Feb 172011
 

oder

Die Zündeldiskussion

Vorwort

Bevor ich in einem gesonderten Artikel meiner Freude, meinen Erlebnissen und den ganzen lustigen Geschichten dieses Tages Platz bieten möchte, möchte ich das negative vor die Klammer ziehen und die Zündeldiskussion führen.

Was tun?

Fakt ist: Es ist in unseren Blöcken massiv gezündelt worden und dies relativ unmotiviert mitten im Spiel. Ich vermute mal, dass man um 19:10 zündeln wollte, aber das ist eine Vermutung. Und zwar einmal in der USP Ecke und einmal in der RGK Ecke. Das soll jetzt keine Kollektivverantwortung dieser Gruppen herstellen, das ist erstmal nur eine örtliche Beschreibung. Ob und inwieweit die Verursacher in deren Reihen zu suchen sind, mag ich nicht spekulieren, will ich nicht spekulieren und es ist auch egal, ob oder ob nicht. Fakt ist: So ein massiver Raucheinsatz wird mit mehren Leuten abgesprochen gewesen sein, Einzeltäter (im Sinne von einer Person) werden das eher nicht sein.

Ich will auch nicht die normale Schiene von „sieht gut aus“ versus „ist verboten und gefährlich“ fahren. Diese Argumentationsschiene ist ausgelutscht und bringt uns alle nicht weiter. Ich will vielleicht mal den Blick auf einen anderen Ansatz der Überlegung lenken. Ich weiß nicht, ob man damit die Verursacher erreicht oder auch nicht. Was wir als Szene viel mehr überlegen müssen, ist wie gehen wir mit den Verursachern, wenn man sie denn mal beobachtet hat um?

Ich persönlich halte nix von Denunziantentum und ich halte nix von Sachen über die Polizei regeln. Ich halte auch nix davon sich im Stadion gegenseitig an die Gurgel zu gehen oder in eine Diskussion zu verfallen. All dies bringt nix und ist eher Scheiße. Ich halte aber sehr viel davon das Gehirn auch solcher Leute anzusprechen und ihnen mal klar zu machen, welche Verantwortung sie eigentlich übernehmen. Und dann sollten sie mal ganz stark überlegen, ob sie wirklich bereit sind diese Verantwortung zu tragen.

Vorab aber noch zwei Absätze: Ich finde die Ausrede „Aber ist doch Derby“ nur bedingt tragend. Wenn dies der einzige Zündelfall gewesen wäre, dann hätte ich noch gesagt „okay, dann ist das bei DIESEM EINEN Spiel halt so.“ Da dies aber bereits der dritte oder vierte Fall in dieser Saison war, verfängt dieses Argument nicht. Mal ganz davon ab, dass für mich beim Derby nicht andere Regeln greifen wie bei einem Spiel in Hoffenheim.

Das „sieht gut aus“ muss man für diesen konkreten Fall auch mal deutlich verneinen. Im Intro unter den Fahnen, ja da hätte es gut ausgesehen, da bin ich ehrlich. So aber ohne irgendwas mitten im Spiel und ohne Bezug zum Spiel: Ne, das sieht nicht einmal besonders gut aus.

Und dann kommen wir zu der Verantwortung der Verursacher: Es war beinah abzusehen, dass eine sehr nervöse Polizei so reagiert, wie sie reagierte. Das sie ohne Rücksicht auf Verluste in einen überfüllten Block knüppelt und Pfeffer sprüht. Das sie u.a. einen Vorsänger mit Pfeffer vom Zaun holte und auch auf Jugendliche und Frauen einknüppelte. Man hat letzte Woche schon gesehen, wie die Polizei wieder aggressiver auf Gefackel reagiert und daher kann mir keiner sagen, dass so etwas nicht mit in die Überlegungen eingeflossen sein muss.

Und wenn nicht, dann sollte es jedem nun klar sein, wie die Polizei reagiert und was passieren kann. Und dann sollte man dringen darüber nachdenken, ob ich die Verantwortung dafür übernehmen will, dass irgendwelche wilden Kampfmaschinen 1.500 Leute gefährden.

Und um es mal deutlich zu sagen: Ich halte so einen Polizeieinsatz weder für wünschenswert, angemessen oder sinnvoll. Da kann soviel passieren und das ist einfach nicht die richtige Lösung. Nur Aktion und Reaktion muss hier ebenso deutlich benannt werden. Das ist ja kein Blitz aus heiterem Himmel.

