Jan 122011
 

oder

Hat das Modell St. Pauli noch Zukunft?

Vorwort

Liebe Leser, ich neige nicht dazu zwei oder dreimal die Woche in die
Tasten zu greifen. Das liegt schon alleine daran, dass ich entgegen aller
Behauptungen auch andere Hobbys als Fußball habe und auch gerne mal laufe,
lese oder einfach nur Musik höre. Ich schreibe nur über diese, weil ich
irgendwie kein „ich gehe dann mal scheißen“ Schreiberling bin. Diese Seite
ist Themenbezogen und hat nur gelegentliche Ausflüge in die Musik oder ins
Laufen. Aber diese Woche bricht die Welt des FC aus allen Fugen und darüber
hinaus habe ich noch ein Thema vergessen, welches ich ansprechen wollte.

Vermietung des Millerntores

Wie ihr vielleicht der Hamburger Morgenpost entnommen habt, ist eine
Silvesterparty in den Hallen unseres Stadions ins Chaos gemündet und war
wohl auch mit falschen Versprechungen beworben worden. Nun ist dies bei
Silvesterpartys eher die Regel, als die Ausnahme, aber leider gibt es hier
ein Problem: Wir haben mit dieser Party zwar null zu tun, aber es gibt einen
Imagetransfer. Denn obwohl dies normal ist und obwohl dies häufig genug
Hamburger Zeitungen höchsten eine Seite an einem Tag wert ist, machte die
MoPo diesmal damit eine Woche Schlagzeilen und Auflage. Warum wohl? Richtig,
weil das ganze in unserem Spielzimmer stattfand.

Der Veranstalter hatte das ganze auch mit „im St. Paulistadion“
beworben, einfach weil unsere Heimstätte trotz Umbaus als „Kult“ gilt und
natürlich Kieznah ist. Seien wir ehrlich: In der Raute würde niemand so eine
Party veranstalten. Hier findet ein Imagetransfer statt und dies nicht nur
positiv, denn genügend – uninformierte – Geister werden dem FC die Schuld
geben oder auch ihren Frust an dem FC auslassen.

Nur da ist natürlich das Problem unseres Neubaus. Wir haben uns bei der
Finanzierung anscheinend stark der Fremdvermietung verschrieben und diese
erfolgt nun. Ich könnte mir vorstellen, dass man schon mit 100 plus einem
großen X Vermietungen plant und diese nun auch erreichen will/muss. Und da
will man natürlich auch die Chance nutzen Silvester zu vermieten. Ich wage
aber zu bezweifeln, dass es einen seriösen Partyveranstalter gibt, der
Silvester noch veranstaltet. Denn seitdem ich das verfolge gehen die großen
Silvesterpartys in Hamburg regelmäßig schief. Dies ist auch der Grund, warum
z.B. Hamburger Radiosender so etwas nicht mehr durchführen. Ja und da ist er
wieder der Zielkonflikt zwischen Kommerz und Ideal.

Nur muss unser Verein eben aufpassen, dass er nicht zu häufig mit
schlechten Schlagzeilen in Verbindung kommt. Denn dann findet ein
Imagetransfer in die falsche Richtung statt. Und daher sollte man sich
wirklich überlegen, ob es der kommerzielle Erfolg wert ist, an irgendwelche
Partyveranstalter zu vermieten.

Es folgte natürlich gleich die nächste zweifelhafte Vermietung, denn
auch Olaf Scholz beehrt unseren Ballsaal. Nun sollte jeder wissen, dass mir
die deutsche Sozialdemokratie parteipolitisch noch am nächsten steht und ich
ein großer Freund der freiheitlich demokratischen Grundordnung bin, obwohl
ich auch genügend kritisiere. Trotzdem ist so etwas natürlich bedenklich,
denn auch hier findet der Imagetransfer extrem statt und wird von Scholz
auch genutzt werden, der natürlich mit einem solchen Veranstaltungsort hipp
und cool wirken will, Adjektive, die man mit so nicht in Verbindung bringt.

Spannend auch, dass das ganze als „Kleiner Ballsaal“ beworben wird. Ich
wusste bisher nicht, dass wir einen kleinen und einen großen Ballsaal haben.
Ich dachte immer, die benennen sich durch ihre Tribüne. Aber man lernt nie
aus.

