Jul 292018
 

Wer twittert, wird es mitbekommen haben. Die @amhass wurde gestern im Stadion belästigt. Sie fragte, ob wir ihre Sicht der Dinge veröffentlichen würden. Da uns das Thema sehr wichtig ist, war die Antwort ein „natürlich“.

Normalerweise würden wir schreiben „Gastautoren vertreten ihre eigene Meinung, die nicht zwingend unsere ist.“ Aber hier wollen wir ihr 100 % zustimmen.

Nun also ihre Worte:

Ich wurde heute im Stadion belästigt und das ganze Geschen danach hat mich daran zweifeln lassen, ob ich wirklich am Millerntor bin. Ich bin keine Expertin, aber Betroffene. Wenn Du auch am Millerntor stehst (und auch wenn nicht), dann freue ich mich, wenn du beim nächsten Mal (und es wird leider ein nächstes Mal geben) reagierst.

Schon der erste Kontakt war komisch und fühlte sich nicht nach unabsichtlich an. Aber ey, 30 Grad, da will ich mir da keinen Kopf drum machen.

5 Minuten später wieder, es ist definitiv kein Zufall sondern absichtlich. Der Schuldige ist nicht zu erkennen, aber ich mache ne Ansage in “die Richtung”, dass das sofort zu unterlassen sei.

Keine Reaktion im stehenden Umfeld, auch niemand, der was erkennt haben könnte, alle gucken angestrengt sonstowhin.
Wieder 5 Minuten später. “Er” sucht erneut den Körperkontakt. Ich mache eine noch klarere Ansage, “in die Richtung”. Durch sich rausreden wollen identifiziert man sich selbst ziemlich klar als Täter. Weitere Ansage an ihn. “Er” macht sich drüber lustig, war das nicht, blablabla. Kenne ich, hatte ich nicht anders erwartet. Normale Reaktion, wenn man unerwarterweise geoutet wird und die Belästigung nicht einfach still hingenommen wird.

Aber was nachhallt ist das: Ich blicke in amüsierte Gesichter. Schön spannend irgendwie, Spiel eher langweilig, endlich ist was los. Man lacht und zeigt tuschelnd in meine Richtung. Das Tuscheln ist ganz leise und in meinen Ohren doch ganz laut. Ich weiß, dass ich im Recht bin und fühle mich doch schuldig.
Die Bezugsgruppe hat es längst mitbekommen, ich wechsle den Platz an nen “sicheren” Standort, weitere Ansagen ihn seine Richtung. Den Rest des Spiels kann ich gedämpft genießen. Er ist immer noch keine 10 Meter weit weg und – wie ich später erfahre – nervt weitere Personen an.

Ich würde gerne sagen, dass das erste Mal war, dass mir sowas im Station passiert. Wäre aber leider gelogen. Und ich fürchte auch, dass sowas (nicht nur mir) wieder passiert.

Du könntest der nächste sein, der bei sowas daneben steht. Und du kannst es besser machen als mein Umfeld heute:

(1) Glaube ihr. Warum sollte sich irgendjemand sowas ausdenken wollen? Ist jetzt ja echt nich so, als wäre das tolle Aufmerksamkeit, die man unbedingt in seinem Leben braucht. Eher im Gegenteil: Unsere Gesellschaft fragt, was “sie” getan hat, um das Verhalten zu provozieren.
(Nur fürs Protokoll: Kein (!) Verhalten rechtfertigt das Gegrabsche. KEINS!

(2) Zeige Unterstützung. Mach explizit (Äußerungen, Handeln) klar, dass Du sie unterstützt. Hol andere mit ins Boot.
(Aus-)lachen ist in jedem Fall die falsche Reaktion. Auch und gerade, wenn du mit “ihm” zusammen da bist. Dafür ist es erst mal egal, ob du selbst was gesehen hast. Noch mal: Warum sollte sie so ne Szene machen?

(3) Hast du etwas gesehen? Fertige ein Gedächtnisprotokoll an. Für weitere juristische Schritte helfen viele Details am allermeisten. Schreib dir alles auf. Mach Fotos, falls (verdeckt) möglich. Frag sie, ob sie juristische Schritte unternehmen möchte. Biete Unterstützung an, aber lass sie entscheiden, was sie machen möchte.

(4) Weise andere auf das Geschehen hin. Geh zum Ordnungsdienst und verlange einen Platzverweis. Je nach Reaktion verlange weitere Hierarchieebenen, schreib ggf. die Ordnernummern auf, damit man das danach nachverfolgen kann.

