Mrz 222019
 

MillernTon

Am Mittwoch wurde die 62. MillernTon-Folge veröffentlicht. Wieder waren USP-Vertreter zu Gast – und ein Großteil des Gesprächs drehte sich, vermutlich wenig überraschend, um die Vorkommnisse rund um das Derby. Wir wollen hier nicht die ganze Folge besprechen. Während wir wissen, dass ihr die Länge der JHV-Berichte sehr liebt, wäre selbst uns die Besprechung aller in 3:42 besprochenen Inhalte etwas zu krass. Was wir aber gerne machen möchten ist, unsere Gedanken zu einigen zentralen Themen äußern, vielleicht weil wir da auch eine etwas andere Meinung haben und auch einen (halb-)öffentlichen Diskurs innerhalb der Fanszene für sinnvoll halten.

Vorab

Wir finden es erstmal gut, dass wir Ultras haben, die auch in einem solchen kontroversen Moment für ein längeres Interview zur Verfügung stehen. Und wir finden es gut, dass die Millernton Crew dafür Raum bietet.

Es geht nicht darum, dass wir am Ende jedes gesagte Wort unterschreiben. Genauso wenig unterschreiben auch „Ultras“ jedes Wort, das wir hier schreiben. In einer progressiven Fanszene sind immer divergierende Ansichten vorhanden. Das ist gut so.

Wichtig ist, dass man Ansichten erstmal hin nimmt und sie nicht nutzt, um irgendwem sein Fandasein abzusprechen. Das ist alberner Mopo Kram und führt zu nix. Außer zu einem scheinbar reinen Gewissen, weil wenn es keine Fans sind, dann muss ich als Fan mich ja auch nicht für die verantwortlich fühlen. Bullshit! Das werfen wir anderen Vereinen zu Recht vor, wenn es um Nazis oder andere schlimme Dinge gibt und sollten wir daher bei Kontroversen in unserem Kosmos (Achtung, die auf einer ganz anderen Ebene stattfinden) nicht vernachlässigen.

Es ist gut, dass USP breit Verantwortung übernimmt und sich auch einer Verantwortlichkeit stellt. Nicht gegenüber der Mopo und anderen Aufregungsorganen der besorgten Bürger, sondern eben innerhalb eines Dialogs in der Fanszene. Klar kann man immer kritisieren, dass vielleicht zu wenig über eigene Fehler und zuviel über andere Fehler geredet wurde im Millernton, aber a. wer redet schon gerne ausführlich über seine eigenen Fehler? und b. muss man da auch mal zwischen den Zeilen lesen. Ein „wir haben die Verantwortlichen geteert, gefedert und auf der Sylvesterallee ausgesetzt“ beruhigt zwar den deutschen Aufregungsmichel, ist aber sonst einfach albern.

Wichtig ist uns auch, dass das hier kein „über Ultras“ reden ist. Es ist ja auch nicht so, dass es zu den von uns gleich angesprochenen Themen oder zu allen anderen Themen am Millerntor nur eine Ultrameinung und eine Nicht Ultrameinung gibt. So schwarz/weiss ist die Welt nicht.

Die eigenen Grenzen

„Wieder einmal die Konfrontation der Moral mit der Praxis“ schrieb Simone de Beauvoir über Satres „Die schmutzigen Hände“. Einem Theaterstück, was welches die Frage nach den Prinzipien und eigenen Grenzen stellt. Diese Frage nach Prinzipien und Grenzen ist in jeder progressiven, jugendlichen Subkultur eine Zerreißfrage.

Die Ultrakultur beim FCSP ist eine solche jugendliche Subkultur, die auch bei uns immer noch männlich* dominiert ist und die auch bei uns mit Praxis und Moral kämpft. Dabei geht es um Fragen wie: Was ist eigentlich unserer Grenze? Was wollen wir vom (teilweise eben absolut nicht mehr progressivem) Ultraumfeld Deutschlands mit machen? Wollen wir anders sein? Und wenn ja, wie? Was ist eigentlich unser Differenzierungsmerkmal?

Inwieweit kann ich mich gewissem Rumgemackere zwischen Ultragruppen entziehen? Will ich das überhaupt? Und wie kann ich das mit einer progressiven Grundhaltung vereinbaren?

Das sind natürlich alles keine Fragen, die in einem luftleeren Raum aufgeworfen werden, denn natürlich gibt es eine ganze Reihe von externen Einflussfaktoren. Im Millernton wird von „reudigem Verhalten“ der Vorstadt gesprochen. Sagen wir es doch einfach mal etwas plastischer: Wenn dein sechster Kumpel derbe auf die Fresse bekommen hat und seines Schals verlustig geworden ist, dann hast du vielleicht ganz andere moralische Grenzen, als wenn du noch nie so etwas erlebt hast.

Ja, da kommen wir zur Frage der „Gewalt“. Das große böse Wort „Gewalt“. „Gewalt erzeugt Gegengewalt“ sangen schon die Ärzte. Und wir Hippies wollen natürlich alle nix mit Gewalt zu tun haben.

Aber es wäre eine Lüge so zu tun, als ob es beim FCSP noch nie Gewalt gegeben hätte oder die Hafenstraße und die Rote Flora durch lautes Singen von „We shall overcome“ besetzt wurden. Das ist einfach nicht richtig. Auch gewisse Nazifanclubs der 80er Jahre sind aus dem Millerntor durch die Faust und nicht durch gemeinsames Mateteetrinken entfernt worden. Man muss das nicht gut finden, man sollte sich aber beim Gründungsmythos des modernen FCSP nicht in die eigene Tasche lügen.

Dies wäre sonst eine zutiefst spießbürgerliche Perspektive, die sehr viel mit der üblichen Polizeigewaltdebatte zu tun hat, wo dir Leute, die noch nie auf einer Demo waren, erzählen, dass es so etwas ja nicht gibt und man schon etwas gemacht habe, wenn man von der BFE zusammen gedroschen wird.

Dies alles vorausgesagt, wollen wir doch ein paar Gedanken äußern:

Fanartikel zeigen

Womit wir beim Fanartikel klauen und zeigen wären. Dies muss immer als Aktion und Reaktion gelesen werden und verstanden werden. Sie passiert nicht in einem Vakuum. Wir verschieben vielleicht unsere Grenzen, aber es sind Grenzen, die von anderen schon lange durchbrochen wurden.

Auch hier sollte man sich nicht in die Tasche lügen. Material wechselt nicht durch gutes Zureden bei einer Tasse Tee den Besitzer. Klar gibt es mal das vergessene Transpi oder das raffiniert geklaute Banner, aber zumindest ist das Ganze immer auch offen für solche strafrechtlichen Delikte wie Raub, Körperverletzung etc. pp. Man muss auch hier von „Gewalt“ reden.

Ein Gesprächspartner im Millernton beschreibt in der Folge, dass sich bewusst dazu entschieden worden sei, als einmalige Ausnahme gegnerische Fanartikel zu zeigen, als Reaktion auf die Vorkommnisse der vergangenen 2,5 Jahre, die als sehr eskaliert eingeschätzt werden. Zumal es zu allen gezeigten Artikeln einzelne Geschichten geben soll. Dies können und wollen wir nicht nachprüfen.

Trotzdem können wir diese Einschätzung nicht einfach so stehen lassen und doch ein paar Überlegungen in den Diskurs werfen. Wir wiederholen jetzt nicht unsere Ausführungen zum Klauen von Sachen, die wir nach dem Spiel in Kiel letzte Saison geschrieben haben. Sie sind immer noch gültig. TLDR? Es wird schon dadurch schwierig, dass „Ultra“ „Fanszene“ etc. sehr weite und wenig begrenzte Begriffe sind und ich sozusagen ein Opt-In durch die Täter habe. Anders als bei einem Ackermatch.