Und eines darf man nicht vergessen: Hat man erstmal das parteipolitische
Fass aufgemacht, dann hat man irgendwann auch die anderen Vögel des
demokratischen Spektrums in seinen Hallen. Denn auch mit Hr. Ahlhaus
verbindet man nicht gerade hipp und cool. Auch der könnte auf die Idee
kommen, diesen Imagetransfer zu nutzen.

Klar, als privater Vermieter kann man immer nein sagen, aber ob dies
schon im Gehirn unserer Raumvermarktung angekommen ist, weiß ich nicht. Und
vor einer Sache habe ich ehrlich gesagt Angst: Das irgendwann Faschos bei
uns als Geburtstagsfeier getarnt sich einmieten und in unseren Räumen
Kategorie C spielt. Ich hoffe, die Verantwortlichen haben solche Gefahren
auf dem Schirm. Ich möchte nicht vor meinem eigenen Stadion demonstrieren
müssen.

Modell St. Pauli am Ende? United we fall, divided we stand!

Unser Präsidium will weiterhin in der Sozialromantikerfrage Philosoph
bleiben, was man entweder als klug oder doof beurteilen kann, was ich aber
an dieser Stelle nicht bewerten will, weil ich es schwierig finde, schweigen
für oder gegen Jemanden zu verwenden. Da bin ich zuviel Jurist, für den
Schweigen immer erstmal neutral ist. Ich weiß auch nicht, inwieweit Leute
wie Schulte nun vorgeschoben werden. Nur was der junge Mann abgibt, ist
blauäugig und fahrlässig oder absichtlich gefährlich für das Modell St.
Pauli.

Modell St. Pauli? Man lese meine beiden letzten Einträge, ich denke, ich
habe dort erklärt, was die Besonderheit dieses Vereines ausmacht. Falls das
jemand nicht versteht, dann kann ich ihm nur eine alte Ultratapete zitieren:
„Wer es nicht fühlt, der kann es nicht verstehen.“ Wenn wir jetzt aber mal
davon ausgehen, dass ich in der Grundtendenz die Besonderheit dieses
Fußballclubs und den Grund für seine Beliebtheit, sein
Alleinstellungsmerkmal beschrieben habe, dann hat Hr. Schulte das entweder
nicht durchschaut, was sein gutes Recht ist und begreift fahrlässig gar
nicht, was er da sagt oder aber er will dieses Alleinstellungsmerkmal ganz
absichtlich zerstören.

Egal, was man nun sagt, er bringt das Todschlagargument gegen alle
Faninteressen: Es gefährdet den sportlichen Erfolg. Und das ärgert mich.
Denn nicht die Fans gefährden den sportlichen Erfolg und der sportliche
Erfolg war NIE Alleinstellungsmerkmal und Vermarktungsargument dieses
Vereines, sondern den sportlichen Erfolg, die Vermarktungschance auf Dauer
opfern die, die jetzt wie die Heuschrecken versuchen den letzten Tropfen
Kult kurzfristig aus dem Separee zu melken.

Hr. Schulte kann sicher sein, dass NOCH jeder im Stadion seine Stimme
für die Mannschaft und für einen ordentlichen Support erheben wird. Er kann
aber sich dann nicht mehr sicher sein, wenn er meint, dass dies sozusagen
die einzige Pflicht und das einzige Recht dieser ist.

Und Hr. Schulte sollte ENDLICH begreifen, dass es keinen Widerspruch
gegen Faninteressen und kommerziellen Interessen gibt. Dieser ist künstlich
und mit dem Todschlagargument „nur so sportlicher Erfolg“ wird versucht
viele Menschen aufzubringen. Er darf nicht vergessen: Nach der langfristigen
Zielsetzung des Präsidiums „Top 25“ werden wir nicht immer „sportlichen
Erfolg“ haben und daher müssen wir unseren Markenkern, unser
Alleinstellungsmerkmal dringend auch in Phasen erhalten, wo wir uns nicht
vorstellen können wieder in Liga 2 zu spielen. Sonst sind wir dort nämlich
sehr schnell ein ganz normaler Verein unter 18 anderen und dann gibt es ganz
schnell keinen kommerziellen Erfolg mehr. Ich weiß, ich wiederhole mich.

