Mrz 212016
 

Spielterminierungen am Samstag um 13 Uhr sind weniger ansprechend. Und dann noch in Sandhausen! Da stellt nicht mal die DB eine brauchbare Verbindung bereit. Günstiger und entspannter erscheint der Nachtbus zu sein. 22 Uhr Abfahrt in Hamburg, 6:20 Uhr Ankunft in Heidelberg, kein Umstieg. Ok, alles klar, gebucht! Ein Fehler.
Als ich kurz vor Zehn in der S-Bahn zum Haupbahnhof sitze und schon einen langen Tag hinter mir habe, aber und dementsprechend müde bin, denke ich mir, das kann doch nicht so schwer sein, in acht Stunden mal ein wenig zu schlafen. Weit gefehlt!

No Sleep till Sandhausen!

Vor der Ankunft in Hannover geht schon mal gar nichts. Bei Whatsapp schlägt man mir unterdessen Alkohol zur Förderung der Schlafbereitschaft vor. Mit dem Bier fühle ich mich zwar etwas asozial, aber selbst schuld. Dürftet ihr halt nicht so laut schnarchen. Der Gerstensaft tut sein Übriges und noch vor Kassel bin ich eingeschlafen und bleibe das sogar bis kurz vor Frankfurt. Fast zwei Stunden. Immerhin.

Danach geht allerdings gar nichts mehr. Wie in Trance betrachte ich das Rhein-Main-Gebiet und scrolle durch meine Timeline, in der bereits alle schlafen oder bekifft sind. Also was nun? Mein Blick fällt auf das mitgenomme Buch „Anarchy in the UKR“ von Zhadan und ich denke an die ersten Kapitel, in denen er das Reisen durch die Regionen Donbass und Lugansk beschreibt. Dagegen ist meine Reise doch vergleichsweise langweilig und das Problem des wenigen Schlafs erscheint relativ unbedeutend. Erleuchtet von dieser Erkenntnis rollt der Bus weiter bis Heidelberg.

Tourismus in eigener Sache

Die erste Schritte nach über acht Stunden und 600km Sitzen fühlen sich noch etwas komisch an. Doch zielstrebig steuere ich die Schließfächer an, verstaue mein Zeug und nehme den nächsten Bus in die Altstadt. Mein Unkenntnis der Heidelberger Innenstadt beschert mir dann noch einen kurzen Fußweg, doch kaum eine halbe Stunde nachdem ich den Nachtbus verließ, stehe ich vor dem Heidelberger Schloss. Um sieben Uhr morgens. Ganze alleine. Um diese Zeit verirrt sich noch kein Tourist, nicht mal ein übermotivierter Jogger auf den Berg über dem Neckar.

Der Blick auf die Altstadt und die Ruinen sind ein wirklich erhabenens Gefühl, insbesondere vor dem stimmungsvollen Hintergrund der aufgehenden Sonne und der zwitschernenden Vögel. Das Schloss öffnet seine Tore erst in einer Stunde. Die Zeit bis dahin verbringe ich mit Wandern durch die Gärten und den Blick auf die Überbleibsel des Schlosses aus verschiedenen Perspektiven. Auch um acht verirrt sich noch keiner hier hoch, So seh ich mir auch den Innenhof und die öffentlich zugänglichen Teile des Schlosses ganz alleine an. Tourismus ohne Touristen. Der Traum eines jeden Kulturpessimisten.

Zu Fuß geht es zurück in die Altstadt, die ich leider vergleichsweise uninteressant finde. Nach über drei Stunden in der subjektiv empfundenen Kälte zwingt es mich in ein Café. Es ist halb zehn und die Innenstadt füllt sich einer Mischung aus touristischen und studentischem Leben. Beide Gruppen stehen bei mir nicht gerade hoch im Kurs und trotzdem gehöre ich zu beiden. Na toll. Der Blick in die App der Deutschen Bahn suggeriert, dass es erst in knapp 1,5 Stunden Sinn ergeben würde, aus der Innenstadt nach Sandhausen aufzubrechen.

Also, was nun? Das Café eignet sich jedenfalls gerade mal zum Aufbessern der eigenen Spanisch-Kenntnisse, die auch viel besser sein sollten. Also wieder raus auf die Straße. Ich laufe am Kurpfälzischen Museum vorbei, drehe abrupt um und frage mich, warum denn eigentlich nicht? So erspare ich mir für 1,80 € die Kälte. Natürlich bin ich auch hier der erste (und während meiner Anwesenheit der einzige) Besucher. Insbesondere die Ausstellung zur Vor- und Frühgeschichte der Region ist erstaunlich positiv und so bereue ich es fast, dass ich nach einer Stunde zum Fußball in die Vorstadt muss.

