Mrz 222019
 

MillernTon

Am Mittwoch wurde die 62. MillernTon-Folge veröffentlicht. Wieder waren USP-Vertreter zu Gast – und ein Großteil des Gesprächs drehte sich, vermutlich wenig überraschend, um die Vorkommnisse rund um das Derby. Wir wollen hier nicht die ganze Folge besprechen. Während wir wissen, dass ihr die Länge der JHV-Berichte sehr liebt, wäre selbst uns die Besprechung aller in 3:42 besprochenen Inhalte etwas zu krass. Was wir aber gerne machen möchten ist, unsere Gedanken zu einigen zentralen Themen äußern, vielleicht weil wir da auch eine etwas andere Meinung haben und auch einen (halb-)öffentlichen Diskurs innerhalb der Fanszene für sinnvoll halten.

Vorab

Wir finden es erstmal gut, dass wir Ultras haben, die auch in einem solchen kontroversen Moment für ein längeres Interview zur Verfügung stehen. Und wir finden es gut, dass die Millernton Crew dafür Raum bietet.

Es geht nicht darum, dass wir am Ende jedes gesagte Wort unterschreiben. Genauso wenig unterschreiben auch „Ultras“ jedes Wort, das wir hier schreiben. In einer progressiven Fanszene sind immer divergierende Ansichten vorhanden. Das ist gut so.

Wichtig ist, dass man Ansichten erstmal hin nimmt und sie nicht nutzt, um irgendwem sein Fandasein abzusprechen. Das ist alberner Mopo Kram und führt zu nix. Außer zu einem scheinbar reinen Gewissen, weil wenn es keine Fans sind, dann muss ich als Fan mich ja auch nicht für die verantwortlich fühlen. Bullshit! Das werfen wir anderen Vereinen zu Recht vor, wenn es um Nazis oder andere schlimme Dinge gibt und sollten wir daher bei Kontroversen in unserem Kosmos (Achtung, die auf einer ganz anderen Ebene stattfinden) nicht vernachlässigen.

Es ist gut, dass USP breit Verantwortung übernimmt und sich auch einer Verantwortlichkeit stellt. Nicht gegenüber der Mopo und anderen Aufregungsorganen der besorgten Bürger, sondern eben innerhalb eines Dialogs in der Fanszene. Klar kann man immer kritisieren, dass vielleicht zu wenig über eigene Fehler und zuviel über andere Fehler geredet wurde im Millernton, aber a. wer redet schon gerne ausführlich über seine eigenen Fehler? und b. muss man da auch mal zwischen den Zeilen lesen. Ein „wir haben die Verantwortlichen geteert, gefedert und auf der Sylvesterallee ausgesetzt“ beruhigt zwar den deutschen Aufregungsmichel, ist aber sonst einfach albern.

Wichtig ist uns auch, dass das hier kein „über Ultras“ reden ist. Es ist ja auch nicht so, dass es zu den von uns gleich angesprochenen Themen oder zu allen anderen Themen am Millerntor nur eine Ultrameinung und eine Nicht Ultrameinung gibt. So schwarz/weiss ist die Welt nicht.

Die eigenen Grenzen

„Wieder einmal die Konfrontation der Moral mit der Praxis“ schrieb Simone de Beauvoir über Satres „Die schmutzigen Hände“. Einem Theaterstück, was welches die Frage nach den Prinzipien und eigenen Grenzen stellt. Diese Frage nach Prinzipien und Grenzen ist in jeder progressiven, jugendlichen Subkultur eine Zerreißfrage.

Die Ultrakultur beim FCSP ist eine solche jugendliche Subkultur, die auch bei uns immer noch männlich* dominiert ist und die auch bei uns mit Praxis und Moral kämpft. Dabei geht es um Fragen wie: Was ist eigentlich unserer Grenze? Was wollen wir vom (teilweise eben absolut nicht mehr progressivem) Ultraumfeld Deutschlands mit machen? Wollen wir anders sein? Und wenn ja, wie? Was ist eigentlich unser Differenzierungsmerkmal?

