Feb 282012
 

oder

Urteile über Urteile, die du leider nicht selber lesen kannst


Justice Is Lost
Justice Is Raped
Justice Is Gone
Pulling Your Strings
Justice Is Done
Seeking No Truth
Winning Is All
Find it So Grim
So True
So Real

Singt Mr. Hetfield (Metallica – and justice for all…). Vieles ist schon geschrieben und wir verweisen sehr gerne auf unseren Kollegen Gerd und auf unseren Kollegen Kiesel. Trotzdem wollen wir noch ein paar Aspekte ins Licht bringen. Juristisch haben wir in einem alten Beitrag bereits die Verbandsrechtsprechung des DFB aufgearbeitet und wir bleiben dabei: Der DFB hat ein bedenkliches Rechtsstaats- und Demokratiedefizit. Ob dies für einen Erfolg vor einem ordentlichen Gericht ausreicht, wissen wir natürlich auch nicht genau. Aber wir wissen eines: It’s worth a try.

Einschub: Wir halten sowieso wenig von Juristen, die juristische Meinungen als Wahrheit verkaufen. Juristerei eignet sich nicht für Verkürzungen und für Schlagwörter, denn anders als in der Mathematik gibt es nicht ein definitives richtig oder falsch. Alleine deswegen hat das Boulevard immer wieder Probleme mit juristischen Sachverhalten. Wir werden daher auch keinen Text schreiben, wie willkürlich der DFB ist und das dies alles ein Skandal ist. Das machen wir nur in der ersten Erregung auf Facebook. (Wer nebenbei an dieser Stelle erkennt, wie Problematisch social Media, die damit verbundene verkürzte Aufmerksamkeitsspanne und die Erregungskultur ist, dem ist nur Recht zu geben). Wir haben ja auch ein bisschen Nachdenken, ein bisschen reflektieren und ein bisschen Zeit gebraucht um so zu argumentieren, wie wir es jetzt tun. Einschub Ende

Prämissen

Erneut haben wir ein Problem. Leider gibt es beim DFB keine öffentlich leicht zugänglichen Volltexturteile. Es muss diese geben, weil alleine § 25 der Rechts- und Verfahrensordnung davon ausgeht, dass Urteile schriftlich begründet werden. Diese nicht Einsehbarkeit muss man schon kritisieren, denn eine Geheimjustiz ist in einer offenen Gesellschaft schon sehr problematisch. Ob und wie der DFB seine Urteile der geneigten Öffentlichkeit zur Verfügung stellt, ist uns leider nicht bekannt. Wir haben trotz Recherche keinen Weg gefunden. Auch gibt es die schriftlichen Gründe ja noch nicht. Daher ist das nun folgende alles mit Vorsicht zu genießen. Denn wir gehen daher davon aus, dass die dünne Pressemitteilung und die Fetzen, die durch die Presse wandern a. der Wahrheit entsprechen und b. die Begründung sind. Beides ist natürlich nicht zu 100 % zu sagen. Aber mehr haben wir leider nicht.

Quellen

Sportschau.de (der Link ist leider nicht permanent) zitiert den Kontrollausschussvorsitzenden wie folgt:

„Der DFB-Kontrollausschussvorsitzende Anton Nachreiner hatte gegen den aktuellen Tabellendritten, der als Wiederholungstäter in Sachen Fan-Fehlverhalten gilt, einen Ausschluss sämtlicher 13.000 Stehplatzbesucher beantragt. Der Klub hielt “eine Geldstrafe in überschaubarem Rahmen” für angemessen, weil es sich eben nicht um einen Wurf mit der Absicht gehandelt habe, Schaden anzurichten. Selbst Nachreiner sprach von einem “dummen Zufall”, sah die Basis des Fehlverhaltens aber in der Fan-Kultur des Hamburger Vereins liegen. Es sei der dritte Vorfall binnen weniger Monate.“

Auf dfb.de heißt es (Vollzitat):

„“Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat den Zweitligisten FC St. Pauli am 27. Februar 2012 in mündlicher Verhandlung nach Anklageerhebung durch den DFB-Kontrollausschuss wegen mangelnden Schutzes des Gegners mit einem Teilausschluss für die Stehplätze in den Blöcken A, B, C, G und H der St. Pauli-Fans belegt. Der Teilausschluss erfolgt beim nächsten auf die Rechtskraft des Urteils folgenden eimspiels. Der Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses Dr. Anton Nachreiner hat in der mündlichen Verhandlung die Schließung sämtlicher Stehplatzbereiche des Heimvereins gefordert.

