Jan 212011
 

oder

Und nun?

Kommerz light, geht das?

Ja liebe Leser, ihr seht mich ein bisschen ratlos. Ich finde es schwer
eine abschließende Bewertung von den öffentlichen Stellungnahmen
vorzunehmen. Zuviel ist im Fluß und auch ich weiß nicht, ob ich damit
endgültig leben kann, weil eben so viel schief gelaufen ist und doch nicht
korrigiert wird. Natürlich sind Dinge davon erklärbar und teilweise kann ich
Erklärungen auch verstehen. Ich will daher mal versuchen mit einigen
Vorworten, mit einigen Bemerkungen zu Einzelpunkten ein Fazit zu ziehen.

Aufschlag

Natürlich leben wir beim FC in einer Insel der Glückseeligkeit, weil
solche Proteste wie gegen Freiburg nicht mit einigen Totschlagargumenten
abgebügelt werden und man sich schon auf Führungsebene darüber Gedanken
macht. Zwar versuchte die Hamburger Morgenpost eine mehr als peinliche
Kampagne gegen die Forderungen zu starten und zauberte irgendwelche
Ehemaligen und Sponsoren aus dem Hut, die sich instrumentalisieren lassen.
Unschön natürlich, dass da auch noch der Hebel Fanräume benutzt wurde, aber
das lässt sich wohl nicht ändern. Die anderen Hamburger Medien glänzten zwar
nicht gerade durch sehr gute Berichterstattung, aber es wurde keine Kampagne
gefahren, wie sie bei anderen Vereinen (Hallo Hr. Nachbar aus dem Volkspark)
bei Fanforderungen über Wochen von oben mit Uhren und anderen Geschenken
belohnt wurden.

Natürlich ist der Kommerz in vielen anderen Arenen viel schlimmer. Auch
dies ist absolut nicht zu bestreiten. Jeder, der das Vergnügen hatte in
letzter Zeit in solchen Orten wie München oder Gelsenkirchen zum Fußball zu
gehen, der wird das bestätigen.

Beides ist aber aus mehreren Argumenten kein Argument. Zum einen ist
diese Insel der Glückseeligen so etwas wie der Kern unseres Vereines und
daher eine überlebensnotwendige Sache. Oder wie schrieb so schön jemand?
„Niemand braucht einen Lokalrivalen light“. Und zum anderen ist das
Argument, dass es irgendwo anders viel schlimmer ist, kein Argument Kritik
am eigenen System zu äußern.

In England wird gerade versucht die Idee der Vereine im Besitz von Fans
zu diskreditieren. In einem englischen Blatt ist ein Artikel erschienen, wo
das ganze lächerlich gemacht wird und behauptet wird, dass dies nicht ginge.
Natürlich spricht der Erfolg von Modellen wie AFC Wimbledon und FCUM gegen
solche Hetzartikel. Und in einem Artikel wurde zu Recht folgendes angemerkt:
In Deutschland sind prinzipiell alle Vereine im Besitz der Fans, denn es
gilt die 50 plus 1 Regelung.

Und dies müssen sich alle Leute endlich mal klar machen: Wir haben eine
riesige Chance, aber auch eine riesige Verantwortung dadurch, dass unsere
Wirtschaftsunternehmen Basisdemokratisch organisiert sind. Gerade beim FC
St. Pauli.

Ich diskutierte letztens per PN im Forum mit einem hochgeschätzen User
über die Frage der AOMV. Er sah eher das Risiko einer emotionsgeladenen HV,
die dann Murks baut. Ich sehe eher die Chance, das ganze auf einer breiten
Basis zu diskutieren und dann basisdemokratisch Entscheidungen zu treffen.
Ich sehe auch das Risiko, ich erinnere immer an die Corny vs. Aufsichtsrat
JHV. Ich denke aber, da es sich hier um eine Sachfrage handelt, sollte eine
relativ sachliche Diskussion möglich sein. Und wir haben beim Thema
Ehrenpräsident Corny ja gerade eine Diskussion gehabt, die trotz des sehr
emotionalen und persönlichen Themas doch relativ ruhige Bahnen angenommen
hat.

