Aug 022017
 

 

Wie ihr, liebe Lesenden, sicher schon mitbekommen habt, geht der FCSP eine langfristige Kooperation mit dem Premier League-Club Stoke City FC ein, die für beide Seiten wirtschaftliche und sportliche Erfolge bringen soll. Zum feierlichen Auftakt gab es schon mal ein Testspiel am Millerntor. Wir waren dabei und haben uns ein paar Notizen gemacht. Anschließend wollen wir diese Kooperation kurz aus unserer Perspektive kommentieren.

Das Testspiel

Zunächst sei kurz angemerkt, dass der Eintritt mit 3 bzw. 5 Euro (Sitzplatz) durchaus günstig war (da haben wir schon in der Bezirksliga mehr bezahlt) und sicherlich nicht zuletzt deswegen viele Kids aus dem Viertel auf den Tribünen waren, was auch gut ist. Sicherlich ist es für viele nicht immer einfach, an die regulären Tickets zu kommen. Auch 14.500 ZuschauerInnen sprechen wohl dafür, dass es eine gute Entscheidung war, die Preise gering anzusetzen.

Auch neu für uns: die LED-Banden. Ich (es folgt die Einzelmeinung des Schreibenden) muss ganz ehrlich sagen, dass mir die neue Technik erst nach zehn Minuten aufgefallen ist. Sie ist meinem Empfinden nach also nicht aufdringlich, sondern unterscheidet sich wenig von ihren Vorgängern. Dankenswerterweise sollen ja auf aufwändige ablenkende Animationen verzichtet werden und es ergibt sich die Möglichkeit (was ja auch bereits getan wurde) anderen Content zu zeigen, als Werbung: „Love St. Pauli – Hate Fascism“ steht dort zum Beispiel zu lesen. „Resultierend aus der Diskussion hat der Verein eine Selbstverpflichtung formuliert, die vorsieht, dass […] [es] die Möglichkeit zur regelmäßigen Einbindungen von Fanbelangen auf den LED-Banden geben wird“, liest man zum Beispiel auf der Homepage des Clubs. Was genau Fanbelange sind, ist sicherlich zwar nicht weiter ausgeführt, aber vor einem riesigen Fernsehpublikum auch ganz prominent für seine ethischen und politischen Werte zu werben, finde ich sehr reizvoll. Mal sehen, wie lange es dauert, bis der DFB das alles „zu politisch“ findet und verbieten wird.

Und die Palette der neuen Dinge hört damit noch nicht auf: Schweren Herzens mussten wir ja Rainer Wulff verabschieden. Durch das Spiel leitet der neue Stadionsprecher Frank Herzig. Lieber Frank, wir wissen, dass es unglaublich schwer sein muss, eine Größe wie Rainer zu ersetzen – gerade wenn man neu ist. Aber eine kleine Bitte hätten wir an dich: Achte das nächste Mal bitte ein wenig auf deine Begrifflichkeiten. Sätze wie „Wir freuen uns über ganz viel Tradition“ oder die Betonung, dass Stoke City mit Philipp Wollscheid einen Deutschen in der Verteidigung hat, sind eine Rhetorik, die wir wirklich nicht vermissen würden.

Zum Spiel gibt es wenig zu sagen. Stoke City ist wie zu erwarten mit der dritten Mannschaft angetreten, bei der relativ wenig zusammengeht. Beide Teams probierten viel (Zehn Wechsel allein beim FCSP!), trotzdem wirkten die Boys in Brown als Mannschaft eingespielter und weniger zusammengewürfelt. Zwei tolle lange Bälle plus zwei geschenkte Treffer macht am Ende 4:2 für die Richtigen in einem belanglosen, aber doch unterhaltsamen Kick.