Sportgerichts-Vorsitzender Hans E. Lorenz, der die Verhandlung in Frankfurt leitete, sagte zur Urteilsbegründung: “Der Werfer ging davon aus, dass sich die Kassenrolle wie üblich entwickelt. Er wollte keinen Spieler treffen.” Lorenz betonte, dass “es außergewöhnlich ist, dass sich der Werfer aus freien Stücken beim Verein gestellt hat und in der Verhandlung als Zeuge zur Verfügung stand.”

In der 48. Minute des Zweitligaspiels zwischen St. Pauli und Eintracht Frankfurt am 19. Dezember 2011 war Eintracht-Kapitän Pirmin Schwegler auf dem Spielfeld von einer Kassenrolle am Kopf getroffen worden, die aus dem Zuschauerblock der Hanseaten geworfen worden war.

Gegen diese Entscheidung kann der FC St. Pauli binnen einer Woche vor dem DFB-Bundesgericht Berufung einlegen.

Materielles Recht

Der DFB hat seine Strafmacht in der bereits mehrfach erwähnten Rechts- und Verfahrensordnung niedergelegt. Um es noch mal deutlich zu sagen: Prinzipiell ist so eine Verbandsstrafbarkeit vollkommen legitim und auch sinnvoll. Man stelle sich mal vor, es gäbe keine. Dann müsste über jedes Foul vor dem Amtsgericht verhandelt werden (fahrlässige Körperverletzung? vorsätzliche Körperverletzung?)

Wir sind hier aber in einem Grenzbereich dieser Verbandsstrafbarkeit, denn was bestraft wird, ist das Verhalten von Fans (die nebenbei nicht zwingend unter diese Verbandsstrafbarkeit fallen, denn dieser unterwerfen sich nur Mitglieder des Verbandes bzw. Mitglieder seiner angeschlossenen Vereine!)

Aber fangen wir doch mal nach und nach an. Bestraft wird der FC hier wegen „Mangelndem Schutz des Gegners“. Dies ist in § 7 d der Rechts- und Verfahrensordnung so auch vorgesehen. Da heißt es:

„d) für mangelnden Schutz des Schiedsrichters, der Schiedsrichter-Assistenten oder des Gegners Geldstrafe bis zu € 100.000,00;“

Ja, es ist immer wieder erstaunlich, aber die Platzsperre, der Ausschluss der Öffentlichkeit ist als eigentliche Strafe in der Rechts- und Verfahrensordnung nicht vorgesehen. Vielmehr findet sich dort nur folgender Hinweis (§ 7 Abs. 4):

„4. Bei Vergehen, die mit einer höheren Geldstrafe als € 2.500,00 bedroht sind, kann in schwerwiegenden Fällen an Stelle oder neben der Geldstrafe eine weitergehende Strafe nach § 44 der Satzung des DFB verhängt werden. Gleiches gilt in Wiederholungsfällen und in Fällen der Tatmehrheit.“

In § 44 der Satzung steht dann folgendes:

„k) Platzsperre oder Spielaustragung unter Ausschluss der Öffentlichkeit“

Wiederrum in § 7 (ja, das ist eine Gesetzgebungstechnik, die ist einfach nur begeisternd.) steht noch:

„3. Anstelle einer verwirkten Platzsperre kann eine Spielaustragung unter Ausschluss er Öffentlichkeit festgesetzt werden, falls dies aus besonderen Gründen zweckmäßig erscheint.“

Liebe Leser, nun legt diesen Text mal 20 Minuten aus der Hand. Bzw. lest nicht weiter. Lest euch diese Quellen durch. Lest sie euch noch mal durch. Und glaubt mir, mit den Stichwörtern „Ausschluss der Öffentlichkeit“ findet ihr genau noch eine weitere Stelle in der Rechts- und Verfahrensordnung und/oder in der Satzung. Da geht es aber um Rassismus.

Nun liebe Leser, ich stelle jetzt eine Quizfrage: Was ist da nicht geregelt?

Exkurs

An eine Verbandsgerichtsbarkeit muss man unseres Erachtens die gleichen Maßstäbe setzen, wie an eine staatliche Gerichtsbarkeit. Immerhin wird diese staatliche Gerichtsbarkeit ja durch die Verbandsgerichtsbarkeit ausgetauscht. Bei der staatlichen Gerichtsbarkeit gibt es einige Grundsätze, die unabänderlich sind und der „gerechten“ Bestrafung dienen. Stichwörter wie „rechtliches Gehör“, „Im Zweifel für den Angeklagten“ oder aber auch „Keine Strafe ohne Gesetz“ sind selbst breiten Volksmassen bekannt. Und wenn der DFB sich in diesen Grenzbereich der Verbandstrafbarkeit wagt, dann muss er diese Grundsätze nach unserer Auffassung auch beherzigen.

