Nov 132017
 

Wir hoffen, ihr alle kennt „1910 e.V.“ beziehungsweise das FCSP-Museum im Aufbau. Erneut haben die ehrenamtlichen fleißigen VereinshistorikerInnen eine umfangreiche Ausstellung in der Museumsfläche in der Gegengerade unseres Stadions auf die Beine gestellt. Name und Programm: Fußball in Trümmern. FC St. Pauli im „Dritten Reich“. Wir nahmen die Ausstellung in Augenschein und sprechen hiermit eine dringende Besuchsempfehlung aus. Holen wir euch mal ins Boot.

Von heute nach gestern und wieder zurück

Der FC St. Pauli ist heutzutage – das kann man wohl ohne falsche Bescheidenheit sagen – ein international bekanntes Symbol für antifaschistische Fußballkultur. Auf dieser Grundlage beginnen auch die Menschen vom 1910 e.V. ihr Ausstellungskonzept. Dass dieser Erfolg aus einem seit den späten 1980ern bis heute anhaltendem Prozess entspringt, bildet den Beginn der Erzählung und verknüpft sie mit Blick auf die jüngsten politischen Entwicklungen mit der Verantwortung des Einzelnen.

Die direkte politische Ansprache der BesucherInnen ist für historische Museen unüblich, verstehen sie in der Regel ihre Arbeit doch eher als Schaffung einer Verständnisgrundlage für gegenwärtige Politik. Aber ist sie ist dennoch zwingend sympathisch, spiegelt sich in dem eindeutig antifaschistischen Narrativ doch auch das eben angesprochene Selbstverständnis.

Dass die Ausstellung somit nicht streng chronologisch aufgebaut ist, empfinden wir als gute Idee. Schließlich wird (auch unter FachhistorikerInnen) gemeinhin angenommen, dass die Frage nach (politischer) Orientierung in der Gegenwart die Grundlage für Fragen an die Geschichte darstellt. Reiner Selbstzweck ist so eine Beleuchtung historischer Ereignisse und Prozesse schließlich nie.

Im Abschnitt nach der Eröffnung der Ausstellung erfolgt ein radikaler Bruch. Eine Art Panorama zeigt das Heiligengeistfeld im zerbombtem Zustand 1945. Danach wird die Gründungsgeschichte des Vereins kurz skizziert. Dabei wird darauf hingewiesen, dass trotz des sozio-ökonomischen Umfeld St. Paulis als Arbeiterviertel die Wurzeln des FCSP in der rechtsnationalen Turnerbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts liegen. So könnte man für den weiteren Verlauf annehmen, dass sich Verein und Stadtteil in einem Spannungsfeld zwischen Zustimmung und – vorsichtig formuliert – einer gewissen Distanz zur nationalsozialistischen Führung bewegen.

Schurken und Helden?

Die sieben Biographien, die die Grundlage für die Ausstellung bilden, erzählen allerdings eine ganz andere Geschichte. Es ist eine Geschichte, die weder finsterste Schurken (wobei Otto Wolff als Gauwirtschaftsberater und „Arisierer“ schon definitiv Täter war), weniger allerdings noch strahlende Helden kennt. Es ist eine Geschichte von ganz normalem Menschen, die sich in einem abscheulichen System zu arrangierten wissen und in erschreckender Banalität Fußball spielten, während in Auschwitz oder Neuengamme die unaussprechlichen Verbrechen begangen wurden und die Wehrmacht nach und nach weitere europäische Länder überfiel.

Ob es die Intention der Verantwortlichen war, wissen wir nicht; aber es ist vermutlich die ganz große Stärke der Ausstellung, die belanglose Alltäglichkeit des Hamburger Fußballs in schockierender Weise mit den Ereignissen auf europäischer oder globaler Ebene in Verbindung zu setzen. So zeigen die Ausstellenden auf, wie sich (nach Hannah Arendt) die Deutschen kollektiv zum Täter machten, indem sie sich mit dem verbrecherischen System privat arrangierten – und vielleicht muss Fußball dabei als ein Medium angesehen werden.

Und deswegen erzählt die Ausstellung nicht nur ein Stück Lokal- oder Vereinsgeschichte, sondern auch nationalsozialistische Alltagsgeschichte und nicht zuletzt die Geschichte der Aufarbeitung, die viel zu spät in Gang gekommen ist und lange wie leider so oft niemanden interessierte.

Beklemmende indirekte Erinnerung

„Fußball in Trümmern“ ist keine ganz fehlerfreie Ausstellung. An Details wollen wir uns aber bestimmt nicht aufreiben, nicht zuletzt, weil so viel unschätzbare ehrenamtliche Arbeit in diesem wertvollen Projekt steckt. Klar: Aufgrund eines überschaubaren Fundus‘ an Exponaten zur Vereins- und Lokalgeschichte im Nationalsozialismus ist „Fußball in Trümmern“ vor allem bild- und textlastig. Zeitweilig denkt man, das würde auch als Bildband funktionieren. Vielleicht hätte es das eine oder andere Foto weniger getan, indes gefallen uns die pointierten und wohl gewählten Texte.

