Nov 062017
 

„Ihr fahrt zu Union? Mein Beileid.“ Nicht wenige reagierten so, wenn man ihnen von den Wochenendplänen erzählte. In der Alten Försterei ein erstes Auswärtsspiel zu erleben, sei gut, denn danach könne es nur besser werden, hieß es. Eigentlich sei alles beknackt da im frostigen Osten von Berlin – Anfahrt, Unioner, Gästeblock, Ordner, Sankt-Pauli-Touristen undsoweiter. Gut, dass wir uns von Horrorgeschichten nicht abschrecken lassen. Denn trotz eines Ergebnisses zum Haareraufen wird das eine richtig gute Fahrt.

Da es eigentlich immer was in Berlin zu tun gibt, wollen wir das ganze Wochenende in der Hauptstadt verbringen. Freitagabend lassen wir uns von einem liebenswürdigen Flixbus-Fahrer kutschieren, der richtig Bock hat, die klischeeberliner Unhöflichkeit als Markenzeichen zu etablieren.

Das Verbot von Bier und, so wörtlich, „Dönerspeisen“ im Bus setzt uns hart zu. Die Kollegen auf den Sitzen nebenan machen’s konsequent und ziehen dann eben ’ne Line im Bus.

Wir hängen abends noch eine Weile im Halford in Friedrichshain ab – so eine Metalkneipe fehlt Hamburg definitiv. Im Halford kannst du wenigstens noch sitzen, dich unterhalten und hast trotzdem gute Mucke auf den Ohren. Artig zeitig geht es dann in die Falle, wir haben ja was vor am nächsten Tag.

Sonnabend – Matchday!

Der große Tag beginnt, auf geht’s nach Köpenick. Wir steigen am Wismarplatz in die Tram und tuckern die bescheidene Strecke im gemächlichen Tempo entlang. Die Zeile „Das Stadion liegt irgendwo am Arsch“ trifft auf die Union-Spielstätte definitiv noch mehr zu als auf die Müllverbrennungsschüssel der Hansestadt. Vorbildlich früh, wie wir unterwegs sind, macht uns das aber nix und wir kommen gegen halb 12 an der Alten Försterei an. Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir, übervorsichtig unsere Schals versteckend, keinerlei Stress mit Köpenicker Kanten – und wir hören auch nichts davon, dass es welchen gegeben hätte.

Bei dem schönsten Wetter, das so ein Novembertag zu bieten hat, leeren wir unsere morgendlichen Biergetränke, begrüßen die Weitgereisten und weniger Weitgereisten und machen uns auf den Weg in den Block. USP verkaufen für fünf Euro Schals für die Choreo, die sich allerdings anfühlen, als ob sie mit Wandfarbe bestrichen seien. Spießiger Berliner Cops finden das Ganze gar nicht geil und bedrängen die USP-Leute, den Verkauf einzustellen. In der Folge wechseln andernorts hektisch Schals weiter „gegen Spende“ den Besitzer, sodass am Ende der Gästeblock zu Genüge mit den Utensilien ausgestattet ist.

Der Einlass fast erschreckend zahm

In der Erwartung, schlimmer kontrolliert zu werden als im Knast, verabschieden wir uns schon innerlich von dem einen oder anderen Besitztum. Doch Pustekuchen, es klappt ganz ausgezeichnet und entspant mit dem Einlass. Ob Union die Security-Firma getauscht hat, einfach ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat oder wir einfach nur einen guten Tag erwischen, man weiß es nicht. Jedenfalls sind wir nicht böse drum.

Auch die Toiletten- und Biersituation kennt man schon wesentlich schlimmer als hier. In der Regel kommt man zügig dran, egal, ob man Flüssigkeit tanken oder loswerden möchte. Um die Halbzeit herum werden allerdings andere Erfahrungen gemacht. Da ist sowohl die Beschaffung als auch die Entsorgung von Flüssiggut schwieriger.

MagischerFC Union Berlin vs. St. Pauli November 2017

Gut, dann haben jedenfalls noch die schlimmen Paulis im Block die Chance, uns durch „Fahne runter“-Rufe oder ähnliches ein Negativerlebnis zu bescheren. Spoiler: Nix dergleichen gehört, aber wir stehen auch ein Stück weg von den Fahnen. Ein rotzbesoffener FCSP-Öddel in der Kloschlange, der weibliche Besucherinnen zum Zeigen ihrer Geschlechtsteile auffordert, lässt indes mal den Puls hochschnellen. Bevor jemand fragt: Selbstverständlich hat der Knallkopp richtig was zu hören bekommen. Ob das in seinem bierverklebten Hirn angekommen ist, darf bezweifelt werden. Rotzbesoffen ist sowieso ein Stichwort. Wenn man selber nüchtern ist, sind selbst liebste Menschen anstrengend, wenn sie denn ordentlich getankt haben.

