Nov 272018
 

Dem Missionar Bonifatius wird eine Beurteilung über Hessen zugeschrieben, die Hessen als abgelegen und unzivilisiert darstellt. Nun mag das ein bisschen übertrieben sein, denn Missionare wetteiferten darum, wer nun in die dunkelsten Ecken geht, um zu christianisieren, aber eines ist Gewiss. Bonifatius hat nie den heiligen Pauli in Regensburg unterstützen wollen.

717 KM behauptete das Navi als Strecke zwischen unserem Treffpunkt und dem Stadion an der Franz-Joseph-Strauß-Allee. Das ist schon ein ordentlicher Ritt für mittelmäßigen Zweitligafußball.

Wir hatten uns aus diversen Gründen ein Mietfahrzeug geleistet, beim Vermieter noch ein „kostenloses Upgrade“ erhalten und fuhren so einen „Mini SUV“ nach Regensburg.

Die illustre Reisegruppe aus vier Twittermenschen und einem nicht Twittermenschen hatte um 6 Uhr bereits die Themen „Verbrechen der Wehrmacht und ist Beginner hören vergleichbar“, so wie Urlaube in Kambodscha in den 70er Jahren, sowie Kaffeeversorgung im real existierenden Sozialismus der DDR gewidmet.

Diese breite Themenvielfalt und die Playlist mit dem Motto „Heute nur Hits“ sorgten für eine fröhliche Anreise. Nur mit der Verpflegung war etwas gespart worden, so dass die Buletten des #pöbelvolvo immer mehr ersehnt worden, je näher man Regensburg kam.

Regensburg. Sitz der Thurn und Taxis. Und gefühlt am Arsch der Welt. Äh nein, falsch. Wenn man am Arsch der Welt ist, dann noch ca. 200 KM. Das dauert echt bis man da in Ober- Unter- Mittelbayern, -franken, -Pfalz oder was auch immer ist. Diese bayrische Kleinstaaterei begreift ja kein Mensch, der jenseits des Freistaates aufgewachsen ist. Übrigens nicht mal Menschen, die in dem Freistaat aufgewachsen sind.

Knastfeeling

Wir erwähnten schon den Mietwagen. Die Ordner am Eingang des Gästeparkplatzes waren ob des Münchener Kennzeichens mehr als verwirrt und wollten trotz eindeutiger Kleidung von uns Beweise, dass wir St. Paulifans sind. Der Hinweis auf den Mietwagen war letztendlich überzeugender, als braun-weiße Bekleidung. Nicht so wirklich überzeugend war die „Hooligan“ Mütze bei dem einen Ordner mit dem wir sprachen.

Es ist ja nett, wenn man Parkplätze in der Nähe eines Gästeblocks einrichtet. Aber ganz ehrlich: Die müssen nicht aussehen wie ein Knast und man muss auch nicht in diesen Knast noch gefühlt 100 Polizisten stellen. Das ist alles hektisches Sicherheitsdenken, was nur aggressiv macht . Und 4 Euro per Automaten zu kassieren, lässt sich auch noch nur mit „Late Capitalism“ begründen. Denn anstatt halt Tickets per Hand zu verkaufen, stellt man lieber Automaten auf und wer das System nicht gepeilt hat, der bekommt während des Spiel ein kostspieliges Ticket. Diese echt kundenfreundliche Idee hat man nebenbei zwischen unseren beiden Besuchen dieses Jahr eingeführt.

Lob wo Lob gebührt: Immerhin haben sie auf diesem Parkplatz ein Klo.

Immerhin waren nun Curis Buletten im Angebot und es sind ja die kleinen Dinge, die einen Tag wundervoll machen. So in Größe einer Frikadelle an diesem Tag.

Wir mussten noch kurz Tickets dealen und schon begannen wir den Eingang zu überwinden. Die Kontrollen fielen erneut sehr unterschiedlich aus. Von gelangweiltes Halbabtasten bis zu gynäkologische Untersuchung war wieder alles zu beobachten. Nun wissen wir, dass es da Richtlinien, Anweisungen und eigentlich auch Grenzen gibt. Nur anscheinend interessiert das in der Praxis niemanden und dann wird halt auch mal beherzt von Frau zu Frau in den Schritt gegriffen. Sehr unschön und würde die DFL sich um Fans scheren, müsste sie die Vereine hier wirklich mal unter Beobachtung stellen und kontrollierend eingreifen. Aber hey, wen interessieren schon Grundmenschenrechte von auswärtsfahrenden Fußballfans?

Der Gästeblock Steh ist eine Frechheit. Punkt. 35 Euro für einen Sitzplatz im Gästebereich hinter Fangnetz und Tor ist eine weitere Frechheit. Die musikalische Beschallung ist die nächste Frechheit. Das Lightbier die übernächste etc. etc. etc.