Und noch ein anderer Aspekt ist uns wichtig – die Stilfrage:
Wenn man sich das Verhalten anderer, auf das man eigentlich keinen, bzw. nur sehr geringen Wert legt, als Ausnahme aneignet, und sei es nur als Stilmittel, dann gebe ich diesem Verhalten, das ich eigentlich falsch finde, ja doch eine Daseinsberechtigung. Und das ist doch genau das, was wir eigentlich nicht wollen. Damit geben wir halt auch dem Obermacker, der dem Familienvater den Schal klaut und dann stolz aufm Zaun präsentiert eine weitere Legitimation (durch die Reproduktion seiner Handlungen) für sein Handeln.
Und klar, die Aktion wird nicht für die Außenkommunikation für alle gestartet, sondern als Message an einige wenige. Aber wenn man etwas in den Plattform „Stadion“ macht, dann ist es eben nicht nur eine gezielte Kommunikation an den Adressaten, sondern hat etwas von einem offenen Brief, der eben auch von vielen anderen Nebenadressaten gelesen und interpretiert wird. Und hier kann es sehr schnell zu einer Interpretation kommen, die eben nicht „einmalige Aktion, weil Vorstadt Fanszene besonders reudig verhalten in den letzten Jahren“ ist, sondern „cool, jetzt machen das sogar die, die das bisher nicht gemacht haben und die sich für besonders progressiv halten, dann kann ich ja weitermachen und die vielleicht selbst noch überbieten“ ist eben auch eine mögliche (und vielleicht bei einem 16jährigen, der sich in seiner Welt beweisen will naheliegende) Interpretation. Und es wird schwierig, das wieder einzufangen.

Weitere Fragen, die man sich stellen muss: Muss man sich das Vorgehen anderer, dass man eigentlich irgendwie doof findet wirklich wiederholen? Hätte es wirklich keinen anderen Weg gegeben zu zeigen, wie scheiße die Fanszene der Vorstadt ist? Muss man das alles mitspielen? Grenzt man sich nicht viel besser ab, indem man doofe Spielchen nicht mitspielt. Uns Hippies hat die Reaktion auf “Stellt Euch endlich Unserer Gier” da besser gefallen.

Da sind sie wieder, die Fragen der Praxis und der Moral.

Vielleicht habt ihr das schon erahnt, aber wir wollen es noch mal wiederholen: Es ist für uns immer noch ein riesiger Unterschied, ob die Grundlage für etwas „Fußball“ ist oder ob vor uns irgendwer steht, der meint in bestem Nazioutfit rumzulaufen (und das zufällig im Fußballstadion macht). Da ist unsere Moral eine ganz andere. Es muss unser ureigenes Verständnis sein, dass Faschisten, ihr Outfit und ihre Insignien am Millerntor (und überall anders) nichts zu suchen haben und sind sehr dankbar für all die, die da auch die körperliche Auseinandersetzung suchen.

Uns als Hippies wäre es jedenfalls am liebsten, wenn bei uns nie wieder Fanartikel gezeigt wurden. Nicht unser Stil, vor allem aber, weil wir hoffen, dass unsere Ultras nichts machen, was sie eigentlich nicht machen wollen, aufgrund der Intensität von Konflikten mit anderen Fangruppierungen. Ja, da sind wir dann wieder das elektronische Gewissen.

Dialog mit der Gegengerade

Wir wollen hier noch mal unseren Wunsch nach einem Dialog Ausdruck verleihen. Wir wollen bei allen Differenzen zu einem Miteinander finden, als zu einem Gegeneinander. Und natürlich klingen da die geäußerten Worte im MillernTon konträr und hart. Und wieder sind wir Hippies genug, uns doch lieber ein harmonisches Miteinander zu wünschen, als ein Denken in Süd- oder Gegengerade Schubladen. Gerade wenn dies auch noch moralisch aufgefrachtet wird.

Jedoch: Es gibt da ein grundlegendes Problem. Während USP zumindest annähernd für die Südkurve sprechfähig ist (und wenn sie es nicht wären, wüsste USP welche Strukturen sie nutzen können), gibt es solche Institution für die Gegengerade gar nicht. Mit wem will man denn reden, wenn man ein Verhältnis zur Gegengerade aufbauen will? Mit dem Supportblock? Bei aller hier immer wieder geäußerten Liebe zum Supportblock, die würden sich wahrscheinlich selber nicht als eine Vertretung der Gegengerade sehen und sind es zur Zeit einfach auch nicht.

Bei aller fehlenden Homogenität, hier hat die Gegengerade ein absolutes Defizit. Und das kann ich nicht damit ausgleichen, dass ich als Hüter von irgendwelchen diffusen „Werten“ auftrete, der diese in einer Allmachtphantasie durch Gepöbel und Liebesentzug durchsetzen will, aber bloß nie über diese Werte diskutieren will. Siehe oben. Das ist genauso wenig St. Pauli. Und nebenbei auch eine Form der Gewalt, die doch alle so ablehnen.

Um ein ernsthafter Gesprächspartner für die Südkurve zu sein, muss die GG Strukturen haben, muss sie eine Definition haben und muss sie auch kompromissbereit sein. Wir schrieben dies schon im zweiten Derbybericht. Ein ständiges „ihr stört unsere Langeweile“ als Grundprinzip ist da zu wenig. Und stellt auch nur in geringem Ausmaß ein rebellisches Sankt Pauli dar.

Wenn dieser Vorschritt getan ist, dann muss man in den Dialog gehen. Und der ist dann auch schmerzhaft, für alle Beteiligten. Aber hey, wir sind doch irgendwo diffus links, da ist Plenum halt auch mal angesagt. Neben der Aktion am Spieltag.

Noch etwas liebe Gegengerade: Wenn Jugendliche (und das sind Ultras nunmal) etwas tun, was alten Säcken (und das sind die meisten auf der Gegengerade) nicht gefällt, dann denkt immer daran, dass a. ihr auch so wart und b. Jugendliche, die immer nur tun, was alte Säcke wollen, Junge Union bedeutet. Und die will ja wohl niemand am Millerntor.

Was fehlt: Die anderen Tribünen. Da fehlt uns gerade die Perspektive.

Ein Ausblick

Sieht gerade alles nicht nach “in meinen Träumen bist Du Europacupsieger” aus und wir werden uns alle finden müssen. Aber das soll uns von einem nicht abhalten: Am Freitag Duisburg mit einem gemeinsamem Roar aus dem Stadion zu brüllen. Ja, vielleicht ist das erstmal der kleinste gemeinsame Nenner, auf dem wir Schritt für Schritt ein neues Selbstverständnis von Fan sein, von einem Miteinander im Millerntor aufbauen können.

Wir sind schon aus ganz anderen Löchern aufgestanden, haben ganz andere Krisen gemeistert und es ist immer irgendwie nach vorne gegangen.

Und hier auch ein Appell an die Mannschaft: Wir lieben euch. Wir machen garantiert keine Plakate auf denen irgendwas von „Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot“ steht. Die Kommentare unseres amtierenden Kapitäns lassen aber auch auf schlechte Stimmung und dicke Luft schließen. Nutzt auch ihr diese Pause, redet, haut euch die Köppe ein und schöpft daraus neue Kraft. Es sind noch 8 Spiele und es ist noch alles drin. Und wenn es am Ende Platz 7 wird, dann fahren wir trotzdem mit erhobenem Haupt gemeinsam aus Fürth zurück und dann hauen wir halt 19/20 alle weg.

AUX ARMES (mit stummen S)

Mrz 172019
 

Nicht eine mutlose Mannschaft hat dieses Spiel verloren, sondern dieses Banner!

Wirre Welt

Ja liebe Lesende, solche Logiken haben wir nach dem sportlichen Offenbarungseid in Sandhausen lesen müssen. Und “die Ultras” sind sowieso immer Schuld.

Das ist so absurd, dass man eigentlich gar nicht mehr ernsthaft dagegen argumentieren kann. Aber nun gut, lebt ihr weiter in eurer Zerrwelt, wir leben ganz gut in unserer.

Wir führten Gespräche, wir trafen liebe Menschen, natürlich war das Derby Thema. Komisch: In unserer Zerrwelt kann man unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem ruhig miteinander an Lösungen arbeiten.

Lieber mit den Ultras

Wir wollten zu unseren Ultras, andere wollten unbedingt weg von unseren Ultras. Wir sind lieber solidarisch, auch wenn es mal was zu meckern gibt, ihr kennt uns. Insgesamt blieb es im Block aber auch ganz entspannt und selbst nach dem 4-0 blieb gab es untereinander nur sehr wenig stress. Liegt vielleicht aber auch daran, dass die “ich stehe seit 1910 Jahren hier und deswegen habe ich die Weisheit mit Löffeln gefressen”-Menschen eher selten nach Sandhausen fahren.

