Apr 052019
 

Ein paar Worte vorab: Wir werden es hier nicht hinbekommen, alles Gesagte im Detail wiederzugeben. An dieser Stelle zieht das Kollektiv einmal tief den Hut vorm Senior, der das über einen viel längeren Zeitraum während der JHV alles mitschreibt. Wir könnten das nicht und verzweifelten heute an Okes Bandwurmsätzen. Wir werden die Eröffnung zu Beginn relativ ausführlich wiedergeben und dann die Diskussion in einigen Stichworten zusammenfassen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Wir kamen um kurz vor 19:00 Uhr am Stadion an und schon eine halbe Stunde vor offiziellem Beginn standen da um die 150 Menschen. Wir herzten liebe Menschen und waren dann um 19:10 Uhr im Saal, um noch einige der letzten Sitzplätze zu erhaschen. Man rechnete von offizieller Seite scheinbar mit deutlich weniger Menschen, standen da doch geschätzt um die 200 Stühle zu Beginn, während laut Fanladen-Justus zwischenzeitlich 800 Menschen da waren.

Einführung

Begrüßt wurde pünktlich um 19:30 durch Michael Thomsen (Leiter CSR) und Fanladen-Maleen, die die Moderation während des Abends übernommen haben (im Gegensatz zur ursprünglichen Ankündigung, dass Fanladen-Justus dies übernehmen werde). Michael wies auch offiziell darauf hin, dass Lokalpresse anwesend sei, was durchaus gemischt aufgenommen wurde. In der Begrüßung wies Maleen auch darauf hin, dass die “runtergefallenen Themen” (Frauen & Merchandising) ausdrücklich nicht weniger wichtig seien und entsprechend zeitnah ebenfalls öffentlich behandelt werden sollen. Ziel der Veranstaltung sei die Aufbereitung des Derby aus Sicht der Institutionen (namentlich Verein & Fanladen), mit dem Ziel Themenbereiche zu identifizieren, an denen man ggf. weiter arbeiten könne. Als Moderator*innen wünsche man sich, dass wir unsere Leitlinien als Rahmen für die Art und Weise der Diskussion nehmen.

Eröffnet wurde die Veranstaltung anschließend durch Oke, gefolgt von Sven, der die sicherheitsrelevanten Ereignisse schilderte, anschließend noch mal Oke, der eine Einordnung aus Sicht des Präsidiums über die Zeit nach dem Derby gab. Justus schloss den Eröffnungsteil mit einer Einordnung aus Sicht des Fanladens. Bevor wir inhaltlich einen kurzen Abriss über das Gesagte geben: Wir hatten im Vorfeld deutliche Kritik an dem gewählten Setting geäußert und sehen uns teilweise bestätigt, teilweise widersprochen. So hätten wir uns vor Ort nach wie vor auch eine Stimme der Vertreter*innen der aktiven Fanszene zu Beginn gewünscht, war gleichzeitig die Einordnung aber diskussionsfördernder (im positiven Sinne) als befürchtet.

Oke begrüßte die Anwesenden damit, dass es wunderbar sei, dass so viele Menschen gekommen seien und schloss die Einladung, dass dies auch gerne bei anderen Themen so weitergehen dürfe an. Er erhoffe sich, dass der FCSP auch in Zukunft so “bunt, vernünftig und anständig” bleibe (nun ja, vernünftig und anständig sind nicht Adjektive, mit denen wir den FCSP unbedingt in Verbindung bringen wollen). Weiterhin sei das Derby über die Verantwortlichen hereingebrochen und nicht vergleichbar mit vorherigen Krisen, die man bereits erlebt habe – “insbesondere auch bezüglich des öffentlichen Drucks”. (Ganz persönliche Einschätzung: objektiv hatten wir in den letzten Jahren viel schlimmere Krisen. Wir waren z.B. zweimal hoffnungslos Letzter der Tabelle)

Es habe danach eine Vielzahl von Gesprächen gegeben, die gut und konstruktiv gewesen seien, während derer man auf Augenhöhe miteinander gesprochen habe. Die Choreo der Süd vor dem Duisburg-Spiel (“Pyro ist für uns ein rotes Tuch”) zeige gut, wie man miteinander umgegangen sei – gekennzeichnet von Verantwortung und Vertrauen, aber auch mit Augenzwinkern, so dass man in den Gesprächen zu “einem vernünftigen Endpunkt gekommen sein”. Es habe drei Themen gegeben, die man als Verein nicht tolerieren wolle & könne: Das Überlaufen des Eingangs der Süd, Ausübung von Gewalt untereinander, sowie das unkontrollierbare Abbrennen von Pyro.