Feld, Wald, Wiese

Am Bismarckplatz bekomme ich dann die ersten anderen Fans zu sehen. Und die wissen sogar, wie man schneller und entspannter zum Stadion kommt, als die App es vorschlug. Hier dieser Bus, dauert keine 20 Minuten und wir stehen direkt vor dem Stadion. Stimmt. Im Bus trinke ich dann das erste Bier des Tages. Es schmeckt für die Uhrzeit erstaunlich gut und nun liegt der Fokus auf dem Fußball und es fühlt sich nach Auswärtsfahrt an.
Die Fahrt mit dem Linienbus hat noch einen anderen Vorteil zur S-Bahn, die ich für meine vorherigen Besuche in diesem Kaff nutzte. Ich bekomme, wenn man so will, den Kern der „Stadt“ zu sehen. Erschien mir Sandhausen früher überhaupt nicht urban, musste ich meinen Eindruck doch etwas korrigieren. Eine Kleinstadt ist der Ort mit ca. 15.000 Einwohner_innen durchaus, die erscheint mir heute aber eher braun-weiß als schwarz-weiß zu sein.

Das halbe Stadion muss ich als Linienbus-Anreiser umlaufen. Halb so wild. Die umliegenden Wälder und Felder wären zwar ein blödes Klischee, aber bedrohlich wirkt hier nichts. Selbst die Cops verhalten sich (soweit ich das überblicken konnte) absolut unauffällig und zurückhaltend. Daran sollten sich die Hamburger Kolleg_innen mal ein Beispiel nehmen. Es funktioniert doch auch so. Und das Verhältnis zu Paderborn dürfte ja ähnlich unkompliziert wie jenes zu Sandhausen sein. Im Wald vor dem Gästeblock erkenne ich die ersten bekannten Gesichter, es sind leider wenige. Dafür eine bunte Mischung aus Punks, Hipstern und sonstigem Umlandvolk.

Ich weiß, dass es immer wieder Gejammer wegen dem Publikum in süddeutschen Gästeblöcken gibt. Aber mir ist heute nur einer negativ aufgefallen, der meinte einen homophoben Begriff benutzen zu müssen. Schön, dass sofort mehrere Umstehende reagierten. Trotzdem beschäftigt mich sowas. Wie kann das eigentlich sein, dass man Fan eines Teams ist, dass sogar mit Regenbögen auf dem Ärmel spielt, auf dessen Stadion ebenfalls einer weht und das sich bei vielen Gelegenheiten offen und medienwirksam gegen Homophobie ausspricht und sich dann trotzdem homophob äußern? Postmoderne Beliebigkeit? Ihr werdet diese Zeilen vermutlich auch nie lesen, weil ihr euch offensichtlich wenig bis gar nicht mit dem FCSP auseinandergesetzt habt, aber sollte meine Stimme doch irgendwie zu euch durchdringen, lasst euch bitte gesagt sein: Wenn ihr für keine Werte einstehen wollt oder generell einfach ein Problem mit Menschen habt, nur weil sie nicht eurer normativen Vorstellung entsprechen, dann verpisst euch einfach oder überdenkt euer bekacktes Weltbild!

Beobachtungen aus dem Gästeblock

Also rein ins Stadion. Davor die ersten Ordner mit einem Hund, der wohl nach Sprengstoff schnüffeln sollte, sich aber viel mehr für den Boden interessierte. Naja, wer wills ihm verübeln? Terroranschlag an Sandhausen. Na klar. Abtasten wollen heute nur eine Handvoll Ordner. Kein Wunder, dass sich eine gewaltige Menschentraube vor dem Block bildet. Ich hab Glück und gerate an einen, der sich sogar noch dafür rechfertigt in meine Tasche sehen zu wollen. Meinem Nebenmann will man sogar Aufkleber abnehmen. Sticker als Gefahr für Recht in Ordnung. Solche Leute wollen auch das Abendland retten. Zu dem Common Sense im konservativen Baden-Württemberg gehört auch ein restriktiver Umgang mit Alkohol. Und so gibt es beim Catering nur Leichtbier. Naja, am Ende drehen diese Ultras noch durch und kleben überall ihre Aufkleber hin.

Das Stadion wurde übrigens seit meinem letzten Besuch umgebaut. Der Gästeblock ist nicht schlecht; interessant ist jedenfalls, dass er direkt nebem der Block der Sandhäuser Ultras (?) gelegen ist, was einen Einblick in deren Kurve ermöglichte. Der kleine Kreis an Leuten gibt sich schon im Rahmen seiner Möglichkeiten Mühe, beeindrucken kann das trotzdem nicht wirklich. Interessanter schon eher die gelegentlichen Mittelfinger von dort Richtung USP. Waraum auch immer. 18,6 Prozent für die AfD bei den jüngsten Landtagswahlen im Landkreis um Sandhausen lass ich mal als These stehen. Könnte sich aber auch um einfaches Profilierungsgehabe handeln. Oder beides. Auf den umliegenden Feldern sind sie nach dem Spiel jedenfalls nicht mehr gewesen, soweit ich weiß.

