Sep 202017
 

 

Vorbemerkung

Im Detail kommen wir da später noch mal drauf zurück, aber Leute, dieses Macker-, Revier-, „ich hau dir aufs Maul, weil du einen anderen Verein unterstützt“-Ding nervt richtig stark. Das ist so ein primitives Denken, dass man sich echt wundern muss, dass so etwas 2017 noch vertreten wird. Oh wait. Wir für unseren Teil finden das Konzept des 90 Minuten Bepöbeln und danach gemeinsam ein Getränk trinken viel entspannter.

Anderseits haben diese ganzen Gewaltnummern ja auch immer eine gewisse Situationskomik. Wir werden auch diese in diesem Bericht schildern, möchten aber jedoch noch mal darauf hinweisen, dass wir lieber drauf verzichten würden. Aber so ein bisschen magischerfc.ws muss auch mal sein.

Anfahrt

Durch die Ereignisse vom letzten Freitag (später dazu) wurde das Spiel anscheinend noch mal zwei Sicherheitsstufen hochgestuft und u.a. ein Parkplatz für Gästefans mit Busshuttle eingerichtet. Das aus Aue bekannte und dort gut funktionierende Konzept also nach Kiel übertragen. Sorgte bei unserer frühen Anreise für einen guten Parkplatz und einem leeren Bus. Der Parkplatz nebenbei direkt neben Rheinmetall Defence. Nebenbei mit dem „Kompetenzzentrum Kettenfahrzeuge“. Wir hätten uns mal einen Panzer leihen sollen für die Fahrt ins Stadion. Nebenbei entwickelt sich das mit den Panzern diese Saison so ein bisschen zu einem Insidergag. Aber dazu mehr im Sandhausenbericht.

Einlass

Bevor wir hier nur Werbung für zukünftiges Geschreibsel machen, kommen wir zurück zum Holstein-Stadion. So alte Stadien können ja Charme haben und in der Welt der gleichaussehenden Baukastenmodelle freut man sich ja über die Böllenfalltore dieser Welt. Das Holstein-Stadion hat diesen Charme nicht mehr, sondern ist eine Aneinanderreihung von Notlösungen und damit nix Halbes und nix Ganzes.

Hinzu kommt, dass man bei 2380 verkauften Karten ernsthaft mit einem Eingang, 6 männlichen und 2 (oder vielleicht selbst nur eine) weiblichen Abtastperson arbeiten wollte. Und mit höchstens zwei Scangeräten für die Karten. Man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass dies an einem Dienstag, wo alle spät und knapp kommen, nicht klappen wird. Hinzu kommt eine Personenleitung über drei Gitter, die man nicht vorher erkennt und die auch keinen Sinn ergeben. Eine Personenvereinzelung wird damit nicht erreicht.

Wahrscheinlich werden die Ereignisse am Einlass am Ende als „Blocksturm“ definiert, aber eher war es ein „Blocklüftchen“. Die Leute fingen halt an, irgendwann über die Gitter zu klettern und rein zu gehen. Weder filzen, noch Ticketkontrolle fand noch statt. Ganz ehrlich gesagt Kiel: Selber schuld. Und wie man gerade mal einen Getränkestand einrichten kann, der dann auch noch in Zeitlupe arbeitet, bleibt uns auch unergründlich.

Unser Organisationsleiter vor Ort war nicht wirklich glücklich über die Zustände, um es mal so auszudrücken.

Was sollte eigentlich der Wasserwerfer der da die ganze Zeit in Richtung Eingang guckte? Was will man da mit einem Wasserwerfer regeln?

Einrichten im Gästeblock

Der Gästeblock ist eng, flach, das Spielfeld mit den Werbebanden schlecht zu sehen. Man richtete sich so weit es ging häuslich ein, Banner wurden aufgehängt, auch wenn alles, was irgendwie „Ultra“ sein will noch fehlte. Und damit auch viele Banner. Dafür gibt es eine Bundeswehrwerbung. Und man weiß wieder, warum man lieber am Millerntor steht.