Exkurs Ende

Halte ich mich an mein eigenes Gesetz? Nein!

Und was fehlt da, liebe Leser? Richtig, es gibt keine Regelung des Teilausschlusses der Öffentlichkeit! Hier wird also eine Strafe ausgesprochen, die gar nicht vorgesehen ist.

Sie ist einfach schlichtweg nicht geregelt. Ja, man könnte das jetzt als ein weniger zu einem Totalausschluss verstehen, aber das ist zumindest problematisch (Noch ein Nachtrag: So begründet der DFB wirklich “es ist ein Minus gegenüber dem Totalausschluss”). Im Strafrecht wäre dies zumindest nicht möglich. Ich kann nicht einfach für einen Tatbestand X, für den 1 bis 15 Jahre vorgesehen sind plötzlich ein halbes Jahr Freiheitsstrafe auswerfen. Das geht nicht.

Gerade beim Teilausschluss wäre eine Regelung aber absolut notwendig, wenn ich nicht eine Bestrafung in das Ermessen eines Richters stellen will. Es gibt keine nachvollziehbaren Regeln, welche Plätze, wie viele Plätze und warum gerade diese Plätze. Warum Stehplätze? Man könnte hier noch auf die Idee kommen, dass ja auch von den Stehplätzen geworfen wurde. Das kann man ja vielleicht noch akzeptieren, aber warum dann nicht alle Stehplätze? Und warum konkret die Nord? Oder eine Tribünenhaftung? Aber warum darf dann Süd-Sitz kommen?

Da weder im Gesetz, noch in der Begründung des Richters sich auch nur ein Hauch einer juristischen Begründung für diese Zahl findet, können wir nur mutmaßen. Und um es mal deutlich zu sagen: Das kann es nicht sein. Das ist schlichtweg zu wenig. Das ist schlichtweg willkürlich und ausgewürfelt.

Und wie schon letztes Mal geschrieben: Die Strafe vollständig in das Ermessen des Richters zu stellen ist mit rechtsstaatlichen Grundsätzen nicht vereinbar, offenbart ein riesiges Demokratiedefizit und ist auch im Rahmen eines Verbandes richtig problematisch.

Wir können auch nicht erahnen, wie man nun genau auf diese Zahl kommt um den Strafzweck zu treffen. Und nur eine Strafe mit einem Zweck ist rechtsstaatlich erlaubt.

Und noch etwas, was wir wiederholen müssen: Der Schutz des Gegners ist in der Strafordnung mit 100.000 Euro Maximum belegt. Wenn wir dies in 5.800 Plätze umrechnen und mal von einem Umsatz pro Platz von ca. 20 Euro ausgehen (und dies ist bei Bier, Wurst etc. noch wenig), dann sind wir hier in einer Bestrafung, die umgerechnet einer Strafe entspricht, die 100.000 Euro erreicht. Wir sind hier also nah an der Höchststrafe, wenn nicht selbst drüber. Auch das ist ein Webfehler der DFB Strafordnung, die nämlich auf den Amateurfußball gestrickt ist, wo ein Ausschluss des Publikums viel billiger wird, als 100.000 Euro Strafe. Diese so anzuwenden, ist einfach nur wahnsinn.

Umso beachtlicher ist…

Aber ziehen wir es mal von der anderen Seite auf. Lest euch noch mal die Voraussetzungen von oben durch. Unser Kassenrollenwurf ist – wenn man denn die Rechts- und Strafordnung ernst nimmt – ein Fall in dem der Teilausschluss aus „besonderen Gründen zweckmäßig erscheint.“ Und er ist entweder ein schwerwiegender Fall oder ein Wiederholungsfall.

Auch hier kann man doch deutlich zweifeln. Warum dies ein besonderer Fall ist, wird erneut nicht gesagt. Es wird vom Ankläger (=Kontrollausschussvorsitzenden) nur erwähnt, dass es zu drei Vorfällen mit Fans gekommen ist.

Nehmen wir das mal an dieser Stelle so hin. Dann müssen wir doch feststellen, dass dies dann gleich zweimal benutzt wird, nämlich einmal um überhaupt in § 44 der Satzung zu gelangen und dann noch einmal um einen Teilausschluss der Öffentlichkeit zu begründen. Zumindest im Strafrecht ist eine solche Doppelverwertung verboten.

