Aug 292011
 

oder

Routine

Vorwort

Ich habe nun keinen Bock einen wirklichen Erlebnisbericht zu schreiben, weil ganz ehrlich: Ich glaube das ist mein 10 oder 20 oder 30stes Mal Braunschweig. Und verloren haben wir eigentlich auch immer. Daher mache ich das jetzt anders und fokussiere auf die Absonderlichkeiten dieses Tages.

Gesetzesverstöße als Protest? Gerne, aber nicht so!

Absonderlichkeiten?

Ja, das begann schon mit der Terminierung durch die DFL und den NFV, die es für eine gute Logik hielten, unsere 2. Mannschaft am gleichen Tag in Hamburg spielen zu lassen und zwar gegen Magdeburg. Ganz ehrlich: Das es zu einem Aufeinandertreffen von Magdeburg und St. Pauli kommen würde, das war dadurch so sicher wie das Amen in der Kirche. Das ist genau die gleiche Anreiseroute.

Wenn man schon so bekloppt plant, dann müsste man doch als Polizei eigentlich auf diesen Punkt vorbereitet sein, oder? Was könnte man nun logisch machen? Die Anfahrtswege trennen! Aber stattdessen empfiehlt die Polizei auch noch die Anreise mit dem Zug.

Nun scheppert es also in Uelzen und es geraten 6 Bundespolizisten zwischen die Fronten (was für eine Formulierung; sie ist der Polizeipressemeldung entnommen). Einer wird verletzt. Doof, unnütz und irgendwie auch nicht das Wahre. Was dann aber dem Text der Pressemitteilung zu entnehmen ist, strotzt nur so vor Fragezeichen und Widersprüchen. Die Polizei kann nicht ausschließen, dass es ein verabredetes Ding war. Okay, das kann man nie ausschließen, aber die ganzen Umstände (videoüberwachter Bereich, Polizei definitiv anwesend etc.) klingen nicht wirklich so, liebe Polizei. Und auch in Braunschweig ging die allseits beliebte Gerüchteküche von einer zufälligen Begegnung mit einigen Magdeburg Mutanten inklusive Thor Steinar Klamotten aus. Danach wird es dann aber absurd. Und ich zitiere:

„Die Angriffe ereigneten sich um 07:55 Uhr noch vor der eigentlichen Anreisephase zu den Fußballspielen Eintracht Braunschweig – FC St. Pauli und FC St. Pauli II – FC Magdeburg. Wegen der frühen Anreise beider Fangruppierungen mit einem unvermeidbaren Zusammentreffen in Uelzen mehrere Stunden vor den Spielen kann nach ersten Ermittlungen eine sogenannte „Verabredung“ zum Aufeinandertreffen nicht ausgeschlossen werden. Denn auch die Hamburger Fans auf dem Weg nach Braunschweig hätten ursprünglich erst um 09:56 Uhr im Hamburg Hauptbahnhof abfahren sollen. Noch ist unklar, wo die Gruppen in die Züge eingestiegen sind.“

Ein Blick auf Bahn.de zeigt, dass man bei der Nutzung des Nahverkehrs erst um 12:54 in Braunschweig ankommen würde, wenn man die angegebene Verbindung nutzen würde. Entweder die Polizei glaubt wirklich, dass Fußballfans 36 Minuten zwischen Anpfiff und Ankunft als normale Zeit sehen oder sie sind zu doof bahn.de zu nutzen. Beides lässt auf sogenannte szenekundigen Beamten nicht wirklich ein gutes Licht scheinen. Nebenbei: 09:56 hatte die Polizei nicht irgendwie empfohlen. Ich stelle mir die behelmte Hundertschaft vor, die in Hamburg wahrscheinlich irgendwelche Omis auf dem Weg nach Uelzen erschreckt hat, als sie den Zug vor 500 gewalttätigen braun-weißen schützen wollte, aber außer zwei drei Hoschis, die verschlafen hatten niemanden mehr fand.

Wenn man die berühmten 90 Minuten vor dem Spiel am Stadion hätte sein wollen, dann ist die späteste Verbindung 8:15 ab Hamburg. Wenn man dann noch bedenkt, dass viele Leute ganz bewusst nicht so gerne den letzten möglichen Zug nehmen, dann ist die Nutzung des 6:57 Zuges eigentlich nicht so abwägig. Ebenso wenig abwägig ist es, dass die Magdeburger in Hamburg vielleicht noch ein Bier trinken wollten. Hamburg soll ja gerüchteweise touristisch interessant sein. (In Braunschweig kann man auch ein Bier trinken wollen, nebenbei, liebe Polizei). Umso mehr erstaunt der erstaunte Unterton der Polizei und der folgende Satz:

„In der Folge wurde erst kurz vor dem Eintreffen des Magdeburger RE 17702 in Uelzen um 07:51 Uhr bekannt, dass sich rund 50 Magdeburger Fans im Zug befanden.“

Auch hier die Frage: Gibt es in Magdeburg keine gut bezahlten szenekundigen Beamte?