Anschließend gab Sven aus Sicht des Vereins einen Abriss der relevanten Vorfälle am Spieltag selbst – er bezog sich dabei explizit nur auf die Vorkommnisse auf unserer Seite. Am Vorabend habe es erfolglose Versuche einiger FCSP-Anhänger gegeben, auf die andere Seite der Reeperbahn zu gelangen – vermutlich nicht nur, um mit den gegnerischen Anhängern zu reden. Am Spieltag selbst habe es 40 Minuten vor dem Spiel ein Überlaufen des Einlasses Süd (Schwimmbadseite) gegeben, bei dem etwa 250 Leute durch den Eingang gekommen wäre, wovon aber sicherlich die meisten Tickets gehabt hätten. Verletzt habe sich dabei keiner. Ebenfalls habe es Angriffe auf den gegnerischen Mannschaftsbus gegeben, der wohl geplant gewesen sei (“Eier hat man normalerweise ja nicht in der Hosentasche”), wobei ebenfalls keiner zu Schaden gekommen sei. Man habe sich hierfür bereits beim Gegner entschuldigt. Während des Spiels sei es (exkl. Batterien) zum Abbrennen von 73 pyrotechnischen Artikeln auf unserer Seite gekommen (der Gegner habe 75 abgebrannt, also gleich noch eine Derbyniederlage obendrauf).

Pyro am Millerntor sei nichts neues, neu sei dabei gewesen, dass es auch zwei Clips gegeben habe und dass es zu einem solch fortschreitenden Einsatz von Pyro während des Spiels gekommen sei. Insgesamt habe es 6 Spielunterbrechungen gegeben, von denen 3 uns und 3 dem Gegner angelastet worden seien. Ebenfalls neu gewesen sei die Präsentation und das öffentliche Abbrennen von Fanutensilien des Gegners. Und es habe körperliche Angriffe von Fans untereinander gegeben – dabei seien sicher nicht alle Fälle offiziell dem Verein bekannt geworden, gesichert sei ein älterer Mann “ziemlich übel” zusammengeschlagen wordek. (Hier gab es einen sehr fragwürdigen Zwischenruf, dass “ihn das doch auch gar nicht interessiere”.). Zusammenfassend habe es alle genannten Vorfälle (außer Abbrennen von Clips und Zeigen gegnerischer Fanartikel) auch vorher schon gegeben, neu sei lediglich die Intensität gewesen.

Oke übernahm wieder das Wort, um die Ereignisse nach dem Derby kurz zusammenzufassen. Für die Einordnung sei ihm wichtig, dass Präsidium auch persönlich haften würde, wenn Sicherheitsmängel bekannt und nichts dagegen unternommen.( Ist prinzipiell erstmal richtig, siehe Paragraph 31a BGB, der die Haftung von ehrenamtlichen Vereinsvorständen jedoch auf Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit begrenzt. Wenn man die man hier mal annehmen will, was man zumindest diskutieren kann , stellt sich trotzdem doch eine Frage: Hat der FCSP keine D&O Versicherung Nebenbei lebten wir beim FCSP sehr lange mit viel schlimmeren bekannten Sicherheitsmängeln. Ihr erinnert die alte GG Tribüne?)