Wir sahen einen Gästeblock, der versuchte einer vollkommen saft- und kraftlosen Mannschaft mit allen Mitteln den Rücken zu stärken. Einen Vorsänger, der sowohl vor dem Spiel, als auch in der Halbzeit noch mal Engagement einforderte, weil man gemeinsam doch noch viel erreichen könnte. Und der kurz vor Schluss zu einem ruhigen Verlassen des Blocks aufforderte. Was die meisten auch machten. Anderen war während des Spiels nach Anfeuern zu Mute, wieder anderen nach Unmutsbekundung. Alles okay, so lange es im Rahmen bleibt. Nicht im Rahmen sind konkrete Drohungen gegen Spieler (Stichwort “Kopf ab”Geste) und Würfe mit Bechern, die es nach dem Spiel. Das geht gar nicht.

Wir sahen zwar ein Plakat zum Derby, welches den Auftritt kritisierte. Was auch wieder so ein bisschen Standard ist, aber seien wir ehrlich ““mutlos” ist a) eine realistische Einschätzung und b) nun auch keine Sache von der jemand beleidigt fühlen sollte. Insofern vollkommen okay, egal ob man den Inhalt nun teilt oder nicht. Außer man lebt auf einem ganz komischen Planeten. Und wie immer: Die Ultras müssen ja nun nicht Plakate malen, die euch gefallen.

Der Stürmer-Vergleich gegen die Mopo ist dagegen unterirdisch. Ja, die MoPo ist Scheisse (auch wenn sie nach dem Attentat in Christchurch zuletzt ein vernünftiges Cover hatte – aber auch ein blindes Huhn findet ja ab und zu mal ein Korn) und das kann man gar nicht oft genug äußern. Aber so ein Vergleich ist immer eine Relativierung des Originals und das ist nie sinnvoll. Selbst wenn es wie hier eine Replik auf einen total bescheuerten Nazivergleich in der Mopo ist. Man muss nicht alles reproduzieren. (Für die, die es nicht gelesen haben: Der Artikel ist seit einigen Tagen vom Online-Auftritt verschwunden.)

Auf dem Platz

Wir sahen auf dem Platz eine grausige Vorstellung. Eine Analyse in einer Grafik:

Screen Shot 2019-03-17 at 15.48.56.png
Es ist erschreckend, wie stark unsere Mannschaft in der Rückrunde abgebaut hat. Kommt euch das bekannt vor?

Ja weil es ein Thema seit Jahren ist, bzw. sein sollte. Immer wieder gehen Halbserien komplett in die Hose oder auf gute Halbserien (definieren wir sie mal als 28 Punkte oder mehr) folgen höchstens mittelmäßige Halbserien. Konstant waren wir in den wenigsten Jahren.

img_5650.png
So auch in der jetzt laufenden Saison. Hinrunde 31 Punkte (1,82 Punkte pro Spiel). Rückrunde zur Zeit auf einem Kurs 22 Punkte (1,3 Punkte pro Spiel).

Und nein, das ist nicht alles “Glück” und nun “Pech”; das ist mit dem Einbruch in den Leistungswerten absolut zu erklären – das einzige wo wir einigermaßen konstant blieben sind die Zweikampfwerte. Da wo wir die Form der Hinrunde finden (Paderborn) gewinnen wir auch weiterhin.
Und noch auffälliger wird es, wenn ihr euch mal die Schlüsselspieler in der Tabelle anschaut. Der Leistungsabfall bei diesen ist erschreckend. Und da sollten Formaufbau, Motivation, Inhalte im Training grundlegend hinterfragt werden.

Nur mal so: Hätten wir in der Rückrunde bisher einen Schnitt von 1,5 Punkten pro Spiel, hätten wir 2 Punkte mehr, mit 1,8 4 Punkte mehr. Man muss Spiele gegen Aue, Darmstadt und Sandhausen nicht verschenken. Und der FCSP muss sich langsam in Ingolstadt entschuldigen.

Ein Trainer, der nach einem solchem Spiel die Verunsicherung anspricht und meint, er habe keine gestandene Spitzenmannschaft macht es sich zu einfach. Es ist seine ureigene Aufgabe, nach so einem Rückschlag die Mannschaft einzufangen und auf das nächste Spiel zu fokussieren. Und vor dem Spiel wurde noch behauptet man habe sich darauf eingestellt. Davon war leider gar nichts zu sehen.
Und es war noch nie unser Stil jetzt auf einzelne Spieler zu zeigen. Das ist kein individuelles sondern ein kollektives Problem. Auf das die Verantwortlichen in der Länderspielpause (No Borders, No Nations!) hoffentlich eine gute Antwort finden.

Was sahen wir noch?

Der örtliche “Veteranen”-Fanclub, der ohne Witz einen Che Kopf auf seiner „vor dem Spiel auf dem Platz schwenken” Fahne hat.

Ein Vereinslied mit sinngemäß folgenden Zeilen:
„Unsere Farben sind schwarz weiß, darauf sind wir heiss, es sind die Farben der Nation das ist bei uns schon Tradition“

Egal welche Nation hier gemeint ist (Preußen?), keine Tradition in die man sich stellen sollte, wenn ihr uns fragt.

Mrz 132019
 

Vorwort

Am Ende fanden wir alle das nun folgende nicht perfekt. Wahrscheinlich weil es die perfekten Worte nicht gibt. Aber hier sind unsere besten Worte:

Wir müssen reden. Alle. Wir müssen uns über Selbstverständnis unterhalten. Wir müssen uns über Führungsanspruch unterhalten. Wir müssen alles in Frage stellen. Wir müssen Strukturen erneuern, neu denken und neue Aktive gewinnen.

Und mit diesen Sätzen meinen wir nur die Geschehnisse auf der Gegengerade. Dass es noch ganz andere Probleme gibt, lest ihr nun.

Was dieser Artikel nicht macht

Sich mit unseren Gästen auseinander setzen. Vieles, was die machen ist unverständlich, unsympathisch und wirr. Aber hey, sollen die selber klären und wir haben gerade eigene Probleme.

Auf dem Platz

Es war Derby. Gemerkt hat man das nicht. Hatte unserer Mannschaft jemand Valium ins Frühstück getan? So eine emotionslose, planlose und unmotivierte Mannschaft hat man sehr lange nicht auf dem Rasen des Millerntors gesehen.

Viel zu einfach schenkt man das Spiel her, nimmt den Fans die Freude über acht Jahre Derbysiegertum und das vor den Augen der 2011er Mannschaft. Das tut weh.

Und ganz ehrlich: Man kann gegen eine Mannschaft wie die aus dem Volkspark verlieren, man kann Derbys verlieren. Aber nicht so. Spätestens nach dem Jubelsprint von Lassoga in seine Kurve muss da jemand hin und dem die Meinung geigen. Ich muss giftiger sein, ich muss kantiger sein, ich muss – wenn ich denn eine defensive Taktik fahren möchte – dem Gegner die Lust am Fußballspielen nehmen und auch Hektik reinbringen. Dazu gehört es auch, dass man mal am Rande der Legalität arbeitet. Nur wir bekommen es hin, in einem solchen Spiel keine einzige Karte zu kassieren. Wenn ich so ein Spiel in Trainingsintensität spielen will, dann gewinnt immer die Mannschaft mit der besseren fußballerischen Anlage und das ist nun mal der Nachbar.
Und wenn der meiste Trashtalk während des Spiels von einem Ersatzspieler beim Aufwärmen kommt (in Richtung Pollersbeck), dann ist das schon sehr, sehr schräg.

Klar kann man die Gegengerade zu mehr Support auffordern, aber dann muss ich danach auch Aggression liefern.

