Feb 222016
 

Ach liebe Leser, das Leben als Fußballfan kann ja ein einziger Rauschzustand sein. Die Mannschaft schlägt einen starken Gegner, es läuft, die Tabelle sieht gut aus und dann kommt der Tabellen-Fünfzehnte. Das müsste doch klappen am Millerntor, dieser Festung. Satz mit X sagen wir nur. Das war gar nix.

Der Tag beginnt eigentlich ganz vielversprechend. Das Millerntor gleicht schon lange vor dem Anpfiff einem Bienenstock und die Spannung und Aufregung ist zu greifen. Der Fanladen mag zwar kein Fanshop sein, aber man bekommt bei und in ihm alles, was das Herz so begehrt. Seien es nun Karten, Aufkleber, Kaffee oder einfach nur warme Worte. Schnell ist es aber auch Zeit, sich auf die Tribüne zu trollen. 

Was bei Ewald auffällt: „Never chance a winning team“ ist bei ihm absolute Prämisse. Wenn er nicht unbedingt muss, wird er nach einem Sieg keine Wechsel vornehmen. Dabei hätte man gegen Frankfurt schon mit anderem Personal spielen können als gegen Leipzig. Denn klar ist: Man wird sich diesmal keine reine Abwehrschlacht leisten können. 

Beim Rundgang von Ewald meint jemand, der sei heute nicht richtig heiß. Das mag nur dahingesagt sein, aber genau diesen Eindruck hat man auf dem Platz. Es fehlt dieser bedingungslose Einsatz, der sonst die Jungs auszeichnet. Ebenso wie nach dem Leipziger Hinspiel hat man auch diesmal das Gefühl, dass die Jungs es nicht schafften, sich nach einer fetten Leistung gegen Leipzig auf den FSV Frankfurt einzustellen. 

Zwar schießt man noch das 1-0, aber bereits vorher ist irgendwie massiv der Wurm drin. Dokumentiert wird das durch diverse gute Chancen der Frankfurter. Und der Gedanke „Naja, vielleicht gibt das 1-0 ja jetzt Sicherheit.ist noch nicht mal zu Ende gedacht, da haben die Jungs schon eine 20sekündige Tiefschlafphase, lassen sich direkt nach dem Anstoss übertölpeln und es steht 1-1. Danach rettet zwar Himmelmann noch ein paar mal, aber im Endeffekt war Frankfurt einfach griffiger, aggressiver und besser. Der rasante Ausgleich ist der Genickbruch des Abends, unsere Jungs stehen irgendwie neben sich. Und so sind auch die beiden anderen Tore nicht einem riesigen Spiel von Frankfurt geschuldet, sondern einfach einem gebrauchten Tag unsererseits. Insgesamt ein Match, was mit seinen vielen Torszenen so kaum zu erwarten war.

MagischerFC St. Pauli FSV Frankfurt Februar 2016 Feuerwerk

Diffidati con noi – Solidarität auch von außen

An den Rängen liegt dies nicht. Oder doch? Zumindest kann man dem Millerntor an diesem Abend nicht nachsagen, dass es die Jungs nicht bedingungslos unterstütze. Von einer Solidaritätschoreo mit Feuerwerk draußen (sehr geiles Timing nebenbei) über wirklich laute Anfeuerungsrufe, ist eigentlich alles dabei. Geholfen hat es jedoch nix. Oder lähmt es die Jungs? 

Fakt ist, dass die letzten vier Heimspiele eher nicht wirklich gut waren. 3-9 Tore und gerade mal drei Punkte sprechen eine deutliche Sprache. Wir haben zu Hause sechs von elf mal zu Null gespielt und trotzdem 14 von 23 Gegentoren bekommen. Heimkomplex, ich hör dich trapsen. Umso bemerkenswerter, dass wir immer noch Anschluss an die Aufstiegsränge haben. Anderseits ist das ja nichts Ungewöhnliches. In Liga 2 tun sich die meisten Vereine schwer, zu Hause wirklich die Spiele entspannt nach Hause zu schaukeln. Diese Klasse haben halt nur die Wenigsten. 

Ärgerlich ist es trotzdem, dass man beachtenswerte 29.000 Zuschauer ohne Sieg nach Hause schickt. These: Kein anderer Zweitligist hat auch nur annähernd ein volles Haus gegen Frankfurt. 

Was das Millerntor aber zur Heimat macht: Nach so einem Spiel nicht ein Pfiff. Ruhige Enttäuschung bei vielen, ja. Danach aber auch schnell aufmunterndes Geklatsche oder Gesinge und so eine „Weiter, immer weiter“Stimmung. So soll es sein. Auf geht es, Jungs. Dann holen wir uns die Punkte halt in Duisburg (Tabellenletzter, Aufbaugegner, das sind in der Woche verbotene Vokabeln). 

Nicht aufsteigen wollen?