Die Ausstellung kann aber mehr als ein Buch: In manchem Moment werden wir der Beklemmung, die auch die „indirekte Erinnerung“ an den Nationalsozialismus immer wieder auslöst, in den Ausstellungsräumen besonders gewahr. Die Auflösung am Ende, wo die persönlichen Schicksale nach dem Krieg nachzuerleben sind, erinnern an einen Epilog aus einem guten Doku-Drama. Wer die Museumsfläche verlässt, dürfte nur in seltensten Fällen nicht ins Nachdenken kommen – selbst wenn man schon unzählige Male mit dem Themenkomplex Nationalsozialismus in Berührung kam.

„Fußball in Trümmern“ läuft vom 10.11. bis 10.12. täglich von 11-19 Uhr (donnerstags 11-21:30 Uhr). Der Eintritt beträgt 5 Euro Vollzahler bzw. 3 Euro ermäßigt. Nehmt euch mindestens eine Stunde Zeit für die Ausstellung.

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Nov 132017
 

 

Wart ihr Freitagabend beim Testspiel gegen Odense? Nein? Nicht weiter verwunderlich bei der geringen Zahl anwesender Menschen. Wir waren aber vor Ort und fassen kurz für euch zusammen, was ihr verpasst habt.

Ticketing

Der Verein hat sich für das Testspiel das Ticketing-Prinzip diverser Soli-Partys und alternativer Locations abgeguckt: Zahl, was du willst (oder kannst)! Die sozialen Barieren ins Stadion zu kommen äußerst niedrig zu halten, finden wir schon sehr gut und dass die Einnahmen auch noch komplett gespendet werden, macht es auch nicht gerade schlechter. Schade leider nur, dass Fußball im Kapitalismus ein solches Modell nicht auch zu regulären Spielen zulässt. Die soziale Zusammensetzung verändert sich tatsächlich. Wir sehen zum Beispiel um uns herum sehr viele sehr junge begeisterte Menschen, was auf der Gegengerade ja auch nicht zwingend alltäglich ist. Dass nur knapp 4500 Leute den Weg ins Millerntor finden, ist gerade vor dem Hintergrund der sozialen Verwendung der Eintrittsgelder etwas schade.

Gegner

Odense Boldklub heißt dieser und ist vielleicht dem aufmerksamen Verfolger des europäischen Profifußballs noch als regelmäßiger Europa League-Teilnehmer bekannt, für den man sich aber in den vergangegen Spielzeiten nicht mehr qualifizieren konnte. Da wir nicht zu den intensivsten Beobachtern der dänischen Liga gehören, können wir nur schwer abschätzen, wie der Auftritt der Gäste an diesem Abend zu beurteilen ist, von der Europa League ist das allerdings aber noch etwas entfernt.

Spiel

Was uns zum Sportlichen bringt. Um es ganz knapp runterzubrechen: Das 3:1 ist nicht unverdient, allerdings zeigen sich altbekannte Schwächen auch wieder deutlich, so zum Beispiel das Verhältnis von Torschüssen und Treffern. Da sind wir eines der schlechtesten Teams der zweiten Liga und das muss sich ändern. Es kann nicht sein, dass wir den Ball aus passabler Situation regelmäßig bis auf die Budapester Straße hauen. Auch bei Übersicht und Aufbauspiel glänzen die Boys in Brown nicht gerade. Attraktiver Fußball sieht anders aus, aber Wunder sind bei Tespielen ja auch nicht zu erwarten.

Atmosphäre

Auch wenn sich die Kids vor uns größte Mühen geben, Stimmung kommt nie wirklich auf. Oben auf den Sitzplätzen kann man es sich allerdings sehr gemütlich machen, trotz eisiger Kälte. Lange Schlangen vor dem überforderten Verkäufer heißer Getränke. Auch ein paar dänische Stimmen sind zu vernehmen. Ein netter Abend also.

Schlußwort

Wir hoffen, dass der Trainerstab ein paar Erkenntnisse aus dem Spiel mitnehmen konnte und wir dann mit neuen Ideen und frischem Mut in die kommenden Begegnungen gehen können. Noch ist die Saison ja nicht komplett verloren.

Geht ihr doch in der Zwischenzeit mal in die wirklich gelungene Ausstellung Fußball in Trümmern. Der FC St. Pauli im „Dritten Reich“. Hier findet ihr unsere Rezension zu dieser. Oder bereitet euch auf die anstehende JHV vor, die nicht so unwichtig werden wird, wie ihr vielleicht denkt.

Bis dahin, munter bleiben!

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