Kurz: Es wird im Stadion dazu aufgerufen Online das Spieltagserlebnis zu bewerten. Lieber Jahn, machen wir es kurz: Als Gästefan richtig scheiße. Ja, das ist in vielen Orten so und außer unserer Abhängigkeit zwingt uns niemand, da hin zu fahren, aber hätten wir eine Wahl, würden wir von einem Besuch abraten. Aber bekanntlich haben wir keine Wahl.

Was auch nervt: Wie präsent Turnvater Jahn in der gesamten Präsentation ist. Anstatt sich mit dem eigenen Namensgeber kritisch auseinander zu setzen, seinen Nationalismus und Antisemitismus zu hinterfragen, wird hier selbst das Maskottchen “Jahni” genannt. Puh.

Der Gästeblock zog durchwachsen mit und der Vorsänger zwischen Steh- und Sitzplatz ist ein ziemlich emotionaler Typ, der seine Unzufriedenheit auch deutlich machte. Nun seien wir ehrlich: Das kommt nicht bei jedem gut an, wenn vom Vorsänger auch mal negative Emotion kommt, aber uns gefällt der Junge, der hat Feuer. Behalt dir das!

Auf dem Platz

Gestern erlebte Zehir eine Premiere auf dem Platz. Eine, die gerne noch ein paar Jahre auf sich hätte warten lassen können. Er stand bei einem Gegentor auf dem Platz.

Das Spiel ansonsten ist schnell erzählt, wir versuchten mit 2 Stürmern zu agieren, Regensburg versuchte unseren Aufbau schnell und früh anzulaufen. Wir hatten ob des Systems keine stabile Mitte, null Aufbau aus dem defensiven Mittelfeld und wenn man Jackson zu fußballerisch-spielerischen Aktionen zwingt, dann hat man als unser Gegner schon viel richtig gemacht.

Seien wir mal ehrlich zu uns: Wir waren die deutlich schlechtere Mannschaft, es passte sehr wenig zusammen und wir können sehr viel mehr. Das dann noch individuelle Leiden wie z.B. Unwohlsein bei einzelnen Spielern ein taktisches Reagieren sehr schwierig machte, war da auch nicht gerade hilfreich. Letztendlich spielte Neudecker noch 80 Minuten mit einer schweren Verletzung, was auch weit weg von Optimal ist.

Das schlimme dabei ist: Wir hätten trotzdem locker gewinnen können. Henk macht zwar das komplizierte Ding irgendwie rein, aber als er mit Zeit frei zum Schuss kommt, bolzt er den Torhüter an. Wenn das Ding rein geht, dann ist Regensburg am Ende. So wird der extrem hohe Aufwand, den die gefahren sind und die unzähligen Chancen, die sie herausgespielt und dann teilweise kläglich vergaben letztendlich doch noch belohnt.

Tore in der 87. Minute sind immer ärgerlich, gerade wenn der Ball erst im zweiten Nachschuss versenkt wird. Da wäre irgendwie ein Sieg drin gewesen. Aber hey, schlechter Tag, eine vielleicht nicht ganz perfekte Systemumstellung und wir bekommen trotzdem nicht die Hütte voll? Das ist auch eine Stabilität, die wir lange nicht hatten. Fraktion: Glas halb voll.

Ein Stürmer und das bewährte 4-2-3-1 gefällt uns trotzdem wahrscheinlich besser. Oder wir müssen lernen, wie unsere Innenverteidiger und defensiven Ballschlepper mit einem hohen Anlaufen umgehen. Bisher ist das äußerst gewöhnungsbedürftig und die Mannschaft schafft es nicht, in dieser Formation ruhig und geordnet das Spiel aus dem (defensiven) Mittelfeld aufzubauen.

Wir sind nicht von dem 4-4-2 überzeugt, die Problematik zeigt sich – neben dem fehlenden Spielaufbau in dieser Formation – auch darin, dass sich Henk und Sami quasi auf den Füßen standen.

(Bild von whoscored.com, zeigt die gemittelte Position der Spieler über das Spiel hinweg an.)

Noch ein Wort zu Allagui: Was ist das denn bitte für eine Kampfmaschine geworden? Leider am Ende etwas platt und deswegen auch unkonzentriert, aber der zeigt ja echt unerwartete Leaderqualitäten. Weiter so!

  One Response to “Abgelegen und unzivilisiert”

  1. […] Ende nehmen wir noch Bezug auf den Reisebericht beim Magischen FC Blog, denn leider hatten wir keinen St. Pauli Fan gefunden, der in Regensburg dabei war und zum […]

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