Mrz 292010
 

oder

Nun seid ihr dran

Kein Vorwort, kein wirklicher Bericht

Vorweg: Wie ich schon mehrfach in diesen Berichten erwähnt habe, ist Gewalt mein Mittel nicht. Ich halte Gewalt und Zwang für nicht gangbare Wege in einer demokratischen Diskussionskultur und ich halte daher selbst eine Blockade von Eingängen für problematisch.

Ich mag mich auch nicht vollinhaltlich dazu äußern, da ich nicht Südsteher bin, keine Details mitbekommen habe und gestern nur von beiden Seiten hören durfte, wer nun wen geschubst, geschlagen, bedrängt habe.

Vorweg aber folgendes: Wer Leute, die eine Kurve blockieren mit irgendwelchen NS-Organisationen gleichsetzt oder auch nur annähernd diesen Vergleich zieht, der hat sich schlichtweg disqualifiziert und mit dem diskutiere ich auch nicht weiter. Das ist schlichtweg und einfach eine Verharmlosung des NS Regimes. USP hat niemanden getötet, nicht eine ganze Glaubensgemeinschaft ausgerottet und nicht ein singuläres Terrorregime geschaffen. Wer solche Vergleiche zieht, sollte sich sehr dringend fragen, ob er noch ganz klar im Kopf ist und ob er wirklich beim richtigen Verein ist.

Ebenso empfinde ich das bezeichnen als „Vergewaltiger“ und auch Tritte gegen Schienbeine (und die blauen Flecken habe ich gesehen) als unangebrachte Gegenreaktion (und das ist jetzt nett formuliert) gegen eine Blockade. Und was sich Leute vom FCSR anhören mussten, die noch versuchten beruhigend einzugreifen, das will ich hier nicht wiedergeben, da blockiert die Tastatur. Jeder disqualifiziert sich selbst am besten.

Noch etwas: Das Wort Nötigung passt hier nur bedingt. Die Einordnung einer Blockade als Nötigung ist juristisch so etwas von umstritten, so etwas von kompliziert, dass sich hier eine vereinfachte Darstellung und eine vereinfachte Bezeichnung verbietet. Daher wird hier konsequent von einer Blockade gesprochen, nicht von Nötigung oder ähnlichem. Das beschreibt die gleichen Tatsachen, lässt aber den juristischen Streit um § 240 StGB außen vor. Wer sich damit genauer beschäftigen will, dem seien Diskussionen um die Blockade von Neonazidemos (ich sag nur Dresden) empfohlen.

Und was man auch mal ganz klar machen muss: Es ging hier um handgestoppte vier Minuten Fußball. Nicht mehr und nicht weniger. Wie schon gesagt: Ich empfinde eine Blockade auch nicht als geeignetes Mittel und daher ist diese auch noch nie bei St. Pauli durchgeführt worden. Zumindest nicht in meinen 25 Jahren. Bei anderen Vereinen wird so etwas – nebenbei ohne ein entsprechendes TamTam – ungefähr alle drei Jahre gemacht. Kleine Einschränkung: Ganz zu Beginn ist mal der Mittelblock der GG (damaliger Stimmungsblock) ein Spiel komplett leer geblieben und mit Antirassismusplakaten vollgehängt worden. Damals meines Wissens selbst eine Konsenssache, auch wenn ich das Spiel in meiner zugegeben jugendlich getrübten Erinnerung als sehr drängelig empfand.

Gestern hatte ich im Oktober eine lange Diskussion, wie nun mit der Situation umzugehen ist und ich bleibe bei meiner Meinung, dass St. Pauli insbesondere folgendes ausmacht: sich informieren, sich engagieren und auch gegen den Mainstream sein. Ansonsten ist das „non“ unter dem Vereinswappen auch von Fanseite mehr als fragwürdig. Oder anders ausgedrückt: Alle feiern das anders sein ab, aber wenn mal etwas „non“ und nicht regelkonform läuft, dann ist die Aufregung groß? Da hakt was, das merkt ihr selbst, oder?

