Feb 212017
 

(Wie üblich viel zu spät, aber hier unser Blick auf das Spiel in Bielefeld.)
Ab nach Bielefeld. Gibt es die Stadt. Wir waren da.Es ist 7:45 und nachdem wir eine Mitfahrerin aus dem Bett klingeln mussten, waren wir unterwegs nach Bielefeld. Anderseits: 75jährige Geburtstage des Onkels, die bis halb vier gehen, sind eine absolut akzeptable Ausrede.

Die Fahrt wird von der Playlist des Todes begleitet, die durch wirre Sprünge und viel Post-Punk glänzt. Sonst passiert aber nix wirklich Bemerkenswertes.

In Bielefeld fängt der frühe Wurm den guten Parkplatz und so stehen wir perfekt in der Nähe des Gästeblocks. Leider hat der Almblick durch einen Todesfall den Wirt gewechselt und mag nicht mehr Gästefans bewirten. Das ist echt bedauerlich. Das war immer einer der Highlights im jährlichen Auswärtskalender. Nun gut, man kann niemanden zwingen sich auf Fußballfans (die nicht immer einfach sind) einzulassen. Schade ist es trotzdem. Und vielleicht denkt man ja um? Zu der etwas weiter entfernten Bar celona (dieser Name gehört verboten) durften wir noch gehen, etwas später meinte die Polizei wieder dieses „wir müssen Fantrennung machen, weil das steht irgendwo als super schlau“ Spiel spielen zu müssen. Es nervt! Auch gerade weil alles in Stresslevel minus 1 abging an diesem Tag.

Der Gästeeingang hat nun keine riesige Personenvereinzelungsanlage mehr, sondern einen Vorplatzkäfig. Nun gut. Und dafür mussten nun irgendwelche Amateurvereine ihre Plätze aufgeben. Sinnvoll und irgendwie notwendig ist das alles nicht.

Viele liebe Menschen getroffen, viel gesabbelt und dann war auch schon Anpfiff. Und 45 Minuten später wusste man, warum beide Mannschaften da unten stehen. Das war keine Feinkost. Nach der Halbzeit übernehmen wir das Kommando, gehen verdient in Führung, nur um dann in einer Mischung von Angst, zu doller Absicherung und schwindenden Kräften 20 Minuten gefühlt keinen Ballbesitz mehr zu haben. Wenn du dann noch die wenigen Konterchancen übelst verdaddelst, dann bekommst du irgendwann die Ausgleich. Zwar versieben die Bielefelder noch eine 100 % ige, bekommen einen Elfmeter nicht (im Stadion 120 Meter weg vom Geschehen war der Konsens „niemals!“, die Fernseher hatten da wohl doch den besseren Blick), aber irgendwann haut Klos ihn dann doch rein. Nebenbei ein echter Unsympath. In Zeiten wo langsames Wechseln IMMER nachgespielt wird so durchzuticken und sich da mit Cenk anzulegen ist einfach nur albern. Aber nun gut, Sympathiepreise gibt es im Abstiegskampf der 2. Liga nicht zu gewinnen.

Zur Länge der Nachspielzeit: Wir machen uns im Stadion immer ein Spaß daraus ab Minute 85 diese zu schätzen. Und wir waren alle so bei 3 bis 4 Minuten. Und das war bevor einer unserer Spieler noch länger behandelt werden musste, weil er den Ball in die Fresse bekam. 5 Minuten sind also nicht komplett aus der Welt. Mal ganz davon ab: Er trifft nach 3 Minuten. Und das wird heute bei jedem Spiel nachgespielt.

Ball in die Fresse ist ein gutes Stichwort: Liebe Bielefelder. So ein bisschen Feingefühl wäre auch bei Fußballfans okay. Wenn jemand einen Ball volley aus 5 Metern ins Gesicht bekommt, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass er simuliert, äußert gering. Ihr müsst den nicht bepöbeln.

Im Gästeblock herrscht die normale Durchschnittsstimmung der letzten Zeit. Nix was man berichten muss. Und das Plakat haben wir nicht gesehen und wollen nun auch hier kein Plakatdeutungsblog werden. Häufig wird nach Vorsänger A. gefragt und warum er nicht mehr auf den Zaun ist. Soweit wir das wissen, ist dies wohl ein normaler Generationswechsel, denn seien wir ehrlich: Jede Woche in eure gelangweilten Hackfressen zu gucken und euch zum Support zu animieren, macht man auch nicht ewig. Und er hat es knapp 10 Jahre gemacht (Unfassbar, wie schnell die Zeit vergeht, oder?). Deswegen an dieser Stelle mal an ihn und an alle Jungs (warum eigentlich nicht mal ein Mädel?): Vielen Dank, dass ihr das macht/gemacht habt/machen werdet.

Mal ein Wort zu einem einzelnen Spieler von uns: Wer uns vor der Winterpause gesagt hätte, dass man aus Dudziak einen Außenverteidiger machen kann, der nahezu jeden Zweikampf defensiv gewinnt und super stark ist, den hätten wir für verrückt erklärr. Der Positionswechsel hat aus Bruder Lustlos (so immer der Eindruck) eine Kampfmaschine gemacht. Top!

Schnell weg. Ereignislos geht es wieder zurück. Die Bahnfahrer hatten wohl noch irgendein Generve, aber Details wissen wir leider nicht.

Wenn ihr noch was lesen wollt:

LeWi war bei der Hertha (oder so)

(Huch, mehr gibt es anscheinend nicht)

 

 

 

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Feb 152017
 

„Beim jüngsten britischen Raid über Hitlerland hat das alte Lübeck zu leiden gehabt. Das geht mich an, es ist meine Vaterstadt. Die Angriffe galten dem Hafen, den kriegsindustriellen Anlagen, aber es hat Brände gegeben in der Stadt, und lieb ist es mir nicht, zu denken, daß die Marienkirche, das herrliche Renaissance-Rathaus oder das Haus der Schiffer-Gesellschaft sollten Schaden gelitten haben. Aber ich denke an Coventry – und habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, daß alles bezahlt werden muß. Es wird mehr Lübecker geben, mehr Hamburger, Kölner und Düsseldorfer, die dagegen auch nichts einzuwenden haben und, wenn sie das Dröhnen der RAF über ihren Köpfen hören, ihr guten Erfolg wünschen.“
– Thomas Mann am 2. April 1942 in einer Radioansprache (BBC) an die „Deutschen Hörer“

Dass am vergangenen Sonntag USP gegen Dynamo Dresden zwei Tapeten mit der Aufschrift „Schon eure Groszeltern brannten für Dresden – gegen den doitschen Opfermythos!“ gezeigt hat, dürfte gemeinhin bekannt sein. Auch die Reaktionen seitens der Vereine, des DFB und sonstiger Stimmungsmacher à la Bild und Co. sollen im Einzelnen hier nicht mehr zusammengefasst werden. Es geht mir eher darum, die Debatte um meine persönliche Deutung zu bereichern, die sich mehr aus einer historischen Perspektive speist.