Daher wäre ich immer noch dafür eine AOMV vorzubereiten und
durchzuführen. Meinetwegen selbst mit einem Fankongress 2 vorher als
Vorbereitung. Klar ist das teuer, aufwendig und nervig. Aber ich denke, dass
wir dann den FC, wie wir ihn alle lieben, auf eine breite Basis stellen
können und gemeinsam einen Weg finden können, mit dem zumindest eine
Mehrheit leben kann. Ob dieser Weg dann vernünftig ist, das ist aus meiner
Sicht zweitrangig. Es geht nicht darum, ob zuviel Sozialromantik Bundesliga
verhindert oder zuwenig den Verein verändert. Es geht darum einen
gemeinsamen, am besten breit getragenen Weg für unseren Verein zu finden.
Unter Abwägung aller Argumente. Ich weiß, dass ich gerade träume.

Einzelne Punkte

Ich denke, dass der Punkt „Audiovisuelle Werbung während Spiele“
unstreitig ist, wenn ich unseren Präsidenten richtig verstehe.
„Durchgerutscht“ sei dies und ganz ehrlich: Wem noch nie etwas durch
gerutscht ist, der werfe nun bitte den ersten Stein. Es passt nicht zu uns,
sagte der Präsident und da kann man ihm wohl nur Recht geben.

Der Präsident sprach weiterhin davon, dass man die Werte des Vereines
leben solle. Und da spricht die Stellungnahme des StFA Bände, der folgendes
schreibt:

„Die intensive Diskussion hat uns verdeutlicht, dass der aktuelle
Konflikt zwischen Vereinsführung und Fans sich nicht an einzelnen Sachfragen
festmachen lässt, sondern sich auf einer anderen Ebene bewegt: Für Teile der
Vereinsführung ist der FC St. Pauli ein Wirtschaftsunternehmen, eine
\“Marke\“ und ein Hobby. Für viele Fans im Stadion ist der Verein jedoch
weit mehr als dies: nämlich ein Stück ihres Lebens und ihres Lebensinhaltes
und somit keine rationale, sondern eine Herzensangelegenheit.“

Ich gehe selbst noch weiter: Ich behaupte mal, selbst unter den Fans
wird man Leute finden, denen es um 11 Menschen auf dem Platz, ein Bierchen
und einen netten Samstagnachmittag geht. „Für viele Fans…“ ist der FC aber
mehr. Und das muss man halt bedenken und dies ist der Kern des ganzen
Streites. Ich mache das mal an zwei Schlagwörtern deutlich, die ich schon
mal brachte: 1. „Der FC St. Pauli ist schuld, das ich so bin“ 2. „Wer es
nicht fühlt, der kann es nicht verstehen.“ Beides ist für mich (!) wahr.

Und es gibt keinen wirkliche saubere Trennlinie z.B. zwischen
organisierten und unorganisierten, zwischen Jung- und Alt, zwischen
Sitzplatz und Stehplatz, nicht einmal zwischen Loge und Stehplatz. Nein,
hier gibt es sehr viel grau und sehr viele persönliche Meinungen. Mal ganz
davon ab, dass alle genannten Abgrenzungen entweder künstlich, bequem zum
verstecken oder einfach an Äußerlichkeiten festgemacht sind. Und nun aus
dieser Mischung eine Leitlinie zu machen, in der sich die meisten wieder
finden und die auch noch verbindlich genug ist, dass sie selbst exekutierend
ist, das ist die Kunst. Sind wir solche Künstler? Ich weiß es nicht. Und ich
beneide das Präsidium nicht um seine Aufgabe hier nun leitend, moderierend
und exekutierend tätig zu werden.