Wir wissen, dass Laufleistung im Fußball nicht alles ist, aber es ist schon erschreckend, wenn man das mit den anderen Spielen vergleicht. Wir haben uns mal die gemittelte Laufleistung der Spieler über 90 Minuten in den Spielen dieser Saison angeguckt – aufgeteilt nach Spielergebnis (g, u, v) und insgesamt. Und dann mal die beiden Derbyspiele daneben gestellt:
Screen Shot 2019-03-11 at 11.27.03.png

Jeder Spieler ist weniger gelaufen als im Durchschnitt dieser Saison und die auf dem Rasen stehenden Spieler haben im Hinspiel im Schnitt 1,5 km mehr gemacht. Und nein, diesen Unterschied kann man mit keiner Taktik der Welt erklären. Vor allem nicht, wenn Brych seine gelben Karten auch in der Kabine hätte lassen können, weil es auch hier keine Reaktion auf den Spielverlauf gibt.
Hinzu kommt, dass unsere Mannschaft sich viel zu doll von den Rängen beeinflussen lässt, Himmelmann in der ersten Pyro-Unterbrechung schon sichtbar irritiert. In der zweiten Halbzeit ist sofort die Luft raus, als es zu einer kurzen Unterbrechung kommt. Dass es hitzig auf den Rängen werden würde, hätte klar sein müssen (wenn auch vielleicht nicht in diesem Ausmaß) und man muss die Jungs auf so etwas vorbereiten. Sportpsychologin allez.
Eine ganze Reihe der Spieler, die auf dem Platz stehen, haben in den vergangenen Wochen ihren Vertrag verlängert und dabei betont, wie wohl sie sich hier fühlen und wie sehr sie sich mit dem FCSP identifizieren. Das hätten wir in diesem Spiel gerne auch auf dem Platz gesehen.

Stattdessen legen sechs (!) Spieler die schlechteste individuelle Saisonleistung hin und vier weitere schrammen ganz knapp dran vorbei.
Screen Shot 2019-03-12 at 08.14.11.png
(Berechnungsgrundlage: WhoScored-Noten)
Regelmäßige Leser*innen wissen, dass wir als Kollektiv nicht alle Kauczinski-Fans sind. Und an diesem Sonntag sehen wir uns darin mal wieder bestätigt. Hauptsache, die Hände sind in den Hosentaschen gut warm, während der Gegner uns gerade ein 0:3 einschenkt. Im eigenen Stadion. Beim Derby.
Für uns ist der kein Trainer, der eine Mannschaft taktisch auf wichtige Spiele einstellen kann, der eine Mannschaft während des Spiels mitreißen und motivieren kann. Und damit kein Trainer für die richtig großen, wichtigen Spiele. Und dazu gehört dann auch seine KSC-Historie, gerade gegen den HSV.
(Und nein, wir sind nicht bei jedem Training, bei der Kabinenansprache o. ä. dabei. Wir können nur das bewerten, was wir sehen. Und das ist in letzter Zeit nicht das, was wir auf der Trainerbank gerne sehen würden.)
Und wir lassen uns hier sehr gerne vom Gegenteil überzeugen.

Neben dem Platz Teil 1 / Danke

Kommen wir zu einer der wenigen schönen Dinge, die wir über diesen Spieltag schreiben können: Danke an alle Aktiven, die Stunden an Nähmaschinen gesessen haben, um wirklich hübsche Blockfahnen und Choreos vorzubereiten. Leider wird dies nicht die bleibende Erinnerung sein. Ihr wisst, wer ihr seid, ganz viel Liebe für euch.

Neben dem Platz Teil 2 / Gegengerade

Wir fangen einfach mal mit der Gegengerade an, nicht weil das nun irgendeine Wertung sein soll, sondern weil irgendwer ja anfangen muss und wir selbst heute zu drei Vierteln hier stehen. Überhaupt ist Aufrechnen zwischen Tribünen alberner Kram. Nach diesem Spiel hat jeder was von der eigenen Traverse zu kehren.

Die Gegengerade muss sich fragen, was sie eigentlich sein will. Will sie eine stehende Haupttribüne sein? Also eher passiv ein Spiel begleiten und vielleicht mal, wenn es gut läuft, mitmachen? Beansprucht sie eine Führungsrolle? Wenn ja, warum („ich steh hier seit 1910 Jahren“ ist ein sehr schwaches Argument) und wie soll die ausgefüllt werden?

Natürlich ist das sehr allgemein formuliert, denn es gibt weder die/den „normale*n Gegengeradensteher*in“, noch ist die Gegengerade homogen. Nur das an diesem Tag ist echt enttäuschend. Wie kann man in der Mehrheit der Besucher*innen von Beginn an einem Derby emotional null teilnehmen? Wir hatten gefordert, dass es brennt, dass die Volksparker*innen sich einscheißen müssen … dies gelingt nicht annähernd. Mal ehrlich: Niemand verlangt von euch Dauerlala oder so, aber wenn auf so ein perfektes Feindbild wie Lassoga überhaupt nicht reagiert wird, dann ist etwas kaputt. Da ist ja die Haupt emotionaler unterwegs.

Ein naives Mitglied des Redaktionskollektivs wagte vor dem Spiel noch die Hoffnung zu äußern, dass es vielleicht der langweilige und beliebige Spielbetrieb des deutschen (Zweitliga-)Fußballs ist, der das durchschnitliche Gegengeradenpublikum am Samstag- oder Sonntagmittag nicht motivieren kann, sich am Support zu beteiligen. Aber was soll dann bei einem solchen Spiel die Ausrede sein? Kein Alkoholausschank?

Es schwingt in der GG ja immer noch so ein Herabblicken auf die Süd mit, was so null gerechtfertigt ist. Wenn ich mir so etwas leisten will, dann sollte ich den Support, den Verein, das ganze Stadionerlebnis prägen. Zur Zeit stehen da 12.000 zum größten Teil passive Konsument*innen.

Und aus dieser Perspektive heraus wirkt die verbale Kritik an den rot Vermummten in der Süd auch albern und wird schnell zu einem Autoritarismus, der durch nichts gerechtfertigt ist. Alles, was den langweiligen, friedlichen Konsens aus Bier, Schnack und Fußballgucken stört, wird als Angriff wahrgenommen und da plötzlich kann man Emotion. Das ist schon ist schon ziemlich linkes bürgerliches Spießertum. In Hamburg nennt man das „Sparkassenputzer*in“. Liebe Leute, die Gegengerade muss anders sein. Sie sollte nicht die SPD/MoPo des FCSP sein. Dies gilt insbesondere, wenn man doch auch auf der GG lautstark „Antifa Hooligan“ gefordert hat, denn wie schrieb jemand ein bisschen überspitzt in dieses Internet? „Jetzt kommen da mal Antifa-Hooligans und dann ist es auch wieder nicht recht.“ Das ist nicht ganz unsere Meinung, aber wir kommen dazu noch. Niemand will hier das Geschehen auf der Süd rechtfertigen.

Wir wurden gefragt, wie eine richtige Reaktion der GG auf das Geschehen in der Süd aussehen sollte und könnte. Gute Frage! Am Spieltag ist das immer schwierig, emotionale Antworten auf überraschende Ereignisse überlegt man sich meistens nicht lange im Voraus. Aber mal ehrlich: Es gibt ganz viele Gründe, warum man erstmal in der GG kehren sollte, bevor man den Zeigefinger Richtung Süd hebt.

Vielleicht ist Durchatmen und Ignorieren die beste Reaktion. So schlimm wie die drei Buchstaben, die dieses Blog nie schreibt, ist aber dort niemand, das möchten wir einfach nicht rufen. Und ja, wir können Unmut verstehen. Aber der FCSP-Fan an sich war immer darauf stolz, bei der Emotion auch immer das Hirn eingeschaltet zu lassen. Und natürlich hat MillernTon-Maik auch recht, wenn er folgendes schreibt:

Aber dann sollten wir bitteschön auch die Fresse halten, wenn es um andere Tribünen und deren Umgang mit dem Derby geht. Das kann man dann gerne nach dem Spiel oder irgendwann thematisieren, aber doch nicht während der Nachbar noch im Stadion ist und sich eins feixt. Haben wir gar keine Selbstachtung mehr?

Zumal die Pfiffe noch mal einsetzen, als ein großer Teil der Süd die Mannschaft nach dem Spiel besingt, sich sichtbar hinter sie stellt. Wie scheiße kann man sein, dass man in dieser Situation dann tatsächlich die eigenen Fans auspfeift. Und damit indirekt dann halt auch gleich die ganze Mannschaft.