Dabei meine ich nicht, die gesamte Forschung zu den Luftangriffen auf Dresden vom 13. bis zum 15. Februar aufzulisten, sondern die Erinnerung an besagte Angriffe als kollektiven Erinnerungsort aufzugreifen und anhand dessen zu erklären, wie diese Aussage funktioniert und warum sie meines Erachtens nicht unangebracht und schon gar nicht menschenverachtend ist, wie der Verein Dynamo Dresden vorschnell formulierte.

Dass die Bombardierung Dresdens ein Kriegsverbrechen sei, in seinen Ausmaßen so verherrend, dass man es von rechter Seite gerne man „allierter Bombenholocaust“ nennt, ist ein historischer Mythos, der sich insbesondere in Sachsen selbst hartnäckig hält und sich durch historische Forschung per se leicht widerlegen ließe. Ja, die Angriffe waren verheerend für die damals sicherlich durchaus ansehnliche Stadt und ja, das Bombardement forderte auch zivile Opfer.

Zivile Opfer sind mit Sicherheit kein herausragendes Indiz auf einen gesellschaftlichen Idealzustand, aber – und das sollte nie vergessen werden – befindet sich Deutschland im Februar 1945 im Krieg und hält verbittert gegen die Allierten an. In diesem Krieg werden auch andere deutsche Städte beschädigt, teilweise in noch schlimmeren Ausmaßen als in Dresden; als Beispiele seien hier nur kurz Köln oder Berlin genannt. Auch Lübeck erleidet massive Schäden und diverse hoch- und spätmittelalterliche Kunstwerke von unschätzbaren Wert gehen für immer verloren, wie es auch Thomas Mann in der oben angeführten Radioansprache bemerkt. Und auch ihm wird klar gewesen sein, dass die Angriffe der RAF zivile Opfer forderte.

Wie kommt es also, dass Thomas Mann (dem man übrigens wirklich nicht vorwerfen kann, dass er ein anti-deutscher Post-Autonomer sei, als die sich Teile von USP ja durchaus verstehen werden) 1942 die Bombardierung seiner Heimatstadt gutheißen kann, während Dresden sich damit noch im Jahre 2017 schwertut? Was unterscheidet das Gedenken in Dresden von dem im Berlin, Köln oder Lübeck?

Während „im Westen“ die deutsche Gesellschaft sukzessive durch die Herausforderungen der 68er und verschiedener antifaschistischer Akteure und Gruppen zur Selbstreflexion angeregt und dies in Teilen aufgenommen und verarbeitet wurde, sieht die Erinnerungskultur der DDR an den Februar 1945 deutlich anders aus. Dresden, nun ohnehin an den Rand sowohl des späteren Gesamtdeutschlands als auch der DDR gedrängt und fortan gerne auch als „Tal der Ahunngslosen“ bezeichnet, bekommt nun die pseudo-sozialistische Deutung ganz im veränderten Weltbild des Kalten Krieges aufgedrückt, die sich von der nationalsozialistischen Interpretation der Attacken kaum unterscheidet. Die Motive der Westallierten sind in der DDR-Propaganda wesensverwandt mit dem Nationalsozialismus (Hier liegt übrigens bereits die Wurzel des rechten Neologismus „Bombenholocaust“.), der Angriff zielte primär auf die reine Zerstörung ab und sei durch niedere, barbarische Eigenschaften des neuen Klassenfeindes zu erklären, der nun alles, aber garantiert kein Befreier mehr war. Das autoritäre Gesellschaftssystem ließ keine weiteren Deutungsoptionen zu und so trat eine Pluralisierung der Narrative erst stark verspätet nach 1990 und der Eingliederung der DDR in die BRD ein.

Doch auch unter den veränderten politischen und sozialen Verhältnissen halten sich die Narrative des unschuldigen Dresdens und den „moralisch verwerflichen“ allierten Bombern bis heute. Sicherlich wird es Sachsen in dieser Hinsicht nicht gut getan haben, seit 1990 durchgehend von einem der rechtesten deutschen CDU-Landesverbände regiert zu werden. Wie diese neue Gedenkkultur aussieht hat, Jennifer Stange 2013 in der Jungle World eindrucksvoll beschrieben:

„Man nennt es dort oral history, wenn an unterschiedlichen Orten wieder die Märchen von alliierten Tieffliegern auf »Menschenjagd« über den Elbwiesen verbreitet werden, wenn vom angeblich »systematischen Beschuss« der Dresdner Bevölkerung und vom vermeintlichen Einsatz von Phosphorbomben berichtet wird. Das sind neben Schummeleien bei den Opferzahlen die Kernelemente des Dresdner Opfermythos, für deren Existenz selbst eine von der Stadt handverlesene Historikerkommission keinerlei Belege finden konnte. Das macht aber nichts, denn die »Erinnerungen an das Inferno vor 68 Jahren« bleiben, eingebettet in das Gerede von Versöhnung, Wiedergutmachung, Toleranz, Frieden, Demokratie und der Ächtung von Gewalt. Damit ist der Stadt etwas gelungen, das Tausende pöbelnde Nazis nicht erreichen konnten: Die Verdrängung der Schuldfrage und die schrittweise Enteignung der Opfer des Nationalsozialismus, deren Leid mit den Schreckensgeschichten über das Leid der Deutschen verglichen beziehungsweise gleichgestellt wird.“

Und auch nun im Jahre 2017 – dem Jahr der USP-Tapete – gedenken die sächsichen Landesverbände der CDU und SPD der Bombardierung auf Veranstaltungen, auf denen auch NPD-Mitglieder und Holocaustleugner gesehen wurden. Diese sächische hegemionale Gedächtniskultur treibt selbstverständlich auch Blüten wie Pegida (übrigens in erster Linie ein sächisches Phänomen) und die alljährlichen neurechten Demonstrationen, sondern sie motiviert auch „Historiker“ wie Björn Höcke, die alten NS- und DDR-Narrative nochmal aufzuwärmen und sich die Befreiung des Gedenkens an die deutsche Schuld sowie eine nationale Wiedergeburt frei von derartigen Gefühlen herbeizusehnen.