Sprintübungen

Was irgendwelche vermummten Jungs nicht davon abhielt auf den Gästeblock zuzustürmen. Jemand merkte zu Recht an, dass das nun Folgende – wo die Kieler schlecht aussehen – auch gerade deswegen passiert, weil unsere Oberarmfraktion noch nicht im Stadion gewesen ist. Sonst hätte es wohl eine kleine Boxeinlage in der Mitte des Feldes gegeben.

So aber stürmten irgendwas um die 30 Leute aus dem Heimmittelblock los, merkten ungefähr auf Höhe der Mittellinie wie weit 100 Meter sind, wurden schon sehr viel unentschlossener, warfen mit einem Bengalo in den Gästeblock und zwei, drei Typen schafften es auch, Banner vom Zaun zu reissen. Hey, wenn ihr so etwas plant, vielleicht mal nicht nur Pumpen gehen, sondern auch mal an der Sprintausdauer arbeiten?

Neben dem Gästeblock verfolgte dies nebenbei in aller Seelenruhe eine Polizeieinheit, ohne einzugreifen. Top! Kann man mal als „Ordnungsmacht“ machen, sich das ganze entspannt angucken. Auch die Ordner hatten eher die Ruhe weg und eine Reaktion erfolgte nicht.

Jedoch: Platzstürme im Ultrabereich sehen immer echt albern aus. Weil nach höchstens 30 Metern werden die zögerlich, merken plötzlich, dass da wirklich was gehen könnte, bekommen das Denken und bleiben stehen. Es wäre doch deutlich gefährlicher, wenn wirklich mal 30 Leute entschlossen und mit Schwung auf den Gästeblock geprallt wären. Tun sie aber in dieser Situation eigentlich nie. Zum Glück, möchte man meinen.

Stabile Truppe da auf dem Platz

Tja, Pech für die Täter, unsere Oberarmjungs mögen vielleicht nicht da gewesen sein, aber unsere Spieler und unser Trainerstab haben verstanden, was so ein Banner bedeutet und das man damit nicht einfach zurück über den Platz spaziert. Der eine hatte noch Glück, dass Matze – The Blutgrätsche – Hain ihn nicht voll erwischte, sonst wäre jetzt wohl nicht nur die Ehre, sondern auch das Schien- und Wadenbein durch. Überhaupt unsere Co-Trainer! Denn Patrick Glöckner zeigte dann, was ein Tackle ist.

Wie macht sich das eigentlich so im Hooligan-Lebenslauf? „Ich bin vom Co-Trainer umgehauen worden…“ Nicht unsere Welt, aber klingt für uns nicht nach den Stories, die man bei einer Linie Koks stolz erzählt.

Fahnenrückgabe. Bild mit freundlicher Genehmigung von Sabine Scheller genutzt. Ihre Bilder vom Spiel findet ihr hier.

 

Die Banner wurden den Tätern also entrissen (Sami, Digga, selbst wenn du ab jetzt nur noch Grütze zusammen kicken würdest, du bist nun ein Großer hier im Verein) und unter lautem Jubel des Gästeblocks zurück gebracht.

Ob Olaf das Zweikampfverhalten in diesen Szenen noch mal in die Videoanalyse einbaut? Der Prophet im Block meinte nur, dass nach so einer Aktion heute nichts mehr schief gehen könne.

Ein paar mahnende Worte

Neben der Gefahr sich bei einer solchen Aktion zu verletzen, ist nicht zu verachten, dass ein Schiedsrichter solche Aktionen streng nach dem Regelbuch mit einer roten Karte ahnden kann. Hat der Schiedsrichter hier nicht gemacht, hätte wohl auch zu einer üblen Eskalation geführt, aber er kann es rein theoretisch. Und genauso könnte der DFB die Spieler nachträglich noch sperren. Daher ist es auch völlig richtig, wenn Rettig das heute in einem Statement versucht so ein bisschen einzufangen.  Ja uns wäre es auch lieber gewesen, wenn zur PK im Stone Island Pulli gekommen wäre, er kurz tief Luft geholt hätte, seine Stimme gesenkt hätte und dann folgendes gesagt hätte:

„Und das liebe Kollegen, können sie so notieren: Wer die Fahnen unserer Fans klaut, der muss erstmal an uns vorbei.“

Aber da sind wir wieder bei diesen Zwängen im Profifußball.