Gestern schwirrten doch Berichte über Verletzte durch den Raum und ich kann verstehen, dass viele Leute unten in dieser Situation nicht weiter Fußball gucken wollten. Ich hoffe, dass es den Verletzten soweit wieder gut geht und das trotzdem alle irgendwie noch den Derbysieg ein bisschen genießen konnten. Ein Schatten ist natürlich drauf.

Und noch etwas müssen die Verursacher bedenken: Sie stellen sich hier gegen eine Mehrheit von Leuten, die aus unterschiedlichsten Gründen Gezündel ablehnen. Und ich als alter Demokrat finde es nicht gut. Nicht einmal in der aktiven Fanszene wird es einen Konsens darüber geben, ob man zündeln darf oder nicht. Ich weiß, dass wir früher dies nur gemacht haben, wenn ein Konsens bestand. Das war damals in Aachen und da haben es alle gewusst und alle sozusagen genehmigt. Und so lange dieser Konsens nicht da ist, würde ich es nicht machen.

Von den Folgen Geldstrafe, Auswärtsverbot, schlechte Presse, nächstes mal keine Choreo, will ich gar nicht sprechen, aber auch dies sollten die Verursacher bedenken, denn sie schaden dem Verein damit. Und ob eine Gruppe von 10 bis 200 Leuten diese Verantwortung tragen kann und sollte insbesondere gegen eine Mehrheit (dazu später), das ist das Thema. Und nochmal: Ich mache keine Gruppe, die Transparente an den Zaun hängt kollektiv verantwortlich. Das alleine deswegen schon, weil mir Gruppenstrukturen und Gruppenmitgliedschaften viel zu unklar sind. Wenn sie es waren, müssen sie es erstmal und zuerst intern aufarbeiten.

Ich will aber auch mal folgendes sagen: Gezündelt wird auch, weil sich die Presse drauf stürzt, weil die Aufmerksamkeit des Stadionsprechers noch drauf gelenkt wird, weil sofort unzählige Kameras blitzen (im dunklen sehr gut zu sehen). Wenn man diese Öffentlichkeit gar nicht herstellen würde, würde man auch viel gegen gezündel tun. Denn Kontrollen und so bringen gar nix, so genau kann man 57.000 Zuschauer nicht kontrollieren. Ändern tut man nur etwas, wenn man die Einstellung der Verursacher ändert. Ja, ich weiß, dass dieses schwer ist.

Ach ja: Und mit Beschimpfungen oder interner Gewalt erreicht man gar nix, außer Ärger. Auch in solchen Situationen müssen wir zusammen stehen und dieses Problem gemeinsam, zusammen und in ruhiger Art lösen. Klar gibt es irgendwann auch eine Schwelle, wo man den Grundkonsens kündigen muss und wo man den Verursachern auch deutlich machen muss, dass sie irgendwann eben doch der Polizei bzw. unserem Verein genannt werden. Nur dann mit Vorwarnung und als allerletztes Mittel. Und soweit sind wir noch lange nicht.

Und nein, ich habe kein Patentrezept. Ich denke wir stehen am Anfang der Diskussion, denn im Gegensatz zu vielen anderen Szenen waren wir bis zu dieser Saison frei von regelmäßigen Zündeleien.

Und wie ihr vielleicht gemerkt habt, habe ich das Wort „Täter“ bewusst vermieden.

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  9 Responses to “Vor der Klammer”

  1. Mich kotz die Ignoranz einiger weniger nur noch an.

    Ich wünschte, dieses Thema würde innerhalb der Fanszene schnell mehr Gewicht bekommen. Ich finde die ganze Entwicklung bedenklich und nicht weniger gefährlich für den Verein, wie zuviel Werbung und Kommerz im Verein und beim Spiel.

  2. Ich finde aber, dass man solchen Leuten klar machen muss, dass St.Pauli-Fans und Verein solch ein Verhalten in keiner Weise unterstützen. Natürlich ist es falsch mit naktem Finger auf diese Leute zu zeigen und zu sagen: ,, Der War´s“, aber es ist in meinen Augen nun mal die einzige Möglichkeit so etwas zu vermeiden (Obwohl auch das den Keim nicht erstickt) Ich finde die Idee von Andree sehr gut. Wir sollten alle zusammen gegen solche Leute zusammen stehen und zeigen, dass so etwas (in falschen Händen) gefährlich und bei uns nicht erwünscht ist, denn ich finde, dass wir als FC St. Pauli und seine Fans solche Aufmerksamkeit nicht nötig haben.
    Die Leute sollen lieber auf uns schauen und sagen: ,, Was ´ne Choreo “ oder ,, Was ein Support“ und nicht: ,,Guck mal das sind auch so´ne Idioten“.
    Allerdings wird diese Diskussion nur so lange geführt, wie Pyrotechnik gefährlich ist. Und hier ist der Ansatz von admin perfekt!
    Lasst uns gemeinsam ein Lösung für dieses Problem finden. MIT Vorstand, Präsidium und FANS, denn das hat auf St.Pauli bis jetzt (fast) immer bestens funktioniert.

