Nov 242015
 

Vorbemerkung

Der FC St. Pauli, der etwas andere Verein. Ein Image, welches sich in den 80er Jahren entwickelt hat, weil Fans etwas damals vollkommen Neues probierten und damit Erfolg hatten. Diese Entwicklung ist Geschichte und sehr viel zehrt der Verein noch heute davon.

Sie begann jedoch vor 30 Jahren und ist wahrscheinlich schon sehr lange nicht weiter gegangen. Dies ändert sich anscheinend nun. Ein kluger Mensch sagte gestern, dass dieses Präsidium für sich einen ganz klaren Gestaltungsanspruch habe und konstruktiv etwas im Fußball verändern wolle.

Damit kann man natürlich auf die Schnauze fliegen, denn in jeder Änderung liegt auch ein Risiko; aber ein Stillhalten wäre für den FCSP nicht mehr machbar gewesen. Zu sehr zehrt man von „früher“ und zu sehr lief man in den letzten Jahren in einen Stillstand. Klar, das war auch damit begründet, dass man ein Stadion zu bauen hatte und dies sowohl Geld als auch Zeit band. Aber dies ist nun vorbei.

Daher ist es sehr zu begrüßen, dass unsere Führungsriege weiterhin versucht, Strukturen zu verändern und Steine zu drehen. Bei allem Risiko, die eine solche Strategie in sich birgt.

Kauffakten

In diesem Kontext muss man auch die heute verkündete Entscheidung, die Firma Upsolut zu kaufen, einbinden. Dankenswerterweise hatten wir wie andere Blogs die Möglichkeit, diese Entscheidung vorab noch mal erläutert zu bekommen. Diese Gleichbehandlung von Presse und Blogs ist auch eine sehr begrüßenswerte Strategie des Präsidiums. Wichtig als Blog ist aus unserer Sicht, dass man dies A) den Lesern dann auch ausdrücklich mitteilt (hiermit geschehen) und B) sich nicht zum Verkündungsorgan des Vereines reduziert. Machen wir nicht, versprochen.

Erstmal die Fakten: Der FCSP kauft seine Merchandising-Rechte vollumfänglich zurück. Er gibt dafür 1,3 Millionen aus und übernimmt von Upsolut auch 80 Mitarbeiter (inklusive Aushilfen, Teilzeit und Auszubildende). Das Ganze soll aus einer Ansparrücklage und der laufenden Liquidität finanziert werden. Es soll dann eine Rückzahlung in die Ansparrücklage erfolgen, 2015 und 2016. Upsolut macht ca. 500.000 Gewinn und 8,5 Millionen Umsatz. Wie man sich zukünftig im Merch-Bereich aufstellen will, ist noch nicht geklärt. Der Verein schreibt so schön: „Teilhabe von Fans, Mitgliedern und/oder Partnern ist zu prüfen.“ Dies habe auch Auswirkungen auf die Internationalisierung des Vereines, schreibt der Verein weiter. Der Anteil des Merch am Gesamterlös war beim FCSP bisher deutlich unter einem Prozent, im Durchschnitt aller Bundesligisten liegt er bei sieben Prozent. Bisher hatte der FCSP zehn Prozent der Einnahmen erhalten. Ein Rechtsstreit lief, liegt vor dem BGH, sodass man nun eine einvernehmliche Lösung gefunden hat.

Bewertung

Erstmal BÄM! Das ist ein sehr guter, preiswerter und absolut notwendiger Deal – gerade jetzt zu dieser Zeit, denn günstiger werden die Rechte wohl nicht mehr. Schon vor Jahren schrieb dieses Blog mal was von „if you can’t beat them, join them“ und genau dies tut der Verein jetzt. Da haben unsere Oberen erstmal die richtige Stellschraube gefunden.

1,3 Millionen sind für eine Gesellschaft mit 500.000 Gewinn ein echter Hammerpreis. Nicht mehr und nicht weniger. Da hat Lagardère wohl doch Angst gehabt, dass man auch vor dem BGH verliert und dann für die Gesellschaft nichts bekommt. Gut, solche Situationen muss man auch als Präsidium clever ausnutzen.

Natürlich bindet sich der FCSP mit dieser Entscheidung auch ein paar Risiken ans Bein. 80 Mitarbeiter mehr sind erstmal eine Verpflichtung, die bei einem finanziellen Problem (Abstieg) ganz schnell zu einem Hebel werden können. Das mag gerade alles in weiter Ferne liegen, aber ihr wisst: Die Fehler werden beim FCSP immer dann gemacht, wenn es dem Verein gerade blendend geht. Trotzdem ist dies natürlich kein Fehler, aber es sei darauf hingewiesen.