 

Zwischenfazit

Die Angreifer schafften es wirklich die ganze Freitagsaktion (dazu weiter unten) innerhalb eines vollkommen hohlen Angriffs vergessen zu machen, hier in allen Beurteilungssystemen als Verlierer vom Platz zu gehen (sic!) und auch noch dem Verein eine ordentliche Geldstrafe aufgebrummt zu haben. Muss man erstmal schaffen.

Spielen wir nun Fußball?

Oh, Fußball war ja auch noch. Und das ganze mag zwar kein Derby sein, aber auf dem Platz entwickelte sich ein Spiel, was eines Derbys würdig gewesen wäre. Unglaublich viele unsaubere Szenen, viele Fouls, teilweise überhartes Einsteigen und ein offener Schlagabtausch spielten sich ab.

Derbe nervig dabei ist, dass Kiels Herrmann, obwohl er schon gelb vorbelastet ist, noch Jerry so abräumen darf, dass dieser verletzt raus muss. Und nach dieser Szene zwar Foul gepfiffen wird, aber es keine letzte Ermahnung oder so etwas gibt. Erst beim dritten Foul nach dieser Szene, geht Herrmann dann mit gelb-rot. Insgesamt glänzt der Schiedsrichter nicht mit einer großen Linie.

Unsere Mannschaft steht wie verwandelt auf dem Platz. Kein Vergleich zu Samstag. War das von Olaf angesprochene Anfeuern nach dem 0-4 ein Funke? Oder das gemeinsame Erleben von Bannerklau und Retour ein Ereignis, was alle noch mal wach machte?

Keine Ahnung, klar mit Lasse –Schädel– Sobiech steht unsere Abwehr gleich hundertmal besser. Und sein Nebenmann wirkt dann auch immer gleich eine Liga besser, aber das ist nicht alles. Das war schon sehr gutes Arbeiten und Wirken. Klasse, Jungs! So muss das gehen!

Einen Spieler wollen wir noch herausheben: Neudecker! Boa, klasse Vorbereitung und der Junge zeigte über die ganze Spielzeit, was in ihm steckt.

Nach dem Spiel

Kam es wohl noch abseits des großen Stroms an Gästefans zu Stress. Und dies auch von braun-weißen ausgehend, die nun meinten da Leute angreifen zu müssen und Autos beschädigen zu müssen. Das muss doch nun echt nicht sein. Details sind uns aber nicht bekannt  

Vor dem nächsten Spiel
Jungs! So geht das auch zu Hause. Niemand am Millerntor erwartet von euch Glanzfußball oder offensives Dominieren. Dreckig, einfach, mit Hingabe, dann wird das auch was gegen Düsseldorf. Irgendwie hat man den Eindruck, dass zur Zeit das „zu Hause liefern wollen“ die Mannschaft lähmt. Daher: Locker bleiben und ab geht die Post gegen die Fortuna.

Und nun zu Freitag

Kurze Sachverhaltsbeschreibung

Freitag hat es einen Überfall auf Fans von Holstein Kiel gegeben, die aus Aue zurück gekommen sind. Soweit ist das wohl 100 % klar. Sehr wahrscheinlich ist, dass bei diesem Überfall viele „relevante“ Zaunfahnen der Fans von Holstein Kiel abhanden gekommen sind. In der Gerüchteküche und auf der Clickbait-Seite „Faszination Fankurve“ wird vermutet, dass die Täter aus dem FCSP-Fanumfeld stammen. Das kann man so dahin gestellt bleiben, da es für die weiteren Überlegungen nicht interessiert.