  3. Betrüblich ist, dass viele der guten und auch untrittigen Argumenten mit Worthülsengewerfe schlicht und einfach ignoriert werden.

    Auf Verstand und Nachdenken setze ich da nicht mehr.

    Ich wäre ja für das Vuvuzela-Austeilen an Pyrogegner im Block. Ist auch verboten, ist auch Fankultur und deswegen absolut akzeptabel.

  4. @Ottoerich: Natürlich sind das Standpunkte (was aus meiner Sicht nur Meinungen sind) und ich kann es mir selber ja schon nicht Recht machen, weil ich zwischen Anarchie und Jurist hin und hergerissen bin. Die Idee des „Raucher-Blocks“ wäre aus meiner Sicht die perfekte Lösung. Insbesondere, weil dann Unternehmen auch entsprechende Produkte entwickeln könnte, die nicht ganz so gefährlich wären… Aber wir stehen hier am Anfang einer sehr schwierigen Diskussion mit ganz vielen Teilnehmern und Meinungen. Wird spannend.

  5. Hi MagischerFC,

    du willst es allen recht machen, das kann nicht klappen. Manchmal gibt es keine zwei Meinungen sondern nur noch Standpunkte.

    Die Idee mit dem „Raucher-Block“ fand ich sehr gut, in jeder Beziehung. Wünsche ich mir sehr.

    Gegen M’Gladbach et al. hieß es immer wieder per Stammtischparole „Einfach mit dem Feuerlöscher ‚reinhalten“ und das fand dann allgemeine Zustimmung in der Süd. Bei mir nicht.

  6. Leider habe ich auch kein Patentrezept zur Lösung der Pyroproblematik und ich bin mir auch nicht sicher, ob man mit diesen Selbstdarstellern eine vernünftige Diskussion über den Sinn oder Unsinn ihrer Fackelei führen kann. Ich erwarte da eher wenig Einsicht! Aber einen besseren und erfolgreicheren Weg kenn ich auch nicht.

    Zum Polizeieinsatz beim Derby kann ich eigentlich nur aus deinem sehr gelungenen Bericht zum Spiel gegen M`gladbach zitieren.
    „Ohne irgendwelchen Anlass (und das ist in meinen Augen auch ein Derby nicht) anfangen zu zündeln, das ist schon mehr als dämlich und hat auch nichts mit einer sinnvollen Intropolitik zu tun. Und irgendwann kann auch die Polizei nicht mehr anders, als da reinzugehen.
    …Natürlich ist ein Polizeieinsatz in einem vollen Block nicht wünschenswert, aber wenn man so darum bettelt, dann kann man auch nicht mehr von einem unverhältnismäßigen Polizeieinsatz sprechen. Irgendwann muss man einfach mal das Hirn einschalten, so weit es denn vorhanden ist.“

    Es gab mal so eine Kampagne „Ohne Rauch geht auch“, diese sollten wir vielleicht mal in abgewandelter Form in unsere Fanszene übertragen…

  7. Ausser einem Extra-Block für Raucher ist mir auch nicht mehr eingefallen. Das Dumme ist, dass sich Polizei und Verein wohl einfach mal für mehr Kameras entscheiden werden.

  8. Gebe ich dir Recht und daher kann ich dir auch nicht ein Patentrezept der Lösung anbieten. Der Versuch kann nur sein, dass eben Ego und Nachdenken in einer Person passieren. Schwieriger weg, klar. Aber haben wir einen besseren? Ich zur Zeit ehrlich gesagt nicht.

  9. Glaube nicht, dass bei den Kandidaten viel über Verantwortung nachgedacht wird. Das ist wie Du auch schreibst purer Egoismus für das eigene Ego. Steht selten im Zusammenhang mit Nachdenken oder Verantwortung.

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