Daher muss man aus meiner Sicht auch unter den Betroffenen stark differenzieren. Sitzplatzbesitzer der Süd oder noch schlimmer verschobene Hauptsitzer waren die Dummen, denn sie haben weder ein Konzept gewählt, noch sind sie Teil dieser Kurve. Sie teilen sich rein zufällig die Kurve mit Ultra. Vielleicht mögen einige noch die Kurve aufgrund der guten Stimmung ausgewählt haben, aber das reicht mir nicht als Grund. Hier empfinde ich jeglichen sachlichen (!!!!) Protest für angebracht und eine Blockade auch für noch problematischer.

Etwas abgeschwächt, aber in die gleiche Richtung gehend halte ich es mit den 200 Altsüdlern. Wobei die meines Erachtens hätten sehen können, was kommt und sich vielleicht auch sehr stark einen Wechsel überlegen hätten sollen. Aber gut, vielleicht ist man an seine Kurve ja stark gebunden. Das will ich niemanden absprechen. Ich stehe ja auch seit gut 20 Jahren am gleichen Platz.

Nicht wirklich beschweren können sich die, die das Konzept gewählt haben. Und jetzt kommt mir nicht mit Unwissenheit und mit „ich habe mir das anders vorgestellt“. Nochmal: Das ist im Forum, das ist in diesen Berichten, das ist überall angesprochen und zu bedenken gegeben worden. Und St. Pauli ist informieren und engagieren. Wer so etwas nicht tut, der hat aus meiner Sicht selber schuld. Und wer sich in eine selbsterklärte „Kurve der Ultras“ stellt, der weiß, worauf er sich einlässt. Und das gilt hier ebenso, wie bei der Kartenvergabe. Niemand ist gezwungen worden, sein Dauerkartenvorkaufsrecht aufzugeben, niemand ist gezwungen worden in der Süd zu stehen. Hier kann man gegen Methoden garantiert sein, aber dies muss man in einer Mitmachkurve dann durch Engagement unterfüttern. Da gibt es ein Treffen am Mittwoch, da gibt es genug andere Anknüpfungspunkte, da muss ich meinen Arsch hochbekommen. Wenn ich nur konsumieren und vielleicht mal ein bisschen singen will, dann bin ich falsch und dann habe ich vor gut vier Jahren (wohlgemerkt bei der Möglichkeit in anderen Bereichen Dauerkarten zu bekommen) etwas komplett falsch verstanden. Immer wohl gesagt, ich empfinde die gewählten Methoden als falsch. Wenn man sich als „schweigender Akzeptierer“ sieht, dann finde ich das erstmal nicht schlimm.

Ich habe damals geschrieben, dass ich die Macht von USP über eine Kurve in gewissen Teilen auch problematisch finde, dazu stehe ich. Aber nun verwundert tun, sorry das geht nicht.

Wer nun nebenbei behauptet, dass gestern so tolle Stimmung gewesen sei und die Gegengerade wieder zum Leben erweckt sei, der lügt sich schlichtweg in die eigene Tasche. Wenn man bei uns den Dom hört und die Spieler auf dem Platz rufen, dann ist insbesondere eines: Totentanz. Es ist traurig, dass auch auf der GG sofort schweigen ist, wenn die eine engagierte Gruppe mal wirklich leise ist.

