Apr 082019
 

Liebe Lesende, so richtig Spaß macht das alles gerade nicht. Und damit meinen wir hier jetzt einfach mal nur die Darbietung unserer Mannschaft auf dem Platz.

So einfach

Es wäre diese Saison sehr einfach gewesen, die “MillerntonMaik-Spiele” zu erreichen und mit Stuttgart (oder Nürnberg oder Augsburg) einen Platz in Liga 1 auszuspielen. Klar, die Erfolgsaussichten sind gering und die mittelfristigen Folgen der Teilnahme an einer Relegation nicht immer gut (Küsschen nach Braunschweig), aber in einem professionellen Umfeld sollte man diese kleine Chance an den Haaren herbeiziehen wollen und das bestmöglichste auf den Platz bringen.

Das schaffen wir zur Zeit nicht wirklich. Es stimmt hinten und vorne nicht auf dem Platz. Ja klar, auch in der Hinrunde waren die Darbietungen nicht immer überzeugend, aber im Notfall hat man das immer notwendige Glück einfach erzwungen. Oder hat alles reingeschmissen und dann verloren. Remember Wiesbaden?
Diese Brisanz, dieses Feuer fehlen ebenso wie eine bessere, flexiblere taktische Ausrichtung.

Keine gute Figur

Nun macht unser Trainer in dieser Krise zumindest öffentlich nicht gerade die beste Figur und in unserem Slack ist schon mehrfach eine Ablösung diskutiert worden. Vielleicht würde unter einem neuen Trainer alles Besser? Oder doch nicht? Dagegen spricht, dass wir nun ja auch in den Jahren vor Kaucze immer wieder mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatten und der sportliche Erfolg nun wirklich sehr beschränkt war. Und klar, Fußball ist ein Tagesgeschäft. Nach dem Spiel gegen Sandhausen sagte Stöver in einer Hamburger Zeitung, dass die Situation nach den beiden Niederlagen nicht mit Janßen vergleichbar sei, da habe man ja sechs bis sieben mal hintereinander nicht gewonnen. Damals wahrscheinlich noch in der Hoffnung, dass man gegen Duisburg gewinnt, hat er damit natürlich jetzt nach dem vierten sieglosen Spiel ein Ultimatium gestellt, ohne eines stellen zu wollen. Nun lässt sich Stöver zitieren, dass Kaucze die Mannschaft schon mehrfach aus solchen Situationen geführt habe. Nun ja, in seiner Amtszeit kann man 1-10 Tore mit einem Punkt aus vier Spielen zwar an einem Finger abzählen, und eine ähnlich negative Serie gab es nur zum Ende der letzte Saison, als wir aus 7 Spielen 3 Punkte holten. Also einmal bisher. Hoffen wir mal, dass er mit seiner grundsätzlichen Einschränkung Recht behält. Für die Gesundheit von uns allen. Wir kommen als alte Pessimist*innen aber nicht drum herum, im Folgendem doch ein paar Zweifel einzustreuen.

Das öffentliche Auftreten unseres Trainers ist Vorsicht formuliert verbesserungswürdig. Wir wissen nicht, wie er intern agiert und was intern wie besprochen wird. Daher beschränkt sich unsere Analyse natürlich auf den Ausschnitt, den wir wahrnehmen.

Da wird vor dem Duisburg Spiel von einem „starken Gegner” gesprochen, die waren damals Tabellensiebzehnter, auch wenn die in jüngster Vergangenheit ganz ok gespielt hatten. Aber verdammt noch mal! Wir waren da Vierter mit 4 Punkten auf den Relegationsplatz!
Da wird in mehreren Pressekonferenzen davon gesprochen, dass wir „keine Spitzenmannschaft“ seien. Wir sind nun wirklich nicht im Hauptberuf Fußballmotivationskünstler, aber müsste in Pressekonferenzen nicht eher die eigene Stärke noch mal herbei geredet werden? So ein klein machen würden wir uns als Spieler jedenfalls zu Herzen nehmen.