Es wird sprachlich aber noch besser, denn der nächste Satz ist auch eine echte Perle:

„Sie wollten in Uelzen „umsteigen“.

Es wird auf ewig ein Geheimnis der Pressestelle der Polizei bleiben, warum das „umsteigen“ in Anführungszeichen gesetzt ist. Was wollten sie denn sonst? Selbst wenn man von einem voll geplanten Ding ausginge, wollen sie doch immer noch umsteigen.

Okay, aber die Hamburger Morgenpost, wäre nicht die Hamburger Morgenpost, wenn sie nicht dem ganzen noch den Vogel aufsetzen könnte. In der Pressemitteilung der Polizei steht folgender Satz:

„Unterdessen wurde aus den Reihen der Fans bekannt, dass es ohne das beherzte Eingreifen der sechs Bundespolizisten zu weitaus massiveren Ausschreitungen gekommen wäre.“

Nun ist der Satz schon spannend. Aber was die MoPo draus macht, ist endlich der Hammer:

„Die Fangruppen gaben nach den Auseinandersetzungen bekannt, dass ohne das Eingreifen der Polizei noch massivere Ausschreitungen geplant waren. “

Hmm… Per Pressekonferenz? Per Bekennerschreiben? Per Video? (Ich stelle mir jetzt gerade einen mit einem braun-rot-weißem Hassi auf, der andere mit einem blau-weißen und sie lesen dann das Kommunique der Kampftruppen FCM FCSP zum Überfall in Uelzen vor. Das ganze vor einer „Sport frei“ Fahne, oder wie? Sorry, meine Fantasie geht mit mir durch.) Ihr merkt schon, aus der Spekulation von Fans, welche die Polizei mal übernimmt und zur Wahrheit macht, wird in der MoPo schon eine öffentliche Bekanntgabe. Oder bin ich einfach nicht in den richtigen Presseverteilern? Dann möchte ich doch bitte endlich aufgenommen werden! Ich will auch die Randalebekanntgaben bekommen, welche die MoPo bekommt!

Es geht weiter

In Braunschweig dann die Gängelung von Fußballfans, die leider heutzutage üblich geworden ist: Weg nur ins Stadion. Verweigerung des Ganges zu Schließfächern. Zusicherung von Schließfächern am Stadion. Dort Annahme von Sachen, die dann ohne Nummer, ohne irgendwas einfach abgestellt werden und erst auf Protest entsprechend gekennzeichnet werden.

Sind wir ja alles gewohnt, aber irgendwie kann es doch nicht so schwierig sein, Fußballfans kurz zu einem Schließfach am Bahnhof zu lassen, oder? Was soll da denn auf dem Weg passieren?

Der Ordnungsdienst in Braunschweig ist zumindest im Bereich der Gästekurve einfach nur finster. Ich weiß nicht, welche Hooligangruppe da ihr Hobby zum Beruf gemacht hat, aber sorry, das sind keine Vorurteile, das sind echt knallhart Kanten. Viele Leute wollen auch für die rechte Szene typische Kleidungsmarken ausgemacht haben, das kann ich nun nicht beurteilen, so nah bin ich an die diesmal nicht rangekommen, aber würde mich nach Optik und früheren Erfahrungen so gar nicht wundern.

Der Block wurde von der ersten Gruppe braun-weißer gestürmt, was erstmal keine feine englische Art ist. Was dabei erstaunlich ist: Das ganze geschah sehr früh, es geschah als der Block noch leer war und trotzdem schritt die Polizei weder ein, noch versuchte sie im noch leeren Block Täter dingfest zu machen. Natürlich wurde das ganze gefilmt, aber filmen bringt doch nur dann etwas, wenn ich den Täter zumindest noch mit den gleichen Klamotten erwische. Denn ein sonnenbebrilltes Gesicht ist doch meistens so unklar auf einer wackeligen Videoaufnahme, dass man es nicht erkennt. Auch nach dem Spiel gab es kein Eingreifen der Polizei. Das ganze blieb mir so etwas schleierhaft, ehrlich gesagt. Oder liegt das etwa auch an der Eigenschaft des Braunschweiger Ordnungsdienstes? Warum der Blocksturm? Naja, da muss man kein Prophet sein, die Plakate und die Pyros mussten mit rein und die bekam man halt nicht anders mit rein.

