Mrz 062019
 

Liebe Lesenden,

wir können nicht nur ausgezeichnet pöbelige Fußballspielberichte schreiben, sondern sind in unserer magischen Vielfalt natürlich auch begabte Literaturrezensent*innen. Und wenn uns schon ein Buch in die Hände fällt, das unseren Sankt-Pauli-Kosmos berührt, ja gar durchdringt, können wir gar nicht anders, als euch daran teilhaben zu lassen

Bücher über Ultras gibt es einige …

Aber Bücher direkt aus der Kurve – und dann auch noch aus der Südkurve des Millerntors? Wahnsinn! Toni Gottschalk, allseits bekannt als der Comiczeichner der Basch, hat tatsächlich seinen Debütroman veröffentlicht. “Konfetti im Bier” heißt das Ding und beweist, dass Toni schlechte Wortwitze auch auf Buchlänge auswalzen kann. Aber wer den “Es gibt kein richtiges Leben in Flaschen”-Humor nun als einziges USP (ha ha) von “Konfetti im Bier” vermutet, liegt falsch. Das Ding kann mehr.

Der erste Ultrà-Roman im deutschen Sprachraum riecht nach Bier und Kippen, nach Joints und Lines, nach Heiserkeit und Kopfschmerzen, nach alten Socken und neuen Sneakern, nach Tapetenfarbe und Nasenbluten. Toni schickt in “Konfetti im Bier” die vielfältige Gruppe rund um Merks, Subbe, Jette, Marco & Co. auf mehr oder weniger normale Wochenendtrips, die ans Millerntor, nach Dresden und sogar nach Genua führen. In den drei Abschnitten Heim, Auswärts und Hoppen wird so ziemlich nichts von dem ausgelassen, was man sich so unter dem Ultrà-Dasein vorstellt: Choreo-Gebastel, Politikdiskussionen, Drogenexzesse, Stress mit Bullen und eine kräftige Prise sportliche Auseinandersetzungen – vor allem aber das packende Spannungsfeld von unüberbrückbarer Rivalität und bedingungsloser Solidarität.

Nur die Alten, nur die Guten?

Toni-Gottschalk-Konfetti-im-Bier-Cover
Don’t judge a book by its lover

Über weite Strecken ist “Konfetti im Bier” von Tonis schrägem Humor geprägt und stößt vermutlich nicht zuletzt mit der, sagen wir mal, unkritischen Darstellung von Gewalt so manche*n Leser*in vor den Kopf. Davon ab gibt es aber immer wieder sentimentale Momente, in denen die Freundschaft innerhalb der Gruppe als einer der wichtigsten Gründe zutage tritt, warum man sich den Unfug eigentlich immer wieder aufs Neue antut. So sehr man sich auch manchmal miteinander in die Wolle kriegt, so sehr können sich die einzelnen Ultras doch aufeinander verlassen, wenn es hart auf hart kommt.

Ein weiteres, zentrales Thema, das die Protagonist*innen umtreibt, ist “Alt vs. Jung”: War früher alles besser oder nur anders? Wie ist das mit nachfolgenden Generationen, wie offen für Neues ist eine Gruppe – und vor allem: Wann ist man selbst eigentlich zu alt für den Scheiß, gründet Familie und zieht in ein Einfamilienhaus am Stadtrand? Fragen, die sich vermutlich alle Ultras mal in ihrem Leben stellen; ist diese Subkultur doch von einem sehr niedrigen Altersdurchschnitt geprägt.

Show, don’t tell

“Konfetti im Bier” bleibt seiner Form und der Vielzahl an Charakteren geschuldet eher episodisch und daher relativ arm an Höhepunkten. Vielleicht wäre bei den Figuren weniger mehr gewesen, um das Profil der übriggebliebenen Protagonist*innen zu schärfen. Außerdem braucht es ein bisschen, bis die Lektüre in Fahrt kommt, denn gerade zu Beginn laviert Toni G. zwischen “Wisst ihr doch alles” und “Ich erkläre sicherheitshalber mal, was dies und jenes ist” herum. Extrem schwierige Geschichte, denn was kann rund um diesen sehr speziellen Themenkomplex bei Nicht-Fußballfans eigentlich als bekannt vorausgesetzt werden – und wo ist es vielleicht egal, wenn “Normalos” es nicht im Detail kapieren? Im weiteren Verlauf der Erzählung funktioniert das Prinzip “Show, don’t tell” dann immer besser und sobald die Startschwierigkeiten als Leser*in überwunden sind, wird das Buch extrem kurzweilig und die 328 Seiten sind im Nu verschlungen. Von daher: Sobald ihr nach dem Derby ein bisschen Zeit zum Durchatmen habt, auf zum Buchladen eures Vertrauens und holt euch das Ding! Gibt’s auch im Online-Shop vom Liesmich Verlag.

Ach ja: Es gibt keinen Disclaimer à la “Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig”. Ihr dürft also herzlich gern gucken, ob und wen ihr in welcher Form in der Geschichte wiedererkennt.

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