Inwieweit kann ich mich gewissem Rumgemackere zwischen Ultragruppen entziehen? Will ich das überhaupt? Und wie kann ich das mit einer progressiven Grundhaltung vereinbaren?

Das sind natürlich alles keine Fragen, die in einem luftleeren Raum aufgeworfen werden, denn natürlich gibt es eine ganze Reihe von externen Einflussfaktoren. Im Millernton wird von „reudigem Verhalten“ der Vorstadt gesprochen. Sagen wir es doch einfach mal etwas plastischer: Wenn dein sechster Kumpel derbe auf die Fresse bekommen hat und seines Schals verlustig geworden ist, dann hast du vielleicht ganz andere moralische Grenzen, als wenn du noch nie so etwas erlebt hast.

Ja, da kommen wir zur Frage der „Gewalt“. Das große böse Wort „Gewalt“. „Gewalt erzeugt Gegengewalt“ sangen schon die Ärzte. Und wir Hippies wollen natürlich alle nix mit Gewalt zu tun haben.

Aber es wäre eine Lüge so zu tun, als ob es beim FCSP noch nie Gewalt gegeben hätte oder die Hafenstraße und die Rote Flora durch lautes Singen von „We shall overcome“ besetzt wurden. Das ist einfach nicht richtig. Auch gewisse Nazifanclubs der 80er Jahre sind aus dem Millerntor durch die Faust und nicht durch gemeinsames Mateteetrinken entfernt worden. Man muss das nicht gut finden, man sollte sich aber beim Gründungsmythos des modernen FCSP nicht in die eigene Tasche lügen.

Dies wäre sonst eine zutiefst spießbürgerliche Perspektive, die sehr viel mit der üblichen Polizeigewaltdebatte zu tun hat, wo dir Leute, die noch nie auf einer Demo waren, erzählen, dass es so etwas ja nicht gibt und man schon etwas gemacht habe, wenn man von der BFE zusammen gedroschen wird.

Dies alles vorausgesagt, wollen wir doch ein paar Gedanken äußern:

Fanartikel zeigen

Womit wir beim Fanartikel klauen und zeigen wären. Dies muss immer als Aktion und Reaktion gelesen werden und verstanden werden. Sie passiert nicht in einem Vakuum. Wir verschieben vielleicht unsere Grenzen, aber es sind Grenzen, die von anderen schon lange durchbrochen wurden.

Auch hier sollte man sich nicht in die Tasche lügen. Material wechselt nicht durch gutes Zureden bei einer Tasse Tee den Besitzer. Klar gibt es mal das vergessene Transpi oder das raffiniert geklaute Banner, aber zumindest ist das Ganze immer auch offen für solche strafrechtlichen Delikte wie Raub, Körperverletzung etc. pp. Man muss auch hier von „Gewalt“ reden.

Ein Gesprächspartner im Millernton beschreibt in der Folge, dass sich bewusst dazu entschieden worden sei, als einmalige Ausnahme gegnerische Fanartikel zu zeigen, als Reaktion auf die Vorkommnisse der vergangenen 2,5 Jahre, die als sehr eskaliert eingeschätzt werden. Zumal es zu allen gezeigten Artikeln einzelne Geschichten geben soll. Dies können und wollen wir nicht nachprüfen.

Trotzdem können wir diese Einschätzung nicht einfach so stehen lassen und doch ein paar Überlegungen in den Diskurs werfen. Wir wiederholen jetzt nicht unsere Ausführungen zum Klauen von Sachen, die wir nach dem Spiel in Kiel letzte Saison geschrieben haben. Sie sind immer noch gültig. TLDR? Es wird schon dadurch schwierig, dass „Ultra“ „Fanszene“ etc. sehr weite und wenig begrenzte Begriffe sind und ich sozusagen ein Opt-In durch die Täter habe. Anders als bei einem Ackermatch.