Der Präsident sprach dann davon, dass man Business Seats nicht
zurückbauen werde und könne. Man wolle lieber die nichtverkauften Plätze als
Business Seat light zu einem Business Seat light Preis verkaufen. Das dies
nicht befriedigt, ist jedem klar. Auch gerade weil niemand mal sagt, warum
man nicht „könne“. Darum hat man sich schon in der JHV gedrückt, da drückt
man sich jetzt wieder drum. Das finde ich schade und wenn man von mündigen
Mitgliedern ausgeht, dann muss man sie auch mündig behandeln.

Wobei 60 Euro bei Bier am Platz? Hmm… das könnte für einige Gegengerade
Leute sich schon beinah lohnen. 😉

Der StFA schreibt weiter: „Seitens des Präsidiums wurde angekündigt, ab
sofort eine Gruppe aus Vereinsverantwortlichen zu installieren, welche alle
neuen Werbemaßnahmen bereits im Vorfeld kritisch überprüfen soll.“

Wer sieht den Webfehler in einer solchen Ethik Kommission (Bezeichnung
stammt nicht von mir)? Richtig „Vereinsverantwortliche“ steht da. Von
Externen, Fans etc. ist da nicht die Rede. Und ganz ehrlich: Bei
Vereinsverantwortlichen muss man immer die Angst haben, dass sie ihre eigene
Ethik haben und/oder die (eigene) Geldbörse die Ethik bestimmt. Dieser
Webfehler könnte dafür sorgen, dass die Idee Konflikte schon im Vorfeld und
vor ihrer Veröffentlichung aus der Welt zu schaffen verfehlt wird.

Es bleibt Susis Showbar. Der Kritikpunkt der meisten, nämlich dass eine
Vorstellung während des Spieles stattfindet, ist vom Tisch und einem
Kiezladen per se eine Loge zu verbieten, wird von unseren Leitlinien (aus
meiner Sicht leider) nicht gedeckt sein. Bleibt die Frage, ob ein
bekleideter Tanz für einen Stripschuppen sexistisch ist. Und ob man dort
einen Konsens findet, wage ich zu bezweifeln. Für mich (!) ist das Sexismus
pur und da helfen auch bekleidet und freiwillig als Argument nicht. Daher
bleibt ein SEHR bitterer Beigeschmack für mich. Der mehr oder minder
sexuelle Tanz an einem öffentlichen Ort, der von Minderjährigen betreten
wird, bleibt für mich doch sehr problematisch. Und da hilft es nicht, dass
eine Loge nur bedingt einsehbar ist. Da muss man schon über einen großen
Schatten springen.

Fazit

Bisher sind vieles natürlich nur Lippenbekenntnisse, denn es ist keine
Werbebande abgebaut, keine Aktion offensiv zurückgefahren worden. Es ist
viel versprochen, aber ob sich was ändert, weiß niemand. Es geht nicht um
einzelne Sachen, es wird einfach darum gehen, gibt es bei uns weiterhin
erste Klasse und zweite Klasse Kunden. Beispiele: Die ehemaligen
Sprecherkabinen mussten sofort weg, bis ein Sponsor kam. Business Seat
Kunden haben ihren eigenen Eingang mit eigenem Sicherheitsdienst und werden
nicht mehr oder minder entwürdigend abgetastet. Warum eigentlich? Wird es so
etwas weiter geben? Wie wird es insbesondere bei neuen Aktionen? Das ist die
entscheidende Frage. Was ist eigentlich, wenn Susis Vertrag ausläuft und
wenn sich das „können“ bei den Business Seats eventuell zeitlich überholt?
Darauf wird es ankommen um das große und ganze. Und da hat sich bisher wenig
geändert und vieles muss sich ändern. Jeder wird einen anderen Punkt haben,
der ihn mehr stört, einen anderen weniger, aber die Grundrichtung muss für
eine Mehrheit stimmen. Und das tat sie eben nicht mehr.

  One Response to “Susi und ich?”

  1. Moin Norbert
    sehr sehr gute Zusammenfassung, in der ich mich wiederfinden kann!
    DAZKE! und Gruss

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