Nov 052018
 

 
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Warum Petitionen und Under Armour etwas komplexer sind

Petition? Klopapier!

Oliver, wir wollen dir gar nicht absprechen, dass du was bewegen willst. Und bei der inhaltlichen Kritik, die gleich folgt, ist es grundsätzlich begrüßenswert, wenn sich Leute um ihren Verein sorgen, die Richtung vorgeben wollen und mitentscheiden wollen. Nur warum eine Petition bei chance.org? Es gibt Gremien, es gibt Gruppen, es gibt eine Jahreshauptversammlung, bei der jedes Mitglied Anträge stellen kann. Da gehört so etwas hin. Da kann man ernsthaft „Druck“ aufbauen oder Dinge ändern.

Und ganz ehrlich: Was sind 20.000 Unterschriften wert? Nix, wenn sie von irgendwelchen Rübennasen kommen, die im besten Fall Sympathisant sind und im schlechtesten Fall Rautenfan, die mal geil gegen Pauli hetzen wollen. Onlinepetitionen sind das Klopapier des 21. Jahrhunderts. Wenn es dabei bleibt, dann ist das nix wert.

Bevor wir konkret inhaltlich werden

Wir sind der FC St. Pauli. Wir versuchen das richtige Leben im Falschen zu leben. Das ist nicht widerspruchsfrei möglich. Das wollen viele Leute nicht verstehen, suchen jedes Haar in der Suppe, während in ihren eigenen Vereinen nicht Haare, sondern ganze Perücken in der Suppe schwimmen. Dogmen sind cool, wenn man andere kritisieren will, aber sie praktisch leben ist beinah unmöglich. Wer das nicht sieht, der kann zu Altona 93 gehen und dort den puren Fußball sehen. Der von einem Mäzen am Leben gehalten wird.

Das heißt jedoch nicht, dass wir nun Narrenfreiheit haben oder jede Kritik an uns abprallen lassen sollten. Wir müssen jeden Tag unsere Grenzen definieren und überprüfen. Das gilt insbesondere bei der Wahl unserer Partner. So schön es wäre, wenn PinkMacabre die Trikots fertigen und die Kehrwiederbrauerei unser Bier liefern würde, es ist unrealistisch. Leider alleine deswegen schon, weil PinkMacabre leider nicht mehr tätig ist.

Warum aber nun gerade UA?

So muss man auch die Partnerschaft mit Under Armour sehen. Das ist kein Unternehmen, welches unsere Ideale zu 100 % lebt. Wahrscheinlich nicht mal zu 50 %. Es gibt Kritikpunkte, die man offen ansprechen muss und die jeder für sich anders gewichten wird. Sei es nun „Jagd“ oder „Ausrüstung von Militär“ oder oder oder. Man muss aber jeden Kritikpunkt auch mal in einen vernünftigen Kontext setzen und Diskussionslinien erkennen und wissen. Und das lieber Oliver, lässt du komplett außer Acht. Vielleicht wären die drei Stunden Millernton vor dem Schreiben der Petition wirklich gut investierte Zeit gewesen? Erneut: Was nützt mir eine Petition, die schlichtweg weit an der Realität und am Diskussionsstand vorbei geht?

Um diesen zu verstehen, wollen wir zwei Dinge machen. Erstens unsere anderen Partner betrachten und zweitens auf einzelne Argumente eingehen.

Unsere anderen Partner sind keine Engel

Wir haben bis vor kurzem mit Lagardère zusammen gearbeitet, die lange genug gleichzeitig ein riesiger Rüstungskonzern waren. Und hier sprechen wir nicht nur um die Kooperation mit der US-Armee, sondern Geld verdienen mit Diktaturen der Welt. Und bei aller Kritik an den USA: Das war die USA damals nicht und ist sie wahrscheinlich auch heute (noch) nicht.

Oder nehmen wir das coole Astra. Die sexistischen, rassistischen und geschmacklosen Werbungen dieser Marke aufzuzählen, würde Bücher füllen. Und Astra gehört zum Carlsberg-Konzern, der auch nicht gerade für eine faire, nachhaltige Politik steht.

Oder was ist mit Fritz Kola, die ebenfalls schon mehrfach mit zweifelhafter Werbung „glänzten“ und am Markt ganz klar als Verdränger kleiner regionaler Marken auftreten ?