 

Kooperation allgemein

Vielleicht noch ein paar Worte allgemein zu Kooperationen und zu dieser Kooperation. Grundsätzlich machen Kooperationen zwischen Unternehmen Sinn. Und zwar selbst dann, wenn sie irgendwo Konkurrenten sind. Und dies gilt auch für Vereine wie Stoke und den FCSP (gleich erläutert). Diese Kooperation soll ihre Grundlage im Sportlichen haben und ist wohl die Erste ihrer Art zwischen Bundesligisten und Premiere League-Verein. Was genau gewollt ist, haben uns die Verantwortlichen lieber nicht verraten, siehe Pressekonferenz 

Auf den ersten Blick erscheint eine Kooperation und auch ein Austausch und ein Zusammenarbeiten in den begleitenden Tätigkeiten eines Fußballvereines sinnvoll. So kann mit gemeinsamen Merch-Einkauf oder Verkauf garantiert Mengenrabatte und Vertriebsstruktur des jeweils Anderen genutzt werden oder im Internetbereich gemeinsam Server gemietet werden oder Social Media-Konzepte erarbeitet werden. Oder im Onlineticketing eine gemeinsame Plattform entwickelt werden. Gerade letzteres erscheint aufgrund des Duopols in diesem Bereich keine schlechte Idee. Oder Oder oder.

Hier soll aber das „Herzstück“ der sportliche Bereich sein. Und da wird es schwierig, sinnvolle Inhalte zu erkennen. Gemeinsames Scouting? Da ist man ganz schnell Konkurrent um die gleichen Spieler und gerade in diesem Bereich gibt es Betriebsgeheimnisse, die man garantiert nicht teilen will. Und sollte. Ausleihgeschäfte? Dafür benötige ich keine Kooperation und das wird auch schnell einseitig. Jugendmannschaftenaustausch? Ja, so etwas kann interessant sein, aber auch dafür brauch ich eigentlich keine Kooperation.

Aus der PK:

„Hier bestehe die Möglichkeit, die Kaderplanung beider Vereine zu koordinieren: „Es geht nicht nur darum, dass wir Spieler ausleihen. Stoke kann uns helfen, Spieler zu verpflichten, die in ein oder zwei Jahren dann so weit sind, dass sie bei ihnen spielen können. Für uns ist es eine Möglichkeit, Spieler zu bekommen, die wir uns nicht leisten können. Für Stoke besteht die Chance, Spieler bei uns spielen zu lassen, die dann irgendwann die Qualität haben, bei ihnen zu spielen.““

Dieses Zitat alleine lässt die Problematik erkennen. Ich arbeite hier nicht auf Augenhöhe und werde schnell Parkplatz für den anderen Verein. Und das ist nicht wirklich eine gute Idee. Kann Stoke im Rahmen der Kooperation dem FCSP Spieler aufdrängen? Was ist, wenn Stoke diesen Spieler genauso entwickeln will, der FCSP aber nicht? Oder andersherum? Beispiel: Stoke braucht absehbar einen Torhüter. Will XYZ Fliegenfänger hier parken und entwickeln. Das geht nur, wenn er spielt. Stand jetzt wäre das sehr schwierig.

Hinzu kommt, dass man Spieler nur bedingt langfristig an einen Verein binden kann. Entweder muss ich das Leihgeschäft nach einem Jahr schon wieder beenden, was nicht wirklich besser wäre, als sonst. Oder aber ich laufe Gefahr, dass irgendwer kommt und den weg kauft. Oder der Spieler weg will.

 

Was man aber auch bedenken sollte ist, dass hier zwei konkurrierende Wirtschaftsunternehmen eine Kooperation eingehen. Das heißt nicht, dass wir Fans, die Fußball ja doch aus einer etwas anderen Perspektive sehen wollen/sollten/müssen nun Stoke cool finden müssen, oder die uns. Gott bewahre. Wenn es dem FCSP etwas bringt, dann kann er auch mit Hansa kooperieren (z.B. im Ticketing), wir als Fans sollen und müssen die dann nicht mögen. Das ist eiskaltes Unternehmertum vs. Fanidentität, ein alter Zielkonflikt im Fußball. Also bitte kein Freundschaftsschal. Ein paar nette Testspiele sind jedoch vollkommen okay.

 

 

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