Sep 272018
 

Getränkefragen

Wenn man beim Frühstück merkt, dass man versehentlich koffeinfreien Kaffee gekauft hat, weiß man schon, dass dies eine dieser Tage sein wird, an denen man gegen Paderborn verliert.

Der erzkatholische Süden dieses Nationalstaats (Bayern) bekommt aufgrund des Oktoberfests derzeit riesige internationale mediale Aufmerksamkeit. Der erzkatholische Westen (Paderborn) bekommt aufgrund seiner Zweitligamannschaft immerhin einen Blogpost bei uns. Ihr entscheidet, was wertvoller ist.

Paderborn und Getränke ist eine lange Reihe von Missverständnissen. Die Stadt weckt einen auf, wie koffeinfreier Kaffee und ist auch noch Namenspatron für die „Preiseinstiegsmarke“ (Wikipedia) Paderborner Bier. Über deren Geschmack die Redaktion streitet.

Schneller Umstieg auf Büffelbier und Millerntor.

Wochenspieltage. Immer wieder eine Freude. Abendunterhaltung, Flutlicht, tolle Stimmung. Nicht. Alles kommt spät und gehetzt ins Stadion, die Leute sind gedanklich noch woanders und der SC Paderborn der vereinsgewordene Betablocker.

Schlafwagen

Die Gegengerade begann dementsprechend auch in einem kollektiven Tiefschlaf. Leider hat der Supportblock schon wieder keine Trommel mehr. Wir gucken da einmal böse in die Runde. Oder war das ein Boykott? Den FCSP Fangruppen aus guten Gründen nicht mehr mitmachten. Zwar ist der DFB ein riesiger (setzen sie hier Beleidigungen jeglicher Art ein), aber deutsche Fanszenen haben in vielen Dingen so ihren Kompass verloren, dass leider (!) selbst ein Minimalkonsensbündnis nicht mehr möglich ist. Oder anders formuliert: Würdet ihr heute mit jemandem gemeinsame Sache machen wollen, der euch morgen wieder „jagen“, „abstechen“ und „nie wieder gehen“ sehen will? Wir nicht! Ohne nun in Details gehen zu wollen: Fans haben Macht, aber so lange sie keine Grenzen untereinander finden, werden sie die nicht einsetzen können.

Erstaunlich ist, dass später aus diesem kollektiven Tiefschlaf eines der lautesten „We Love St. Pauli“ wird, die man je gehört hat. Leute halten sich spontan die Ohren zu, weil das wirklich schreiend laut ist.

Ordnung haben

Wir wissen ja, wie schwierig es ist Ordner zu finden, richtig zu schulen und für die Besonderheiten des Millerntors zu sensibilisieren. Und ein richtiges Vermögen möchte auch niemand für deren Dienste bezahlen. Auch ist uns klar, dass die Einteilung der Gegengerade in Blöcke ohne das diese wirklich als Blöcke kontrolliert werden auch mal dazu führen muss, dass Ordner zu einem Menschen sagen „du Sorry, dieser Block ist voll, geh in einen der anderen beiden“. Aber übermotivierte Ordner an einem Mittwoch Abend, an dem auch auf der Gegengerade merklich mehr Platz ist als sonst, die braucht auch niemand. So wurde einem Redaktionsmitglied nach Rückkehr von einer Verpflegungsrunde (Länge 2 Minuten) erstmal der Eingang in den Block verwehrt, weil dieser zu voll sei. Das war an diesem Abend schon eine steile These.

Dies ist ein gutes Stichwort, wenn man an die Hamburger Reiterstaffel denkt. Der Sinn und Zweck ist auch viele Jahre nach ihrer Einführung noch nicht ganz klar. Warum die Pferdchen aber bei einem Spiel gegen Paderborn nicht ihren Hafer auf einer Wiese am Stadtrand knabbern, sondern die drei mitgereisten katholischen Ultras begleiteten, ist wohl niemandem zu vermitteln.