Dass auch noch von sexistischen und antisemitischen Beleidigungen berichtet wurde, rundet das Bild ab. Sankt Pauli, was geht denn hier bitte? (Nachtrag 16:33 weil das vielleicht missverständlich ist: wir sprechen hier von einzelnen Rufenden!)

Wie die Reaktionen ab heute aussehen sollten?

Wir haben da Ideen: Intern? Vernetzen! Aktive unterstützen, eigene Bequemlichkeiten räumen! Du hast Bock auf 90 Minuten Alarm? Ab zum Supportblock! Wir brauchen wieder Spieltagsflyer, Infoveranstaltungen, Vernetzungstreffen, Aktive. Und ja da sind auch wir alten Säcke mit zwei Kindern und einem Haus am Stadtrand gefragt. Das ist natürlich Klischee.

Extern bzw. Reaktion auf die Süd? Support your favourite Südgruppe! So gut wie jede*r GGler*in kennt Südmenschen, jeder hat schon mal Gruppen kennengelernt. Unterstützt die! Fragt, ob man helfen kann, gebt Rückendeckung! Die werden dies und eine Schulter zum Ausweinen brauchen. Da liegt nämlich auch ganz viel Arbeit vor denen. Klar, man ist nie 100 Prozent einer Meinung. Sowohl die Haltungen auf der Süd als auch die auf der GG lassen sich bestenfalls als Spektrum begreifen. Aber das ist egal. Solidarität ist eine Waffe.

Wie das konkret aussehen kann? An Veranstaltungen teilnehmen! Der Supportblock hat einen Stammtisch, der Verein macht eine breitere Diskussion, haltet die Augen und Ohren offen. Organisiert euch in euren Bezugsgruppen, redet drüber, nutzt Institutionen wie den Fanladen etc. pp. Ärger muss zu Reaktionen führen. Wir können als Fanszene intern alles ausdiskutieren. Den Diskurs von MoPo, Bild und Co bestimmen zu lassen und dann über Social Media den eigenen Ärger zu verbreiten, ist ja … suboptimal. Wir einnern an dieser Stelle auch gerne daran, dass Diskurse nicht fair sind. Law-and-order-Politiker, die Polizei und ihre Interessenvertreter und andere werden versuchen, politisches Kapital daraus zu schlagen, bereitwillig unterstützt durch die Hamburger Massenmedien. Diese kollektive Erregung sollten wir keinesfalls unterstützen.

Neben dem Platz Teil 3 / Südkurve

Bei diesem Spiel wird öffentlich deutlich, was aufmerksame Menschen schon etwas länger mitbekommen haben, was nun aber nicht mehr zuzukitten ist. Wir haben einen Bruch innerhalb der Süd und eine Gruppe, die hier unbedingt ihr Ding durchziehen will.

Seit Jahren diskutieren wir die Frage, ob es eigentlich einen Grundkonsens beim FCSP gibt und ob jeder macht, was er will. Letzteres ist zur Zeit wohl zumindest für diese ominöse Gruppe der Modus Operandi.

USP will dem in mehreren Szeneorganen formulierten Selbstverständnis nach einen Führungsanspruch in der Süd haben und wenn wir ehrlich sind, es wäre uns lieb, wenn dies alle akzeptieren und USP den damit durchsetzen kann. Klar, die sind auch nicht perfekt und man findet in dem langen MillernTon-Interview viele Punkte, denen man widersprechen kann. Aber Ultrà Sankt Pauli steht halt doch für eine Mentalität, die anders ist als plumpes Deutschultramackertum. Im Deutschultramackertum gibt es eine Liste von Dingen, die man unbedingt in einem Derby abhaken muss und das hat diese andere Gruppe getan. Wir wiederholen da inhaltlich nun nicht alle Geschehnisse. Siehe den Artikel vom Derbytag. Das ist vorhersehbar, langweilig, null ein „anders sein“ und auch nicht „Antifa Hooligan“, wie wir das verstehen. Daher halten wir es für wichtig, diesen Führungsanspruch als USP wieder zu gewinnen, inhaltlich zu unterfüttern und alles Notwendige dafür zu tun. Auch von jedem Dritten.

Und neben dieser Deutschultramackertum-Liste gab es ja auch diverse andere nicht tolerierbare Fehlverhaltungen. Eigene Leute angreifen, wegschubsen, sich mit eigenen Leuten hauen, Dinge in der Kurve anzünden undsoweiter. Das geht gar nicht. Auch auf den Zaun zu springen, die eigene Choreo dabei zu beschädigen und da den Obermacker zu miemen, ist a) etwas lächerlich, wenn schon die eigene Kurve nur genervt mit den Augen rollt, anstatt dadurch heiß zu werden, und b) Mackerklischee pur, da natürlich nur die Kerle (zumindest so weit wir das sehen konnten) da den Hampelmann machen.

Nun ist die Frage, wie man diese Menschen wieder einfängt oder im schlimmsten Fall ausgrenzt. „Das sind keine Fans“, „Das sind keine St. Paulianer“, „Die sind sonst nie da“. Ja, haben wir alles schon gelesen. Auch die Forderung nach Stadionverboten, Polizei in der Kurve, Südkurvensperrung etc. pp. Das ist die andere Liste nach Derbys. Die Liste der bürgerlich Empörten. Das dies ebenso reflexhaft wie wirkungslos ist, wissen wahrscheinlich selbst diejenigen, die dieser Forderungen aufstellen, aber es täuscht Aktivismus vor. Und das ist sehr populär. Gleiches gilt auch für Vereinsstellungnahmen, auch wenn die beim FCSP besser klingen als anderswo. Besser ist hier aber ungleich gut.

Ach ja, für die nun notwendigen internen Gespräche raten wir euch, liebe Vereinsverantwortliche, was wir schon Corny geraten haben: Zu dem entsprechenden Treffen gehen, sich auf eine Kiste stellen, einmal “Das war richtig große Scheiße und ich bin sauer” in die Runde brüllen, von der Kiste herunter steigen und dann sagen: “Okay, und wie verhindern wir das nun in der Zukunft? Lasst uns reden!”

Wir müssen uns alle an die eigene Nase fassen. Denn das sind Fans, unsere Fans. Warum haben wir diese Leute nicht von “unserem Weg” überzeugen können? Und warum bekamen/bekommen wir jetzt keinen Gesprächsfaden aufgebaut?

Natürlich fällt USP die Disstapete in Richtung Poptown (“Das Vermächtnis von PT98: Nachwuchs? Choreo? Die Kurve? Außer Messer nichts im Griff gehabt”) mit dem Verhalten dieser Leute richtig auf die Füße, aber sie stellt doch die richtige Frage: Warum schaffen es Ultragruppen nicht, ihren Nachwuchs in den Griff zu bekommen? Ist Adrenalin so ein geiler Kickfaktor?

Und klar, Jugend (und es waren unserer Beobachtung nach junge Menschen) testet Grenzen aus, verbrennt sich die Finger und wird daraus hoffentlich klüger. Viele von uns waren selber so. Aber das heißt ja nicht, dass man die nicht wieder einfangen kann und muss. Und vielleicht auch vor dem großen Knall diese Ausrede zu häufig verwendet hat. Nun ist das Kind im Brunnen, holen wir es wieder raus.

Was ist los in Ultraland?

Und dabei ist noch gar nicht die Frage gestellt, wie sich linke Ultragruppen, Antifagruppen etc. in den letzten Jahren entwickelt haben. Ohne es in irgendeiner Art und Weise belegen zu können, vermitteln die letzten Jahre doch den Eindruck, dass es einen Trend zu mehr Gewaltbejahung, mehr Agressivität gibt. Klar, die Umstände ändern sich und damit auch die eigene Hemmschwelle für die Akzeptanz von Gewalt. Auch wenn diese (vermeintliche) Wandlung linker Jungendkulturen parallel läuft, ist es doch eine Sache, die jetzt hier nicht ausdiskutiert werden kann.