Was ich nun fordere ist Engagement. Nimm du eine Kamera mit, engagiere du dich in Gremien und Fanorganisationen, definiere Fanpflichten, bringe sie in die Vereinsdiskussion ein. Wo warst du auf dem Fankongress? Wo auf der Gewaltdiskussion? Wo sind deine konkreten Anträge? Wo ist deine Kandidatur für FCSR oder andere Vertretungsorganisationen? Und „USP alle Privilegien wegnehmen“ klingt sehr gut, aber ist schlichtweg nur eines: Ausgrenzen und sektieren. Genau das, was man selber USP vorwirft. Daneben nebenbei eine platte Forderung, da die meisten die angeblichen Privilegien wahrscheinlich gar nicht abschließend definieren können. Und man muss sich dann auch mal fragen: Wer füllt das Vakuum? Wer schleppt Fahnen, Plakate, (Trommeln) ins Stadion? Wer sorgt für die Stimmung, die man sich immer gerne auf die Fahnen (hust) schreibt und die man so gerne seinen Freunden gegenüber verkauft und die der Verein vermarktet? Du? Auf geht’s! Stimmung ist kein Ultrading und auch nicht alkohol- und altersabhängig! Die Trommeln stehen nebenbei bewusst in Klammern, meine Meinung zu den Dingern sollte bekannt sein. Und nein 10.000 Beiträge im St. Pauli Forum sind kein Engagement. Das Teil ist gut um sich kennen zu lernen, um zu netzwerken, aber die Wirkung sollte niemals überschätzt werden. Und lächerlich wird es, wenn man dort Aktionen ankündigt und dann kommt nix. Ich warte immer noch auf die 5.000 roten Karten gegen Gewalt. Das wäre doch gestern mal ein Zeichen gewesen. Ein Diskussionspunkt, ein Thema. Und was kam? Nix! Ich sage es mal so: Man kann über das FanMag der neunziger Jahre sehr geteilter Meinung sein. Aber da vertraten Leute offen mit Namen und ansprechbar eine Meinung. Wo sieht man das heute noch? Genau bei Ultra und bei Übersteiger! Und sonst? Wo ist das Zine, was die angebliche schweigende Mehrheit macht? Wo? Biertrinken ist keine Revolution und es ist (alleine gesehen) nicht St. Pauli.

Ultra ist in seinem Sendungsbewusstsein, seinem Machtanspruch und seiner Gewaltneigung nicht immer unproblematisch. Aber mir sind engagierte Jugendliche, die über das Ziel hinausschießen immer noch sehr viel lieber, als eine träge Masse, die sich nur treiben lässt und von oben bestimmen lässt. Das mir ein Mittelding am liebsten wäre, ist auch klar, oder? Und das ich mit diesem Hundemarkierungsding nichts anfangen kann, habe ich auch bereits schon mehrfach erwähnt. Früher klebte auf jedem Hamburger Klo ein „St. Paulifans gegen Rechts“ Aufkleber, ein Standpunkt, eine politische (und damals noch nicht selbstverständliche) Aussage. Heute? Finde ich mehr oder minder gleichartige Aufkleber diverser Gruppen, die keine Aussage haben, außer einer Reviermarkierung. Das ich diese Entwicklung nicht gut finde, ist wohl klar. Trotzdem sehe ich bei Ultra eben engagierte Leute, mit leuchten in den Augen, die viel mehr St. Pauli sind, die vielmehr das „non“ tragen, als all die Leute, denen es „nur“ um Bier beim Fußball geht. Um Fußball geht es den wenigsten bei St. Pauli. Das ist traurig, aber einfach Fakt. Das sieht man alleine daran, wie wenig Leute auf der GG wirklich emotional einem Spiel folgen. Und das selbst bei einem Derby.

Komplett absurd wird es dann, wenn sich im Forum parallel über die fünf Minuten Blocksperre aufgeregt, aber der Protest auch als unsinnig abgetan wird, weil es ja nur darum ging ein Auswärtsspiel live zu erleben. Da beißt man sich auch in den eigenen Schwanz.

Und wer sich darüber aufregt, dass bei St. Pauli Ultra (in dieser Form) existiert, der muss sich auch immer fragen, warum er denn keine Alternativen geboten hat. So etwas kommt auch, weil Platz dafür ist, weil die Älteren keine spannende Alternative geboten haben, weil die Älteren es nicht geschafft haben den Style der 80er weiterzuentwickeln und für neue Fans attraktiv zu machen. Da nehme ich mich gar nicht aus. Nur in einem Publikum, welches zu großen Teilen schon seit 20 Jahren besteht, muss man sich halt mal fragen, ob man nicht selber aktiv hätte werden müssen, ob man nicht selber in der Zusammenarbeit mit jungen Leuten hätte stehen müssen. Ich halte nix von ausgrenzen, ich halte nix von ignorieren und ich halte schon gar nicht was von verboten. Ich halte nur was von Diskussion und Integration. Klar muss so etwas auf beiden Seiten existieren und das ist auch schon USP mehr als klar gemacht worden, aber ich sehe eben insbesondere auf der anderen Seite erheblichen Nachholbedarf.