Dieser Revisionismus ist nicht nur postfaktisch, er ist brandgefährlich. Er steht ideengeschichtlich in einer Tradition, die Europa zwei Weltkriege und mit dem Holocaust das größte Verbrechen der Menschheit bescherte. Aus der „nationalen Geschichte“ (was auch immer das eigentlich sein soll) die positiven Momente herauszustellen, die Negativen zu negieren oder zu relativieren und sich so ein Kollektiv zu konstruieren, was an ein früheres nationales Selbstverständnis anknüpfen soll, das ist das Denken des 19. und frühen 20. Jahrhundert und nichts Anderes.

Zurück zum Fußball und zur USP-Tapete: Mit den vorhergegangen Ausführungen wollte ich aufzeigen, dass das Bombardement Dresdens 1945 nicht einfach ein feststehendes historisches Faktum ist, sondern den Rang eines kollektiven Erinnerungsortes innehat, dessen Bedeutung immer wieder neu aufgeladen und verhandelt wird. Am Sonntag prallten am Millerntor zwei dieser Auslegungen aufeinander. Es ist weithin bekannt, dass USP bisher nicht gerade durch ein geschlossen rechtsextremes Weltbild aufgefallen wäre, und es ist nun mal leider so, dass am Sonntag in der Dresdner Kurve wahrscheinlich nicht nur wenige Anhänger der Theorie des unschuldigen Dresdens und der bösen Allierten waren. (Nichts liegt mir an dieser Stelle ferner, als Gut-Böse-Dichotomien aufzubauen. Ich weiß auch aufgrund persönlicher Kontakte, dass es eine ganze Menge tolle Leute bei Dynamo gibt, die sich mit Kräften gegen rechte Einflüsse im Verein und der Kurve wehren.) Wie mein Blogger-Kollege schon ansprach, ist es eine gängige Praxis, dass verschiedene Fan-Gruppen sich durch Spruchbänder etc. gegenseitig angreifen. USP könnte nun folgende Intentionen und Meinungen mit der Tapete ausdrücken wollen:

I. „für Dresden“

Wie mein Kollege ebenfalls bereits anmerkte, ist „Wir brennen für xy“ eine geläufige Formel bei Ultra-Gruppen. Dass die Großeltern nicht für die SGD, sondern während der Bombenangriffe brannten, scheint hier insbesondere auch durch den zweiten Teil der Tapete klar zu sein. Ein kleines Detail ist hier möglicherweise aber von herausragender Relevanz: Nämlich die Präposition „für“. Letzlich scheint es semantisch einen entschiedenen Unterschied zu machen, ob man zum Beispiel „in Dresden“ oder „für Dresden“ stirbt. Im Grunde hat es sogar eine lange militaristische Tradition „für Deutschland“, „für die Heimat“ oder eben auch „für die Heimatstadt“ zu sterben. Die Personengruppen, die „in Dresden“ und „für Dresden“ sterben, scheinen also nicht deckungsgleich zu sein. (Hier könnte man jetzt auch weiter diskutieren, ob den Unschuldige, also Zivile, „für Dresden“ sterben.) Wenn man diese Prämisse annimmt, ergibt sich auch eine zweite Deutungsebene.

II. „Schon eure Großeltern“

Schlägt man „schon“ im Duden nach, erhält man dort als Definition u. a.:
„(in Verbindung mit einer Angabe, seit wann etwas existiert, bekannt ist, gemacht wird) betont, dass etwas keine neue Erscheinung, kein neuer Zustand, Vorgang ist, sondern lange zuvor entstanden ist“
oder
„drückt aus, dass eine Erscheinung, ein Ereignis, Vorgang nicht zum ersten Mal stattfindet, sondern zu einem früheren Zeitpunkt in vergleichbarer Weise stattgefunden hat“

„Schon“ bedeutet also auf jeden Fall Kontinuität. Hier zeigt sich meines Erachtens sprachlich, dass eben nicht „LOL, eure Großeltern sind ’45 verbrannt und ihr macht irgendwas mit Fußball“ gemeint sein kann, sondern die Aussage scheint vielmehr auf die Nazi-Großeltern abzuzielen, die tatsächlich für (!) Dresden gestorben sind. Da „schon“ Kontinuität einfordert, glaube ich weiterhin, dass damit nicht pauschal alle Gästefans angesprochen sind, sondern eben jener notorische Teil der SGD-Anhängerschaft, auf die die zweite USP-Tapete abzielte („Seht, dort drüben, wo sie noch mit Pferden den Acker pflügen, – laden sie herzlich zu ihren Märschen und Fackelzügen“). Dieser Teil der wahlweise „gegen die Islamisierung des Abendlandes“ oder die „die Überfremdung der Heimat“ auf die sächischen Straßen geht, bezieht seine ideenpolitischen Ressourcen u. a. aus der felsenfesten Überzeugung, dass Dresden bereits im Februar 1945 massives Unrecht zuteil wurde, welches fremde Mächte angerichtet hätten.

Meine Deutung der Tapete beinhaltet also zwei wesentliche Punkte:

I. Die Erinnerungskultur um Dresden ist hochproblematisch. Ich unterstelle USP einfach mal, dass sie mit der Aufregung gerechnet haben und es so schafften, die Sonderstellung Dresdens im kollektiven Gedächtnis deutlich sichtbar zu machen (Hätte diese Tapete auch so einen Wirbel verursacht, wenn der FC Köln oder Union Berlin die Gäste gewesen wären? Wäre die Assoziation „brennen für Köln“ oder „brennen für Berlin“ so eindeutig mit Bombenangriffen in Verbindung gebracht worden, wie es jetzt mit dem imaginierten Unrecht an Dresden der Fall ist?)

II. Auf semantischer Ebene erkenne ich weniger eine kollektive Beleidigung der Toten im Februar 1945 als vielmehr eine eine Kritik an rechter Kontinuität in Sachsen, die sich in den benannten Fackelzügen und Märschen artikuliert und die Motivation dafür auch aus dem Unrecht gegenüber Dresden in den allierten Angriffen bezieht, also sich selbst in eine „Opferrolle“ gibt. So gesehen ist die Tapete keine einfache plumpe Beleidigung, sondern auch politische Kritik.

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Feb 142017
 

Vorbemerkung Nr. 1

Dies ist eine persönliche Meinung von MIR (!!!), sie ist nicht mit den beiden anderen Bloggern abgestimmt und trifft deswegen nicht zwingend deren Meinung. Es heißt aber auch nicht, dass sie zwingend anderer Meinung sind.

„Mir“ ist gleich ich ist gleich Norbert, ist gleich @teddytria.

Ich stehe für eine Diskussion gerne zur Verfügung. ABER nur unter folgenden Grundvoraussetzungen:

  1. Ihr lest und versteht den gesamten Text.
    und
  2. Ihr wollt diesen Text kommentieren, nicht die Tapete.
    und
  3. Ihr seid einer Graustufung fähig.