Warum das ganze früh und in einen leeren Block geschah, ist mir insgesamt also jetzt mal aus der Täterperspektive gedacht. Im späteren Gedränge wäre es ein einfachstes gewesen unerkannt zu bleiben. So ist die Gefahr des entdeckt werden doch viel größer. Aber ich bin zugegeben kein Blocksturmexperte.

Pyro als Protest?

Wenn ich mal von den Tapeten schließe und mich mal ganz bewusst der anderen Gerüchteküche enthalte, dann waren die Pyros eine Antwort auf ein Verbot einer Choreo durch Braunschweig und/oder die Ordnungskräfte. Okay, so kann man protestieren, muss man aber nicht. Also erstmal: Grundsätzlich war die ganze Nummer auf Gefahrreduzierung angelegt, so mit den meisten Bengalen in der Hand, wenig Rauchkram und so, dass der Wind das ganze aus dem Block blies (Zufall oder nicht, egal). Das wäre eigentlich das Idealbild, wie Pyro benutzt werden müsste.

Was dann wieder alles kaputt macht aus meiner Sicht ist, dass da auch wieder irgendein Knallkörper zwischen war. Und nein, das war kein platzender Luftballon. Warum muss wieder irgendwer über die Stränge schlagen? Wenn man Pyro wirklich mal legalisiert bekommen will, dann muss bei solchen Nummern die Selbstkontrolle funktionieren, sonst wird das nie etwas.

Und nun kann man wieder die übliche Pyrodiskussion führen. Ich habe da ehrlich gesagt keine Lust mehr drauf und wenn sich ein Verein, der Millionen damit verdient, dass er non established sein will, auf „ist verboten“ und „kostet Geld“ zurückzieht, dann ist die Diskussion auch albern. Deal: Der Verein vermarktet dieses alberne Rebellentum (so mit Regenjacke im Wasserwerfer testen) nicht mehr und es gibt auch kein Pyro mehr? Schreit jemand hier? Unser Vermarkter wahrscheinlich nicht.

Eine ganz andere Sache ist: Finde ich das gelungen? Nun ja, einmal ist es abgeguckt, denn eine „Ihr bringt nur euren Fanschal mit“ Verfügung von Ordnungskräften hat Karlsruhe bereits 2002 mit einer fetten „Verbote? Wir ficken euer System“ Nummer beantwortet. Bis heute finde ich diese Nummer vollkommen okay. (Und das ist ungefähr das einzige, was ich an Karlsruhe cool finde.)

Und daher ist es natürlich etwas abgelutscht das ganze 9 Jahre später so ähnlich zu wiederholen. Ich hätte irgendwas anderes cooler gefunden. So Pyro reinschmuggeln und die unangezündet alle der Polizei vor die Füsse werfen und dazu ein Plakat: „Wir hätten gekonnt, hätten wir gewollt. Ihr stoppt uns garantiert nicht.“ Oder irgendwas noch besseres. Und bei mir bleibt einfach der Beigeschmack, dass ich bei einigen Leuten mir einfach der Kick zuviel und der Inhalt zu wenig im Vordergrund steht. Was bei meinem Vorschlag eben nicht der Fall gewesen wäre. Warum nur kann ich ungefähr die Leute benennen, die auch bei einer fetten genehmigten Choreo gezündelt hätten?

Und um es mal deutlich zu sagen: Die Nennung von 10 Namen kommt einem Verbot gleich. Niemand ist mehr so bekloppt Namen und/oder Adressen zu nennen. Denn diese szenekundigen Beamten können zwar nicht bahn.de bedienen, aber irgendwelche schwachsinnigen Gefährdetenansprachen und unsinnige Datensammlungen, das können sie. Und meine Hoffnung, dass Eintracht Braunschweig solche Daten nicht an die Polizei gibt, sind gleich null. Und da nützt auch eine mündliche Zusicherung von Braunschweig sehr wenig und ganz ehrlich, würde ich nicht drauf vertrauen. Immerhin stell Sven klar, dass die Praxis bei uns nicht besteht. Der in dem Link gezogene Vergleich zu unserem Modell verbietet sich meines Erachtens jedoch, denn die personellen Konsequenzen sind schon ganz andere. Dazu aber gleich noch ein paar Worte

Absurd wird es, wenn man ihnen wie in Braunschweig geschehen eine Verantwortung inklusive der Androhung eines örtlichen Stadionverbotes zuschreibt. Das wäre aus meiner Sicht niemals rechtlich haltbar. Wofür denn? Und das ist definitiv im Vergleich zum St. Paulimodell eine persönliche Erpressung und Haftbarmachung, das kann es nicht sein. Choreoverbot für 5 Jahre ist für mich eine angemessene Strafe. Aber eine persönliche Gefährdungshaftung, selbst wenn dies nur örtlich ist: Never! Man stelle sich mal vor, dies würde überall Praxis werden. Willkür allez. Und danach nervige Prozesse.

