Sep 122011
 

oder

18 Minuten reichten

Vorwort

Liebe Leser, was soll man über so ein Spiel schreiben? Nicht viel, denn eigentlich jeder wird es gesehen haben. Hat irgendwer von euch eigentlich heute schon mal auf die Tabelle geguckt? Wir haben 7 Spieltage hinter uns und zwischen Platz 1 und 13 sind in Liga zwei 13 Punkte (das Montagsspiel ändert daran nichts mehr). In Liga 3 sind es nach 8 Spieltagen gerade mal 8 Punkte und dies obwohl der Tabellenführer in beiden Ligen gleich viele Punkte hat. In der 2. Liga ist insbesondere eine Zweiklassengesellschaft zu erkennen von so 10 Klubs, die bereits jetzt eigentlich nur nach unten gucken können. Darunter auch mit Duisburg und Bochum zwei Vereine, die man dort nicht erwartet hätte. Und 6 Vereinen, die auf die Abstiegsplätze schon richtig Platz haben und wohl nur nach oben gucken können. So richtig sich noch nicht entschieden, wo sie hinwollen haben sich eigentlich nur Paderborn und Union nicht. Klar, das ist alles eine Momentaufnahme und mit einem Lauf kann man schnell wieder nach oben oder nach unten rutschen, aber bemerkenswert ist dies schon. Denn Platz 13 hat auch schon 10 Punkte Rückstand auf Platz 3. In Liga 3 sind es gerade mal 5 Punkte. Aber verlassen wir diese Überlegungen und gehen rein in den Tag.

Arschlecken!

Ja so ein Heimspieltag hat doch nach all den Jahren seine Routinen, aber da ich zu spät am Fanladen war, gab es diesmal dort keine Premiumcola und kein Beck’s. Die Schlange war einfach zu lang. So nur kurz dort das nötigste erledigt, auf den Fanräumesachen ein Shirt mit einem Berliner Bären, der Fußball spielt und hinten drauf einem „Berlin“ gefunden (wer hat das denn da hingelegt?) und los zum Stadion. Zwischen Kartenvergabe noch kurz ein bisschen die Örtlichkeiten gezeigt und am Container dann die Überschrift an den Kopf geworfen bekommen. Okay, als Antwort auf „Na, du Stalinist“ war das schon angebracht und wenn es von einem Roten Stern kommt, auch immer gerne genommen. Ich habe schon mal erwähnt, dass ich die Recken mag, oder? Alleine schon, weil Solidarität in schweren Zeiten für die kein Fremdwort ist.

Unsere Bezugsgruppe war heute urlaubstechnisch etwas ausgedünnt und wir hatten ungefähr auch noch 1.000 Kinder dabei, so dass einige Eltern unten am Zaun hingen. So stand ich zwischen Astra Luego und einer Person, die ich gar nicht kannte, aber alles sehr entspannt und lustig. Dazu später aber noch mehr.

Jolly Rouge flächendeckend auf allen Tribünen vertreten, wenn auch nicht in der Freiburgintensität. Wie schon im letzten Beitrag erwähnt: Der Protest an sich hat meine volle Sympathie, ich selber war in Rot gekleidet und hatte meine Jolly Rouge Fahne dabei. Es müssen sich nun aber über die Sozialromantiker hinaus Menschen hinaus vernetzen und gute Anträge auf die JHV einbringen. Bisher ist mir dort viel zu wenig passiert.

Mir scheint es in diesem Zusammenhang auch wichtig zu sein, aufzuzeigen, wie flach die Hierarchien bei St. Pauli sind. Wenn ich sehe, wie Leute innerhalb von einem Jahr Einfluss und Respekt gewinnen, dann zeigt das nur, wie schnell das geht. Ich sage ja immer: Saufe zwei drei mal mit den richtigen Leuten, schon bist du in einem Gremium.

Aber it’s a fun day. Auch wenn es lange nicht so aussah. Die Choreo? Auf der Süd? Hammer! Ich liebe Wendechoreos und die war großartig. Hab ich schon mal die USP Choreogruppe abgefeiert? Nein, dann tue ich es hiermit, denn ich weiß aus meiner Passantenzeit, wie mühsam es ist in mehr oder minder kalten Räumen auf den Knien zu sitzen und irgendwelche Tapeten oder ähnliches vorzubereiten. Und dann auch immer eine passende Idee zu haben, das ist so einfach nicht. Hey, da kann einem auch mal eine Choreo inhaltlich nicht passen, aber meinen Respekt für die Arbeit haben die absolut.