Kontakt findet ihr am besten unter der genannten Twitterhandle oder bei E-Mail -> magischediskussion äääätt gmx Pünkchen de. Spart euch einfach „Die Tapete ist aber Scheiße“-Kommentare. Weiß ich im Notfall schon.

Die E-Mail wird parallel zur Veröffentlichung des Artikels eingerichtet, sodass sie eventuell noch nicht funktioniert, wenn der Artikel online geht.

Da es meine Kapazitäten nicht zulassen, mich an Facebook-Diskussionen und/oder Kommentaren hier zu beteiligen, werde ich diese unkommentiert lassen. Das hat einfach etwas mit Zeit und anderen Aufgaben zu tun, ich bitte dies zu entschuldigen. Ach ja: Die Kommentare hier sind moderiert und auch auf Facebook kann jeder dummer Scheiß schlichtweg gelöscht werden. Also lasst es gleich.

Vorbemerkung Nr. 2

Es kann bei den Maßstäben, die ich gleich ansetze, ganz vernünftig sein, sich vorher zwei Millernton-Folgen anzuhören. Und zwar die Nr. 25 mit unserem Präsidenten Oke Göttlich und die Nr. 37 mit unserer Aufsichtsratschefin Sandra Schwedler.

Warum schreibe ich das? Weil beide für den Verein eine Art der Diskussionskultur und Umgangskultur darlegen, die man hier als Maßstab nehmen sollte. Diese Umgangskultur ist nicht zwingend, sie ist aber unsere gut gepflegte.

Sachverhalt

Wichtig ist, dass wir uns klar werden, worüber wir hier sprechen. Wir sprechen über eine Äußerung des Vorstandsvorsitzenden (und Haupteigentümer) von Under Armour, Kevin Planck (hier nachzulesen) und die Reaktion des FCSP darauf (hier nachzulesen) . Wichtig: Artikel mit den Zitaten 07.02.2017, Stellungnahme Verein 10.02.17.

Und wir reden hier über eine Tapete, die mit den Buchstaben USP unterschrieben war und die ihr u. a. hier nachlesen könnt:

(ich fand gerade keine Quelle, die nicht sofort kommentiert) und die Stellungnahme des Vereins und des FCSR vom gleichen Tag (12.02.17).

Nur um das Ganze in einen Kontext zu setzen, sei hier noch eine Tapete vom Spiel vorher erwähnt, die sich an einen Herrn Dijkgraaf in seiner Muttersprache wendet. Zum Hintergrund: Der junge Mann posiert ständig in FCSP-Hoodies und ist – freundlich ausgedrückt – rechtspopulistischer Politiker in den Niederlanden. Sinngemäße Übersetzung: „Zieh den Pulli aus, sonst ziehen wir dir den Kopf aus.“ Warum diese Erwähnung, weil zumindest in meiner Wolke dieses Plakat relativ unbeachtet blieb, während das Plakat vom Dresden-Spiel große Wellen jenseits der Filterblasen schlug. Und man vielleicht mal einen Vergleich überlegen könnte.

Vielleicht auch lesenswert ist der Hintergrund des Ganzen. Oder anders ausgedrückt: Was meint eigentlich Opfermythos? Und was ist eigentlich das Problematische am Gedenken an den 13.02.1945? Das kann man hier nachlesen. Ausdrücklich mache ich mir den Text nicht zu eigen, aber er ist schon ein wichtiger Diskussionsbeitrag und lesenswert.

Vorbemerkung Nr. 3

Ich halte prinzipiell wenig von Stellungnahmen. Schon gar nicht, wenn man in einem Kosmos zusammen sitzt, in dem Gespräche möglich sind. Und das gilt sowohl bei einem Sponsor, als auch bei einer Fanvereinigung.

Zu Recht setzt man bei vielen Vereinen auf Gespräche außerhalb der Öffentlichkeit, wenn es darum geht, Probleme innerhalb des fragilen Gebildes „Fußballverein“ zu klären. Zuviele gegensätzliche Interessen, Ideen und Gedanken verweben sich in einem Fußballverein und diese zu moderieren, auszugleichen und zu kanalisieren, ist eine der sensibelsten Aufgaben, die alle Menschen in Vereinen haben.

Stellungnahmen richten sich nie (ähnlich wie offene Briefe) an die vermeintlichen Adressaten. Und wenn sie es tun, dann hätten wir ein ziemlich großes Problem im Verein. Denn dann ist ein Gesprächskanal nicht mehr offen. Stellungnahmen richten sich meistens an eine empörte (!) Öffentlichkeit und sollen meistens Luft verschaffen. Oder anders ausgedrückt: Ich kann mir die Anzahl der Interaktionen bei beiden Themen in Richtung Verein vorstellen. Und das werden nicht nur sachliche und freundliche Interaktionen gewesen sein. Sei dies nun Pressebericht oder sei dies nun Social-Media-Interaktion.

Man muss bei einer Stellungnahme immer abwägen, ob man diesem Druck nachgeben will (der meistens von Leuten kommt, deren Druck man eigentlich ignorieren sollte) oder ob man reagieren will.

Oder anders ausgedrückt: Wenn die Bildzeitung was von „verhöhnt“ schreibt oder „der aufrechte Patriot“ den FC St. Pauli auf Twitter mentioned, dann sollte das einem genau so am Arsch vorbei gehen, als wenn irgendwelche Fiktionsschreiber wieder ihren fiktiven Roman ins Internet hauen und Jolly-Rouge-Aktionen herbei träumen.

Ja, es gibt auch eine andere Art der Stellungnahme, die sehr viel mehr Sinn ergibt: Nämlich die interessierte Öffentlichkeit über eine Diskussion und einen Konsens oder einen Dissens zu informieren. Nur geht diese in dem medialen Rauschen der heutigen Zeit unter, denn sie braucht Zeit, man muss sie nämlich vorbereiten und reden.

Was halte ich nun von den Äußerungen und Gegenäußerungen…

… in Sachen Under Armour?

Soll ich euch mal eine Rechtfertigung der Aussage von Herrn Planck erdenken? Herr Planck meint in seinen Aussagen wirklich ausschließlich die versprochene geringere Regulierung und damit die Möglichkeit, noch mehr Geld zu machen. Das Rassistische, Diktatorische wollte er nicht kommentieren. Eine solche Relativierung hat UA nebenbei dann auch rausgehauen. Hier zitiert.

Was würdet ihr mit einer solchen Rechtfertigung machen? Sie wahrscheinlich in der Luft zerreißen und dies wahrscheinlich zu Recht. Aber ausdrücklich schreibe ich hier „wahrscheinlich“, denn wir wissen nicht, was Herr Planck sagen wollte. Wir wissen nur, wie es bei uns ankam. Und wir wissen nebenbei auch nicht, was Herr Planck so dem Donald gesagt hat unter vier Augen. Zwar besteht eine 99-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass es Bullshit war; aber man sollte immer auch das eine Prozent im Auge behalten.