(5) Unterstütze sie. Frag sie, was sie machen will.
Anzeigen ist ein krasser Schritt. Wir haben gelernt, “gute Mädchen” zu sein und “die Klappe zu halten”. Unterstütze sie darin, dass das “nicht normal” ist. Dass jegliche Reaktion darauf angemessen ist. Biete Unterstützung bei allem weiteren an.

PS: Nachdem ich die Geschichte bereits auf Twitter veröffentlicht hatte, kam mehrfach die Reaktion, dass sowas „normalerweise“ am Millerntor nicht passiert.
Doch tut es, und das klar zu benennen ist Teil der Lösung. Zu sagen, dass dies nicht passiert führt hingegen dazu, dass Betroffene entweder sich selbst und ihrem Eindruck nicht trauen oder dies nicht veröffentlichen, „weil dies ja nicht passiert“. Auch wir haben noch viel zu tun.

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  7 Responses to “Gastbeitrag / Übergriff während des Stoke Spieles”

  1. Ist meiner Frau in meinen Beisein auch schon passiert, weil es halt mal eng beim Verlassen der Plätze werden kann. Da wurde auch die Gelegenheit “ergriffen“ und meine Frau ist da gut bestückt. Bin sonst nicht derjenige, der ein Befürworter von Gewalt ist, aber da hat’s dann auch ordentlich geknallt. Ergo, da laufen im Millerntor nicht nur Heilige herum.

  2. Nicht böse sein, aber was genau sollen wir mit dieser Schilderung anfangen? Was daraus lernen?
    Es gibt Fehlverhalten auf der Welt? Sogar im Fussball-Stadion? Well, no shit, Sherlock. Gerade dort ist häufig gesetzlose Zone. Das weiß jeder, der mal in der Menge auf die Fresse bekommen hat. Hilfe? Polizei? Schmerzensgeld? Keine Chance.

    Spätestens beim zweiten Mal hätte sie einfach 5m weiter gehen sollen. Ne andere Lösung gibts halt in der konkreten Situation nicht spontan.

  3. Wer solche Aussagen in Zweifel stellt, hat einen an der Waffel. Mich nerven schon diese 4 halbe Liter pro Halbzeit-Typen, die permanent versuchen, sich und ihre Bezugsgruppe auf Kosten Umstehender zu belustigen. Es gibt reichlich ätzende Typen am Millerntor!

  4. Skythe, nicht böse sein aber ich finde deinen Beitrag absolut daneben. Es ist halt eben nicht getan wenn sie 5m weitergehen würde. Es ist diese gesellschaftliche Duldung, die immer wieder zu solchen Situtionen führt. Bedrängt zu werden ist erniedrigend, eklig und zutiefst verletzend. In solchen Momenten zusätzlich die Erfahrung zu machen, dass das Umfeld ziemlich teilnahmslos die Situation hinzunehmen scheint ist für die Betroffenden doppelt scheiße. Sexismus ist ein gesellschaftliches Problem und dieses ist nur eines von vielen Beispielen, wo deutlich wird, wie ignorant die Gesellschaft damit umgeht.

  5. Sehe es wie Trippel – ausser der aussage „nicht böse sein“. Nein, die Aussage von Skythe ist dumm, weil nicht reflektiert. Erst am WE hat es mich Überwindung gekostet einzugreifen, weil ein besoffener Typ meinte sich anmassen zu können, die sexuelle Neigung zweier Frauen beurteilen zu müssen. Definitiv werde ich damit nicht aufhören, denn allein die Vorstellung, mir anhören zu müssen, was Fremde zu meinen Neigungen oder Einstellungen sagen wollen zu müssen, oder gar mich betatschen zu wollen, mach mit wütend. Langsam wird auch mir bewusst, „wie ignorant die Gesellschaft damit umgeht.“ PUNKT

  6. Sehe es wie Trippel – ausser der aussage „nicht böse sein“. Nein, die Aussage von Skythe ist dumm, weil wenig bis gar nicht reflektiert. Erst am WE hat es mich Überwindung gekostet einzugreifen, weil ein besoffener Typ meinte sich anmassen zu können, die sexuelle Neigung zweier Frauen beurteilen zu müssen. Definitiv werde ich damit nicht aufhören, denn allein die Vorstellung, mir selbst anhören zu müssen, was Fremde zu meinen Neigungen oder Einstellungen sagen meinen zu müssen, oder gar mich betatschen zu wollen, mach mit wütend. Langsam wird auch mir bewusst, „wie ignorant die Gesellschaft damit umgeht.“ PUNKT

  7. […] 2: Wie aktuell dieses Thema ist – könnt ihr hier bei Magischen FC-Blog nachlesen. […]

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