 

Was nervt

Uns stört viel eher diese breite „Akzeptanz“, die so ein Vorgehen in Fanszenen hat und wo gerne Victim Blaming der Marke „wissen ja, dass es dazu gehört“ oder „hätten ja auch besser aufpassen können“ betrieben wird.

 

Und nun mal etwas theoretisch ausführlicher.

Gerade vor dem Hintergrund, dass solche Aktionen von vielen aktiven Fans hierzulande als „Szene-Konsens“ angesehen werden, und auch eine breitere Akzeptanz in den Kurven über Hooligans und hinlänglich bekannte sportliche Ultragruppen hinaus besteht, stellt sich für uns die Frage der moralischen Bewertung eines solchen Überfalls. Kann Gewalt im sportlichen Kontext überhaupt moralisch in Ordnung sein und wenn ja, in welchen Ausmaßen? Wo sind Grenzen zu ziehen?

Vorab zwei weitere Prämissen:
1. Gewalt ist nicht grundsätzlich unmoralisch, z. B. im Verteidigungsfall.
2. Moral ist nicht absolut, also kein dichotomisches Richtig oder Falsch.

Folgendes Beispiel soll dies erläutern: Nach Schopenhauer kann ein (ungerechtfertigter) Gewaltakt doppelt unmoralisch sein, wenn eine Person einem Schutzbefohlenen schadet. Das Verwerfliche liegt dann nicht nur in der ungerechtfertigten Gewalt, sondern auch in der Verletzung der Schutzfunktion. Ein Vater, der sein Kind schlägt, handelt demnach unmoralischer als selber Mann, der in eine Kneipenschlägerei verwickelt ist.
Für die ethische Bewertung ist demnach auch die Begründung oder der Kontext von enormer Bedeutung. Hier beschäftigen wir uns ja mit einem Überfall, juristisch gesehen wahrscheinlich einem Raubüberfall (Diebstahl plus Körperverletzung, sofern wir richtig informiert sind), was im gemeinem Verständnis wohl eher keinen allzu positive ethische Einordnung erfahren würde. Doch wie könnte eine moralische Begründung aussehen, die einen Überfall (in Teilen) begründen könnte?

Argumentiert wird ja in der Regel mit dem auch eingeleitetem „Szene-Konsens“ (Weitere Rechtfertigungsmuster, die sich letzlich auf Mackertum oder Revierdenken zurückfüren lassen, seien hier gänzlich unbeachtet, da sie Anachronismen darstellen, deren Legitimität gar nicht erst diskutiert werden müssen). Dass eigentlich unmoralische oder auch strafbare im gegenseitigem Einverständnis ethisch gesehen problemlos praktiziert werden können, dafür reicht ein Blick in die BDSM-Szene. (Auch hier wird Gewalt o. Ä. angewandt, die aber für alle Parteien in Ordnung ist, weil sie dem Konsens entspricht.)

Ist das auf Ultras und Hooligans übertragbar?
Vielleicht bedingt. Das Ackermatch scheint moralphilosophisch relativ problemlos zu sein. Alle wissen, was passieren wird, dass man sehr wahrscheinlich Gewalt selbst erfahren wird und grobe Verstöße gegen die „ungeschriebenen Regeln“ sind unseres Wissens selten.

Doch wie steht es nun um Überfälle und Ultra-Konsens? Der Bereich Ultra scheint entgrenzt zu sein. Denn im Gegensatz zum Ackermatch, das zeitlich und lokal stark begrenzt ist und auch nur klar definierte Akteure kennt, besteht für Ultras die „konsensuale“ Verpflichtung, ihre Materialien nicht nur jedes Wochenende für jeweils 90 Minuten o. Ä. zu beschützen, sondern quasi 24/7, was „konsequenterweise“ ja auch immer wieder zu Einbrüchen führt und dieses auch in privaten Wohnungen. Diese räumliche und zeitliche Entgrenzung ist für die weitere Argumentation wichtig.