Erstmal muss man reden. Wir sind keine Freunde davon, sowas mit Faust oder Polizei zu klären.
Polizei: Führt immer noch zu falschen Solidarisierungen und auf St. Pauli klärt man das unter sich. Und Polizei ist sowieso doof.
Faust: Ja, dies ist leider ab und zu ein Mittel, um legitime Ansprüche zu untermauern. Wer dies negiert, der lügt sich im Fankurvenkontext in die Tasche. Aber das kann nur Ultima Ratio sein und ist nix für dieses Hippieblog.

Und wir müssen auch in der Süd wieder mehr Leute in aktive Strukturen einbinden und aktiv inhaltliche Arbeit machen. “Was wollen wir als Süd sein?” ist eine wirklich berechtigte Frage. Das Kurvenkonzept muss überarbeitet werden, die inhaltliche Arbeit an “Ultrà St. Pauli Style” muss intensiviert werden. Die letzte Basch war ein Anfang, es muss so weiter gehen. Die angekündigte Überprüfung der Kartenvergaberegularien bietet hier eine Chance. Und da ist auch die schmerzhafte Frage nach den eigenen Grenzen zu stellen. Und die Frage, ob ich eigentlich jede*n, der*die auf der Straße was hermacht, haben möchte? Fußballfans neigen dazu, bei solchen Leuten übertolerant zu sein, weil man diese ja bei riskanten Spielen sehr gut brauchen kann. Wollen wir alles mit machen, was uns Ultradeutschland so vorlebt? Dies wird nicht immer einfach werden. Die Diskussion beginnt jetzt.

Neben dem Platz Teil 4 / Die restliche Scheiße

Viele weitere beschissene Dinge sind passiert. Beim Einlass Süd kam es zu einem Blogsturm (Gemeint ist natürlich Blocksturm und das ist eher der normale Begriff als eine Messung der realen Intensität egal wie es ist nicht toll) und einer anschließenden Kesselung von Leuten, die damit gar nix zu tun hatten (noch weniger toll) durch Polizei, die schon den Tonfa locker hatten. Nicht gerade schön.

In der Süd fanden sich auch viele Leute, die null Plan von Regeln und Gebräuchen hatten und anscheinend das erste Mal da waren. Wenn du zum ersten Mal in einem Stadion bist, und dir irgendwer sagt, dass fotografieren doof ist, dann hälst du dich dran und argumentierst nicht noch blöd. Du gehst in das Wohnzimmer anderer Leute, da ist ein bisschen Demut angebracht. Und wenn du das nicht verstehst, ist der Satz “Ah okay, danke für den Hinweis, sehe ich gar nicht als Problem, aber wenn du sagst, das ist hier die Regel dann ist das so.” gar nicht so schwierig zu sagen.

Was lernen wir bitte ab jetzt beim FCSP? Als Spieler, Offizielle*r oder was auch immer vor Derbys immer folgende Sätze zu sagen “Das ist der große … wir sind klarer Außenseiter, die sind ganz toll” oder so ähnlich. Kampfansagen resultieren historisch in 0-4 Niederlagen. Looking at you, Oke and Meggle.

Und noch zu lesen

FCSR

Mrz 102019
 

Ihr kennt uns. Wir versuchen vieles zu verstehen und können auch Dinge akzeptieren und tolerieren, die nicht unserer Art des Auslebens von FCSP-Fantum entsprechen.

Es gibt ihn nicht, “den richtigen Fan”

Genauso wenig mögen wir es, Dinge schwarz-weiß zu sehen. Lieber braun-weiß. Wir sind die Letzten, die nach so einem Spiel nun pauschal “die Ultras” verurteilen. Wir sehen eher, wie ein Vorsänger mit Menschen nicht mehr interagiert, wie er sie ignoriert. Deswegen bedenkt bei allem: Es gibt am Millerntor nicht den homogenen Ultramob und es gibt es keine Kollektivschuld. Es wäre zu einfach, “der Süd” oder “USP” oder wem auch immer die Schuld zu geben.

Keine Schnellschüsse

Trotzdem müssen wir über Verhaltensweisen sprechen, die den Grundkonsens des FCSP überschreiten:

So war für uns die Präsentation geraubter Fanartikel des Gegners am Millerntor bisher immer ein Tabu. Das ist das eine und wohl zentrale Thema des Tages, über das zu sprechen sein wird. Konsens war hier bisher auch, dass man beim Abbrennen von Pyrotechnik ein bisschen das Gehirn anlässt, siehe später.

Letzteres führte ja auch dazu, dass selbst der letzte Doofi auf der GG nicht mehr jede Pyroshow auspfeift. Hat heute unserer Wahrnehmung nach auch bis zu einem Schwellenereignis ganz gut geklappt.

Doch an diesem Tag wurden Grenzen überschritten. Heute wurde auch vor und während des Spieles gemackert, wie wir es beim FCSP nicht gewöhnt sind. Und wie es in unseren Augen nicht zu einer progressiven, linken Kurve passt.

Liebe Lesende, wenn sich Menschen im Fussballkontext unbedingt auf die Nase hauen wollen, sollen sie das gerne unter Gleichgesinnten tun. Und ja, wir wissen auch, dass ein bisschen auf dicke Hose machen dazugehört. Kann man doof finden (finden wir manchmal selbst doof), davon geht die Welt aber nicht unter.

Aber heute hat es das Maß verloren. Der FCSP war immer der Verein, wo es einen Grundkonsens zu Grenzen, die wir nicht überschreiten, gab. Wo man auch mal zurücksteckt. Und wenn das nur heißt, dass die letzte Pyrofackel wieder in die Tasche wandert. Pyro als Choreo ist eben ungleich Pyro als Mackerinstrument.

Wie kommen wir da wieder hin?

Wir wissen es gerade nicht. Wir regen jeden an, innezuhalten, nachzudenken und dann ehrlich miteinander (statt übereinander) zu reden. Wir sind genug in der Süd vertreten, um zu wissen, dass da auch intern genug Ratlosigkeit und Gesprächsbedarf besteht.

Und ja, Kritik muss auch an Reaktionen vieler auf der GG geübt werden, die anders ausfallen kann und muss. Nie geil, wenn das Auspfeifen der eigenen Leute die lauteste Aktion des Tages ist.
Anders gesagt: Es ist die falsche Antwort auf eine Scheißaktion.

Ausführlicher Bericht zum Spiel folgt. Wir müssen uns erstmal sammeln.

Mrz 082019
 

Wer sich taktisch auf das Derby einstimmen will, sollte dies beim MillernTon tun. Aber auch wir haben das magische Zauberexcel angeworfen, die bisherigen Daten dieser Saison ausgewertet und daraus eine Aufstellung gebastelt. Natürlich konnten wir dabei taktische Grundausrichtungen, aktuelle Form, Trainingsleitung, etc. nicht berücksichtigen, insofern betrachten wir nur einen relevanten Teilausschnitt.

Kurze Anmerkung zur Taktik: Wir gehen von dem klassischen 4-2-3-1 aus, das sich defensiv auch in ein 4-4-2 verschieben kann und planen die Aufstellung entsprechend.

Bei der Erstellung der Aufstellung haben wir verschiedene Leistungswerte der bisherigen Saison angeguckt: Individuelle Leistungen (abgebildet durch die WhoScored-Note, aus unserer Sicht der beste frei verfügbare Indikator individueller Leistung), Tore & Gegentore während die Spieler auf dem Feld waren, Punkteschnitt der Spieler, etc.. 

Wir berücksichtigen selbstverständlich nur Spieler, die auch auflaufen können (sprich: Zehir, Veerman & Ziereis nicht), ansonsten gehen wir von einem kompletten Kader aus.

Bei der Positionsbetrachtung haben wir jeweils nur die Spiele der Spieler auf der entsprechenden Position berücksichtigt und nicht die Spiele auf anderen Positionen.

Überblick über die Leistungen aller in Frage kommender Spieler in dieser Saison.

Tor

Zwei Spieler haben diese Saison bereits auf dieser Position gespielt, Brodersen und Himmelmann. Wobei Brodersen genau 1x zum Zuge kam – beim 1:4 in Köln. Von daher sprechen die Werte hier klar für Himmelmann. Alles andere wäre ja auch höchst verwunderlich. 