Hinzu kommt, dass sein Appell im Unterton genau eine Spaltung versucht,
nämlich zwischen den angeblich Ewiggestrigen, die den Erfolg nicht wollen
bzw. gefährden und den richtigen, über alles toleranten und guten Fans. Er
gießt also fröhlich Öl ins Feuer. Ein ganz gefährliches Spiel. Denn
mitnichten sollen diese Worte eine Einheit und einen Respekt allen gegenüber
ausdrücken.

Daher geht es Samstag genau um diesen Markenkern, konkret: Wollen wir
Pauli, Party, Kiez und das x-tausendste „Event“ in dieser Stadt sein oder
wollen wir langfristig etwas besonderes, etwas einzigartiges, etwas mit
einem unverkäuflichem Kern sein? Diese Frage kann sich jeder stellen, bevor
er Samstag das Stadion betritt und eine rote Fahne, ein rotes Kleidungsstück
und/oder eine rote Pappe in die Hand nimmt.

Meine Antwort ist klar und ich werde meinen (unbedeutenden) Teil nur so
lange zum sportlichen Erfolg beitragen, so lange ich der Meinung bin, dass
der Kern lebt, der Kern nicht auf dem Altar „sportlicher Erfolg“ geopfert
ist und so lange wir St. Paul sind. Sonst kann man nur den Weg der Spaltung
gehen und sehen, wer längerfristig mehr Erfolg hat. Das Event Pauli oder der
AFC St. Pauli mit seinem Kern. Ich würde an ihrer Stelle keine Wette
annehmen, Hr. Schulte.

Aber mit einem gehe ich trotzdem Konform: Vom Anpfiff bis Halbzeitpfiff
und von „We’re coming back“ bis Schlusspfiff, da wird Freiburg
niedergebrüllt von einem Publikum, welches in seinen Vereinsfarben gekleidet
ist. Aber davor und danach wird genügend Zeit sein Hr. Schulte und anderen
zu sagen, dass er irrt. Zumindest in meinem Traum.

Und um nun mal etwas fröhliches zu schreiben…

Wollte ich euch die Twitter Reaktion auf meine Beurteilung der Blogs nicht vorenthalten. Ich hoffe, ich habe die Tweets in der richtigen Reihenfolge, was bei diesem Medium nicht sicher ist:

momorulez@
@magischerfcblog Wer ist denn von den Genannten politisch radikal oder gar plakativ? 😉 Danke für die Analyse!

KiezkickerDe@
@magischerfcblog Der letzte Satz gefällt mir. :o)

magischerfcblog@
@momorulez ein bisschen geheimnisvoll muss ich doch bleiben, sonst bin ich doch nicht mehr interessant. 😉

magischerfcblog@
@KiezkickerDe der letzte Satz gefällt dir? Gute Ausbeute bei gut 1.000 Sätzen im Bericht 🙂

ring2@
@momorulez du bist radikal, @jeky emotional und @ring2 plakativ

ring2@
@momorulez oder @jeky moralradikal ich emotionalplakativ und du radikalplakativ

ring2@
@magischerfcblog stimme Dir weitgehend zu. p.s. die Blog-Debatte vs Journalismus ist aber durch 😉

Fischblog retweeted von ring2@
Verdacht: Eine ernsthafte Kommunismus-Debatte wird deswegen so reflexhaft unterbunden, weil ihr erstes Opfer das Wort „alternativlos“ wäre.

ring2@
@magischerfcblog du Blogger, du 😉

momorulez@
@ring2 Emotional bin ich aber auch, und plakativ auch manchmal – meint er uns alle mit allem?

magischerfcblog@
@momorulez @ring2 vielleicht auch alle ein bisschen? 🙂

momorulez@
Ich radikalisiere mich heute mal wieder emotional und mache dann Wildfremden plakative Liebeserklärungen!

Jeky@
@momorulez Bedaure gerade, dass wir uns kennen *g*

magischerfcblog@
@ring2 die debatte mag nebenbei durch sein, aber das hat man bei kommunismus vs kapitalismus auch gesagt 😉

(Das ganze ist jetzt gekürzt, aber ich wollte euch diese Wortspielereien nicht vorenthalten. Und danke an die vier, die ich jetzt mal einfach so zitiere)