Lange Rede, kurzer Sinn: In einer Zeit, in der viele CEOs auf Distanz zu der neuen Regierung gehen, siehen diese Aussagen von Herrn Planck zumindest im Empfängerhorizont äußerst unglücklich aus. Das ist bitte die freundliche Formulierung. Die unfreundliche: Was für ein Vollhonk!

Der Verein formuliert hier eine Stellungnahme, die nach meiner Einschätzung mit Bedacht formuliert ist und sich Zeit lässt (zwei Wochen nach einem Brief, drei Tage nach Veröffentlichung der Zitate).

Warum tut er das?

  1. Weil er einen gültigen Vertrag hat, den man aufgrund einer Äußerung eines Vorstandsvorsitzenden eher nicht fristlos kündigen kann. Kurzer juristischer Exkurs. (arbeitsrechtlicher Text) Es wird wahrscheinlich schon am wichtigen Grund scheitern, denn eine Meinung eines Chefs wird nicht dazu führen, dass der Vertrag mit seiner Firma unzumutbar geworden ist. Insbesondere, da man sich schon bei Vertragsabschluss sehr klar über Differenzen war (siehe Millernton-Folge mit Oke). Deswegen empfinde ich diese Stellungnahme sehr gelungen. Sie hat etwas Abstand, sie ist ruhig formuliert und erfolgt zwei Wochen nachdem man intern (innerhalb der Familie, des Kosmos etc. pp) seinen Unmut formuliert hat, wie die Stellungnahme deutlich macht.
  2. Weil er Gehör finden will. Was in einem guten Sinne gelingt. Selbst in der WaPo findet sich ein Artikel.

Ich persönlich würde sie nach den Maßstäben oben als eine nützliche Stellungnahme sehen.

Und ich sehe sie auch ausdrücklich als eine, die unseren Maßstäben (siehe Millernton), nämlich vieles intern zu klären, in der Familie zu reden und dann abzuwägen, absolut entspricht. Oke äußert im Millernton sinngemäß, dass öffentliches Äußern häufig nix bringt, weil es nur verhärtet. Ich verkürze den Ärmsten nun.

Wisst ihr was? Wäre dies die einzige Stellungnahme gewesen, die der Verein rausgehauen hätte in letzter Zeit, ich hätte mir ein Bier aufgemacht und ein bisschen über gewisse Reaktionen den Kopf geschüttelt, aber ich hätte euch nicht mit dieser Bleiwüste genervt. Aber es geht ja noch weiter.

Kurzer Exkurs:

Warum fehlt hier die Auto-Thomsen-Bande und die Reaktion? Weil das keine Stellungnahme auf Handeln eines anderen war, sondern der Handelnde (Vermarktung U!Sports) selber ein Bedürfnis der Klarstellung gehabt hat. Niemand würde irgendetwas kritisieren, wenn USP gestern Abend geschrieben hätte: „War scheisze.“

… die Tapete und ihre Reaktion

Mal so in die Welt gefragt: Was genau ist denn eure Kritik an dieser Tapete? Die Verallgemeinerung? Die „Verhöhnung“? Die persönliche Betroffenheit (weil ihr, eure Großeltern aus Dresden stammen z. B.)? Oder was sonst? Geschmacklos?

Keine Sorge, meine Wertung kommt.

Vorweg aber folgendes: Wenn ihr in der Kategorie „Ich finde Tapeten, die verallgemeinern, personifizieren und dann versuchen zu beleidigen, insgesamt nicht gut und nicht unser Stil“ seid, dann kann ich das nachvollziehen, dass ihr auch diese Tapete nicht gut findet. Es ist nicht meine Meinung, auch wenn ich am Gegner abarbeitende Tapeten eigentlich zu 99 Prozent überflüssig und doof finde. Jedoch: Hier wird sich ja eher nicht am sportlichen Gegner abgearbeitet. Etwas, was nebenbei im Empfängerhorizont aus meiner Sicht missverstanden wird. Aber! Der Empfängerhorizont ist ein absolut legitimer Horizont, um dies klarzustellen.

Ihr seid persönlich betroffen, weil eure Großeltern (weil vielleicht auch einfach zu jung?) zwar in Dresden waren, aber schlichtweg keine Nazis waren und auch sonst definitiv an nix „schuld“ waren? Da kann ich eine Ablehnung nachvollziehen. (Das ist etwas Anderes als zuzustimmen, zu teilen, richtig zu finden. Man kann nämlich auch mal eine Meinung einfach als mögliche Meinung akzeptieren, ohne gleich durchzudrehen.)
Das ist das Problem der Verallgemeinerung und der Verschlagwortung. Man muss sich bei solchen Plakaten (von diesem Wort stammt ja nicht zu Unrecht „plakativ“ ab) dieser Gefahr immer bewusst sein. Auf der einen Seite: „Wenn eure Eltern Nazis waren und beim Angriff auf Dresden verbrannt sind, dann solltet ihr euch mal fragen, ob euer ‚Bäh, die sind aber Opfer des Bombenterrors‘ nicht vielleicht ein bisschen ein komischer Ansatz ist“, passt nur bedingt auf Plakate. Auf der anderen Seite: Man muss nicht alles auf Plakate bannen und diese noch halb personalisieren. Hätten sich Leute über ein „Dresden 13.02.1945; Gegen den deutschen Opfermythos!“ beschwert? Aber ja natürlich! Hätte es die Leute getroffen, wie oben beschrieben? Wahrscheinlich nicht. Frodo vom Übersteiger haut da in eine ähnliche Kerbe. (Auch hier: Ich mache mir den Text nicht zu eigen.)

Um es deutlich zu machen: Es gibt in Dresden genug Leute, die Ahnenforschung betreiben, die Sachen aufbereiten und die gegen Pegida und Co im wahrsten Sinne des Wortes ihre Wange hinhalten. Und wenn auch nur einer von diesen sich aufgrund so eines Plakates schlecht fühlt, dann ist das eine Sache, die ich nicht gut finde. Von seinem bequemen Sessel im Schanzenviertel diese Gefühle als falsch oder albern hinzustellen oder die ganze (!Dies ist ungleich die Mehrzahl, dies ist ungleich „Alle waren unschuldig.“!) Großelterngeneration in einen Topf zu werfen, ist mir a) viel zu schwarz/weiß und b) viel zu klinisch dogmatisch.