Innenverteidigung

Drei Spieler kommen hier in Frage: Avevor, Carstens & Hoogma. [Knoll wäre prinzipiell auch eine Option, aber seine Einsätze in der Innenverteidigung waren nun nicht gerade von Erfolg gekrönt und außerdem brauchen wir ihn viel zu sehr im defensiven Mittelfeld].

Wir setzen auf Avevor und Hoogma . Die beiden haben insgesamt den besseren Punkteschnitt im Vergleich zu Carstens (2.05 & 2.25 vs. 1.75), zumal deutlich seltener Gegentore fallen, wenn die beiden auf dem Platz sind.  Für Carstens sprechen seine individuellen Leistungswerte – hier bleibt es auf jeden Fall spannend, wobei Avevor gesetzt scheint.

Außenverteidigung

Also eigentlich diskutieren wir hier überhaupt nicht: Schnecke auf rechts, Buballa auf links.  Buballa auf links scheint auch aus Mangel an Alternativen quasi gesetzt, Kalla hat die besten individuellen Werte und den besten Punkteschnitt.

Defensives Mittelfeld

(Nur Spiele der Spieler im DM sind berücksichtigt)

Sieben verfügbare Spieler haben bisher in dieser Saison im defensiven Mittelfeld gespielt: Buchtmann, Carstens, Dudziak, Flum, Kalla, Knoll & Park. In Betrachtung der individuellen Leistung liegen Dudziak & Knoll vorn, knapp dahinter Buchtmann, der im defensiven Mittelfeld seine besseren Spiele diese Saison gemacht hat. Knoll ist gesetzt, wir setzen auf Buchtmann, der den leicht besseren Punkteschnitt hat. Zumal Dudziak jetzt einige Spiele Pause hatte und sein Gesundheitszustand nicht ganz klar ist. Und ja, wir erwarten Buchtmann tatsächlich eher im defensiven als im offensiven Mittelfeld. Zu den Gründen kommen wir gleich noch.

Offensives Mittelfeld

Dudziak hat in seinem 1 Spiel im OM (am 4. Spieltag gegen Köln) zwar ein echt gutes Spiel gemacht, dennoch wäre eine Aufstellung dort im Derby sehr überraschend. Insofern kommen acht Spieler in Frage (bzw. mit Buchtmann im defensiven Mittelfeld sieben). Wir setzen – aufgrund der individuellen Leistung – auf die Kombination aus Möller-Dæhli, Sobota & Allagui.  Close Call zwischen Ryo und Sami, den Ausschlag geben im Endeffekt die besseren individuellen Werte von Sami und die Tatsache, dass Sobota bisher an keinen Toren beteiligt war. Buchtmann macht seine besseren Spiele aktuell im defensiven Mittelfeld und wird da auch gebraucht.

Sturm

Fünf Tore in sechs Spielen sprechen eine eindeutige Sprache: Alles andere als Alex Meier wäre eine riesengroße Überraschung.

Einwechslungen

Das ist natürlich sehr viel „in die Glaskugel schauen“. Wir können uns gut vorstellen, dass Flum, Carstens und Miyaichi Alternativen sind, die bei Kauczinski ganz oben auf der Liste stehen.

Zusammenfassend kommt natürlich alles anders, und vor allem als man denkt. Und wenn das tatsächlich die Spielaufstellung ist, nun ja, dann dürft ihr uns gerne ein Bier ausgeben. Und dann gehen wir einfach mal davon aus, dass jeder einzelne Spieler das Spiel seines Lebens macht und dass wir die am Sonntag aus dem Stadion schießen.

Mrz 062019
 

Liebe Lesenden,

wir können nicht nur ausgezeichnet pöbelige Fußballspielberichte schreiben, sondern sind in unserer magischen Vielfalt natürlich auch begabte Literaturrezensent*innen. Und wenn uns schon ein Buch in die Hände fällt, das unseren Sankt-Pauli-Kosmos berührt, ja gar durchdringt, können wir gar nicht anders, als euch daran teilhaben zu lassen

Bücher über Ultras gibt es einige …

Aber Bücher direkt aus der Kurve – und dann auch noch aus der Südkurve des Millerntors? Wahnsinn! Toni Gottschalk, allseits bekannt als der Comiczeichner der Basch, hat tatsächlich seinen Debütroman veröffentlicht. “Konfetti im Bier” heißt das Ding und beweist, dass Toni schlechte Wortwitze auch auf Buchlänge auswalzen kann. Aber wer den “Es gibt kein richtiges Leben in Flaschen”-Humor nun als einziges USP (ha ha) von “Konfetti im Bier” vermutet, liegt falsch. Das Ding kann mehr.

Der erste Ultrà-Roman im deutschen Sprachraum riecht nach Bier und Kippen, nach Joints und Lines, nach Heiserkeit und Kopfschmerzen, nach alten Socken und neuen Sneakern, nach Tapetenfarbe und Nasenbluten. Toni schickt in “Konfetti im Bier” die vielfältige Gruppe rund um Merks, Subbe, Jette, Marco & Co. auf mehr oder weniger normale Wochenendtrips, die ans Millerntor, nach Dresden und sogar nach Genua führen. In den drei Abschnitten Heim, Auswärts und Hoppen wird so ziemlich nichts von dem ausgelassen, was man sich so unter dem Ultrà-Dasein vorstellt: Choreo-Gebastel, Politikdiskussionen, Drogenexzesse, Stress mit Bullen und eine kräftige Prise sportliche Auseinandersetzungen – vor allem aber das packende Spannungsfeld von unüberbrückbarer Rivalität und bedingungsloser Solidarität.

Nur die Alten, nur die Guten?

Toni-Gottschalk-Konfetti-im-Bier-Cover
Don’t judge a book by its lover

Über weite Strecken ist “Konfetti im Bier” von Tonis schrägem Humor geprägt und stößt vermutlich nicht zuletzt mit der, sagen wir mal, unkritischen Darstellung von Gewalt so manche*n Leser*in vor den Kopf. Davon ab gibt es aber immer wieder sentimentale Momente, in denen die Freundschaft innerhalb der Gruppe als einer der wichtigsten Gründe zutage tritt, warum man sich den Unfug eigentlich immer wieder aufs Neue antut. So sehr man sich auch manchmal miteinander in die Wolle kriegt, so sehr können sich die einzelnen Ultras doch aufeinander verlassen, wenn es hart auf hart kommt.

Ein weiteres, zentrales Thema, das die Protagonist*innen umtreibt, ist “Alt vs. Jung”: War früher alles besser oder nur anders? Wie ist das mit nachfolgenden Generationen, wie offen für Neues ist eine Gruppe – und vor allem: Wann ist man selbst eigentlich zu alt für den Scheiß, gründet Familie und zieht in ein Einfamilienhaus am Stadtrand? Fragen, die sich vermutlich alle Ultras mal in ihrem Leben stellen; ist diese Subkultur doch von einem sehr niedrigen Altersdurchschnitt geprägt.

Show, don’t tell

“Konfetti im Bier” bleibt seiner Form und der Vielzahl an Charakteren geschuldet eher episodisch und daher relativ arm an Höhepunkten. Vielleicht wäre bei den Figuren weniger mehr gewesen, um das Profil der übriggebliebenen Protagonist*innen zu schärfen. Außerdem braucht es ein bisschen, bis die Lektüre in Fahrt kommt, denn gerade zu Beginn laviert Toni G. zwischen “Wisst ihr doch alles” und “Ich erkläre sicherheitshalber mal, was dies und jenes ist” herum. Extrem schwierige Geschichte, denn was kann rund um diesen sehr speziellen Themenkomplex bei Nicht-Fußballfans eigentlich als bekannt vorausgesetzt werden – und wo ist es vielleicht egal, wenn “Normalos” es nicht im Detail kapieren? Im weiteren Verlauf der Erzählung funktioniert das Prinzip “Show, don’t tell” dann immer besser und sobald die Startschwierigkeiten als Leser*in überwunden sind, wird das Buch extrem kurzweilig und die 328 Seiten sind im Nu verschlungen. Von daher: Sobald ihr nach dem Derby ein bisschen Zeit zum Durchatmen habt, auf zum Buchladen eures Vertrauens und holt euch das Ding! Gibt’s auch im Online-Shop vom Liesmich Verlag.