Tore jagen

Ist dies Taktik? Ist dies Unfähigkeit? Ist das Glück? Können? Oder alles ein bisschen? Unsere Jungs überlassen erneut dem Gegner das Spiel, den Raum und die Ruhe im Aufbau. Zweikämpfe? Robustes Abwehrverhalten? Eher Fremdwörter. Folgerichtig fällt auch das 0-1. Welches genau vier Minuten bestand hat. Killerpass in die sprichwörtliche Nahtstelle und Diamantakos nutzt seine Chance und schiebt ihn rein. Sowieso ist unser vorderster Mann ein beständiger Unruheherd. Leider auch für unsere Nerven, denn man hat schon bei einigen Aktionen immer Angst, dass der Junge gleich wieder Frankfurtstyle an den Tag legt. Er guckt bei hohen Bällen auch immer auffällig lange seinen Gegenspieler an und erst dann nach dem Ball. Man hat dabei immer so ein bisschen Angst, dass er ihm beißen möchte.

In der zweiten Halbzeit zeichnet sich ein ähnliches Bild. Paderborn hat den Ball, weiß damit aber nur wenig und immer weniger anzufangen. Wir verteidigen uns. Dies ändert sich auch nicht nach der nummerischen Veränderung auf Paderborner Seite. Auf den Rängen wird es unruhig, man wünscht mehr Vorwärtsgang. Auf dem Platz ist „Sicherheit zuerst, im Notfall dreckigen Punkt mitnehmen“ eher die ausgegebene Devise. Vielleicht will man Paderborn auch locken?

Wenn es Letzteres war, dann hat es brilliant geklappt. Paderborn steht relativ hoch, dann Zehir mit Zuckerpass auf Henk, der vorbei an seinem Gegenspieler und kann das Ding eigentlich schon alleine machen, benötigt aber noch die Hilfe von Neudecker, der nun weiß, dass Pfosten verdammt hart sind. Kurze Schrecksekunde im Jubel, aber als der Junge wieder steht und geht, feiert ihn die Gegengerade lautstark. Was ein Einsatz. Und gewonnen.

Spezialität unserer Jungs diese Saison anscheinend: Späte Tore zum Sieg. Magdeburg, Ingolstadt, Paderborn. Drei Siege wurden in den letzten Minuten des Spiels herausgeschossen. Die goldene Stimme des Millerntons vertritt ja schon immer die Devise, dass man entscheidende Tore nicht zu früh schießen sollte. Anscheinend hören unsere Jungs auf ihn.

Spaß beiseite. Es gibt viele Baustellen. Außenverteidigung, Verteidigung vor der Viererkette, Aufbauspiel etc. aber die Jungs spielen ihre Tore heraus, sie geben nicht auf und sie bleiben bei der Marschroute. Und Fehler stellst du einfacher nach einem 2-1 als nach einem 0-5 ab.

Unterstützung erfahren

Wir müssen ja auf den Spielplan gucken, damit wir wissen wo das nächste Spiel ist, aber das Millerntor macht schon deutlich, dass dieses Spiel ihm wichtig ist. „Auswärtssieg“ Rufe in schallender Lautstärke auf der Gegengerade und eine wirklich schöne Choreo auf der Nord sind Beispiele dafür. Sowieso. Es sollte mehr Choreos nach dem Spiel geben. Rituale aufbrechen, neues versuchen.

Nachspiel laben

Koffeinfreier Kaffee reicht am nächsten Morgen. Heimspielsiege machen wach.

Postskriptum / Hamburger Polizei

Unser Chief Editor sagt ja immer „nicht so lange Berichte“ und jeder JHV Bericht gibt ihm mehr graue Haare. Und eigentlich sollte auch dieser Bericht hier nun enden, aber die Polizei Hamburg gab gestern auch noch eine Derbypressekonferenz. Und kündigte da ein Portal zum hochladen von Beweisvideos und Fotos im Zusammenhang mit dem Derby an, welches man um 18 Uhr am Sonntag freischalten werde (Korrektur: selbst Samstag 18 Uhr, wie uns aufmerksame Leser hinwiesen). Kurz auch Denunziantenportal genannt.

Unser Verein hat das auf der Pressekonferenz gleich kritisiert und dies ist auch gut so. Danke für die ausdrückliche Haltung und danke, dass du Christoph das dort gleich mal ins Mikrophon gesagt hast.

Worum also geht es der Polizei?