Wobei wir bei den Zines des heutigen Tages sind. Ich muss sagen: Basch und Kiezkieker? Top, absolute Ergänzungen des Fanzinehimmels. Ich persönlich würde nie Zine A vor Zine B setzen, denn alle haben ihre Berechtigung. Ich bin bei weitem nicht mit allem einverstanden, was in den einzelnen Zines steht, aber das wäre ja auch langweilig. Ich finde die unterschiedlichen Ansätze sind alle Teil der Familie St. Pauli in der ich Grundsolidarität übe. Und wo es dem Übersteiger an Feuer und Witz mangelt, da gleicht er mit Hintergrundinformationen und Vernetzung aus. Und haut ab und zumal dann doch ein Freakartikel raus, wie der Reisebericht zum Niederländischen Pokalfinale. Und Feuer? Das hat der Kiezkieker. Aber so etwas von. Da merkt man, wie ein Gehirn brennt für diesen Verein. Teilweise mir absolut zu prollig und zu unkorrekt, aber das Feuer, das tropft aus jedem Satz. Das Basch kommt da viel weniger gefeuert, dafür aber sehr informierend rüber. Wer up to date sein will, was in der Ultrakultur so passiert, der muss das Teil lesen. Und die Schreibe liest sich dabei auch noch sehr flüssig. Abgerundet wird dies durch kleine gruppeninternen Sticheleien (Winterthurbericht).

Ich blogge und fotografiere, wie man auf dieser Seite sieht. Was ich aber ganz selten mache ist, dass ich blogge und dazu ein Foto veröffentliche, aber wenn ich die Stimmung heute im Stadion beschreiben will, dann kann ich nur dieses Foto veröffentlichen:

Oder anders ausgedrückt: Bei St. Pauli ist eine Stimmung, dass sich Gegner vor Angst in die Hosen machen. Und das war gestern auch beim Stand von 0-2 so. Kurze Schockminute, aber danach war auf den Rängen auch wieder Vollgas angesagt. Zumindest auf unserer Höhe.

Nun zum Spiel: Die erste Halbzeit war eher aus der Kategorie „Vergessen wir es lieber“. Mehr Torschüsse, mehr Ballbesitz? Wahrscheinlich bei uns, aber seien wir ehrlich: 1860 mit dem, was man „reifere Spielanlage“ nennt und der Elfmeter war die logische Folge einer immer besser werdenden Münchener Elf. Thorandt stellte sich da einfach schlichtweg dämlich an und Lauth verwandelte sicher. Okay, passiert mal und das unsere Jungs Come Back Kids sind, wissen wir ja alle. Nur wenn du in der 45. das 0-1 bekommst und in der 47. das 0-2 und im Endeffekt bei dir 5 Minuten sämtliche Lichter aus sind, dann glaubt wohl niemand daran, dass es noch mal 11 Minuten später 3-2 steht. So auch nicht mein Nebenmann, der kurz vor dem 1-2 folgenden Satz zu Protokoll gab:

„Da geht gerade gar nix, das wird noch 10 Minuten dauern, bis unsere Jungs wieder was zustande bringen.“

Konnte man so stehen lassen, den Satz. Und 10 Minuten später war er bei uns beiden für einen wirklichen Lacher gut. Liebe DFL, ihr solltet nebenbei mal das Bet & Win Konto von Herrn Maurer checken. Der scheint nach dem 0-2 100 Euro als Livewette auf den FC platziert zu haben, denn anders ist es aus meiner Sicht nicht zu erklären, dass er beim Stand von 2-2 Lauth und damit den Ruhepol im Spiel der Münchener auswechselte. Wie kann ich in einer solchen Wackelphase meinen Kapitän vom Platz nehmen? Für mich vollkommen unbegreiflich. Und angeschlagen war der nicht, denn eine Behandlung nach seiner Auswechselung fand nicht statt. Und schlecht war Lauth nun auch nicht wirklich.

So konnte Kruse den Sack zu machen und fertig war die Laube. Man kann ja von Kruse halten, was man will und viele waren ja ob seiner Ansage, dass er Führungsspieler sein wolle, doch skeptisch. Aber nach 7 Spielen und 5 Toren muss man sagen: Er lässt Worten Taten folgen und war auch Gestern der beste Mann auf dem Platz. Klar, er muss diese Form nun eine Saison durchhalten, aber bisher ist er auf dem richtigen Weg.

Ein weiterer Gewinner des Spieles war Marius Ebbers, denn alleine durch seine Präsenz auf dem Platz und seinem unbändigem Kampfgeist wurde die Truppe mitgerissen. Ich beurteile Ebbers nicht nur an Toren, denn für eine Sturmspitze marschiert der auch wie ein Irrer. Und genau das hat uns letzte Saison immer wieder gefehlt. Ein Marius Ebbers, der auch noch die 100ste Ecke rausköpft. Damit ist Saglik auch gleich ein Verlierer, denn er hatte durch die Verletzung seine Chancen und hat sie leider nicht nutzen können. Im Gegensatz zu Ebbers nimmt er am Spiel nicht sehr teil, so dass er an Toren gemessen werden muss. Und da hatte er eine Killerchance direkt nach dem Elfmeter und die MUSS er machen, wenn er Ansprüche stellen will.

