hier jemand widersprechen?

Und so zitiert welt.de (siehe oben und nochmal sorry für die Quelle) auch das Urteil, was nämlich mitnichten sagt „Hartz 4 Empfänger dürfen kein Lotto spielen“ vielmehr sagt es, dass die Lottoläden keine Geschäfte mit Personen mehr tätigen dürfen, von denen bekannt ist (die letzten vier Worte bitte vierfach ach Blödsinn fünffach unterstreichen) „dass sie Spieleinsätze riskieren, die in keinem Verhältnis zu ihrem Einkommen stehen, insbesondere Hartz 4 Empfänger.“ Was lernen wir daraus? Richtig eine Aufklärungspflicht, eine Vorlage des Gehaltszettels oder ein „ich muss es ihm ansehen“ ist darin nicht enthalten.

Der oben zitierte Juristenblog lässt aber insbesondere die vier fünffach unterstrichenen Worte weg, weil in seiner Pressequelle weggelassen wurden und muss dann zu einer ganz anderen Beurteilung kommen. Welche Quelle Recht hat? Wir wissen es nicht, wir können es nur vermuten, weil Zeitungen zum kürzen und nicht zum verlängern neigen. Aber zwingend ist dies nicht. Daher mein Rat von oben: Lese am besten ein Urteil im Original, bevor du abschließend darüber urteilst! Und Jura eignet sich hinten und vorne nicht für das Boulevard, was immer verkürzen will. Nur hier dreht die Verkürzung alles um.

Habe ich jetzt was inhaltliches über das Urteil (bevor mich jetzt ein Jurist umbringt: jaja, wahrscheinlich ist das ein Beschluss, aber das erklär mal einem Nichtjuristen) an sich gesagt? Falls nein, dann sage ich es jetzt, aber nach dem eben genannten eben unter einem deutlichen Vorbehalt: Der Skandal ist weniger das Urteil selbst, sondern der Staatsvertrag an sich, der ja eigentlich nur einen einzigen Hintergrund hat: Die Lottoeinnahmen für die Länder zu sichern. Und dann kommen eben so Gummikonstruktionen um das zu rechtfertigen. So etwas geht immer in die Hose. Aber schuld daran sind häufig genug nicht die Gerichte, sondern der Gesetzgeber. Und nein, ich halte Justizia nicht für unfehlbar, ganz im Gegenteil. Und habe nun abschließend trotzdem nix zu dem Urteil gesagt. 😉

Spannungsbogen Meinungsfreiheit – Volksverhetzung

Wir sind immer stolz auf unsere Meinungsfreiheit und sie wird immer wieder gerne an passenden und unpassenden Momenten zitiert. Nur lesen tut Art. 5 eigentlich nie jemand:

„(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu
äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen
ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der
Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine
Zensur findet nicht statt.“

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der
allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der
Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

„Eine Zensur findet nicht statt“ steht da. Und in Abs. 2 was von „allgemeinen Gesetzen“ als Grenze. Das wird allgemein so gedeutet, dass sich kein Gesetz gegen eine Meinung an sich wenden darf. Auf den ersten Blick tut der § 130 StGB „Volksverhetzung“ doch genau dieses und daher mögen den Nazis so gar nicht und argumentieren absurderweise gerne mit Art. 5 GG. Das Bundesverfassungsgericht hat in mehreren Entscheidungen § 130 StGB gestützt und ihn u.a. damit, dass es sich um einen Schutz der Menschlichkeit handele, der in Art. 1 GG zu finden ist. Dem kann – und muss – man so folgen.

Nur eines muss man hier wissen: Wir sind hier in einem Spannungsbogen zwischen zwei der wichtigsten Grundrechte: Menschenwürde und Pressefreiheit. Daher ist § 130 StGB sehr eingrenzend formuliert und wird auch sehr eingrenzend ausgelegt. Um es kurz zu sagen, nicht jede unerträgliche Scheiße ist strafbar. Das mag man bedauern, das kann man falsch finden, sollte dann aber bedenken, welche Folge ein weiter gefasster Straftatbestand für die Meinungsfreiheit hat.

Und dies sollte man bei dem Urteil zum NDP WM-Planer und auch zur Strafanzeige zu Horst Seehofer bedenken. Ich persönlich finde sowohl den NPD WM Planer, als auch Seehofers Äußerungen für unerträglich, halte beides für rassistisch und gerade im Falle von Seehofers für einen Grund sofort zurückzutreten. Ich habe Null und ich wiederhole NULL Sympathien mit solchen Ansichten.

Nur ich sage euch auch: Ob das wirklich für § 130 StGB reicht, kann und mag ich nicht abschließend beurteilen, wegen des eben gesagten. Wir befinden uns hier in einer der schwersten juristischen Fragen, die das Strafrecht (und das Grundgesetz) so zu bieten hat. Daher halte ich nix von „Skandal“ Rufen oder dem Argument „Jaja, Justiz auf dem rechten Auge blind“. Das ist die Boulevardisierung eines viel zu komplexen und viel zu schwierigen Themas. Ich halte aber relativ viel von der Strafanzeige (die nebenbei zumindest schlüssig in dem verlinkten Text begründet ist) und wenn es nur dafür ist, wieder einen Einzelfall in diesem juristischen Minenfeld höchstrichterlich zu klären. Ein Wunsch, den ich bei dem NPD Fall nebenbei auch hätte und mir wünsche, dass die Staatsanwaltschaft in die nächste Instanz geht.

Wie die beiden Verfahren ausgehen, da bin ich als Jurist emotionslos. Als Mensch habe ich natürlich mehr Sympathien für eine Verurteilung. Ein abschließendes Urteil würde ich mir aber so oder so nicht bilden. Siehe die Gründe 1 bis 4 und dabei insbesondere 4, denn z.B. habe ich diesen NPD Planer nie gelesen.