Die Ereignisse nach dem Derby chronologisch:
11. März: Veröffentlichung der ersten Stellungnahme, erste Gespräche zwischen Präsidium und Aufsichtsrat. Kontakt und Kommunikation mit diversen Partnern des Vereins.
13. März: Erstes Gespräch mit Ordnungskräften, in denen gutes Sicherheitsmanagement attestiert wurde. Vorbereitung des Briefs bzgl. Schadensersatzforderungen.
18. März: Erstes Treffen des Präsidiums mit Südkurvengruppen, in denen USP weiträumig Verantwortung für Geschehnisse in der Süd übernommen habe und wie man es im MillernTon nachhören könne.
22. März: Treffen zwischen Präsidium, Sicherheits-Sven und Fanladen, um alle möglichen Maßnahmen “an die Wand zu pinnen” und die richtigen “im Kontext der gelaufenen Gespräche” zu identifizieren. “Ihr könnt euch vorstellen, dass das nicht einfach war.”
25. März: Vorstellung der ausgewählten Maßnahmen vor dem Aufsichtsrat.
26. März: Vorstellung der ausgewählten Maßnahme vor Südkurvenvertretern
28. März: Die Kommunikation des Maßnahmenpaketes an die Öffentlichkeit.
Man habe insgesamt etwa 8.000€ an Schadensersatzforderungen zu begleichen, ebenso ziehe sich ein Sponsor zurück und weitere Businesspakete seien zurückgegeben worden. Hierfür belaufe sich der Schaden auf um die 100.000€. (Hier sei uns die Anmerkung gestattet, dass das vielleicht Partner sind, denen man nicht unbedingt eine Träne nachweint. Zumal auch die Frage gestattet sei, wie Verträge aussehen, wenn man da so schnell als Partner rauskommt, wir bei Astra aber nur “Du, Du, Du” machen können, wenn die sich mal wieder durch rassistische oder wahlweise sexistische Äußerungen hervortun. Vielleicht sollten wir den Werbeplatz Crowdsourcen und den Rest der Saison da ““Hört den Millernton, den er ist gut” platzieren?).

Man habe davon ausgehen müssen, dass dies kein normales Spiel sei und der Spielverlauf habe sicher seinen Teil dazu beigetragen, dass die Emotionen so hochgekocht seien.

Ein Thema liege ihm besonders am Herzen: Er und Andreas setzen sich in verschiedensten Gremien (DFB, DFL, etc.) immer für Toleranz und sinnvollen Umgang mit Jugendkultur in Fanszene ein. Die Ereignisse des Derbys trügen ihren Teil dazu bei, dass sie nun handlungsunfähiger gemacht worden seien, wenn es um das Lobbyieren für unsere Anliegen geht – neben den hämischen Kommentaren, die sie nun abbekämen.

Beim Entwickeln des Maßnahmenkataloges sei man davon geleitet gewesen, den Schutzraum Stadion wieder aufzubauen – viele Dinge seien geschehen, bei denen man klar sagen müsse “Das geht so nicht”. (Hier sei uns die Anmerkung erlaubt, dass wir uns diese offiziellen Statements auch mal bei Bekanntwerden von Übergriffen im Stadion wünschen würden. Auch vor dem Derby war das Stadion bei weitem nicht immer ein Schutzraum für alle Anwesenden).

In den Gesprächen mit den Südvertretern habe es viele selbstkritische Ideen und gute Lösungsansätze gegeben. “Für uns ist nun das wichtigste: Das Miteinander wieder herstellen und das Miteinander reden wieder hinbekommen.” Er wünsche sich für die Diskussion einen nach vorne gerichtetes gemeinsames Schauen, wie wir das wieder hinbekommen – und dass wir uns gemeinschaftlich wieder mehr an den Leitlinien orientieren (Auch hier sei uns der Kommentar gestattet, dass wir uns total freuen, wenn das Präsidium und die Merch-Abteilung da mit gutem Vorbild vorangehen.)

Man wolle “auch in Zukunft sportlich und fankulturell erfolgreich sein”.
Anschließend übernahm Justus – als letzter Offizieller – das Wort. Er begann mit der Verlesung eines Flugblattes von der Sonderzugfahrt 2000 nach Oberhausen, in dem auch damals schon eine Debatte um die Werte des FCSP gegeben habe.

Man solle nicht vergessen, dass es beim FCSP schon immer ein Tauziehen um die Werte gegeben habe. Wahrgenommene Grenzen und No Gos habe es immer gegeben, und diese haben sich im Laufe der Zeit auch immer wieder verändert. Was nicht wenig verwunderlich sei, wenn man bedenke, dass im Fussballkontext auch viele Jugendliche und junge Erwachsene unterwegs seien. Daher solle bitte jeder davon absehen zu denken, dass seine Meinung Gesamtmeinung sei . Und sowieso sei der beschworene Konsens des FCSP “mehr Erwartungshaltung als Realität”, viele verschiedene Menschen würden ihr Fansein auf sehr verschiedene Arten und Weisen ausleben. Besonders am FCSP sei dabei immer, dass es einen großen Raum für Diskussionen gäbe, dies mache uns besonders.