Oder nehmen wir Hummel, die in einer Petition als (Zitat) „regionaler, nachhaltiger, wirtschaftender Sportartikelhersteller“ dargestellt wird. Regional ist eine künstliche Ausgrenzung und absolut kein Argument. Wäre eine Sportartikelmarke, die in einem israelischen Kibbuz schlechter als eine Marke, die in Hamburg von Klaus-Michael Kühne hergestellt wird? Wohl kaum! Nachhaltig? Puh, gerade Hummel ist nun alles, aber nicht nachhaltig wirtschaftend. Vielmehr drückt sich der Konzern in diesem Bereich seit Jahren um eine Aussage, labert was von Karma und hält sich an keine Standards. Das ist das genaue Gegenteil. Und tötet direkt Mensch und Natur. Das ist zwar nicht so schön in Fotos zu packen, wie Jäger, aber bringt auch sicher genug um. UA ist in diesem Bereich nebenbei solides Mittelmaß, wie viele andere Sportartikelhersteller Das ist auch nicht toll, aber eben doch besser als Karma.

Hummel liefert angeblich auch an Nordkorea und seine Armee. Ein bisschen Solidarität mit unseren kommunistischen Brüdern und Schwestern in Nordkorea hat noch nie geschadet.

Wenn man dies so sieht, dann hätte jeder dieser Partner seine eigene Petition verdient. Vielleicht sollte man den ganzen Kapitalismus boykottieren? Hate the game, not the player? Nur dann müssen wir den Weg von Corinthian-Casuals gehen und uns dem Profifußball komplett verweigern. Zitat aus diesem Artikel: „To this day, no one at the club gets paid, with the exception of a part-time physiotherapist, and the club is run entirely by volunteers“. Das ist moralisch garantiert besser, aber führt nicht gerade zu Zweitligafußball.

Oder ist es am Ende die Nationalität des Unternehmens, die gerade hier eine Petition befeuert? Antiamerikanismus geht immer?

Jedoch: Kritik ist bei allen genannten Unternehmen UND auch bei UA notwendig und muss geäußert werden.

Die Argumente, die genannt werden, sind allerdings nicht gut:

Auf die Belieferung von Militär sind wir schon eben bei Lagardère eingegangen. Noch etwas sollte man in diesem Zusammenhang bedenken: Die Wahrnehmung von Militär ist in den USA eine andere. Viele – beinah alle – Unternehmen arbeiten mit dem Militär zusammen und/oder gewähren Mitgliedern der Armee sowie ihren Familien Rabatte. Man kann – und sollte – diese Militärisierung der Gesellschaft hinterfragen, sie ist aber nicht gerade für UA singulär. Sollte man deswegen keine amerikanischen Partner als FCSP haben? Schwierig. Keine Reise in die USA, wo Menschen unsere Ideale zu großen Teilen teilen und sich über Support und Gelegenheit freuen? Wir zweifeln stark. Einen „bei uns ist aber alles cool“-Nationalismus, ist schon angesichts von AfD und Co äußerst fragwürdig. Es ist der perfekte “Running Gag” jeder Gruppenreise in die USA die geläuterten Deutschen zu sehen wie sie sich über die amerikanische Begeisterung für Waffen und Militär auslassen.

Thema Waffenlobby: Hat dafür eigentlich irgendwer eine US-Quelle? Wir sind ziemlich schlecht im Google nutzen, aber eine Suche nach UA in jeder Schreibweise und NRA in jeder Schreibweise findet nichts. Nur in deutschen Texten taucht diese Behauptung immer wieder auf. Komischerweise immer im Zusammenhang mit der Partnerschaft FCSP und UA. Was man auch hier nicht vergessen darf: Bis Februar dieses Jahres haben unfassbar viele US Unternehmen NRA Mitgliedern Vorteile versprochen und/oder Verträge mit der NRA gehabt. Wir hoffen, ihr habt die alle immer boykottiert.

Arbeiten an unserem Weg

Man sollte alle Menschen einladen an unserem Weg mitzuarbeiten. Nur so lange wir Profifußball spielen wollen, wird Dogma nicht gehen. Es wird – auch schmerzhafter – Kompromisse bedürfen, um sich zu behaupten. Zumindest bis wir den Warp-Antrieb erfunden haben und die kommunistische Weltrevolution.

PS: Wundert euch nicht über die Überschrift, wir hatten Spaß auf Slack. Und sie ist sowieso die logische Konsequenz aus diesem Artikel.