Fragen über Fragen

Keine Ahnung, ob hier Druck genommen werden soll, uns erscheint das schon sehr kontraproduktiv. Und mal ganz ehrlich: Der Druck in diesem Verein ist nun echt gering. Wir haben eine tolle Hinrunde gespielt und wollen die halt nun veredeln. Zumal es ja nun mehr als einen Spieler in diesem Kader gibt, die mehrfach betonten, wie toll es ist, dass die Fans auch in schwierigen Zeiten voll hinter der Mannschaft stehen.

Wir wissen nicht, welche Dynamiken in der Mannschaft um sich greifen, aber von außen und dem Ergebnis nach betrachtet wirkt das alles gerade nicht gut. Dabei hatte man in der Hinrunde schon das Gefühl, dass sich der FCSP taktisch auf seine Stärken konzentriert und auch auf taktische Züge des Gegners reagieren kann. Könnt ihr bei den taktischen Analysen des Millernton nachlesen. Es scheint da also irgendwie eine Kompetenz da zu sein. Wo ist all dies nun geblieben?

Auch der Umgang mit Spielern in einer Leistungskrise erscheint wenig zielführend. Mal Bank, dann Tribüne, dann wieder Startelf und nächstes Mal wieder Tribüne? Flum als Kapitän(sersatz für Nehrig) spielt plötzlich gar keine Rolle mehr. Ohne irgendeine Erklärung. Dabei ist doch gerade er als „erfahrener Spieler“ vor der Saison gelobt worden? Und ausgerechnet Flum hatte vor einigen Wochen ja auch die Einstellung anderer Spieler im Kader öffentlich kritisiert. Das passt doch alles nicht zusammen.

Auffällig ist der Leistungsabfall bei vielen Schlüsselspielern. Nehmen wir mal Knoll als Beispiel: Es ist wahrscheinlich auszuschließen, dass so ein Spieler wie er keinen Bock mehr hat. Der Typ ist doch der lebende Bock. Aber aus dem Dominator im Mittelfeld ist ein vollkommen unauffälliger Spieler geworden, der überhaupt nicht mehr in seine aggressive Spielweise kommt, die ihn so ausgezeichnet hat. Wir mussten auf der Heimfahrt aus Kiel tatsächlich kurz nachgucken, ob er überhaupt gespielt hatte.

Waren die Trainingsinhalte im Winter falsch, war der Formaufbau nicht richtig getimed?
Wir wissen es nicht, aber die hier bereits zitierten Laufwerte direkt nach der Winterpause wären zumindest ein Indiz (aber auch nicht mehr) dafür. Oder gibt es irgendwelche kleine Verletzungen die er und andere versuchen zu überspielen?

Über die immer wiederkehrenden Floskeln in der Außendarstellung haben wir bereits in unserem Rant geschrieben. Man möchte sich beinah mal eine zweite Stimme bei der PK wünschen (früher gingen da mal Spieler mit hin, aber das war wohl früher auch Pflicht), nur damit mal eine Auflockerung drin ist.

Nun kann man natürlich den Trainer als Sündenbock definieren und so ganz schuldlos ist der meistens auch nicht. Aber das ist eben immer nur die halbe Wahrheit. Wenn unsere Erinnerung uns kein Schnippchen schlägt, dann war es unser Präsident, der mal sagte, dass eine Trainerentlassung auch immer heißt, dass das ganze sportliche System in einem Verein versagt hat. Und da hat er natürlich Recht. Denn in einem guten System gäbe es eine Qualitätskontrolle, Frühwarnsysteme und genügend vertrauenswürdige Stimmen, die einem Trainer frühzeitig neue Ideen mitgeben und ihm seine Arbeit erleichtern.

Dieses System gibt es bei uns anscheinend noch nicht.

Was auffällt ist, dass dieser Kader immer dann funktioniert, wenn er muss. Siehe die beiden Heimspiele am Ende der letzten Saison. Was dieser Kader jedoch nicht kann, ist Spannung über einen langen Zeitraum hochzuhalten oder diese wirklich mal auch in Sandhausen zu haben.

Und in der Winterpause ist diese Spannung komplett verloren gegangen und sie kam nur noch einmal in Paderborn zu einem Kurzbesuch vorbei. Seitdem? Die ganze Luft raus. Ein Spiel gegen Union, bei dem man durch einen Elfmeter doch noch knapp gewinnt, nachdem man vorher fast 2 Punkte verschenkt hatte. Ein glückliches Tor gegen den Tabellenletzten, der offensiv zerfällt und eine gute Defensivleistung gegen Paderborn. Das war’s.