Ich wünsche mir auch die kreativen, lustigen und teilweise auch einfach aktiveren 80er und 90er zurück. Gewaltfreier war Fußball damals auch nicht, gerade nicht von unserer Seite, das können viele alte Recken zum Besten geben. Oder man lese mal alte Zines zwischen den Zeilen. Aber insgesamt waren wir entspannter und klarer im Kopf. Und nicht Biervernebelt. Und ja, wir hatten Humor. Auf so eine Blocksperre wäre in den 80er Jahren wahrscheinlich nicht mit Gewalt, sondern mit kreativen Gegenaktionen geantwortet worden.

Noch etwas: Ich weigere mich gegen eine Besserfandiskussion. Wenn es darum gehen würde, wer am meisten Eintritt bezahlt (das Argument wurde gebracht), dann muss man ja die VIP Besucher am höherwertigsten ansehen und die hatten kein Problem ihren eigenen – und jedes Spiel durchgeführten – 10 Minuten Boykott mehrheitlich durchzuziehen. Zwischen Minute 40 und 50 ist das Büffet meistens sehr viel spannender als das Spiel. Wohlgemerkt: Finde ich vollkommen okay, mein Ding ist es nicht, aber auch diese Leute haben das Recht Fußball auf ihre Art zu genießen, das Spiel auf ihre Art zu konsumieren.

Wer geordnete Gedanken haben will, sollte nebenbei den Übersteiger lesen.

Noch was zum eigentlichen Tag: Ich will so Fußball nicht erleben. Derbysiege machen keinen Spaß, wenn man massiv Polizei unterm eigenen Block hat, wenn man eine Einheit von Polizisten mit aufgezogenen Helmen auf Vereinsgelände im Heimbereich hat, wenn niemand im Stadion ist, den der eigene Triumph ärgert, wenn der einzige Aufreger eine rote Karte ist. Wenn man keinen anderen Support hat, an dem man sich abarbeiten kann. Fußball ist kein „schöner“ Sport, dessen Ästhetik sich selber trägt, außer man guckt vielleicht Real oder Barcelona. Fußball lebt von Emotionen, von Wut und Freude auf engstem Raum. Und das fehlte vollkommen. Natürlich hat das ganze Grenzen (Gewalt!), aber ohne Emotionen? Da kann ich gerade in Hamburg zum Handball gehen, wo ich perfekte Ausübung des Sportes in einer Entertainmentatmosphäre bei höchster Bequemlichkeit bekomme. Hat definitiv seine Daseinsberechtigung, ist aber nicht meines. Wie heißt es so schön? „Fußball muss dreckig bleiben.“

Der Tag gerettet wurde durch eine Fangruppe, die sich SPM nennt, die im Oktober zum Essen gehen lud und die einfach ein Haufen von durchgeknallten Irren ist. Und deren eine Dame die Überschrift prägte, da dies ihre Standardantwort auf die Diskussion nach dem nächsten anzusteuernden Ort war. 1 ½ Stunden Schlaf, 6 Stunden Fahrt und ein Verbleib im Viertel bis 22 Uhr hinterließen ihre klaren Spuren. Ja, die fahren zu jedem (!!!) Spiel mit dem Bus 6 Stunden eine Tour und über 5 Minuten Blocksperre hat sich da niemand aufgeregt.

Danke auch noch an alle die Leute, die sich mal wieder den Arsch aufrissen um Flyer zu verteilen, um Fanräumezeitungen zu verkaufen und um sonst irgendwie Fanräume zu unterstützen. Schade, dass sich erneut nicht mehr als 100 Leute finden, die bereit sind einen Betrag für Fanräume zu geben. Und es sind leider immer die gleichen. Willst du ändern? www.keinsprint.de und ja der Norbert bin ich.

In diesem Sinne: Get up your ass and move! Eine andere Konsequenz aus dem gestrigen Tage verbietet sich.