Aug 192017
 

 

„When I put on my uniform, I feel I am the proudest man on earth.“

Roberto Clemente

Ihr müsst Roberto Clemente nicht kennen, der an diesem Spieltag 84 geworden wäre. Roberto Clemente spielte Baseball und meinte hier das Vereinstrikot, die Vereinsuniform. Er verstarb als er mit Hilfslieferungen abstürzte.

Wieviele heutige Profis sind noch die stolzesten Menschen auf Erden, wenn sie die Uniform, das Trikot überziehen? Wieviele Spieler wissen um das Privileg ein Trikot anzuziehen? Und wieviele davon ziehen genau ein Vereinstrikot an?

Regen

Natürlich regnet es genau dann, wenn wir das letzte teilweise unüberdachte Stadion in der 2. Liga besuchen.

Was treibt Menschen eigentlich dazu, riesige Summen auszugeben? Was treibt sie dazu, der Deutschen Bahn zu trauen, dass sie nicht nachts in Ansbach stranden? Was treibt sie zu 14 Stunden in einem unbequemen Bus mit nervigen Busfahrern? Alles für einen unüberdachten Stehblock in einer beliebigen Stadt? Beliebig, weil man sie nicht sieht und sie so nur ein Name auf der Anzeigentafel ist.

Wissen Profis eigentlich, dass sie diese Menschen, diese – ja, nennen wir es so – blinde Leidenschaft, repräsentieren, wenn sie das Trikot anziehen?

Ja, für sie muss es insbesondere auch ein Arbeitgeber sein. Das ist genau das Gegenteil von blinder Leidenschaft und der Gefahr ins Ansbach zu enden. Kein Profi will in dem Ansbach des Fußballs enden. Jeder will nach Barcelona. Aber nun ziehen sie unser Trikot an. Das Trikot was vielleicht in Ansbach auf dem nächtlichen Bahnhof steht. Das Trikot was durchnässt im Block steht und inbrünstig, unermüdlich und heldenhaft auch beim Stand von 0-2 was von „heute gewinnen“ und „Gegner niederringen“ singt. Spürt man als Profi diese Bedeutung?

Vielleicht darf man sie auch nicht spüren? Weil man sonst verkrampft? Aber Roberto Clemente ist Hall of Famer. Er spürte es. Wenn man Totti fragen würde, er würde es spüren. Und auch Totti ist ein Hall of Famer, gäbe es eine Hall of Fame im Fußball.

Was ist los?

Unsere Jungs auf dem Rasen können nicht stolz sein. Es läuft nicht. Kein stolz. Keine gespannte Brust. Nein. Eher Hühnerhaufen. Und dazu Anzeichen dafür, dass die blinde Leidenschaft, dass erleiden von 14 Stunden Busfahrten auch diese Saison selten mit Freude endet.

Zu unkoordiniert wirken unsere 9 und 11. Beide stehen sich regelmäßig auf den Füßen und eine wie auch immer geartete Kombination zwischen beiden findet nicht statt. Stattdessen der Versuch von Flanken der Aussenverteidiger, was nicht deren Stärke ist.

Aber technische Unzulänglichkeiten sind in das Trikot was unsere Jungs hier tragen, über Generationen eingewebt. Und die Liebe will es gar nicht anders. Der 30-Meter-Lauf, der den Abschlag des Torhüters ins Toraus blockt und diesem einen Abstoss beschert, wird von der Tribüne immer mehr gefeiert werden, als der feine Trick, den der Gegenspieler mit der Fußspitze zerstört.

Das Technik und Taktik trotzdem extrem wichtig sind, dies nur am Rande.

Aber der Stolz, nein Paragraph 1 eines jeden Verhältnis, das berechtigt dieses Trikot zu tragen; ja welches das Privileg gibt, dieses Trikot zu tragen, lautet „du läufst und kämpfst bis du auf den Rasen kotzt“.

Und auch da fehlt es unseren Jungs. Der Gegner ist schneller. Er geht die harten Wege. Wir können dies nicht. Pressingversuche sind leicht zu umspielen, da immer ein oder der andere Spieler die Wege nicht geht. Im Mittelfeld werden unsere Jungs teilweise Meter in kurzen Laufduellen abgenommen. Es ist besorgniserregend.

Wollen sie nicht? Können sie nicht? Und wenn sie nicht können, ist die Vorbereitung richtig? Die Belastung zu hoch? Wir wissen es nicht. Analyse tut Not. Denn hier sprechen wir über DNA. Über sine qua non. Ja, auch darüber ob eine Mannschaft, ein Spieler dieses Trikot tragen sollte.

Lasse fehlt. Wir wissen nicht, wie sich Lasse fühlt, wenn er sein Trikot anzieht. Vielleicht ein bisschen stolz. Auch wenn Lasse ganz tief im Herzen am liebsten das 1-0 zur Meisterschaft vor der Süd in Dortmund einschädeln würde. Aber was wir wissen ist, dass Lasse in solchen Spielen eskaliert, Mittelstürmer und Abräumkante in einem wird und läuft wie Irre.

Und als ob die Unzulänglichkeiten im technischen und kämpferischen nicht schon genug wären, kommt auch noch Pech hinzu. Kopfball nach nicht mal zwei Minuten direkt auf den Torhüter, Ball der auf der Linie tanzt, Elfmeter der – zwar nicht gut geschossen, aber hey – nicht rein geht.

All dies sind Zutaten, die für eine lange Saison sprechen. Gibt es ein Happy End?

Im Kleinen schon. Weder ist die Bahnfahrerin in Anspach gestrandet, noch ging unsere Busfahrt ewig und die nassen Klamotten trockneten auch wieder.

Voran St. Pauli. Du bist die einzige Möglichkeit. Und zumindest wir fühlen uns wie der stolzeste Mensch der Welt, wenn wir dieses Trikot tragen. Happy Birthday, Roberto.

(Geschrieben Nachts um 3 Uhr.)

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