Zu einer weiteren Ebene, der personalen Entgrenzung, zählt darüber hinaus, dass Ultra-Gruppen in der Regel nicht aus klar umgrenzten Personenkreisen bestehen, sondern als zentrales Element ihrer Kurve eine Menge Kontakte haben, die außerhalb des „Konsens“ stünden. Zum anderen gibt es unzählige Gruppen, die sich weder explizit noch implizit (zum Beispiel durch Erscheinen als Gruppe bei einem Ackermatch) zu einem „Konsens“ bekannt hätten. Und die trotzdem mit einbezogen werden, wie auch der Versuch zeigte, gestern Gruppen Banner zu entwenden, die gar nicht das Label „Ultra“ für sich beanspruchen oder auch tragen könnten.

Daher möchten wir argumentieren, dass es einen solchen Ultra-Konsens in derzeitiger Form nicht geben kann. Dazu zählt für uns die unpräzise Benennung der Teilnehmenden am „Konsens“, sowie das Fehlen klarer räumlicher und zeitlicher Begrenzung. Da der „Konsens“ oder die ungeschriebenen Regeln nun aber so schwammig sind, dass sie vielleicht gerade so für das Szenario des Ackermatchs reichen würden, können sie der komplexen Realität der Ultra-Aktivitäten gar nicht gerecht werden. Erschwerend hinzu kommt, dass unterschiedliche Gruppen unterschiedliche Ansätze in ihrem Umgang mit anderen Szenen und im Bezug auf Grenzen der Gewalt haben. Bei einigen spielen politische Erwägungen eine Rolle, andere geben sich vermeintlich unpolitisch. Den Gedanken der Rechtfertigung durch einen „Konsens der Szenen“ sollte man also verwerfen, so etwas kann es nicht geben. Das ist nebenher der Grund, warum Auseinandersetzungen im nachhinein dann wieder neu als „faires Ding“ oder „feiger Angriff“ in den Fanzines und im Internet verhandelt werden müssen.

Wir haben in diesem Blogbeitrag nicht den Raum, alle weiteren möglichen Motive und Legitimationsnarrative durchzugehen und eine ethische Einschätzung abzugeben. Ein politisches, antifaschistisches Motiv würden wir mit Sicherheit anders bewerten als einfach das Ausleben von Lust an Gewalt. Wir wissen letztlich ja auch nicht, was in den entsprechenden Köpfen vorging und maßen uns auch nicht an, das beurteilen zu können. Vielleicht reicht es uns auch schon, im Kreis der Fanszene eine kleine Debatte zum Thema Szene-Konsens und Gewalt anzuregen. Auf der jetzt bestehenden Basis, das kann man vielleicht zusammenfassend sagen, Konflikte zu schüren und auszutragen, finden wir moralisch nicht gerechtfertigt.

 

Es schrieben bisher noch

Der Frodo noch mal genauer aus Schiri Sicht

Die Nice Guys ohne taktische Sicht

Die Athens South End Scum aus englischer Sicht

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  2 Responses to “Zwischen Generve und Gewitzel”

  1. Moin, so eindeutig ist der Raub da nicht. Es gibt Leute, die da die Zueignungsabsicht verneinen. Daher der Konjunktiv

  2. Schönen Dank für diesen angenehm lässig geschrieben Artikel und insbesondere für die Formulierung „Wir für unseren Teil finden das Konzept des 90 Minuten Bepöbeln und danach gemeinsam ein Getränk trinken viel entspannter.“

    Ich weiß, ich sage das seit Jahren ständig genau so, aber das kann man auch nicht oft genug sagen: Genau so. Nichts ist alberner als die allenthalben als einzige Alternativen behauptete Wahlmöglichkeit zwischen Ruhe und aufs Maul. Nein, gegenseitig beleidigen und danach gemeinsam ein Bier trinken, das ist der Fußball bzw. Sport. Und dann weiter gegenseitig beleidigen und dann ein weiteres Bier gemeinsam trinken. Und dann beim gemeinsamen Bier trinken weiter gegenseitig beleidigen usw.