Fußball!

Und pünktlich um eins rollt dann endlich der Ball. Und es dauert auch gar nicht lang bis Nehrig und Alushi das 1:0 vorbereiten, welches von Thy exekutiert wird. Toller Treffer, spielstark, Nehrig mit guter Übersicht. Die heutige Leistung der Boys in Brown rechtfertigt meines Erachtens den vierten Platz in der Tabelle absolut. Spielerisch deutlich überlegen, die Partie wird kontrolliert, Sandhausen wird gar nicht ins Spiel gelassen. Warum nicht häufiger so? Sicherlich mag das auch ein Stück weit daran liegen, dass die Gastgeber überhaupt nicht präsent sind und eine unterirdische Vorstellung abliefern. Folgerichtig dann auch das 2:0 nach starken Einsatz und einem tollen Abschluß von Ratsche! Geiles Tor! Überhaupt spielt Rzatkowski verdammt stark und immer mit enormen kämpferischen Einsatz. Ich kann nur hoffen, dass er uns noch ein wenig erhalten bleibt.

Die zweite Halbzeit ist eher langweilig. Solide gespielt und obwohl Sandhausen besser ins Spiel findet, werden sie nicht mehr wirklich torgefährlich. Ich denke, man darf dies als hochverdienten Sieg bezeichnen.
Den Support mag ich ungern beurteilen, da das Empfinden etwas eingeschränkt ist, wenn man direkt neben dem Kern von USP steht. Dass es wirklich gut gewesen ist, bezweifel ich. Aber lauter als die dreißigköpfige Kerngruppe nebenan wird es schon gewesen sein.

Heimreise und Epilog

Das Spiel ist aus, alle sind zufrieden und nun beginnt die große Suche im Wald nach den Shuttlebussen zur S-Bahn. Ich bin dankbar, als mir die Fahrt doch erspart bleibt, denn ich treffe Bekannte aus Hamburg, die mit dem Auto da sind und mich nach einem Bier in dem Vereinsheim eines nahegelegen Hundesportplatzes (geile Location!) mitnehmen können. Wir halten an der Bergbahn und nehmen dieses interessante Gefährt runter in die Heidelberger Altstadt. Ich verabschiede mich dort und fahre mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof. Die Nacht werde ich in Hessen verbringen können, sodass ich nur noch zweieinhalb Stunden fahren muss. Auch wenn eine technische Störung die Fahrtzeit leicht verlängert, komme ich gegen 22 Uhr in Nordhessen an. Nach ein paar Gläsern Apfelwein (dem bedeutensten Kulturprodukt Hessens) mit meinen Gastgebern geht’s dann Sonntagmorgen endlich ins Bett. Was eine Tour!

Lieber Leser, liebe Leserin, ich nehme an, ich muss mich erstmal bedanken, dass du diese ganzen Belanglosigkeiten bis hier hin gelesen hast. Lass mich diese letzte Zeilen noch für einen letzten Appell nutzen. Auswärtsfahren macht Laune. Vor allem diese unmöglichen Touren. Und der touristisch geneigte Mensch sieht sogar noch ein wenig was von dem hiesigen Nationalstaat. Der Besuch in Sandhausen hat gezeigt, dass wir durchaus mehr Auswärtsfahrer_innen gebrauchen könnten, also denk doch beim nächsten mal drüber nach, wenn du noch ein Platz im Fanladenbus angeboten bekommst.

Ein letztes Wort noch zur sportlichen Situation. Die Aufstiegsplätze sind in weiter Ferne, weder nach oben noch nach unten scheint wirklich was zu gehen. Sieben Spiele, acht Punkte. Naja. Auch wenn wir noch gegen Nürnberg spielen. Ich sag’s mal ganz vorsichtig: Ich bin Optimist. Vielleicht lässt sich der Abstand ja doch noch etwas verkürzen. Wir sehen uns gegen Berlin oder in Freiburg!

Forza Sankt Pauli!

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  2 Responses to “Sandhausen auswärts. Ein viel zu langer Bericht über eine viel zu lange Tour.”

  1. „also denk doch beim nächsten mal drüber nach, wenn du noch ein Platz im Fanladenbus angeboten bekommst.“

    Wenn das so einfach wäre, seid die Plätze zuerst über die Fanclubs verteilt werden, bin ich nicht mehr mit dem Fanladen gefahren.
    Vorher bin ich oft nach einem Heimspiel hin und hab gefragt ob es noch Plätze gibt, oft mit Erfolg.
    Jetzt kann ich aber nicht extra, nach Hamburg fahren, um mich um Restplätze zu bemühen.

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