Weil es ernsthaft Blogger gibt, die meinen, man wolle ja gar nicht aufsteigen: Ehrlich gesagt können wir das nicht nachvollziehen. Zum einen tut es weh, gegen solche gefühlten Bezirksligisten wie FSV Frankfurt mit 100 Leuten im Gästeblock zu spielen. Zum anderen sieht die zweite Liga nicht gerade einer glorreichen Zukunft entgegen, wenn man die Überlegungen zum Fernsehvertrag betrachtet. Und wir gehen dann doch lieber regelmäßig um 15:30 ins Stadion und nicht um 13:00 Uhr. Und noch etwas: Wenn man eine Profimannschaft sich ansieht und als Verein betreibt, dann kann nur der größtmögliche sportliche Erfolg das Ziel sein. Alles Andere ist dummtüch und kann in der Oberliga Hamburg bewundert werden. Da hat keiner Ambitionen. Führt aber auch dazu, dass das Ganze nahezu ohne Zuschauer und ohne öffentliches Interesse stattfindet. Das kann nicht unser Ziel sein. Und ein „langsam aufbauen“ wird es angesichts der finanziellen Differenzen zwischen Liga 1 und 2 auch nicht mehr geben. 

Nach dem Spiel noch eine Demo für den Pudel. Das Lichterkarussell hatte schon vorab die Bauschmerzen mit dem Demoaufruf in drastische Worte gepackt, die wir uns nun nicht eins zu eins zu eigen machen wollen, die aber auch unsere Bauchweh gut wiedergeben. 

Warum tun sich „Linke“ eigentlich oft so schwer, mit einfachen monothematischen Demoaufrufen? Warum müssen komische Verschwörungstheorien eingebunden werden? Was wäre eigentlich so schwer an einem Aufruf, der ca. folgenden Wortlaut hat: „Der Pudel ist cool, das ist unser Laden, der ist abgebrannt, lass uns solidarisch sein und dafür eine Demo machen!“ Würde uns zumindest eher ansprechen. 

Auf der Auftaktkundgebung ist lange von Refugees und einem bitteren Fall mit Pudelbezug die Rede. Aber warum der Pudel eigentlich ein guter Laden ist und wo gerade das akute Problem liegt (Zwangsversteigerung etc.), das wird nicht wirklich erwähnt. Man verstehe uns nicht falsch: Das Thema „Umgang mit Refugees“ im Allgemeinen und die Lage dieses einen Betroffenen im Besonderen sind derbe wichtige Themen, die viel mehr solidarisches Handeln benötigen. Aber wenn ich zu einer Pudeldemo aufrufe, dann wäre auch eine Pudel-Erläuterung das Richtige. Und ja, so eine Demo kann auch mal rein egoistisch (im Sinne „für unseren Laden“ sein). So wird das ein Mischmasch, was allen Themen nicht wirklich gerecht wird. 

Trotzdem wäre es natürlich schön, wenn sich für den Pudel und all die Ideen, die an ihm hängen, eine Lösung findet. Noch mehr loftähnliche Büros oder KasemattenRestaurants braucht St. Pauli nun definitiv nicht. 

Bleiben nur noch zwei Dinge zu sagen

1. Haben die bei der DFL eigentlich Lack gesoffen? Irgendwann um den 13. März sollen wir Effe aus dem Stadion ballern. Aber wann? Das verheimlicht die DFL noch ein bisschen. Es ist einfach zum Kotzen, dass vier Vereine (denn nur die Europa League hat durch ihren absurden Donnerstagsspieltag Einfluss auf die Terminierungen) die Ansetzungen der anderen 52 Vereine der ersten drei Ligen blockieren. 

Das kann es nun echt nicht sein, liebe DFL. Merkt endlich, dass diese „internationale Wettbewerbsfähigkeit“ nicht den ganzen anderen nationalen Betrieb vollkommen lähmen kann. Und so etwas wie „Sicherheitsbedenken“ anzuführen, um St. Pauli – Paderborn (!!!!) nicht anzusetzen, ist nun wirklich dummer Bullshit. Man möchte eigentlich diese Bonzen aus ihren Glaspalästen ziehen und ihnen mal zeigen, was der normale Fußballfan auf sich nimmt, um bei solchen Nichtterminierungen sein Team zu unterstützen. 

Mal sehen, wie lange Sky leere Ränge und fehlende Stimmung noch Milliarden wert sind. Wir hoffen nicht mehr so lange. 

2. Mal solidarische Grüße an allen vernünftigen Menschen in Sachsen, die sich gegen diesen rassistischen Wahnsinn der Mehrheitsgesellschaft dort stemmen. Wir in unserem Wohlfühlviertel St. Pauli können uns wahrscheinlich gar nicht vorstellen, wie es ist, da irgendwo auf dem Land als halbwegs denkender Mensch zu leben. 

Es schrieben auch noch

Das Prinzip Hoffnung / Millerntor

War was? / Gröni

The many faces of St. Pauli / Outside left

Unerwartet genauso wie erwartet / Couchgepöbel

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  4 Responses to “Moppelkotze”

  1. […] „Dann holen wir uns die Punkte halt in Duisburg (Tabellenletzter, Aufbaugegner, das sind in der Woche verbotene Vokabeln)“ (MagischerFC) […]

  2. […] Auch am Start: BeebleBlox: Deppenrunden Stefan Groenveld: War was? Outside_Left: The many faces of St. Pauli: some reflections SouthEndScum: Oooh shit! MagischerFC: Moppelkotze […]

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