Und noch ein anderer Aspekt ist uns wichtig – die Stilfrage:
Wenn man sich das Verhalten anderer, auf das man eigentlich keinen, bzw. nur sehr geringen Wert legt, als Ausnahme aneignet, und sei es nur als Stilmittel, dann gebe ich diesem Verhalten, das ich eigentlich falsch finde, ja doch eine Daseinsberechtigung. Und das ist doch genau das, was wir eigentlich nicht wollen. Damit geben wir halt auch dem Obermacker, der dem Familienvater den Schal klaut und dann stolz aufm Zaun präsentiert eine weitere Legitimation (durch die Reproduktion seiner Handlungen) für sein Handeln.
Und klar, die Aktion wird nicht für die Außenkommunikation für alle gestartet, sondern als Message an einige wenige. Aber wenn man etwas in den Plattform „Stadion“ macht, dann ist es eben nicht nur eine gezielte Kommunikation an den Adressaten, sondern hat etwas von einem offenen Brief, der eben auch von vielen anderen Nebenadressaten gelesen und interpretiert wird. Und hier kann es sehr schnell zu einer Interpretation kommen, die eben nicht „einmalige Aktion, weil Vorstadt Fanszene besonders reudig verhalten in den letzten Jahren“ ist, sondern „cool, jetzt machen das sogar die, die das bisher nicht gemacht haben und die sich für besonders progressiv halten, dann kann ich ja weitermachen und die vielleicht selbst noch überbieten“ ist eben auch eine mögliche (und vielleicht bei einem 16jährigen, der sich in seiner Welt beweisen will naheliegende) Interpretation. Und es wird schwierig, das wieder einzufangen.

Weitere Fragen, die man sich stellen muss: Muss man sich das Vorgehen anderer, dass man eigentlich irgendwie doof findet wirklich wiederholen? Hätte es wirklich keinen anderen Weg gegeben zu zeigen, wie scheiße die Fanszene der Vorstadt ist? Muss man das alles mitspielen? Grenzt man sich nicht viel besser ab, indem man doofe Spielchen nicht mitspielt. Uns Hippies hat die Reaktion auf “Stellt Euch endlich Unserer Gier” da besser gefallen.

Da sind sie wieder, die Fragen der Praxis und der Moral.

Vielleicht habt ihr das schon erahnt, aber wir wollen es noch mal wiederholen: Es ist für uns immer noch ein riesiger Unterschied, ob die Grundlage für etwas „Fußball“ ist oder ob vor uns irgendwer steht, der meint in bestem Nazioutfit rumzulaufen (und das zufällig im Fußballstadion macht). Da ist unsere Moral eine ganz andere. Es muss unser ureigenes Verständnis sein, dass Faschisten, ihr Outfit und ihre Insignien am Millerntor (und überall anders) nichts zu suchen haben und sind sehr dankbar für all die, die da auch die körperliche Auseinandersetzung suchen.

Uns als Hippies wäre es jedenfalls am liebsten, wenn bei uns nie wieder Fanartikel gezeigt wurden. Nicht unser Stil, vor allem aber, weil wir hoffen, dass unsere Ultras nichts machen, was sie eigentlich nicht machen wollen, aufgrund der Intensität von Konflikten mit anderen Fangruppierungen. Ja, da sind wir dann wieder das elektronische Gewissen.

Dialog mit der Gegengerade

Wir wollen hier noch mal unseren Wunsch nach einem Dialog Ausdruck verleihen. Wir wollen bei allen Differenzen zu einem Miteinander finden, als zu einem Gegeneinander. Und natürlich klingen da die geäußerten Worte im MillernTon konträr und hart. Und wieder sind wir Hippies genug, uns doch lieber ein harmonisches Miteinander zu wünschen, als ein Denken in Süd- oder Gegengerade Schubladen. Gerade wenn dies auch noch moralisch aufgefrachtet wird.