Und dann sind wir auch wieder in der Frage: Willkür oder nicht. Wir wollen jetzt nicht der härteren Bestrafung des Pyroeinsatzes das Wort reden, aber es wundert schon, dass hier ein Teilausschluss mit einer Wiederholung von drei vollkommen verschiedenen Sachen (Zündeln, Hauen, Unfall) begründet wird, aber z.B. der Lokalrivale oder Bayern fröhlich jedes zweite Spiel zündeln (also immer das gleiche machen) und immer wieder mit einer Geldstrafe davon kommen. Eine Konsequenz vermisst man hier.

Und das ist noch freundlich ausgedrückt. Nun können ja unbestimmte Gesetze dann dem Bestimmtheitsgebot genügen, wenn sie durch genügend Kasuistik (Einzelrechtsprechung) so ausdefiniert sind, dass man darüber sehen kann, welches Verhalten, welche Strafe nach sich zieht. Nur ganz ehrlich: Sowohl die nicht aneinander passenden Einzelfälle (siehe letztes Mal und das oben gewählte Beispiel), als auch die fehlenden Begründungen lassen eine solche Ausdefinition durch Gerichte nicht erkennen. Kurz: Niemand kann erkennen, was raus kommt.

Kurzer Exkurs: Alleine deswegen gehen diese Kommentare a la „So ein Idiot, er wusste doch, was raus kommt, daher kein Mitleid“ komplett fehl. Mal ganz davon ab, dass sich die Fahrlässigkeit (und davon spricht auch der DFB!) dadurch auszeichnet, dass man eben nicht wusste, welche Folgen die Handlung hat.

Ach nebenbei: Der Ausschluss von Gästefans ist in der Rechts- und Verfahrensordnung auch mit keinem Wort erwähnt. Auch dies hat der DFB frei von jeglicher gesetzlichen Grundlage erfunden. Für eine Strafrechtsprechung ein mehr als bemerkenswerter Vorgang. Man verstehe uns bitte nicht falsch: Das mag alles sinnvoll sein, aber in einem demokratischen Verband wäre es Aufgabe des DFB-Bundestages zu erörtern und abzustimmen ob und unter welchen Voraussetzungen dies sinnvoll wäre.

Man fragt sich weiterhin: Wie sonst könnte der Teilausschluss begründet werden, wenn nicht über die Wiederholung? Zu den besonderen Gründen, zu der schwere des Falles wird ansonsten mit keinem Wort Stellung genommen.

Milderung?

Können wir davon ausgehen, dass es dem gesunden Volksempfinden (HUST) entspricht, dass Fahrlässigkeit milder bestraft wird, als Vorsatz? Und können wir auch davon ausgehen, dass es für einen Täter und für eine mildere Bestrafung spricht, dass sich der Täter stellt und Reue zeigt?

Wir fragen uns: Wo ist das in dieses Urteil eingeflossen? Zwar spricht der Ankläger von einem „dummen Zufall“ und auch der Vorsitzende spricht von „aussergewöhnlich“ und „wollte nicht treffen“. Trotzdem bleiben wir bei einer Strafe, die wirtschaftlich im obersten Bereich liegt, was der DFB in diesem Bereich vorsieht. Warum? Auch hierzu findet sich kein Wort der Begründung.

Oder ist erneut die Wiederholung das Thema? Dann muss man sich aber auch mal fragen, worauf man denn abstellen will. Auf den Verein? Dann mag man ja so denken, aber dann haben die Vokabeln „dummer Zufall“ „wollte nicht treffen“ da nix zu suchen. Schon gar nicht als einzige Begründung!

Was der DFB hier macht, ist mehr als widersinnig. Er äußert sich lang und breit über mildernde Umstände und wichst dann wegen eines strafschärfenden Merkmals (Wiederholung!) eine Strafe im obersten Bereich raus. Das passt nicht zueinander. Auch hier muss man so schlichtweg von Willkür sprechen. Man darf auch nicht folgendes vergessen: Schwegler konnte weiter spielen, er hat keine größere Verletzung abbekommen und auch sonst ist nicht viel passiert.