Wozu sonst soll denn die Namensnennung gut sein (so um mal die anderen Optionen abzuklopfen)? Eine Verantwortung im rechtlichen Sinne bekommt man einfach nicht hin. Niemandem kann man eine Gefährdungshaftung für einen Dritten per AGB oder Vertrag aufdrücken. Das muss man schlichtweg als sittenwidrig ansehen. Auch im Polizeirecht ist eine Störerhaftung für einen unbekannten Dritten schlichtweg nicht möglich. Denn nix anderes wäre das. Das sind ja Dritte mit denen ich im Notfall nix zu tun habe. Strafrechtlich sowieso nicht. Diese Namensnennungen sind rechtlich also komplett überflüssig, sie dienen meines Erachtens schlichtweg nur dazu Namen zu sammeln. Klar, wenn man EINEN Ansprechpartner haben will um Modalitäten zu klären: Geschenkt, kein Problem. Aber sozusagen 10 als Haftung, nein Leute, so funktioniert das Spiel nicht. Insbesondere dann nicht, wenn sie rechtlich einfach nicht haftbar zu machen sind. (Mist, ich hätte die Story vorher wissen sollen, ich hätte meinen Namen sofort gegeben. Den Musterprozess um das Stadionverbot hätte ich gerne geführt.)

Nebenbei: Liebe Schickeria, wenn ihr vom St. Pauli Modell als Erpressung spricht, dann verdreht ihr meines Erachtens Ursache und Wirkung. Das ganze war ein Ausweg aus einem von der Polizei auferlegten generellen Verbot von irgendwelchen Fahnen. Und ja, es ist natürlich ein Kompromiss und daher sehr wenig Ultra. Aber es ist für mich – im Gegensatz zu dem hier praktizierten – ein gangbarer Kompromiss. Aber deswegen bin ich auch kein Ultra. Ob und wie das in Wolfsburg gehandhabt wird, weiß ich nicht. Aber mit einer Vereinbarung hat es wenig zu tun, eher mit der Möglichkeit nirgendwo gar nix reinzubekommen oder wenigstens meistens alles mit reinzubekommen. Ich weiß nicht, ob dann ein Verzicht auf Pyro so schwierig ist. Kann man gerne diskutieren, aber eine Erpressung sehe ich da nicht.

Der Rest des Tages ist schnell erzählt: So sehr sich beide Blöcke abmühen, im Innenraum verliert sich der Lärm doch sehr schnell. Da sieht man dann doch die Nachteile einer Laufbahn. Auf dem Platz waren unsere Jungs einfach schlecht, verloren nach der Auswechselung von Boll jegliche Linie, ließen sich hinten reindrängeln, so dass das Tor zwangsläufig irgendwann fallen musste. Das es dann durch einen Torwartfehler fiel, das ist ärgerlich, aber nicht wirklich alleine seine Schuld. Läuferisch, spielerisch und kämpferisch lies man sich von den sehr ruppig vorgehenden Braunschweigern alles abkaufen. Hinzu kam noch ein Schiri, der alles verfolgte, aber keine Linie und dessen Linienrichter mal die Regeln lernen müsste. Aber will ich diesem Schiedsrichter böse sein? Irgendwie seit dem 16.02. nicht mehr. Ihr wisst schon warum.

Nach dem Spiel noch ganz viele liebe Menschen verabschiedet und nach Hause. Wo ich erstmal ein bisschen Ruhe brauchte und alleine den Dom umrundete.

Print Friendly

Flattr this!

  4 Responses to “Ich war hier schon mal”

  1. Hallo Norbert!

    Den komischen Zeitpunkt des Blocksturmes, möchte ich als Rücksicht auf die Nichteingeweihten verstehen, die später sicher von so einem Geränge überrascht worden wären.
    Wäre doch ein schöner Grund!

  2. […] Magischerfc.de: Bildergalerie / Hintergrundbericht […]

  3. […] Berichten über die Szenen am Bahnhof Uelzen von nicht gerade unbekannter Seite verfaßt: http://www.magischerfc.de/wordpress/?p=5854. Like this:LikeSei der Erste, dem dieser post gefällt. « Flutlichtsieg trotz […]

 Leave a Reply

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

(required)

(required)

Blue Captcha Image
Refresh

*