Es gilt dringend die Ursachen dafür zu analysieren. Was hat sich in der Winterpause verändert? Was für Vorgaben gab es wann? Wie war die Ansprache? Haben die Vertragsverlängerungen eventuell Spannung genommen? Was würde dies über den Charakter der jeweiligen Spieler aussagen? Etc. Etc.

Und so toll die Amerikareisen für die amerikanischen Fanclubs ist, die eine sehr wichtige Stimmen im FCSP Kosmos geworden sind, so sehr müssen auch diese auf den Prüfstand.

Irgendjemand schrieb so schön sinngemäß auf Twitter (sorry vergessen wer es war) „Jungs, jetzt noch mal richtig anstrengen und dann fliegen wir nicht schön 10 Tage in die USA, sondern nach Stuttgart“. Ja, auch die Amerikareise kann eine Fehlmotivation sein. Wir wissen nicht, ob noch eine dritte Tour geplant ist, aber aus unserer Sicht sollte eine „Relegation oder Reise“ Alternative ab jetzt vermieden werden.

1. Liga? Ja!

Wir als Blog wollen aufsteigen. Ja, die erste Liga ist mit ganz vielen Unannehmlichkeiten verbunden, aber Dinge wie „bessere Finanzierung unserer ganzen Stadionumbauten“, „Unsere Ideen des anderen Fußballs viel weiter präsentieren und der Welt zeigen, dass man auch als e.V. in Liga 1 spielen kann“ oder auch „Wir haben gerade ein Derby zu gewinnen“ (wobei, das Derby derentwegen weiterhin in Liga 2 stattfinden wird) sind für uns Argumente genug.

Für uns gibt es dafür noch ein ganz entscheidendes Argument: Einmal Europa, einmal so etwas erleben, wie Eintracht Frankfurt gerade. Und das geht nur mit Aufstieg. Nein, Pokal ist da als Zweitligist nicht wirklich eine Alternative. Und wäre angesichts unserer Pokalhistorie auch ein sehr hartes in die Tasche lügen.

Wir als Blog werden deswegen nicht müde, ein kurz-, mittel- und langfristiges Konzept, eine FCSP Spielweise, ein konkretes Ziel für unsere Profis und unsere sportliche Leitung einzufordern. Wir müssen von ganz oben bis ganz unten uns auf sportlichen Erfolg konzentrieren. Und wenn es nur die positiven Spiegelneuronen (Hallo Ewald) sind. Und ganz ehrlich: An diesen Zielen werden sich alle immer messen lassen müssen.

Ja, wir sind ein etwas anderer Verein, nein wir gehen alle nicht zum FCSP, weil da so viele Titel errungen wurden. Und ja, es gibt klare Grenzen dessen, was wir bereit sind zu vermarkten. Alles gut so weit. Wir kennen unsere Grenzen. Und finden es gut, dass es die gibt.

Aber „verlieren“ oder „glorreich scheitern“ sollten nicht FCSP DNA sein. Und “Hinter Heidenheim und Paderborn stehen” auch nicht. Wir sind eben nicht mehr das arme Mäuschen mit einer Bruchbude von Stadion. Wir sind ein Zuschauerkrösus, ein Merchkrösus und garantiert auch ein Vermarktungseinnahmenkrösus in dieser zweiten Liga. Diese Baustellen der 90er und 00er Jahre haben alle Präsidien und „Verantwortlichen“ wirklich gut bearbeitet und gelöst. Nun gilt es diese Lösung auch im sportlichen Bereich zu entwickeln und umzusetzen.