Das Spiel: Same Old Song

Ja ja … wir haben riesig Bock, weiter von couragierten Auftritten mit wenigen unglücklichen Situationen, von denen aber eine zum entscheidenden Gegentor führt, zu schreiben … NICHT. Doch viel anders lässt es sich nicht zusammenfassen. Noch immer zu viele Fehler im Aufbauspiel, wirre Fehlpässe und ein Stürmer, der es sich im Abseits richtig gemütlich gemach hat, gehen uns gewaltig auf den Keks. Wir hoffen inständig, dass spätestens in der Winterpause mal fundamental daran gedreht wird, dass wir uns nicht mehr über die ewiggleichen Versäumnisse beim FCSP ärgern müssen. Heute nicht mal einen Punkt mitzunehmen und damit tatsächlich mal den Anschluss an die drei goldene Plätze zu verlieren, frustriert etwas. Dann wird es eben eine Saison im grauen Niemansland der Tabelle.

Und das Gegentor mal wieder klassisch nach einem Standard, der nun nicht Messi-Wunder-haft getreten ist, sondern gemütlich in den Strafraum segelt, mittig und dort in Ruhe verwertet werden kann. Irgendwie haben wir eine „Täglich grüßt das Murmeltier“-Erfahrung, denn das erleben wir in letzter Zeit häufiger. Wir haben nun nicht nachgeguckt, aber gefühlt sind es vier bis fünf Tore hintereinander, die wir so kassiert haben. Und das kann man auch mal trainieren. Da ist definitiv ein Fehler in der Aufteilung und der wird anscheinend von Teams auch gut erkannt und ausgenutzt.

Der ausverkaufte Gästeblock macht seine Sache gar nicht so schlecht, wie wir finden. Die Mitmachquote in den äußeren Randbereichen könnte natürlich immer höher sein, aber für unsere Einschätzung keine schlechte Supportleistung. Die Schal-Choreo dürfte von außen durchaus ansehnlich gewesen sein und es gelingt uns, von Union erst was an unsere Ohren dringen zu lassen, als der Gegentreffer in der Nachspielzeit fällt. „You only sing when you’re winning!“ Wir hingegen sind am Ende durchaus heiser.

„Zwei Kultclubs“: Symbolbild

Mit dem Frust über die späte und alles andere als notwendige Niederlage machen wir uns auf die Reise zurück nach Friedrichshain. Abermals verbergen wir zunächst sorgsam unsere Schals, was sich bald als komplett unnötig erweist. Vor uns und hinter uns (dieses Mal nehmen wir den Weg über S Köpenick) ziehen genügend braunweiße Fans die Aufmerksamkeit auf sich. Doch es bleibt alles ruhig. Am S-Bahnhof kommt es lediglich zu entspannten Frotzeleien zwischen Unionern und Sankt Paulianern. Die FCSP-Anhänger haben den Bahnsteig durch Überzahl unter Kontrolle (das wäre uns auf dem Platz lieber gewesen) und das Fangesänge-Duell wird andersherum entschieden als das Fußballspiel. Zwischendurch sieht man Rote und Braunweiße sich umarmen, als ob sie Sky-/Bild-/wasauchimmer-Reportern das richtige Bildmaterial für ihr „Kult gegen Kult“-Gefasel liefern wollen. Es ist sowieso angenehm, eine zu 99 % entspannte Stimmung um das Stadion herum zu erleben und so ganz ohne Fantrennung. Selbst wenn es aus diversen Gründen keine Fanfreundschaft sein muss, muss es ja auch nicht gleich der pure Hass sein.

Etwas müssen wir hier aber noch mal klären, liebe Unioner. Es gibt nur einen (noch aktiv spielenden) Fußballgott. Und der trägt die 27.
In einem Stück und trotz der Niederlage in guter Laune verbringen wir den Rest des Wochenendes noch an der Spree. Berlin hat seine Vorzüge, keine Frage. Am Ende ist es zu Hause aber wohl doch am schönsten.

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