    Genau dies kommt mir oft viel zu kurz.

    Genau so möchte ich das sehen.

    Genau so hatte ich mich damals (ist eigentlich nicht mein Sport) in Fußball-Fankultur verliebt.

    Ansonsten, wie gesagt, ein sehr schön geschriebener Artikel und ich fühle mich jetzt – auch dank der weiterführenden Links – nach zwischenzeitlichem Rätseln über die Vorfälle gut informiert. Ich weiß nicht, ob die anderen beiden das hier lesen, aber da muss man mal Euch dreien ein Kompliment aussprechen: Alle drei Beschreibungen sind natürlich aus sehr parteiischer Sicht (warum auch nicht), gleichwohl wirkt das auf mich im Zusammenspiel glaubhaft.

    Was Deine Ausführungen zur Rechtfertigung qua „Ultra-Codex“ angeht: Mir ist sehr unklar, ob es dem bedurft hat. In meiner Realität sind mir die angesprochenen Rechtfertigungsmodelle noch nicht begegnet. Und sie haben mich auch überrascht. Mir ist unklar, wie man auf sowas kommen könnte. Aber das will nichts heißen. Wird schon seinen Grund haben. Im Ergebnis ist dem natürlich ohne Einschränkung zuzustimmen.

    Zu Deiner strafjuristischen Einordnung: Wer jemanden am Bahnhof oder sonstwo abpasst und ihm die Fahne „abzieht“ begeht einen Raub (§ 249 StGB). Deine Konjunktive ehren Dich. Sie sind aber unangebracht. Daran gibt es nichts zu deuteln. Das Mindeststrafmaß(!) für diese Handlung ist – bei Anwendung von Erwachsenenstrafrecht – ein Jahr Freiheitsstrafe. Kann also passieren, dass man mit einer Strafe davon kommt, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Völlig ausgeschlossen ist aber, dass die Strafe nicht im Führungszeugnis erwähnt wird.

    Nur zum Vergleich zu den von Dir genannten Vergehen Diebstahl und Körperverletzung: Wer jemandem weh tut, der muss, um im selben Strafrahmen zu landen, schon einen Schutzbefohlenen so misshandeln, dass der schwere Schäden davon trägt oder in Lebensgefahr gerät (§ 225 Abs. 3 StGB). Im Bereich des Diebstahls ohne Gewalt (selbst bei bandenmäßigem Wohnungseinbruchsdiebstahl, während man eine Waffe dabei hat) gibt es diesen Strafrahmen schlicht nicht. Oder mal ein anderes Beispiel: Die fahrlässige Tötung (§ 222 StGB) liegt weit, weit unterhalb dieses Strafrahmens. Das ist also aus Sicht des StGB der Bereich, über den wir uns hier unterhalten.

    Raub ist (selbst in der banalsten Form) also schon ein höheres Regalbrett. Keine Schwerkriminalität. Aber ganz sicher ausreichend, um einem halbwegs das Leben zu versauen.

    Die Ultras leben eine Jugendkultur, die ich nicht verstehe. Und so sehr sie mir oft auf die Nerven gehen, so richtig ist dies. Ich bin nicht Jugend und es ist nicht die Aufgabe von Jugendkulturen, Nicht-Jugendlichen nicht auf die Nerven zu gehen. Aber ob man für die Ausübung seiner Jugendkultur eine solche Strafandrohung eingehen will… Muss ja jeder selber wissen. Ich könnte mir trotzdem vorstellen,dass dies nicht jedem in der Form klar ist.

    Wenn ich abschließend noch eine persönliche Detail-Kritik als Leser hinterlassen darf: Den akademischen Duktus dieses Teils des Textes kann man mögen, muss man nicht – aber er dient der Aussage und er schweift weder ins Schwafeln, noch ins Unverständliche ab. Kann man schon so machen. Den Verweis auf Schopenhauer jedoch, den hätte ich mir geklemmt.

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