Ach ja: Es gibt keinen Disclaimer à la “Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig”. Ihr dürft also herzlich gern gucken, ob und wen ihr in welcher Form in der Geschichte wiedererkennt.

Mrz 032019
 

Heine unterstellte der Sonne, doch sehr verdrießlich auf Paderborn zu scheinen, hielt er doch Paderborn für dumme Erde.

Soweit würden wir natürlich nicht gehen wollen, aber seien wir ehrlich: “Born in Paderborn” ist kein Glückslos in der Lotterie der Geburtsorte. Aber immerhin schenkt uns Paderborn das gute Dosenbier, das auch an Autobahnraststätten bezahlbar ist. Da kann man nicht wirklich böse sein.

Fanladenpöbelbus

Wir neigen ja dazu, nicht gemeinsam anzureisen, und so nahmen wir zu 1/4 den Fanladenbus, zu 1/2 den Pöbelbus und 1/4 wusste, dass Paderborn nie eine Reise wert ist.

“I’m on the right track, baby
Paderborn this way”

singt Lady Gaga und wir bewegen uns in Richtung Paderborn. Allertal, unser Lieblingsalkoholregal, ist fest in braun-weißer Hand und auch ansonsten ist die Zahl der Busse und Fahrzeuge, die wir überholen, beeindruckend.

Nicht klären konnten wir ob ein Film der Erwachsenenunterhaltung, der in Paderborn gedreht wird, eigentlich ein Paderborno ist.

Stadion am Möbelhaus

Das Stadion in Paderborn liegt zwischen Möbelhaus, Autobahn und fünf Anwohnern. Letztere sind bekannt dafür, Abendspiele zu verhindern. Stört wohl den deutschen Michel mehr als die nahe Autobahn.

Wir dealen noch ein paar Karten und schon waren wir drin. Entspannte Kontrollen und für Paderborner Verhältnisse extrem wenig Polizei. Der Block in Paderborn ist bekannt für einen doofen Ein- und Ausgang und wirklich viel Platz ist da nun auch nicht. Daumen hoch für den Cateringchef, der seine Jungs (ja, es waren nur Männer!) mit “unseren” “Refugees Welcome”-Shirts ausgestattet hat. “Hat der Chef uns gegeben, und fanden wir alle ne coole Idee”. Wir freuen uns.

Umso unverständlicher sind Typen, die ein “Darf ich mal durch?” nutzen, um sich Leute von ihrem Platz zu drängen. Und solche Sprüche wie „Wir sind hier nicht beim Tennis.” sind komplett unangebracht, wenn man kurz vor knapp ins Stadion kommt und sich dann mitten in existierende Gruppen reinstellt. Mal ganz davon ab, dass das natürlich wieder Dudes sind, die eine Frau wegdrängen. Auf Intervention werden die dann richtig aggressiv und versuchen, den Dicken zu markieren. Und geraten an die vollkommen falschen Leute. Pech für die.

Noch was – und ja, wir haben auch echt keine Lust mehr, das immer wieder zu schreiben: Wenn Menschen keinen Körperkontakt wollen, dann lasst es und rennt denen nicht noch hinterher. Egal, wie voll ihr seid.

Und wenn wir schon bei dummen Menschen sind: Können wir bitte mal anfangen, Menschen mit Chief-Wahoo-Logo-Caps aus dem Block zu entfernen? Man kann seinen Rassismus eigentlich nicht deutlicher machen als durch das Tragen dieses Logos. Selbst der Clevelander Baseball-Verein hat dies langsam mal erkannt. Wer dieses Logo also immer noch trägt, tut dies in vollem Bewusstsein des Rassismus. Leider ist der Träger zu weit im Block entfernt, um ihm eine Ansage zu machen.

Und sonst so?

Sehen können wir das eine Tor nicht. Denn unsere Ultras lüften ein bisschen ihre neuen Fahnen, ist ja auch ihr gutes Recht. Und hübsch sind die sowieso geworden.

Der Block geht gut mit und liefert einen soliden Support ab. Angemessenes Aufwärmen zum Derby. Nächsten Sonntag wollen wir das ganze Stadion genau so sehen.

Vor dem Spiel wird noch einem verstorbenen Paderborner Fan/Sponsor gedacht. Unter seinen erinnerungswürdigen Taten wurde erwähnt, dass er mit der Parkplatzinfrastruktur dem Verein beim Betrieb des Stadions geholfen habe. Wenn wir es uns wünschen dürfen: Wir würden gerne für andere Dinge erinnert werden. Ruhe in Frieden.

Auf dem Platz: Alter schützt vor Toren nicht

Auf dem Acker entwickelt sich ein ziemlich schnelles Spiel und ein fröhliches Hin- und Her. “Das hätte auch anders herum ausgehen können” ist eine schöne Floskel, die heute echt mal stimmt. Paderborn trifft Pfosten und spät die Latte. Dazu noch eine Glanzparade vom Skyman und diverse gute Möglichkeiten.

Wir mit ungefähr 10 Flanken auf AM, der ca. drei Chancen versemmelt, um dann doch noch sein Tor zu machen. Und dem ein Tor irregulär aberkannt wurde. Das war gleiche Höhe, nicht Abseits. AMFG9s Quote ist schon krass. Ein Spiel ohne Tor von ihm ist eher die Ausnahme als die Regel: In sieben Spielen macht er dieses Jahr bisher sechs Tore. Quote bitte zum Derby halten, dann brüllen wir das “Fussballgott” auch laut mit. Versprochen!

Mats hat Geburtstag (24 – das heißt noch gute 15 Jahre, um hier zur Legende zu werden) und will sich mit dem Tor zum Geburtstag anscheinend nicht selbst beschenken. Da steht er zwei Mal gut vorm Tor und traut sich dann nicht, einfach mal draufzuballern. Lisa Allagui riet ihrem Gatten das vor einigen Spielen und das setzte Sami direkt erfolgreich um. Wer auch immer in Mats‘ Umfeld ihm das sagen könnte: Macht mal bitte!

Man of the Match? Schnecke, der ungefähr jeden Millimeter des Rasens umpflügt und der extrem unangenehm für seinen Gegner agiert. Das ist Fight pur. So muss das laufen. In Halbzeitgesprächen stellten wir fest, dass wir mit Schnecke in der Form bisher alle Spiele dieses Saison gewonnen haben. Klappte dann ja auch wieder.

Gelb-Rot für Zehir ist zwar ärgerlich und macht das noch unnötig spannend, aber seien wir ehrlich: Im Hinblick auf das Derby kann er durch Buchti gut ersetzt werden. Und ansonsten gefällt uns der Junge gut. Der liest das Spiel hervorragend und spielt auch mal den mutigen Pass. Der kommt noch nicht immer an, aber da kommt echt spielerische Klasse durch.

Das mit der Klasse gilt übrigens auch für Hoogma. Wir stellten auf der Hinfahrt fest, dass er laut Transfermarkt der zweitteuerste Spieler im Kader ist. Und: Der Junge kann wirklich Fussball spielen. Auftrag fürs Derby: Lasoggas Mutter ihren Sohn komplett aus dem Spiel halten.

Nach dem Spiel

Da hast du ein Stadion direkt neben der Autobahn und es dauert trotzdem ewig von den Parkplätzen zu kommen. Es ist unglaublich.

Der Rest ist schnell erzählt. Die Playlist “Kirmestechno” erzeugt ein paar Ohrwürmer und früh hat uns Hamburg wieder.

Das mit dem Fanladenbus abreisende 1/4 beeindruckt das direkte Umfeld mit enormer kulinarischer Auswahl. Vom Pöbelbuscatering lernen heißt siegen lernen!

Und jetzt? Derby

Das merkte man dann auch am Stadion, denn neben komischen Kleingruppen im Jogger finden sich da auch zwei Polizeiwannen. Die Busse fahren sicherheitshalber gemeinsam nach Hamburg rein, es bleibt dann aber ruhig, bis wir weg sind.

Und jetzt: Die Nr. 1 der Stadt, das sind wir!

PS: Kleeblatt? Auswärtssieg!

PPS: “Die tut uns gut.” Ja, tut sie