Und hier kommt auch der Satz des Kontrollausschussvorsitzenden ins Spiel. Ich zitiere den noch einmal: „Selbst Nachreiner sprach von einem “dummen Zufall”, sah die Basis des Fehlverhaltens aber in der Fan-Kultur des Hamburger Vereins liegen.“ (zitiert nach sportschau.de) Basis des Fehlverhaltens ist die Fan-Kultur. Das steht da etwas verkürzt. Nun kann man ja bei einem „dummen Zufall“ nicht sagen, dass dies auf einer besonders gewalttätigen Fankultur basiert, das wäre ja irgendwie widersinnig. Welchen Bestandteil der Fankultur meint als Herr Nachreiner? Das bei uns eine Fankultur mit Konfetti und anderen optischen Elementen (der Ultrakenner würde von „Argentinisch“ sprechen) gelebt wird? Ist dies verwerflich? Oder stellt man geplante Gewalt und/oder geplantes abbrennen von Feuerwerkskörpern doch in einer Reihe mit einem dummen Zufall? Wenn dies so ist, dann müsste man das schon irgendwie begründen. Das ist zumindest fragwürdig. Im Strafrecht würde sich ein Gericht auch bei einer Freiheitsstrafe mit Bewährung wegen Diebstahl nach einer fahrlässigen Körperverletzung SEHR genau überlegen, ob es die Bewährung widerruft.

Und wie nun weiter?

Unserem Verein bleibt nun nach § 25 der Rechts- und Verfahrensordnung der Gang vor das Bundesgericht. Diese ist als Berufung ausgestaltet, es ist also sowohl der Sachverhalt, als auch die rechtliche Beurteilung einer Überprüfung unterworfen. Man kann diese Berufung aber beschränken (§ 27), wenn nicht auch der Kontrollausschuss in Berufung geht, dann kann man nicht schlechter gestellt werden (§ 28).

Aus dem vorher gesagten denken wir, dass dies der einzige sinnvolle Schritt sein kann. Eine Akzeptanz dieser Rechtsprechung wäre nicht im Interesse des FC und auch nicht im Interesse des DFB.

Ordentliche Gerichte?

Danach wäre der DFB-interne Rechtsweg ausgeschöpft. Aber sollte es bei diesem Urteil mit einer ähnlich dünnen Begründung bleiben, dann kann man dem FC St. Pauli nur den Gang vor ein ordentliches Gericht empfehlen und die Willkür der DFB-Organe ins Feld führen. Ob dies durchgeht? Wir wissen es nicht. Immerhin gibt es eine Musterentscheidung (siehe den letzten Artikel zu diesem Thema), man sollte hier also nicht zu vorsichtig sein.

Und sehen wir es mal positiv: Der FC hat nun innerhalb weniger Monate das zweite Mal die richtig gute Chance sich „non established“ zu präsentieren, ein „Freibeuter“ im besten Sinne zu sein. Warum sollte man diese Chance nicht nutzen? Sie ist viel mehr Wert, als jede Vermarktungskampagne, wenn es darum geht den „Markenkern“ zu entwickeln.

Und ihr?

Wir wissen, wie dünn die szeneinterne Solidarität ist und wie falsch die Prioritäten bei vielen Stadiongängern sind. Und wir werden NIEMANDEN mit Gewalt oder durch eine Blockade am Stadionbesuch hindern. Aber eines sagen wir euch:

Wenn diese Strafe wirklich in Rechtskraft erwächst und vollstreckt wird, dann stehen wir mit unseren Freunden von den Stehrängen der Süd und der Nord vor dem Stadion. Und wir hoffen, dass es uns viele Freunde von den Sitzen in der Nord und der Süd, von den Stehplätzen (und Sitzplätzen, die hatten wir vergessen) der Gegengerade und von den Sitzplätzen der Haupttribüne gleich tun. Denn bei allen szeneinternen Differenzen gilt immer noch eines:

United we stand, divided we fall

Wir wissen, dass ein beliebtes Gegenargument ist, dass man dann ja die Mannschaft im Aufstiegskampf im Stich lässt. Aber seien wir ehrlich: Uns ist ein Aufstieg dann egal, wenn es darum geht, Rückgrat zu beweisen und unser Gesicht zu waren. Würden wir alles einem sportlichen Erfolg unterordnen, dann wäre die Jolly Rouge Kampagne schon blöd- und widersinnig.

Nachtrag

Das Hamburger Abendblatt schreibt: “Der Verein behält sich vor, die entgangenen Gelder auf ihn, den Täter, umzulegen.” Na, das hoffen wir mal, dass dies eine Ente ist. Wir halten es nebenbei für sehr sinnvoll auf die nächste JHV einen Antrag einzubringen, dass der Versuch einer solchen Umlegung nur mit Zustimmung der JHV statthaft ist. Nicht, dass sich noch irgendein Präsidium damit rausredet, man müsse ja das Vermögen der Mitglieder schützen und sei deswegen gezwungen vorzugehen.