Verhöhnt? Wenn man der Bildzeitung glauben will, dann ist Verhöhnung nach Mord ungefähr das Schlimmste was es gibt. Dazu folgende Feststellungen:

  1. Hier wird bewusst das Wort „beleidigen“ gerne vermieden. Warum? Weil das höchstwahrscheinlich keine Beleidigung im strafrechtlichen Sinne ist. Beleidigung unter einer Kollektivbezeichnung setzt u. a. einen überschaubaren Personenkreis voraus, bei dem die dazu gehörigen Personen individualisierbar sind. (siehe ausführlich hier) „Eure Großeltern …“ Dann fangt mal bei der Überschaubarkeit an und ihr werdet wahrscheinlich scheitern. Alleine schon, weil da z. B. ein eingrenzendes „Hey Dynamofans, da im Gästeblock:“ fehlt. Ach ja: Tote zu beleidigen ist eher schwierig. Bzw. juristisch nicht möglich. Es gibt jedoch § 189 StGB „Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“, der entgegen seiner Überschrift das Verunglimpfen EINES Verstorbenen verlangt. Und da kommen wir genau in die gleiche Überschaubarkeit, die hier fehlt.
  2. Nimmt man doch lieber den nicht juristischen Begriff „verhöhnen“. Was heißt das eigentlich? Google findet da „auf herausfordernde Weise verspotten und vor anderen lächerlich machen“. Das ist im Rahmen der oben benannten Grenzen nicht strafbar. Und mal ganz davon ab: Wer ist denn hier der Adressat der „Verhöhnung“? Die deutschen Opfer? Jo, das schreiben die aufrechten Patrioten auch immer. Keine gute Gesellschaft! Und da sind wir nämlich mitten drin im „Opfermythos“. Siehe Link oben zum nachlesen oben. Oder anders ausgedrückt: Das Problem besteht ja wohl nicht darin, dass ich den Nazi, der da verbrannt ist, verhöhne, oder? Dem pisse ich noch aufs Grab, dem Arsch! Eher die Pauschalität kann ein Problem sein. Jedoch: Man pauschalisiert halt gegen ein pauschales „den Opfern des allierten Bombenterrors“. Ob Pauschales gegen Pauschales sinnvoll ist? Können wir pauschal mal drüber diskutieren.

Mal ganz davon ab: Die sind mausetot und wie eben angemerkt nicht alle unschuldige Opfer (nebenbei: Es gibt auch schuldige Opfer!); wenn man die „verhöhnt“, dann zwickt das die wahrscheinlich nur noch bedingt. Ja, das ist pietätlos und ja, persönliche Betroffenheit kann hier zu einer anderen Wertung führen, siehe oben. Ich für meinen Teil werde meinen Großvater nicht als „unschuldig“ darstellen. Der war nicht einen Tag an der Front, sondern hier mit „kriegswichtigen Aufgaben“ vertraut und hat nie drüber geredet. Da kann ich mir eins und eins zusammenzählen. Und ja, er war vor und nach dem Krieg überzeugter, solidarischer Gewerkschafter. Nur entschuldigt ihn das null.

Hier auch noch eine kleine Anmerkung, die immer gerne vergessen wird, wenn es um die Handlungen der anderen Seite geht: Krieg ist dreckig, Krieg bringt Menschen um und zwar nicht klinisch nur Schuldige oder Beteiligte oder so. Krieg ist kein faires Ding auf dem Acker, auch wenn es sich die Haager Landkriegsordnung bzw. die Idee dahinter so vorstellt und die Videoshow des Golfkrieges 1 diesen Eindruck vermittelte. Krieg ist schlichtweg Ressourcen des Feindes bei möglichst geringen eigenen Verlusten möglichst schnell zu vernichten. Und Ressource ist dabei auch jeder Mensch, der beim Feind lebt. Wer hier eine Entmenschlichung sieht und deswegen Krieg fragwürdig findet, der sei hiermit umarmt.

Jedoch: Man wälze mal ein Geschichtsbuch, warum es den Zweiten Weltkrieg gegeben hat. Und warum irgendwann nur noch die bedingungslose Kapitulation eine Lösung war und warum diese mit aller Macht erzwungen wurde. Auch das gehört zuerst dazu, bevor man über das „Andenken der deutschen Opfer“ diskutiert.

Oder um es mit einem Opfer des Faschismus zu formulieren:

„Wir weinten vor Freude, als wir den roten Schein am Himmel sahen. Dresden brennt, die Allierten sind nicht mehr weit!“

Nebenbei: Daher und aufgrund der üblichen „Wir brennen für XYZ“-Sprüche von Fußballfans kommt die Formulierung. Dies sollte man vielleicht auch noch bedenken.

Muss man sich deswegen bei Dynamo Dresden und seinen Fans entschuldigen? Puh, will ich gar nicht abschließend drüber urteilen. Nur folgende Gedanken:

Seien wir ehrlich. Das mit dem Beleidigen, Verhöhnen, Anmachen ist – und man kann absolut zu Recht sagen „leider“ – ein Geben und Nehmen im Fußball. Man kann da konkret an Tapeten beim Hinspiel erinnern, die nicht nur „verhöhnen“, sondern auch viel direkter an Lebende, im Stadion vorhandene Personen gerichtet und dazu noch homophob sind. Reaktion? Stellungnahme? Shitstorm? Jo, die linken Paulis haben sich aufgeregt, mehr aber auch nicht.

Nein, das ist jetzt keine Rechtfertigung à la „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, denn wir sind nicht so dem Alten Testament verbunden. Mal ganz davon ab, dass das nur zahnlose Blinde produziert.

Ja, wir müssen diskutieren, was eine angemessene Form des Umgangs ist, und wir müssen auch überlegen, ob es immer härter werden muss. (Ich würde sagen: Nein!) Wir müssen aber uns klar machen, dass ich eine solche Diskussion nur abstrakt und generell führen würde, sonst springen wir alle nur emotional in die Schützengräben.

Hinzu kommt: Inwieweit war hier wirklich eine direkte Beleidigung des Gegners gemeint? Puh, Empfängerhorizont vs. Erstellerhorizont? Da können wir lange deuten. Und vielleicht muss man sich über die Deutungsmöglichkeiten als Ersteller auch im Klaren sein.

Und damit kommen wir zu der Stellungnahme des Vereines. Und sorry, lieber FCSP. Die ist misslungen. „Verhöhnung der Opfer“, schreibt der Verein. Aber damit läuft er genau in den Opfermythos, von dem er sich dann absetzen will, siehe oben. Wenn man sich so die Mentions durchsieht, dann wird das auch genau vom Typ „aufrechte Patrioten“ bejubelt in den sozialen Netzwerken (Durchsicht Stand 12.02.17 Abends).