Ebenso darf man nie die Anleihe vergessen. „Ansparrücklage auflösen“ klingt erstmal harmlos, aber diese Rücklage ist ja genau für die Bedienung der Anleihe vorgesehen. Und die wird 2018 gnadenlos fällig und dann sollte man am besten 8 Millionen auf der hohen Kante haben. Daher schreibt man auch was von „zurückführen“ des Geldes in die Ansparrücklage. Nun wollen wir das aber nicht überdramatisieren, denn laut der letzten Bilanz hat der Konzern (!) FC St. Pauli immerhin 8,3 Millionen an liquiden Mitteln. Das ist dann doch ein ordentliches Polster, um auch die Anleihe zurückzahlen zu können und damit die Schuldenlast (immerhin noch immer gut 37 Millionen im Konzern) 2018 erheblich zu senken.

Was leider nicht klar ist, ob von Upsolut nur der Geschäftsbereich „FC St. Pauli“ übernommen wird oder auch die anderen Geschäftsbereiche (Cyclassics!). So wie es formuliert ist, gehen wir mal von dem Ersteren aus. Schade eigentlich. Denn das sind garantiert keine uninteressanten Veranstaltungen, so rein finanziell.

Natürlich geht dieser Kauf auch zu Lasten des kurzfristigen (!) Spieleretats – auch wenn gestern die Rede davon war, der Rückkauf habe darauf keine Auswirkungen. Mittel- bis langfristig wird es dem Spieleretat massiv nutzen, aber in den Jahren 2015 und 2016 wird es ihn ein bisschen belasten („aus der Liquidität“). Das ist in einer Saison mit unzähligen auslaufenden Verträgen natürlich auch ein kleines Risiko – führt aber das bisher sehr erfolgreiche Motto „Steine statt Beine“ weiter. Und es ist allemal besser, diesen Verein für die nächsten 30 Jahre gut aufzustellen, als kurzfristig einen Spieler zu halten.

Zukunft

Gestaltungsanspruch ist das Stichwort. Unser Megaseller „Totenkopf“ ist gut 30 Jahre alt. Und durch die vertrackte Situation, die u. a. ein Veränderungsverbot beinhaltete, gibt es seit gut 15 Jahren nix wirklich neues mehr. Eine Millerntor-Stadion-Kollektion war mal angedacht und wieder verworfen worden, und so ist unser ganzes Merch doch etwas eingestaubt und monothematisch. Totenkopf, Rettershirt und ein paar kleine Abweichungen. Das ist es.

Dies gilt es zu ändern. Wünschenswert wären mehr Freiheiten für die Abteilungen (Verkauf eines Handballtrikots z. B.), aber auch Möglichkeiten, moderne, schöne und andere Sachen zu entwickeln. Hier sollte die Prüfung der Teilhabe von Fans und Mitgliedern sehr schnell zu einem „oh ja, bitte beteiligen“ führen. Denn wie schon der Totenkopf zeigt: Die besten Ideen kommen von Fans. Zeigt nebenbei auch das ständige Kopieren von Ultrà-Ideen. Bei allen Vereinen.

Nutzung von Wort- und Zahlenspielen wie FCSP oder 1910 sind da nur ein naheliegendes Beispiel. Auch eine schöne Stadionkollektion wäre eine Idee.

Eher skeptisch sehen wir ehrlich gesagt eine Beteiligung von „Partnern“. Damit ist man jetzt im ganz großen Stil auf die Nase gefallen, da sollte man sehr vorsichtig sein. Wichtig wird es hier sein, gerade diesen Gestaltungsanspruch zu behalten und ständig und kontinuierlich weiterentwickeln zu können. Und bitte keine Werbe- oder Designagenturen mit ganz tollen hippen Ideen. Das geht schief und wird meistens nur peinlich.

Aber wir haben da auch ein bisschen Vertrauen, dass unsere Oberen viel zu gerne selber gestalten. Hier geht’s in die richtige Richtung.

Nur mal so weiter geträumt: Die nächsten Projekte sind dann bitte eine eigene Sporthalle im Viertel für die Handballer und alle anderen Abteilungen, inklusive vereinseigenem Fitness- und Rehazentrum, um dort auch entsprechende Mitgliedschaften anzubieten, und ein riesiges Trainingsgelände für G-Jugend bis 1. Herren innenstadtnah. Lasst uns das Unrealistische realistisch machen.

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  3 Responses to “Gestaltungsanspruch”

  1. […] Ende. Zum 01.01.2016 kauft der Verein die vollen Merchandising-Rechte für 1,3 Mio. Euro zurück. Gestaltungsanspruch attestiert der Magische FC-Blog, das Marketing- aber auch das Fanmitgestaltungpotential dieser neuen […]

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