Dazu gehört auch, dass Spieler aus dem Jugendbereich, die nun als Profis an uns gebunden sind entwickelt werden. Das hat bisher nur sehr bedingt geklappt. Bei Park z.B. gar nicht, bei Carstens bisher ganz gut. Auch wenn wir schon fragten, wie zielführend dieses Positionsgeschachere für einen jungen Spieler wie ihn jetzt ist. Umso mehr Respekt für Carstens, dass er – trotz dieses Geschacheres – am Samstag die zweitbeste Leistung aller Spieler auf dem Platz abgerufen hat. Die Entwicklung der Jugend muss besser werden. Eine Jugend, die um Titel mitspielt ist ein ganz besonderes Kapital! Und häufig genug bringen die Jungs auch ein Herz für den Verein mit. Siehe Brodersen, der nicht nur beim FCSP spielt, seitdem er laufen kann, sondern laut Wikipedia auch eine lebenslange Dauerkarte sein Eigentum nennt. So etwas ist als Kern einer Truppe von unermesslichem Wert.

Oder drücken wir es doch kurz aus: Wir als Blog wollen besseren Fußball.

Mopo und Co, ihr nervt

Was wir nicht wollen? Für die MOPO die lustigen Paulis sein, die alles mit einer „Portion Witz“ transportieren.

Liebe MOPO, ja auch wir hatten das Plakat als nicht wirklich den geilsten Hit am Millerntor eingeordnet, aber könnt ihr endlich mal aufhören so zu tun, als ob ans Millerntor nur Heilige gehen, Plakate immer zu einem RIESIGEN SKANDAL zu machen, die euch im Volkspark nicht die Bohne jucken würden und könnt ihr auch endlich mal aufhören, das Klischee von den lustigen, total verrückten, nie pfeifenden und vollkommen friedlichen Paulis zu verbreiten? Das stimmte schon 0,5 Jahre nach der Einführung durch euch nicht mehr. Und das ist 35 Jahre her. Diese extreme Aufgeregtheit macht nebenbei jede sachliche Diskussion vollkommen unmöglich. Danke dafür, ihr Doofies in der Griegstraße.

Maik hat das noch mal besser und ausführlicher geschrieben.

So damit ist auch alles zum Geschehen um den Platz gesagt.

Apr 082019
 

LiterarischerFC: Wir haben uns mit Toni Gottschalk in der Kneipe zusammengesetzt, um über “Konfetti im Bier”, Älterwerden und Ei-Fürze zu sprechen und schlechte Wortwitze auszutauschen. Welchen Stellenwert Gewalt und Drogen haben und ob Deutschlands erster Ultrà-Roman verfilmt wird, erfahrt ihr im Folgenden.

Toni … oder soll ich lieber Marco sagen?
Muhahaha.

Wollen wir übers Derby reden?
Willst du übers Derby reden? Ich dachte, wir reden übers Buch.

Ja, sprechen wir lieber über dein Buch „Konfetti im Bier“. Das ist nun seit ein paar Wochen draußen. Schwimmst du schon im Geld und kannst bald deinen Job kündigen?
[Verzweifeltes Lachen] Achso, das ist eine ernstgemeinte Frage oder was?

Naja. Wie sind denn insgesamt so die Reaktionen bei Freunden, Familie, der Gruppe oder Presse?
Es ist noch relativ kurz, um das einschätzen zu können. Es hat irgendwie noch niemand gelesen. Die drei Leute, die es gelesen haben, finden es ganz gut. Vielleicht haben sich aber auch nur die gemeldet, die es ganz gut finden.
Und Geld: Ich komme so ungefähr bei Null raus, wenn die erste Auflage weg ist.
Weil du was vorschießen musstest?
Nee, aber ich habe ja einfach investiert. Allein, das an zig Verlage zu schicken, auszudrucken, Probedrucke fürs Vorlektorat zu machen, dies das. Da steckt einfach eine Menge Geld drin. Und ich habe auch schon eine Menge Geld für Sankt Pauli und linke Strukturen versprochen und dann bin ich halt bei Null.

Dass man damit nicht reich wird, denke ich, ist allen klar. Aber bist du selbst zufrieden mit “Konfetti im Bier”?
Sagen wir mal so: Ich stehe dahinter. Ich bezeichne es als einen “nur ein bisschen geschliffenen Rohdiamanten”.