Jedoch: Es gibt da ein grundlegendes Problem. Während USP zumindest annähernd für die Südkurve sprechfähig ist (und wenn sie es nicht wären, wüsste USP welche Strukturen sie nutzen können), gibt es solche Institution für die Gegengerade gar nicht. Mit wem will man denn reden, wenn man ein Verhältnis zur Gegengerade aufbauen will? Mit dem Supportblock? Bei aller hier immer wieder geäußerten Liebe zum Supportblock, die würden sich wahrscheinlich selber nicht als eine Vertretung der Gegengerade sehen und sind es zur Zeit einfach auch nicht.

Bei aller fehlenden Homogenität, hier hat die Gegengerade ein absolutes Defizit. Und das kann ich nicht damit ausgleichen, dass ich als Hüter von irgendwelchen diffusen „Werten“ auftrete, der diese in einer Allmachtphantasie durch Gepöbel und Liebesentzug durchsetzen will, aber bloß nie über diese Werte diskutieren will. Siehe oben. Das ist genauso wenig St. Pauli. Und nebenbei auch eine Form der Gewalt, die doch alle so ablehnen.

Um ein ernsthafter Gesprächspartner für die Südkurve zu sein, muss die GG Strukturen haben, muss sie eine Definition haben und muss sie auch kompromissbereit sein. Wir schrieben dies schon im zweiten Derbybericht. Ein ständiges „ihr stört unsere Langeweile“ als Grundprinzip ist da zu wenig. Und stellt auch nur in geringem Ausmaß ein rebellisches Sankt Pauli dar.

Wenn dieser Vorschritt getan ist, dann muss man in den Dialog gehen. Und der ist dann auch schmerzhaft, für alle Beteiligten. Aber hey, wir sind doch irgendwo diffus links, da ist Plenum halt auch mal angesagt. Neben der Aktion am Spieltag.

Noch etwas liebe Gegengerade: Wenn Jugendliche (und das sind Ultras nunmal) etwas tun, was alten Säcken (und das sind die meisten auf der Gegengerade) nicht gefällt, dann denkt immer daran, dass a. ihr auch so wart und b. Jugendliche, die immer nur tun, was alte Säcke wollen, Junge Union bedeutet. Und die will ja wohl niemand am Millerntor.

Was fehlt: Die anderen Tribünen. Da fehlt uns gerade die Perspektive.

Ein Ausblick

Sieht gerade alles nicht nach “in meinen Träumen bist Du Europacupsieger” aus und wir werden uns alle finden müssen. Aber das soll uns von einem nicht abhalten: Am Freitag Duisburg mit einem gemeinsamem Roar aus dem Stadion zu brüllen. Ja, vielleicht ist das erstmal der kleinste gemeinsame Nenner, auf dem wir Schritt für Schritt ein neues Selbstverständnis von Fan sein, von einem Miteinander im Millerntor aufbauen können.

Wir sind schon aus ganz anderen Löchern aufgestanden, haben ganz andere Krisen gemeistert und es ist immer irgendwie nach vorne gegangen.

Und hier auch ein Appell an die Mannschaft: Wir lieben euch. Wir machen garantiert keine Plakate auf denen irgendwas von „Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot“ steht. Die Kommentare unseres amtierenden Kapitäns lassen aber auch auf schlechte Stimmung und dicke Luft schließen. Nutzt auch ihr diese Pause, redet, haut euch die Köppe ein und schöpft daraus neue Kraft. Es sind noch 8 Spiele und es ist noch alles drin. Und wenn es am Ende Platz 7 wird, dann fahren wir trotzdem mit erhobenem Haupt gemeinsam aus Fürth zurück und dann hauen wir halt 19/20 alle weg.

AUX ARMES (mit stummen S)