Die Diskussion: “Miserable Leistung vor allem auf dem Platz”

Hiermit war die “Diskussion” eröffnet, wobei sich Diskussion auf eine ganze Reihe von Beiträgen bezog: Es gab Statements einzelner anwesender Personen, Kommentare zu gesagtem untereinander und auch Rückfragen an Präsidium/ Sven/ Fanladen.
Wir werden die Diskussion hier nicht im Wortlaut wiedergeben können und haben uns daher dazu entschieden, einige angesprochene Themen einzuordnen, anzusprechen und zu benennen. Das hat keinen Anspruch an Vollständigkeit, sondern soll vor allem unsere Haltung als Kollektiv darstellen:

Gleich zu Beginn gab es den Wunsch, dass für den Diskussionsteil nun die anwesende Presse den Raum verlassen habe. Die Presse blieb mit dem expliziten Wunsch von Michael an, dass sie fair berichten sollen. Hat hervorragend geklappt und wir freuen uns über die bekannt ausgewogene Berichtserstattung des Boulevard.

Zumal uns die Anmerkung genehmigt sei, dass man als Veranstalter selbstverständlich Hausrecht habe und deswegen selbstverständlich Personen oder Gruppen hätte ausschließen können.

Ihr seid scheiße wie der ***” wurde vielfach als nicht St. Pauli-like kritisiert, andere fanden, dass ganz klar zuzuordnen gewesen wäre, dass sich das nur an die kleine Minderheit in der Süd gerichtet habe. Wobei die Kritik deutlich häufiger geäußert wurde und auch signifikant lauteren zustimmenden Applaus bekommen hat. Wir wiederholen uns da selbst: Geht gar nicht und erst Recht nicht, wenn der Gegner noch im Stadion ist und sich auch deswegen einen feixt.

Erst nach mehreren Rückfragen (die es ja zuvor auch schon online gab und die dort nicht beantwortet worden) zur Reduzierung der Kartenkontingente wurde kommuniziert, dass 100 der 300 selbst verwalteten Tickets als temporäre Maßnahme entzogen worden seien.

Uns stellt sich die Frage, warum das vielfache Nachfragen nach mehr Informationen nötig ist. Und wie auch während der Veranstaltung angemerkt wurde bleibt fragewürdig, ob damit die richtigen getroffen werden und ob man nicht gerade die Verantwortung, die USP für die Süd übernommen hat, mit solch einer Maßnahme untergräbt. Zumal auch Oke selbst hier einleitend sagte, dass man durch Strafen das genaue Gegenteile erreiche. Und auch die Zahl von 100 wirkt auf uns leicht willkürlich. Sind 100 Übeltäter bekannt, und hofft man, dass genau die dann auch bestraft werden? Aus unserer Sicht werden mit ziemlicher Sicherheit auch unschuldige Menschen unter diesem Entzug leiden, und das nennt man dann im allgemeinen Sprachgebrauch auch häufiger mal Kollektivstrafe. Selbst wenn es – wie von Oke gemutmaßt – die Möglichkeit gibt, mit einzelnen Personen wieder ins Gespräch zu kommen. Zumal das Signal an die Süd ein fatales ist: “Wenn USP euch einmal nicht im Griff hat, setzen wir mit harter Hand an.” – wir bezweifeln, dass das zu einer Stärkung von USP beiträgt.

Vielfach wurde auch das Maßnahmenpaket an sich kritisiert, wobei die Kritik sich sowohl auf Umfang als auch Tonalität bezog. Sven merkte an, dass die nun ausgewählt Maßnahmen „sehr am unteren Ende der Möglichkeit“ seien und andere Vereine da schon mit ganz anderen Privilegienentzügen agiert hätte. Wie ein kluger Mensch uns schrieb: Von Hannover lernen heißt verlieren lernen. „Die Verantwortlichen“ aus der Kommunikation sind die in Verantwortung stehenden Personen, sprich Präsidium und Geschäftsleitung.