Wie kam es zu der Idee, den ersten deutschsprachigen Ultrà-Roman zu schreiben? Erzähl mal die grobe Entstehungsgeschichte.
Die Frage beantwortet das eigentlich schon selbst. Der Erste zu sein, ist immer ganz nett. Ich hatte schon lange Lust, ein Buch zu schreiben – eigentlich, seit ich lesen kann. Natürlich ist so etwas autobiografisch Angehauchtes ein bisschen einfacher für den Einstieg. Eine Subkultur als Basis ist natürlich ganz nett.
Wie viel Autobiografie steckt drin, so grob?
Zwei Prozent oder so, der Rest ist ausgedacht.

Wie lang hast du ungefähr daran gearbeitet?
Brutto acht Jahre, netto zwei bis zweieinhalb. Es gab lange Phasen, wo ich nichts gemacht habe. Zwischendurch haben mir immer mal verschiedene Leute in den Arsch getreten und meinten: “Du musst das jetzt auch mal fertig machen.” Irgendwann habe ich dann gedacht, jetzt muss ich das mal an Verlage schicken. Und dann hat einer gesagt: “Wir drucken das.”
War die Verlagsuche ein langes Prozedere?
Ich habe sehr viele Briefe verschickt. Aber mein Anschreiben war sensationell gut. Entsprechend hat es mich nicht gewundert, dass irgendjemand das Buch angenommen hat. [lacht]
So wie eine Standardbewerbung an hunderte Unternehmen?
Genau. Nein, ich habe das schon als Pitch-Situation begriffen und im Anschreiben präzise und auf den Punkt einen Vorgeschmack gegeben, was einen erwartet. Habe ich wohl ganz gut hingekriegt. [grinst]

Das Buch Konfetti im Bier
Konfetti im Bier zwischen Bier und Bier

Wen siehst du als deine Leser*innenschaft, an wen ist das Buch gerichtet?
Das ist eine Frage, mit der ich mich sehr lange beschäftigt habe – auch während des Schreibens noch. Es sind konzentrische Kreise nach außen: In erster Linie habe ich für meine Homies geschrieben, für meine Gruppe. In zweiter Linie für alle Sankt-Pauli-Fans und alle linken Ultras. Dann geht es nach außen gefächert weiter; dann kommen alle Ultras, alle Fußballfans, alle, die sich irgendwie als links verstehen.

Du wirst dir ja oft die Frage selbst gestellt haben: Wie viel musst du erklären, wie viel kannst du als bekannt voraussetzen. Hattest du einen konkreten Plan oder hast du das einfach laufen lassen?
Ich habe versucht, zum Einstieg etwas mehr zu erklären, es ein bisschen direkter zu machen und gegen Ende ein bisschen weniger. Das spiegelt sich ja in der Länge der Teile wider. Der erste Teil ist der längste, auch, weil die Figuren eingeführt werden, aber auch, um Kontakt aufzunehmen zu dem Ganzen. Aber auch, um es Leuten, die das Thema schon kennen, Identifikationsfläche zu bieten.
Natürlich hat der Verlag da noch etwas Einfluss genommen. Die haben gesagt: Lass uns am Ende ein paar Erklärungen machen.
Das Glossar …
Genau. Ein paar Sachen haben wir im Text gelassen, weil sie entweder Gags beinhalten oder weil es einfach besser passt, sie nicht nach hinten zu verbannen. Aber es gab keinen Masterplan.

Es kommen ein paar Charaktere vor, die manchem Fan von Sankt Pauli bekannt vorkommen müssen. Ist „Konfetti im Bier“ ein Schlüsselroman?
[Lacht] Das ist eine Fangfrage. Nee. Was die Gruppe betrifft, habe ich versucht, Leute zu schützen. Die Gruppe ist sehr groß, ich musste das auf ein paar Charaktere eindampfen. Ich wollte schon das Gewusel darstellen, das Kommen und Gehen, das in so einer Gruppe gibt, aber auch nicht übertreiben. Entsprechend fließen in den einzelnen Figuren sehr viele zusammen. Es gibt einzelne, die aufgrund ihrer Funktion exponiert sind, beispielsweise der Vorsänger. Die habe ich mit Absicht so verfremdet, dass sie ganz weit weg sind von den realen Personen.
Es gibt eine Person im Buch, die genau so ist wie im echten Leben, und die habe ich vorher gefragt.