Was wäre besser gewesen? „Sensibles Thema, kann man so nicht mit umgehen …“ „Personalisierung und Verallgemeinerung dem Thema nicht angemessen“ „Bitten deswegen um Entschuldigung“ und dann Hinweis auf Opfermythos, Verklärung etc. pp wären Formulierungen, die ich für deutlich besser gehalten hätte. Ob das nun meine Meinung wäre, steht dabei gar nicht zur Debatte, aber solche Formulierungen wären ein Debattenöffner gewesen, kein Beender.

Nebenbei: In der Stellungnahme entschuldigt man sich gerade nicht bei Dynamo Dresden, aber im entsprechenden Tweet tut man das.

Eine Entschuldigung bei Dynamo aufgrund von Empfängerhorizont (siehe oben) wäre eventuell angemessen, hätten Fans und/oder Vereinsoffizielle das als Beleidigung von sich selbst oder als Verhöhnung konkret ihrer Angehörigen (unschuldig) verstanden. Aber das genau sagt die Stellungnahme dann ja nicht aus. Da wird nur von Opfern und Angehörigen gesprochen und zwar pauschal. Dieser Widerspruch ist zumindest unglücklich.

Und ich hätte es sehr begrüßt, wenn man bei seinen Prinzipien geblieben wäre. Nämlich ruhig zu reagieren. Und ruhig ist für mich ungleich „am Spieltag“. Gespräche soll es gegeben haben und es hat garantiert auch genügend Druck von außen gegeben. Gespräche: Ich weiß nicht, Freudetrunken und Biertrunken nach so einem Spiel halte ich Gespräche für nicht sinnvoll. Aber das ist eine These, die ich von außen ohne Inhalt und ohne Gesprächsverlauf aufstelle.

Und wenn ich bei einem Werbepartner zwei Wochen Zeit lasse und bei einer Fanaktion sofort reagiere, dann setze ich damit beim Empfänger auch gewisse Zeichen, die vielleicht nicht gewollt waren, aber sehr schnell falsch verstanden werden können. Und der Empfängerhorizont ist nun mal ein legitimer Horizont.

Nebenbei: Die letzte ordentlich saftige Pyrostrafe hat der FCSP nicht mal per Pressemitteilung verkündet. Warum nicht? Siehe Millernton mit Oke. Ist das ein guter Ansatz? Ja! Diese ritualisierte Verurteilung und dieses ritualisierte „Wir werden Täter zur Rechenschaft zwingen, bla blupp blupp!“ bringt gar nix. Internes Reden vielleicht aber. Wenn auch nicht sofort.

Druck von außen? Siehe oben!

Strafe vom DFB? Fick dich, Digga! Seit wann ist das denn Maßstab des Handelns? No way! Da das Duckmäuschen zu machen, geht nie und nimmer klar. Oder anders gesagt: Das regeln wir immer noch unter uns und der DFB kann uns mal. Externe in einem Familienstreit? Vergiss es! Mal ganz davon ab: Strafbarkeit nach StGB? Eher nein, siehe oben. Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten (so Dynamo Dresden)? Diese liegen in den zitierten Strafparagraphen und in der Volksverhetzung. Alles hier nicht einschlägig. Also Meinungsfreiheit. Moralapostel ziehen da keine Grenzen, lieber Dresdener. Ersatzstrafrecht durch den DFB? Hier wäre der FCSP gut beraten, mal vor ordentliche Gerichte zu ziehen, wenn wir nicht eine Herrschaft des „Gefällt uns nicht und was uns nicht gefällt, bestrafen wir!“ im Fußball haben wollen.

Und vielleicht wäre der FCSP, der DFB und alle anderen Leute wirklich mal gut daran gelegen, abstrakt zu diskutieren, was in Ordnung ist und was nicht. Liebe Le äh Ey ihr Arschnasen von der Bildzeitung: Doppelmoral ist dann aber nicht, ja? Denn ihr habt euch in solchen Sachen eigentlich schon immer disqualifiziert mit euren „Ekelrentner“-Formulierungen. Ihr „verhöhnt“ nämlich viel mehr, als es jedes Ultrà-Plakat kann. Also trollt euch und spielt hier nicht den Moralapostel.

… und zu guter Letzt

Kann ich vielleicht zusammenfassen, dass ich das Plakat nicht gelungen finde und eine andere Formulierung, eine andere Herangehensweise mir besser gefallen hätte. Jedoch kann ich die Aufregung von persönlich nicht betroffenen Leuten (siehe oben und ich will das gar nicht klein reden) nur bedingt verstehen und frage mich, ob man nicht genau in diesen Opfermythos reinläuft.

Denn da kommen wir zu der Tapete gegen diesen niederländischen Flachköpper. Das ist die konkrete Androhung von „aufs Maul“ an einen Lebenden, also Gewalt (!!!!!!einself!!!!!), Beleidigung und sowieso. Aufregung? Stellungnahme? Kontrollausschuss? Ist an mir vorbei gegangen. Ebenso bei der Crystalmeth-Tapete gegen Nürnberg, etc. pp. Nein, das ist keine Verurteilung dieser Tapeten, aber waren die alle zwingend besser weniger „verhöhnend“ als diese? Oder bei den ganzen Tapeten gegen Minderheiten, Schwule etc bei anderen Vereinen? Und jetzt dreht man plötzlich frei? Hmmmm … entlarvend, oder?

… und zu allerletzt

Ultras sind für mich immer noch gelebte Jugendkultur. Und auch wenn wir alle immer so tun, als ob wir in unserer Jugend nie Mist gebaut hätten, nie etwas zu radikal gesehen hätten oder immer gute weise Worte gewählt hätten, so ist das doch eine Lebenslüge, die wir mit uns tragen. Wer ohne diese Schuld ist, der werfe bitte den ersten Stein. Ich bin da raus, denn ich habe riesige Scheiße gebaut und viel schlimmere Dinge gemacht, als eine Tapete gemalt, die vielleicht nicht passend ist, daher folgender abschließender Satz:

Mir sind Jugendliche, die zu einem politischen Thema eine Tapete schreiben, die über ein Ziel hinaus geht, eine Million mal lieber, als Jugendliche, die irgendwo besoffen eine Bushaltestelle zerstören, weil sie meinen dies sei cool (oder dumme Tapeten gegen Dosenvereine schreiben).

Nicht vorenthalten will ich euch, was das – nebenbei sehr coole – Dynamo-Blog Spuckelchen draus gemacht hat.

In diesem Sinne.

(Und die Beleuchtung aus Historiker-Perspektive.)

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Feb 072017
 

Braunschweig. Weit vorne in der Tabelle zu verorten, was direkt nach der Winterpause nebenbei eine gar nicht so undankbare Aufgabe für einen Tabellenletzten ist.