Das Abendblatt schreibt auch (und kommentiert dann auch entsprechend): “resümiert Lorenz, doch das jüngste Vorstrafenregister des Klubs habe eine Geldstrafe unmöglich gemacht” und verwendet an einer anderen Stelle das Wort “einschlägig”. Beides ist doch eher zweifelhaft und bereits oben deutlich in Frage gestellt. Es ist eben schon etwas anderes, ob ich bewusst einen Bengalo zünde oder Fahrlässig eine Kassenrolle nicht richtig vorbereite. Das erscheint uns als Begründung für ein Strafmaß im obersten Bereich doch sehr fragwürdig, wenn gleichzeitig herausgestellt wird, dass der Zeuge doch “alle berührt habe” und man angeblich “deutlich” unter dem geforderten Strafmaß des Kontrollausschusses geblieben sei. Das dieses geforderte Strafmaß mit der Strafordnung nun gar nicht mehr in Einklang zu bringen wäre, das sei hier nur mal am Rande erwähnt. Nochmal: Höchststrafe 100.000 Euro. Nun eine höhere Strafe auf einem anderen Weg (sozusagen durch die Hintertür) erreichen zu wollen, ist schlichtweg nur eines: Rechtsstaatswidrig.

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Feb 282012
 


I believe in justice
I believe in vengeance
I believe in getting the bastard
(J. Sullivan / New Model Army – Vengeance)

Wir sind zurück. Viel zu früh und die Klage gegen den DFB auf Schmerzensgeld wegen seelischer Grausamkeit reichen wir in nächster Zeit ein. Ebenso die Klage gegen den FC wegen Unzucht mit Abhängigen.

Vieles bleibt gleich, wir können immer noch nicht Gendern, wir können immer noch Kommas nicht richtig setzen und auch die doppelte Überschrift bliebt erhalten, so lange die blöden Intergalaktischen nicht schreiben.

Vieles ist aber auch neu. Das Design ist schön grau. Das ist nämlich das neue Bunt, liebe Leser. Und wir sind nun wir. Wir verweisen auf unseren Impressums und Erläuterungstext.

„Ich glaube an Rache“ steht da so schön in dem anfänglichen Zitat (frei übersetzt). Rache ist ein so schön menschliches Gefühl. Es macht Sachen schön einfach und eine Differenzierung unmöglich. Nicht wirklich das Leitmotiv dieses Geschreibsels. Trotzdem glauben wir dran, dass Gerechtigkeit irgendwann jeden trifft und auch das größte Arschloch irgendwann vom Blitz beim Scheißen getroffen wird. Wir glauben an Rache und letztendliche Gerechtigkeit.

Justin Sullivan sagte dieses Lied früher mit dem schönen (jeweils in der Landessprache gesprochenen) Satz „Nur ein toter Faschist, ist ein guter Faschist“ an. Bei aller Differenzierung: Da hat er Recht.

Fragen? Anregungen? Den unglaublichen Wunsch schon immer Teil einer Jugendbewegung sein zu wollen? Schreibt uns! Bei Letzterem verweisen wir euch dann aber an USP, Ultrá, die rebellische Jugendbewegung unserer Zeit. Und ab von unseren echt coolen Mädels und Jungs, eigentlich eine traurige Feststellung in Zeiten in denen die Jugend jeden Grund hätte, gegen die herrschenden Verhältnisse aufzubegehren. Be young, be foolish… ab geht es.

Gez. eure alten Säcke, die sich mit dem System arrangiert haben.

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Feb 222012
 

Folgender Aufruf erreichte uns heute morgen und wir wollen den gerne an euch weiterleiten und zur Unterstützung aufrufen:

Liebe Leute,
die ereignisse in st. pauli überschlagen sich gerade. bei den esso-häuser läßt der investor den runden tisch platzen und vermittelt den eindruck, der abriss ist beschlossene sache. mitnichten! in der bernhard-nocht-str. lassen köhler und von bargen ein denkmalgeschützes haus vermutlich illegal abreissen.

vor dem hintergrund plant das SOS St. Pauli Bündnis nun weitere aktionen und treffen. zuallererst sollen beim nächsten FC St. pauli heimspiel für ein nachbarschafts-/aktionstreffen am 3.3. mobilisiert und auch weiter
unterschriften gesammelt werden.

wer aus der fanszene hat lust und interesse am kommenden sonntag (26.2.) im stadion bei \”mobiliserung und unterschriftensammeln mitzumachen\”? Dann meldet Euch bei mir (maartenthiele äääätttt gmx.net). Wir teffen uns dazu auch am Spieltag um 11:45 Uhr vorm Fanladen. Wir brauchen da dringend eure Hilfe.