Wenn man das Ding auf dem Klo liest, ist es dann ein Schüsselroman?
Mein eines Comicheft wurde tatsächlich schon so beworben.
Oh, entschuldige.
Macht nix, das ist schon lange her. [lacht]

Du lässt deine Geschichte in der Sankt-Pauli-Fanszene spielen. Das ist nachvollziehbar und gleichzeitig mutig. Warum kam für dich kein anderer oder ein fiktiver Verein infrage?
Darüber habe ich genau so lange nachgedacht wie darüber, für wen ich eigentlich schreibe. Letztlich habe ich mich dafür entschieden, es in der Szene und im Viertel spielen zu lassen, einfach, weil es am authentischsten ist. Ich habe kurz darüber nachgedacht, gar keine Stadt zu benennen, eine ausgedachte Stadt quasi. Ich glaube, da hätten sich trotzdem viele wiedergefunden. Aber wie gesagt, ich habe entschieden: Ich schreibe das in erster Linie für meine Gruppe und meine Freundinnen und Freunde. Da war es am besten, es hier in den Straßen und Clubs undsoweiter stattfinden zu lassen.
Authentizität hast du selber gerade erwähnt – das ist dir schon wichtig, oder?
Bei einem Subkultur-Roman ist das der wichtigste Punkt, würde ich sagen. Auch in der Vermarktung.
Einen Ultrà-Roman schreiben kann nur, wer Ultrà ist oder mal war?
Aus literarischer Sicht wäre es vielleicht besser geworden, wenn das jemand anders geschrieben hätte. Ich weiß nicht, ob du den Roman “Hool” kennst, der ist vor zweieinhalb Jahren erschienen. Der spielt in der Hannoveraner Fanszene und der Autor [Philipp Winkler] hat sich mit Leuten getroffen, die auf den Acker gehen und hat das konstruiert. Literarisch ist der bestimmt besser als meiner.

War es bei dir der Weg des geringsten Widerstands und des geringsten Aufwands, das im eigenen Vorgarten spielen zu lassen?
Willst du damit sagen, ich habe es mir leicht gemacht? [lacht] Ich weiß nicht, ob das so viel leichter war. Man gerät da in Gefahr, wenn man einen Straßennamen nennt und alle das sofort vor Augen haben. So setzt man es als bekannt voraus. In einer fiktiven Stadt hätte man es viel genauer beschreiben müssen, was vielleicht an der einen oder anderen Stelle gut getan hätte.
Für Nicht-Hamburger könnte das etwas schwieriger sein, das zu verstehen, selbst wenn sie ab und an mal hier sind …
Das Verständnis vielleicht nicht, aber die Kenntnis der Orte.

„Alt vs. jung“ habe ich als einen roten Faden herausgelesen. Würdest du sagen, dass die Generationenfrage aktuell das wichtigste Thema bei USP oder der Ultrà-Bewegung insgesamt ist?
Das ist immer wichtig. Ultrà, das ist jetzt mehr als 25 Jahre alt in Deutschland, da hat es ja schon mehrere Generationenwechsel gegeben. Einige Gruppen haben das besser hinbekommen, andere schlechter. Grundsätzlich ist das immer ein Thema bei jeder Gruppe, die älter ist als fünf Jahre. Ich habe versucht, die Themen und die wiederkehrenden Motive so zu gestalten, dass es viele Anknüpfungspunkte für Leute gibt, die auch nicht direkt aus der Szene kommen. Jeder, der mal auf einem linken Plenum war, wird mit den Diskussionen und Streitpunkten auch viel anfangen können.
… worüber die ja mit etwas gesundem Zynismus drüberbügelst.
Zynismus ist ein bisschen hart, ich würde es als Sarkasmus bezeichnen. Ich liebe den Scheiß ja doch noch ganz schön – auch wenn ich viel zu alt bin – , als dass ich zynisch geworden wäre.