Auf die Rückfrage, wie die Kritik an Tonalität und die Wahrnehmung als Kollektivstrafe gesehen wurde, wurde leider nicht eingegangen. Oke bedauerte allerdings, dass man nicht noch intensiver mit Fangruppierungen vor Veröffentlichung des Statements habe sprechen können, entschuldigte dies aber auch mit der Vielzahl an Themen.
Der Vollständigkeit halber sei hier angemerkt, dass selbiges sehr wohl auch als „zu milde“ bezeichnet wurde. Kommentieren wir einfach nicht weiter, ihr kennt unsere Haltung dazu.

Detaillierte Rückfragen zu NKSP wurden von Justus mit der Feststellung, dass den meisten Anwesenden sicher aufgefallen sei, dass deren Fahne da schon seit längerem nicht mehr hänge, es also durchaus bereits Gespräche gegeben habe. Ähnliches gilt auch zu Rückfragen zu einzelnen Bannern auf der Süd während des Spiels.

Auch “Team Law and Order” (siehe Tweet von Elo) war vor Ort und forderte, dass Fanladen und umstehende Fans Störenfriede identifizieren und dann dem Verein melden sollten. Das ist in seiner Absurdität kaum zu überbieten, bekam sehr wenig Zuspruch und wurde von Fanladen noch vor Ort richtig gestellt. Ein kurzes Grinsen konnten wir nicht verhindern, als dann vom Präsidium tatsächlich noch mal gefordert wurde, man solle alle Rotkehlchen auf Basis von § 28 der Satzung aus dem Verein ausschließen. [Ergänzung 16:00 Uhr, da wir Rückfragen bzgl. der Formulierung bekamen: Eine anwesende Person forderte dies vom Präsidium; das Präsidium forderte da nichts.] Die kommen nach Vereinsausschluss auch ganz bestimmt nicht mehr. Zumal für solche Themen sowieso der Ehrenrat und nicht das Präsidium zuständig ist. Welch Verlust der Weggang von Andreas Rettig ist, wurde mal wieder mal deutlich als er in diesem Kontext davon sprach, dass im Stadion eine hundertprozentige Sicherheit nie garantiert werden könne und deswegen das Aufrüsten nur sehr bedingt zielführend sei.

Ebenso wurde der Gassenhauer „Echte Fans“ (wahlweise „Richtige“, „Wahre“ oder auch in Negierung) häufiger genannt, aber sehr schön sachlich und laut jeweils wiederlegt. Und deswegen jetzt alle im Chor: „Auch das sind Fans. Denen das Fansein abzusprechen bringt uns kein Stück weiter. Setzen wir uns lieber über Inhalte statt über Definition mit ihnen auseinander“

Erstaunt häufig wurde von allen Seiten auf die Leitlinien referiert – und weil Wiederholung manchmal hilft: Hier dürfen sich dann gerne auch alle offiziellen Menschen dran halten.

Mehrere Beiträge beinhalteten die nach vorne gerichtete Frage, dass in den aktuellen Strukturen unklar sei, wie und wo man sich für seine Themen weiterhin einbringen könne. Schon vor Ort wurden auf die offenen Treffen (USP, Supportblock, Ragazzi, …) und den Fanladen verwiesen. Der Millernton pflegt einen Kalender solcher Treffen. Gegebenenfalls ist es auch wieder an der Zeit für die Neuauflage eines Fankongresses?

Ein kleiner Exkurs zum Thema Gewalt sei uns auch hier noch mal gestattet. Wir sind der Hippieblog, Gewalt ist nicht unser präferiertes Stilmittel, aber an alle, die Gewalt pauschal ablehnen: Es gibt Situationen, da ist das nötig. Lügen wir uns nicht in die Tasche, aber das kann auch die notwendige Reaktion auf übergriffiges Verhalten untereinander sei. ( Und mit dem Thema Nazis befassten wir uns bereits in der MillernTon-Besprechung).

Verschiedene Redner*innen kritisierten auch die Situation im Stadion außerhalb des Derbys, es werde nicht genug bei übergriffigem Verhalten und gegen Rassismus und Sexismus getan, teilweise würden Ordner nicht wie gewünscht reagieren. Wir hoffen, dass Sven die Kritik in die weitere Arbeit mit dem Ordnungsdienst weiterhin mitnimmt, wollen euch alle und auch uns aber gerne noch mal daran erinnern, nicht wegzuschauen und bei ebensolchem Verhalten einzuschreiten.