Tapeten und weitere Choreogegenstände sind ebenso sehr willkommen. Wäre sehr wichtig! Bitte werdet aktiv!

Gerne weiterleiten!

(Bevor sich jemand wundern ob der Emailadresse, es wurde ausdrücklich um Veröffentlichung gebeten)

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Feb 192012
 

oder

Literarischer Wahnsinn

Vorwort

Nichts davon ist wahr. Falls ihr diesen Artikel kommentieren wollt, liest bitte VORHER die unten ergangene Ergänzung.

Dreckiges Spiel

Die Sonne steigt kalt über den Horizont in den unendlichen Weiten. Es war wieder so weit. Er musste zu einem Duell. Eigentlich wollte N. nur mit seiner kleinen Gruppe reiten, aber durch Krankheit war er plötzlich alleine. Das war ihm dann doch zu doof und so verfluchte er innerlich Krankheiten und machte sich auf zur großen Herde.

Der Proviant war schnell besorgt der Ausrüster hatte Spezi im Sixpack. Die Satteltaschen gepackt, ab zum Treffpunkt. Die Horde wie hasst er Sie. Früher als die Passanten noch gemeinsam Angst und Schrecken verbreiteten, da hatte er Sie beherrscht. Aber die Passanten waren alt geworden. Grauhaarig, zu langsam am Colt geworden, bequem und sesshaft. Halb verachtend, halb bewundernd spukte er in den Staub. Tja, du Alter Miesepeter hast es nicht geschafft zu Hause zu bleiben, wenn das Duell ruft.

Er nickte P. zu, es brauchte nicht viele Worte, sie wussten, dass es ihr Tag werden würde. War schon ein Guter der P., bisschen unerfahren, grün, aber das machte er mit einer ihm eigenen Mischung aus Coolness und Fanatismus weg. Und dabei ist der Junge nicht den Drogen verfallen, der bleibt klar im Kopf, das gefällt mir, dachte N.

Die restlichen Grünschnäbel strafte er mit Verachtung. Als wir schon mit dem Basis/Ultra1910 Mob um die Wette geritten sind, da seid ihr doch noch zu Chemie gegangen, an der Hand der Mutter. Ach ja, die Basis. Was waren das für Grünschnäbel, als sie noch von Hang him higher geführt wurden. Aber irgendwann hatte der seine 70 Sätze (oder wieviel hat Clint Eastwood gesprochen?) gesagt und seitdem sind das echt starke Partner. Jedes Duell wird getickert und auch sonst sitzen die an allen Schaltstellen in St. Pauli Town. Ha, dachte N. Aber die Passanten auch.

Immerhin hatte A ihre Gruppe gut im Griff. Klare deutliche Ansagen, so mochte N die Organisation. Nicht dieses Diskussionswischiwaschi und dieses „Ich verstehe dich ja, aber…“. Hier im Outback gab es nur schwarz/weiß, Freund/Feind. Hier muss alles klar sein. Er mochte diese Entscheidung mit dem Colt, das war eine klare und deutliche Lösung.

Weiter ging es durch die trüben Weiten von Niedersachsen. Hier und da mal ein Reh, vielleicht auch eine einzelne Pappnase, aber viel passierte nicht. N. verfiel in seine Argonie und erwartete von dem Duell den Tod jeglicher Hoffnung.

Die Sammlung von Städten an der Ruhr kam in den Blick. So richtig war das nicht Ns Sache. Als einsamer Reiter in der Weite gefiel es ihm besser. Aber das Duell rief. Wichtige Depeschen hatte er mitgebracht und DK und M bekamen ihre. Erstaunlicherweise waren alle früh am Start und unter der heißen Sonne (also im trüben Februar Licht) warteten sie, ölten ihre Gewehre und harrten der Dinge. Die Indianer vom Stamm der Ultras Unterstamm SPM waren auch schon gut in Fahrt, aber sie hatten die Friedenspfeife mit uns nicht Ultras geraucht und so blieb es bei Badekappenkommentare (Ihr Ignoranten, das ist eine Laufmütze) und dem Versprechen von N das nächste mal eine der Ritualfahnen der SPM beim Duell mitzuführen.