Einmal müssen wir doch noch im Ansatz über das Derby sprechen und zwar rund um den Veröffentlichungszeitpunkt von “Konfetti im Bier”. Das war ja auffällig nahe an dem Großereignis, das uns nun in nicht so geiler Erinnerung bleiben wird …
… den Dom, meinst du? [lacht]
War der Veröffentlichungszeitpunkt so nahe am Derby Absicht?
Nee, ich hätte mir da was Anderes gewünscht. Aber der Verlag wollte, dass es ein paar Wochen vor der Buchmesse erscheint, um schon ein bisschen Buzz zu erzeugen. Sodass es zur Buchmesse da ist, aber nicht so krass untergeht, weil sehr viele große Verlage große Sachen raushauen. Deshalb wollten die das ein paar Wochen vorher machen und dann war Anfang März der Wunschtermin des Verlages. Für mich war das nicht so richtig gut, aber ist letztlich auch egal.
Ich musste ein bisschen schmunzeln. Im Buch gibt es das kleine Derby, aber als ich anfing zu schreiben – 2011 oder so – , war das Derby in so weiter Ferne, da wurde ich von der Realität eingeholt.

Noch mal zur Erzählung: Auffällig fand ich, dass Gewalt & Drogen ziemlich selbstverständliche und, sagen wir mal, nicht gerade reflektierte Bestandteile der Erzählung sind.
Dann hast du aber nicht aufmerksam gelesen.
Sind das unverzichtbare Dinge, um ein glaubwürdiges Bild zu zeichnen?
Letztlich war mein Hauptziel mit dem Buch, eine interessante und unterhaltsame Geschichte zu erzählen. Da habe ich mir natürlich die Spitzen aus dem subkulturellen Leben herausgegriffen und dann noch hart übertrieben. Entsprechend ist nicht alles für bare Münze zu nehmen. Schlägereien wie im Buch haben die wenigsten Leute in der Gruppe tatsächlich erlebt, nicht in der Intensität. Es ist ein Roman und keine Autobiografie. Solche Sachen machen ein Buch spannend.
Aber klar, Gruppen wie Ultras mit 200 Leuten sind irgendwo ein Spiegel der Gesellschaft und Rausch und Gewalt gibt es halt. Es geht ja auch ums Erwachsenwerden und Coming of Age und da sind das gute Punkte, die man aufgreifen kann.
Und nochmal zum Thema “unreflektiert”. Ich wollte natürlich keinen erhobenen Zeigefinger hineinbringen, aber man kann schon meine Meinung zu den Sachen herauslesen. Auch in den verschiedenen Stadien: Es gibt ja Einsteiger, alter Hase und ganz alter Hase, also Aussteigerin, und die verschiedenen Einstellungen zu den Sachen werden da schon deutlich.

Kommen wir zur Buchmesse in Leipzig. Du hattest da ja auch mehrere Lesungen. Wie waren die Reaktionen? Immerhin kommt Sachsen nicht so gut weg in deinem Roman …
Aber der Vorsänger ist doch Sachse! Also, die Reaktionen: Ich habe in kleinen und auch in coolen Orten gelesen und die Leute waren schon sehr gezielt da. Einmal habe ich tagsüber in einer Buchhandlung gelesen, da war eher älteres Publikum. Die haben sich auch amüsiert. Es war nicht so, dass die älteren Herrschaften nicht auch herzlich über einen Ei-Furz lachen können. [lacht]
Es war schon lebhaftes Interesse. Natürlich habe ich auch die Sankt-Pauli-Leute aus der Region angezogen. Ein, zwei Totenkopfpullis waren auf jeder Lesung da. Aber auch jede Menge andere Szenen, das darf man eigentlich gar nicht erzählen, was da so herumlief.

Barkeeperin: Wolltest du noch?
MagischerFC: Jo!
Toni: Ich nehme auch gern noch eins.
MagischerFC: Aber du hast doch noch voll viel.
Toni schlürft.
MagischerFC: Kennst du UWE?
Toni: Welchen Uwe?
MagischerFC: U-W-E. Unten wird’s eklig. Egal, das war jetzt keine offizielle Frage.

Am 13. April steht deine erste Lesung in Hamburg im Jolly an …
Die zweite. Bei der Release-Party im Landgang am 2. März war die erste Lesung.
Großer Unterschied zwischen Heim- und Auswärtsspielen?
Ja klar. Das Buchmesse-Publikum reagiert auf ganz andere Sachen als die Leute hier. Ich freue mich auch auf die Jolly-Lesung. [Zur Barkeeperin: Ich nehme auch gern noch eins! Achso, kommt schon. Hervorragend. Danke.] Da kann ich auch ganz andere Stellen lesen. Das wird lustig.

