Sep 032018
 

Um es gleich vorweg aus dem Weg zu bringen:

Toxische Maskulinität

Es ist scheiße, irgendwelche Gästefans im Viertel vor oder nach dem Spiel anzugreifen oder zu belästigen. Egal, welcher Verein. Zwar sind solche Vorfälle eher die Ausnahme, denn wir sahen auch ganz viele FCSP-Köln-Kombinationen, die gemütlich ihr Bier zusammen tranken (u. a. im Jolly), aber ein Vorfall ist einer zu viel und dies als „Normalität“ oder „passiert beim Fußball“ abzutun, verbietet sich.

Köln hat sehr viele unsympathische Züge als Fanszene. Sei es das gelebte naziinkludierende Unpolitische, sei es der jahrelange Kleinkrieg der Ultras gegen unsere Ultras, weil man ja angeblich grundlos von St. Pauli angegriffen worden sei. Nun gut, wie schon mal auf diesen Blättern ausgeführt: Wenn man durchs Viertel mit „Scheiß St. Pauli“- und „Kommt doch her, ihr Wi…“-Rufen läuft, dann muss man sich auch nicht wundern, wenn irgendjemand diese Einladung annimmt. So richtig grundlos ist das dann aber nicht. (Nein, soll es gar nicht gutheißen und wir haben schon häufig genug gesagt, was wir von dieser ganzen Machogehabe halten, aber so ein etwas anderer Zungenschlag ist es dann doch.

Absatz 2 rechtfertigt jedoch nicht Absatz 1. Insbesondere, wenn wieder die Täter ihr Handeln wahrscheinlich durch „war doch Fanszene“ oder so legitimieren.

Machogehabe ist sowieso ein gutes Stichwort. Samstagabend meinten die Freunde des Volksparkfußballs, mal ein bisschen durchs Viertel posen zu müssen. Das ganze wurde dann auf ähnliche Weise von FCSP-Seite beantwortet. Dazu nur folgende Klarstellungen:

1. Wenn so etwas passiert, ist es immer falsch, dies irgendwelchen Gruppen zuzuordnen. Wenn ihr im Dunklen nicht 100-prozentig sicher seid, dass da gerade USP, CA, UKW oder wer auch immer an euch vorbei gelaufen ist, dann unterlasst die Namensnennung. Wir behaupten mal, dass niemand 100-prozentig sicher sein kann, denn wie heißt es so schön? In der Nacht sind alle Katzen und Fans grau. Auch die sicher festgestellte Anwesenheit einzelner Menschen bedeutet nicht zwangsläufig die Präsenz einer dazugehörigen Gruppe.

2. Dies war weder ein verabredetes Ding auf dem Beatles-Platz (!!!) noch der „erste Fanstress“ vor dem Derby. Mehr Worte muss man über die Berichterstattung in einschlägigen Postillen nicht verlieren.

3. Es ist nix Gravierendes passiert, es sind keine Kneipenübergriffe oder ähnliches vermeldet worden. Und wir wissen nicht, ob die nur ein bisschen posen wollten, oder schlimmeres im Schilde führten. Jedoch: Es wird nicht die letzte Aktion sein und die sind heiß auf Fahnen, Schals und anderes. Passt also auf euch auf. Bitter, dies zu sagen, aber ist leider so.

Benehmen macht die Musik

Wir halten nix davon, Gästefans absolut in Heimbereichen zu verbieten und wir wollen grundsätzlich die Möglichkeit erhalten, dass jemand seinen Kölner Kumpel einfach mitnimmt und der sich auch in sein Trikot hüllt.

Jedoch macht hier das Benehmen sehr die Musik. Und besoffen den Poser zu machen oder Leuten nach dem Ausgleich fett ins Gesicht zu jubeln, ist kein Benehmen, welches sich in einem Heimbereich ziert. Und man muss sich dann nicht wundern, wenn man eine Ansage bekommt und diese Ansage „noch ein so ein Jubel und du bekommst ein Bier über den Kopf“ ist. Nicht die feine Art, aber das ist dann mal Fußball.

Wichtig ist auf dem Platz

Auf dem Platz kommen wir zu einer 2:0-Führung durch zwei sehr elegante Fehler von Köln. Und anstatt dieses Geschenk anzunehmen, uns einzuigeln und Köln auf den Füßen zu stehen, geben wir die Führung und das Spiel ganz schnell aus der Hand.