Insgesamt nahmen wir eine deutlich positivere Atmosphäre – gerade auch gegenüber der Süd – wahr, als wir dies befürchtet hatten. Hierauf bezogen sich auch mehrere Wortbeiträge: Wie groß sind die Gräben, wie weit werden sie gerade herbeigeschrieben.

Unser Highlight des Abends war der Zwischenruf eines Herren an einen anderen Redner: „Geh doch auf die Süd, Du Arsch!“. Man munkelt, dass es bald Merch damit geben soll.

(Kaufen Sie das Original. Leider aus gegebenem Anlass.)

Und ein Kommentar sei dem weiblichen Teil des Blogs noch erlaubt: Zog es anfangs deutlich mehr männliche* Personen zu den Mikrofonen, so glich sich das über die Zeit aus. Und subjektiv waren die Beiträge der weiblichen* Sprechenden im Gros bedachter und reflektierter als die derer, die zu Beginn ihre Meinung mitteilen mussten. Lest dies als Petition für länger geöffnete Mikrozeiten bei solchen Veranstaltungen im allgemeinen.

In aller Kürze

Die aktualisierte Einladung stellte die Derbyaufarbeitung ja bereits klar in den Mittelpunkt und hierum ging es dann auch – wenig verwunderlich. Wurde das Thema „Werte“ zwar am Rande gestreift, so hätte man der Veranstaltung wahrscheinlich einen anderen Titel gegeben, hätte man nicht vorher schon einen Namen für das Kind gehabt.

Wir finden es nach wie vor schade, dass keine Fanvertreter (z.B. FCSR) offiziell eingeladen waren und die Ereignisse zu Beginn nicht ebenso einordnen konnten. Viel Liebe für Fanladen-Justus, der das super gemacht hat. Aber so etwas hätten wir auch gerne von demokratisch legitimierten Fanvertreter*innen gehört.

Für uns unverständlich das Festhalten an der temporären Kürzung des Kontingents – die genannten Argumente überzeugen uns nach wie vor nicht und wir finden immer noch, dass es einen anderen Weg zur Aufarbeitung gegeben hätte als mit Kollektivstrafen zu agieren. Schade auch, dass auf die Rückfragen und geäußerte Kritik nicht eingegangen wurde – ein wirklicher Dialog ist hier nicht entstanden.

Wir können uns vorstellen, dass die Verantwortlichen das Für und Wider tausende Male durchgekaut haben und deswegen vieles implizit klar ist – wir hätten gerne nachvollziehbar verstanden, warum dies auf St. Pauli der richtige Weg war und warum wir „unestablished since 1910“ nicht gerade auch in Krisen ganz anders als jeder andere Verein in Fußballdeutschland agieren können.

Wie wir bereits auf Twitter direkt nach der Veranstaltung schrieben: Wir kamen als Pessimisten und wurden zumindest nicht negativ überrascht. „Wutpauli“-Statements gab es nur sehr vereinzelt, die schreiben dann wie gehabt lieber weiterhin das Internet voll, statt auf solchen Veranstaltungen den Dialog zu suchen.

Und für uns stellen wir fest: Wir gehen auch immer noch und immer wieder zum FCSP, da wir uns selbst gerne positiv überraschen lassen – sowohl in Bezug auf die Veranstaltung an sich, als auch auf unsere erste Reaktion auf Anfangssätze einzelner Redner*innen: Meistens wurden diese dann deutlich besser als wir anfänglich befürchtet hatten.

Und da es zu helfen scheint, wenn wir pessimistisch unterwegs sind, rechnen wir als Kollektiv dann mit einem 0:4 in Kiel. Um, wie Andreas sagte „unsere kleine Aufstiegschance zu wahren“
Ein Dank gilt allen, die den Abend zu einem bessere haben werden lassen, als wir dies befürchtet hatten. Wenn man sieht, dass um die 800 Menschen 2,5 Stunden in nicht idealer Umgebung größtenteils so konstruktiv diskutieren, dann kann nicht alles falsch sein auf St. Pauli.