Nicht um die Aufklärung von Straftaten. Denn bisher gibt es keine. Um 18 Uhr am Sonntag (Samstag) Abend weiß auch niemand, ob es Straftaten gegeben hat für die es überhaupt eines öffentlichen Fahndungsaufrufes bedarf. Entweder es geschehen gar keine oder die Täter werden mit normalen polizeilichen Mitteln überführt. Kann ja sein? Das diese Überführung nicht möglich ist, ist nebenbei gesetzliche Voraussetzung für solche Denunziantenportale. Aber wen interessiert so etwas schon in Hamburg?

Und auch genügend eigenes Videomaterial wird die Polizei Hamburg an diesem Tag anlegen. Stadien sind ungefähr die am meisten mit Überwachungskameras zugepflasterten Orte der Welt. Die diversen Märsche und Anreisewege werden von mehr Polizeikameras als Hooligans begleitet.

Vorab schon mal einen Aufruf zum hochladen zu starten, ist schon aus all diesen Gründen unverhältnismäßig, absurd und unsinnig.

Wir vermuten, dass es der Polizei Hamburg um etwas ganz anderes geht. Die Polizei Hamburg hat sich da so eine Gesichtserkennungssoftware geleistet. Die muss man nun einsetzen. Und wahrscheinlich will man die auch noch ein bisschen testen. Unsere Vermutung: Die Software ist noch nicht ganz so gut, wenn man ihr verwackelte Handyvideos gibt. Und dann kann man bei so Videos eines Fußballmobs gleich mal gucken, wie verwackelt das Handyvideo so sein darf, wie weit der Schal im Gesicht sein darf. Reichen die biometrischen Passdaten? Oder brauche ich Fotos aus der erkennungsdienstlichen Behandlung vorher? Das sind doch alles ganz tolle Testfelder! Und ich hab Daten aus ED Behandlungen vorliegen, Stichwort „Datei Gewalttäter Sport“. Yeah! Und beschweren wird sich auch keiner von unseren Freunden, denn „aber die Ultras“

Und am Ende des Tages kann man dann neue Gesetze fordern. Z.B. ein österreichisches „Burka“ Verbot, bei dem eher Clowns gejagt werden. Oder wie wäre es mit noch besseren biometrischen Daten im Pass? Oder noch mehr Software? Kriegt ihr alles liebe Polizei! „Datenschutz darf nicht Täterschutz sein!“ Äh doch, genau das. Das nennt man Rechtsstaat. Strafverfolgung wäre auch ganz einfach, hätte jeder Mensch einen GPS Chip implantiert. Was haben sie dagegen? Datenschutz darf nicht Täterschutz sein! Und sie haben doch nix zu verbergen, oder? Doch nicht vor ihrer Polizei? Ihrem Freund und Helfer!

Die Polizei ist das verzogene Kind der Republik, was wirklich zu Weihnachten alles bekommt, was es sich wünscht. Mit Gewaltenteilung, Rechtsstaat oder Demokratie hat das nix mehr zu tun.

Straftaten aufklären? Ja vielleicht. Und natürlich muss man auch für die PK ein paar böse Ultras präsentieren können, die ohne diese Technik mindestens mit Uwe Seelers Fuß Hamburg zerstört hätten. Man hätte die wahrscheinlich auch anders “überführt”, aber hey keine Pressekonferenz ohne Bilder und präsentierte Alltagsgegenstände die gefährlich wirken und der Betonung das die Verhinderung der kurz bevor stehenden Anarchie nur mit diesem Portal möglich war. Der bürgerliche Mob vor seiner Bildzeitung will den Pranger.

Und an die Jungs, die wahrscheinlich wieder ein paar unschuldige Leute zusammengesprayt und geknüppelt haben denkt sowieso keiner. Das sind doch gute Jungs. Die tragen Helme bei ihren Straftaten.

Ergänzend zu dem Thema.

Wichtig aber

Sonntag mal auf das Handyfoto vom Pyro verzichten, sowieso ganz stark darauf achten, dass nicht in Gesichter gefilmt wird und im Notfall kennt ihr Anna und Arthur, ja?

  2 Responses to “Paderborn am Mittwoch”

  1. Danke für den Bericht. Das Portal der Polizei wird bereits am Samstag um 18 Uhr freigeschaltet. Daher sind die beiden dahingehenden Abschnitte etwas missverständlich.

  2. Vielleicht sollte man das Portal einfach mal mit ein paar Schmuddel-Filmchen fluten. Die Live-Aufklärung stelle ich mir da amüsant vor 😀

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