Der Fanladen hatte wieder einen exklusiven Metronom gemietet, sodass sich ein riesiger Haufen von Leuten um 9 Uhr auf die Schiene machte. In unserem Mikrokosmos sah der Zug am Ende gut aus und die Leute verhielten sich komplett korrekt. Außer, dass dies mit dem Rauchen nur im Partywagen nur zu 80 % klappte. Wir hoffen mal, dass unser Eindruck sich mit dem Gesamteindruck deckt. Selbst die Kloschlangen waren erträglich kurz.

Die Hinfahrt ist natürlich sehr von der Diskussion um das Sportliche geprägt. Wenn wir also da gewinnen und da, dann könnten wir da. Ihr kennt das. Getränkeverpflegung ist auch wieder organisiert. Vielen Dank an die ganzen Helfer, die das immer wieder möglich machen.

Unsere Gruppe ist sehr weiblich geprägt, den Sekt trinkt aber ein Kerl. Fuck Klischees! Nebenbei: Halbtrockener.

MagischerFC Eintracht Braunschweig St. Pauli Februar 2017

Im Zug wird auch ein Tippspiel organisiert und was sollen wir sagen: Solche Tipps werden auch abgeliefert:

In Braunschweig angekommen wird man erstmal von irgendwelchen behelmten Beamten begrüßt. Jedoch nur direkt am Bahnsteig, wo die „harten“ Einheiten stehen. Die ergrauten Einheiten im Gang stehen mit Mütze auf entspannt herum. Auch draußen ist man fähig, „bitte“ und „danke“ zu sagen, was leider heutzutage nicht die übliche Sprache der Polizei ist.

Gegenseitiger Respekt vor der Bartpflege ist aber definitiv vorhanden.

Auch auf Fanseite ist man heute extrem entspannt, sodass es ohne irgendein Gerangel oder so mit den Bussen zum Stadion geht. Große Stadtrundfahrt inklusive.

Im Stadion angekommen finden wir erstmal einen Handfeger im Gästeblock. Ja, ihr habt richtig gelesen. Einen Handfeger. Glaubt uns, der Ordnungsdienst guckt genauso verstört wie wir. Die sind nebenbei auch eines „bitte“ und „danke“ mächtig, was man leider auch hier positiv – weil Ausnahme – erwähnen muss.

Braunschweig. Deine Heimkurve ist nicht gerade von Intelligenz und Progressivität geprägt. Da will man den FCSP „abschieben“, feiert sich dafür, „ultrapeinlich“ zu sein, und beleidigt die gegnerischen Ultras als „Pissetrinker“. Weil man ja irgendwie USP in anderer Farbe malen muss zu Beginn eines jeden Wortes, muss es natürlich ein Wort mit P sein. Das ist Ultragesetz. Ebenso, dass sich jede Tapete gegen den Verband reimen muss. Auch dies steht im Ultragrundgesetz. Und macht das ganze nebenbei extrem langweilig.

Die Wertung als Blitzbirne des Tages bekommt aber der Typ, der neben dem Gästeblock unsere Rollis anmacht, einen „Scheiss St. Pauli“ Schal präsentiert und dann, als ihn die Ordner schon abführen, eine Geste mehrfach versucht, die doch sehr nach Hitlergruß aussieht. Nun ja, genau in diesem Moment dreht ihm der Ordnungsdienst die Hände noch mal auf den Rücken. Der Arme. Nicht.

Im Gästeblock gees gut ab. Klar kann alles immer besser sein, aber es ist ein ordentlicher Auftritt und selbst unser Vorsänger hat wenig zu meckern.

Gut ab gehen auch unsere Jungs. Das ist nicht alles schön anzusehen, aber alleine vom Kratz-und-Beiß-Faktor eine glatte 1. Und was der Park da abliefert als so kalt ins Wasser Geworfener, das ist schon aller Ehren wert. Eine frühe Führung. Was ist das denn? Nach einem Eckball! Von Lasse! Das hatten wir ja lange nicht. Wie lange konnte nicht mal unser Statistikgott rausfinden. Und der weiß sonst alles.

Klar ist nach der Führung, dass die extrem heimstarken Braunschweiger nun wütend anlaufen werden würden. Und erstmal haben wir damit auch riesige Probleme. Kumbela muss eigentlich den Ausgleich machen, macht ihn aber nicht. Danach reagiert das Trainerteam, stellt in der Verteidigung im Endeffekt auf einer Fünferkette um und das Ganze beruhigt sich. Klar, Braunschweigs Qualität bekommst du nicht ganz stillgelegt; aber was durch kommt, landet bei Heerwagen.

Ganz groß auch, was unsere Neuzugänge da abliefern. Mats macht ein riesiges Spiel und ist erst durch eine Verletzung zu stoppen. Liebe Braunschweiger: Wenn ein Spieler verletzt liegen bleibt und man das Gefühl hat, dass dieser auf Zeit spielen könnte, dann kann man mal pöbeln. Wenn der sich aber offensichtlich wirklich was getan hat, dann ist empörtes Weiterpöbeln einfach nur niveaulos. Und wir sind froh, dass am Millerntor da komplett anders reagiert wird.

Mal ganz davon ab: Es wird wegen dieser Verletzung und auch wegen der Behandlung von Heerwagen vollkommen zu Recht sieben Minuten nachgespielt.

Was noch nicht 100 Prozent klappt, ist der tödliche Konter. Aber irgendwann cenken wir denen dann doch einen ein. Was haben nicht viele gemeckert, als Şahin gegen 1860 einen Konter versammelte! Was haben nicht Leute nach Würzburg geschrieben, dass der nicht mehr spielen solle und und und. Jubeln diese Leute eigentlich auch nicht, wenn er nun einen Konter nach dem anderen verwandelt?

Das späte 1-2 sorgt noch für ein paar Sekunden Zittern, aber dann ist der zweite Auswärtssieg im Sack, der lange mit der Mannschaft am Gästeblock gefeiert wird. Das letzte Mal zwei Auswärtssiege in Folge hatten wir nebenbei genau vor einem Jahr in Fürth und in Duisburg.

Zurück zum Bahnhof, wo die Halle wieder zweigeteilt wird und wir in dem einen Bereich (immerhin mit Geschäften und allem) gekesselt werden. Wir fragtn uns, ob auch Dresden oder Hannover da ganz entspannt 45 Minuten sich die Beine in den Bauch stehen würden. Wir tun es. Keine Agression, nix. Sehr vorbildlich. Aber leider kein Grund für die Polizei, es das nächste Mal einfach zu lassen.

Zurück im Zug geht es freudig grinsend zurück nach Hamburg. Der Gegensatz zwischen tiefer Zufriedenheit und Platz 18 bildet dann auch die Überschrift.

Ein in erster Schritt zum Klassenerhalt ist getan.

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