Sind weitere Lesungen in Planungen? Hättest du einen Wunschort?
Naheliegend ist das Stadion, die Fanräume, Museum. Ich habe mich ehrlich gesagt noch nicht darum gekümmert. Aber vielleicht kommt ja mal jemand auf mich zu, der eine Veranstaltung macht, wo es passt. Ansonsten … ich würde von mir aus lieber in Kneipen lesen …
… als im CCH …
… als in einem kalten Raum, der wie eine Schulaula aussieht.
Also lieber eine Tresung.
Genau. Aber ich habe nichts groß geplant. Es ist ja auch alles neu für mich. [Zur Barkeeperin: Dankeschön!] Der Verlag hätte schon gern, dass ich viele mache. Aber ich bin da nicht so hinterher. Ist immer auch eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Bei der einen Lesung in Leipzig … die hat Spaß gemacht, die Leute waren sehr interessiert und haben viele Fragen hinterher gestellt. Wir haben vier Bücher verkauft. Vom Verlag waren zwei Leute da und ich zwei Stunden lang. Vier verkaufte Bücher, das ist dann so das Bier, das ich nach meinen Freigetränken getrunken habe. Finanziell, medienwirksam, ich weiß nicht, wie viel das wirklich bringt. Es gehört irgendwie dazu, aber ich kann das nicht richtig einschätzen. Und ich bin kein Schauspieler.
Aber da wächst man doch rein.
Ich bin auch schon ein bisschen lockerer geworden.

Du bist ja sonst überwiegend als Basch-Comiczeichner bekannt. Wann erscheint die illustrierte Ausgabe von „Konfetti im Bier“?
Ich habe schon vor, ein Heft zu machen, was dieses Jahr herauskommen soll.
Das sich auf “Konfetti im Bier” bezieht?
Nö. “Lustig ist witzich 4”. Den dritten Teil, da warst du noch gar nicht geboren, als ich den gemacht habe. Ohne Witz, das war 2000 … zehn Jahre her oder elf. [nuschelt]
2010 Jahre her?
Genau. Da warst du auf jeden Fall noch nicht geboren.

Kannst du dir eine Fortsetzung von “Konfetti im Bier” vorstellen?
Nee, das ergibt auch gar keinen Sinn. Ich kann mir vorstellen, noch einen Absatz oder ein Kapitel zu machen, das man in einem Heft herausbringt. Aber ein ganzes Buch … wer soll das denn verlegen? [lacht]

Wie würdest du reagieren, wenn jemand mit der Idee um die Ecke käme, das Ding zu verfilmen?
Wenn du das aufmerksam gelesen hast …
Nee.
Offensichtlich nicht. Ist auf jeden Fall ein zweischneidiges Schwert. Natürlich cool und eine Ehrung des Stoffes. Aber Verfilmungen sind immer schwierig, weil die Bilder anders aussehen als die, die ich im Kopf hatte. Mal abwarten. Das ist so weit weg.
Wenn ja, hättest du eine Wunschbesetzung?
Besetzung … wer das spielt, ist ja wurst. Ich kenne gar keine jungen Schauspieler.
Du brauchst doch auch alte Säcke.
Fatih Akin sollte schon der Regisseur sein. Alles andere ist nicht so wichtig.

Wir nähern uns dem Ende. Zum Abschluss: Hast du einen Lieblingscharakter? Außer Marco.
Ich mag sie natürlich alle sehr gern. Merks, Subbe und Jette sind stellvertretend für meine eigene Entwicklung in der Gruppe. Natürlich bin ich Jette am nächsten vom Alter und Weisheitsgrad her. [lacht] Entsprechend kann ich sie ganz gut leiden.

Toni, danke fürs Interview!
Sehr gerne.
Die letzten Worte gehören dir. Willst du doch was loswerden?
Wer nichts wird, wird weird.

“Konfetti im Bier” gibt’s im Fanladen eures Vertrauens, in guten Buchläden und direkt beim Liesmich Verlag.