Schatten

Dabei machen wir folgende Beobachtungen, die Sorgen machen, selbst wenn man die Kölner Qualitäten anerkennt:

  1. Wir haben ein Außenverteidigerproblem. Buballa wirkt auf uns sympathisch und man wünscht dem Jungen echt nichts Schlechtes. Aber wenn der Junge mit Geschwindigkeit der Gegenseite konfrontiert ist, dann sieht er ganz schnell (sic!) schlecht aus.
  2. Wir sind sehr einfach zu scouten. Wir haben vor der Viererkette einen Bereich, in dem die gegnerischen offensiven Spieler nicht richtig angegangen werden. Soviel Platz haben unsere Offensiven im ersten Teil der gegnerischen Hälfte nie. Mannschaften spielen da immer gezielter den Ball hin und wir bekommen es nicht in den Griff. Unsere zweite Lücke sind Flanken in den Strafraum. Da unsere Torhüter auf der Linie kleben, ziehen Gegner die immer mehr in den 5er. Und das bekommen wir nicht verteidigt. Beide Probleme müssen wir dringend in der Eigenanalyse abstellen.
  3. Unser Aufbau ist zu behäbig und wir dribbeln uns zu oft fest. „Ball und Gegner laufen lassen“ ist bei uns ein Fremdwort. Das war mit Knoll auf der Sechserposition in den ersten beiden Spielen noch etwas anders, dieser brachte auch ein bisschen Stabilität in die oben genannte Schwachzone. Aber sofort, wenn der da raus ist, haben wir gleich zwei riesige Probleme.
  4. Unser Spiel mit hohen Bällen in der Abwehr ist brutal schlecht. Wie häufig sich unsere Abwehrspieler bei hohen Bällen verschätzen, tut beim Zusehen weh.
  5. Wir sind zu brav. Köln ist in jedem Zweikampf mit der Hand, mit dem Ellenbogen, mit der offenen Sohle. Das ist immer an der Grenze zum Foul, aber sorry, da muss man dann irgendwann gegenhalten. Insbesondere bei einem Schiedsrichter, der die Karten vergessen hat. Wir bekommen am Ende eine gelbe Karte dafür *Trommelwirbel*, nach einer Verletzung zu früh auf den Platz zu laufen.
  6. Wir können das Tempo von Mannschaften wie Köln nicht annähernd mitgehen.

1 bis 5 sollte auch innerhalb einer Saison abstellbar sein. 6 macht Sorge, da dies ein wiederkehrendes Problem unserer Mannschaft ist.

Licht

Es gibt aber auch positive Aspekte aus dem Köln-Spiel:

  1. Henk macht ein richtig cooles Stürmertor, kann Bälle echt an sich ziehen wie ein Magnet und ist damit ein ständiger Unruheherd.
  2. Bei aller Beschränktheit: Diese Mannschaft gibt nicht auf. Viele Mannschaften hätten nach einem “2:0 zu 2:4” den Kopf hängen lassen, aber hier wird weiter in den eigenen Grenzen (siehe Punkt 5 und 6 von oben) alles versucht.
  3. Neudecker macht seiner Einwechselung ordentlich Dampf. Endlich mal frischer Wind von der Bank, etwas was in letzter Zeit auch selten zu sehen war.

Ausblick

Wir müssen ganz schnell diese Abwärtsspirale verlassen, defensiv stabiler werden und mal irgendwo schmutzig Punkte mitnehmen. Sonst hängen die Köpfe doch schnell wieder. Dass Avevor nach der Pause wieder zur Verfügung steht, sollte dem ganzen Gebilde wieder mehr Stabilität geben. Das wir keine Alternative zu dieser fußballerisch beschränkten Kampfmaschine haben, spricht aber auch Bände. Und wir hätten es vor zwei Jahren nie für möglich gehalten, dass wir mal schreiben würden, wie unersetzlich Avevor ist. Dies muss man aber auch als absolutes Lob für ihn ansehen.

Nach dem Kick

Nach dem Spiel geht es zur Seebrücke-Demo. Diese ist gut besucht, es werden Teilnehmerzahlen von 10.000 bis 16.000 gemeldet. Dass es immer noch FCSPler gibt, denen das Nachspielbier wichtiger ist als eine derbe wichtige Demo, sei mal als Wasser in den Wein geworfen. Die Veranstalter hatten aber wohl nicht mit so vielen Teilnehmern gerechnet, sodass diese Demo insgesamt ein guter Anfang einer Gegenbewegung gegen den absurden Rechtsruck in diesem Land ist.

Was in diesem Bericht fehlt …

… ist eine Abhandlung zur Absage eines Fußballspieles in Dresden. Und ja, dies ist mehr als nur ein „es ist doch nur ein abgesagtes Fußballspiel, wir haben andere Probleme“. Denn eines der Hauptprobleme unserer Gesellschaft ist doch genau, dass die Polizei immer mehr unter fadenscheinigen Begründungen in unser ganz normales Leben eingreift und meint dies im Detail regeln zu können. So funktioniert aber eine freie Gesellschaft nicht. Und Obrigkeitshörigkeit ist eine der Hauptgrundlagen für Diktaturen.

Wenn wir Zeit finden, schreiben wir in der Länderspielpause (BÄH!) noch was genaueres dazu.

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