Positiv aufgefallen ist mir auch noch Schachten, über den ich 90 Minuten nicht gemeckert habe und das ist schon ein riesiger Fortschritt. Und diese ansteigende Leistung krönte er dann noch mit dem Ausgleichstreffer.

Ach 1860, irgendwie habe ich ja immer noch Grundsympathien zu den Löwen. Und wenn der Präsident von denen sich selber aus dem Krankenhaus entlässt um nach Hamburg zu fahren, dann vor dem Spiel auf einem Südkurvenstein sitzt und eine schmöckt, dann ist das irgendwie auch wieder sympathisch. Wenn auch nicht wirklich gesundheitlich unbedenklich. Wie bei so vielen Vereinen gibt es auch bei Sechzig viele korrekte Typen und viele Leute stromerten auch mit braun-weißen durchs Viertel. Ebenso gibt es auch ganz viele Deppen und leider gehört die örtliche Uffta Gruppe auch eher in die Kategorie „nervige Deutschultras“. Aber wie soll in dieser Situation, wo jahrelang jegliches (selbst-)kritisches Potential durch Wildmoser getötet wurde auch etwas wie eine eigene neue Kultur entstehen? Ohne einer Flucht aus der grauen Einöde des Stadions des Lokalrivalens entsteht da auch nix mehr. Der Gästeblock war ordentlich gefüllt, aber wirklich Lärm machten die nicht.

Zurück zum Spiel. Nach den 18 Minuten Extase konnte Tschauner sich noch auszeichnen, konnte noch ein bisschen gefeiert werden, konnte noch durchgedreht werden und dann war der Tag auch schon abgefrühstückt. Die Gegengerade übte sich noch im Interviewstören durch Trainerablenkung (großartiger „Schubidu“ Gesang) und als dann die Regenwolken kamen, waren wir alle schon in der Gastronomie der Wahl. Ich noch mal mit dem Twittervolk, ja sind ja einige nette Leute, aber trotzdem gefällt mir die Plattform nicht. Viel gesabbelt, viel Interna gewälzt und irgendwann dann nach Hause gekommen.

Hier nun für die Statistikfreaks: Ich gehe seit 1986 regelmäßig (das ist jetzt die Untertreibung des Jahres) zum FC. In dieser Zeit haben wir nach meiner Erinnerung (und ich meine, dass dies von Pathos letztens mal bestätigt wurde) genau drei Spiele in der Liga nach einem 0-2 gewonnen. Gegen Darmstadt in grauer Vorzeit, das Hoilett/Brunnemann Spiel gegen Rostock gestern. Hinzu kommt noch der Herthaknaller im Pokal. Und da ich mich gestern mit Hauke (Brückner) darüber unterhielt findet ihr das ganze auch ausführlich auf der offiziellen HP.

Und dann war da noch…

… das Spieldatum, was genau auf den 11.09. fiel. Nicht nur, dass wir traditionell an diesem Tag gewinnen (das weiß ich aber eher, weil Pauline an diesem Tag auch Geburtstag hat) und wir einem 3-0 in Paderborn und einem 7-1 gegen Braunschweig nun ein 4-2 folgen ließn, nein der Terroranschlag vor 10 Jahren wurde im Stadion von keiner Seite gewürdigt oder angesprochen. Das einfach mal als Feststellung. Kann nun jeder draus machen, was er will. Dies ist umso bemerkenswerter, als dies am 1. Jahrestag noch anders war.

… ihr wollt euch einfach mal solidarisieren und Besetzern einer Fabrik dick die Daumen drücken, dass sie bei ihrem Kampf um „ihr“ Haus Erfolg haben? Und das ohne auch nur ein Wort zu verstehen oder irgendeinen Hintergrund zu kennen? Dann guckt euch einfach dieses Video an. Das sprüht so vor Lebensfreude, dass man nur Sympathien und Solidarität entwickeln kann. Einige Hintergründe für den eher skeptischen Menschen gibt es auch hier.

  3 Responses to “Lieber ein Stalinist, als ein beamteter Jurist”

  1. Ich würde Maurers bwin Konto zwar auch gern mal angucken, Lauths Auswechslung aber war (lt.Print-Kicker) dessen Speiseröhrenentzündung und damit verbundener wegbleibender Luft geschuldet 🙂
    Ansonsten: Viel Kopfnicken meinerseits.

  2. Ich lasse mir meine Story doch jetzt nicht durch die Wahrheit kaputt machen 😉 Das hat der Vorgeschoben um die Wette zu verschleiern.

  3. […] Kleiner Tod, Magischer FC, Übersteiger, Metalust, Süddeutsche, Breitseite (auf […]

 Leave a Reply

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

(required)

(required)

Blue Captcha Image
Refresh

*