N aber war das viel zu viel, er war eher der Einzelkämpfer und so zog es sich in den Pressesalon zurück. Auf die im Block frierenden herabblicken, das gefiel ihm. F war anwesend, der vermisste aber das kulinarische Highlight in diesem Saloon hatte es doch beim letzten mal noch leckeres Feuerwa äh leckeren Kuchen gegeben. Diesmal hatte der Wirt doch die Auswahl sehr beschränkt und es gab nur Kartoffelsuppe. Nicht mal ein ordentliches Steak. Nichts für einen Cowboy, also dann halt hungrig in die Duellarena.

In die Schauinsland-Reisen-Arena. Da waren sie wieder die von N verachteten neuen modernen Zeiten, nicht mehr Wedaustadion und das Duell dreckig auf matschigem halbgefrorenem Boden, nein, in diesen Tagen gibt es Rasenheizung, Rollrasen und Arenen. Wie soll da denn noch wirklich duelliert werden? Wie soll der Verlierer da im Staub oder Schlamm liegen?

Leider hatten die örtlichen Hilfssheriffs etwas gegen ein entspanntes Fußballfest und meinten in eine Gruppe von mit dem Dampfross angereisten Indianern reinfahren zu müssen. Eine Verletzung und ordentlich Trubel inklusive eines Kurzzeitbesuches im örtlichen Sheriffbüro waren die Folge. So richtig gut war das alles nicht und die Rituallappen drehten sich mehrheitlich auf den Kopf um die Unmut zu zeigen.

Das Duell begann, war schnell, kämpferisch und rassig. Chancen für den Killer hatten beide Duellanten, aber es war unserem Obersheriff vorbehalten den tödlichen Hieb zu führen und so das Duell für uns zu entscheiden. Unser schönstes Bein sprach am Ende von einem dreckigen Sieg. So etwas gefiel unserem Helden. Und so richtig schlecht waren die Jungs auch nicht, dachte N klar, das schöne, der Tanz kam in diesem Westernschauspiel zu wenig vor, aber der Kampf, das Duell, der blutige Nahkampf, der wurde von unseren Jungs gut gestaltet.

+

Die rituellen Gesänge kamen gut aus dem Gästeblock, anfänglich wusste aber auch der Gesang der gegnerischen Anhänger gefallen. Nur wirklich für die Geschichtsbücher war das alles nicht.

Nach dem Spiel also wieder zu den Pferden und ruhig ging es in die Nacht. Noch kurz M in den Karneval verabschiedet und dann wieder in die westfälischen Weiten. N und P zählten nacht: Nur vier Leute waren nicht dem Feuerwasser oder der Rauchware erlegen. Bei einer Mitreisezahl von 55 ist das schon eine ganz gehörige Quote. Immer wieder muss man feststellen, dass Leute anscheinend ihre Alltagssorgen in Alkohol ertränken wollen, dachte sich N. Dabei hat doch schon ein großer Poet unsere Zeit folgendes zu Papier gebracht, ergänzte er gedanklich:

„Du kannst die Sorgen nicht ertränken; Sie sind verdammt gute Schwimmer“

Man war sich einig. Einige Leute sollten schlichtweg die Finger vom Feuerwasser lassen. Die Wesensveränderung und die Abstürze sind deutlich sichtbar über die Jahre.

Der Rest war der übliche Nerv auf der A2/A7, es ist zu lang zwischen den Wasserstellen und so kommt es immer wieder zu Unzufriedenheit. Und gerade als man die Wasserstelle im Allertal meinte erreicht zu haben, da setzte sich eine Kuhherde vor den Treck und verhinderte ein schnelles weiter kommen. Und dann war es noch eine Kuhherde mit Überbreite, die man nicht überholen konnte. N verfluchte gerade alles innerlich, inklusive dem Entschluss Bus zu fahren.

Irgendwann rochen die Pferde dann aber doch wieder das heimische Elbwasser und der Sattel war schnell für die Nachruhe platziert.

Und dann war da noch…

… Wir sind alles Nazis oder zumindest Nazis gleich und als Antideutsche verteidigen wir das B5. Nix gegen Kritik, aber wer durch eine solche Rhethorik a. Nazis und ihre Verbrechen relativiert und verharmlost und b. Von vielen Fakten schlichtweg null Ahnung hat, der disqualifiziert sich für eine Diskussion schlichtweg schon vollkommen. Und da gehe ich inhaltlich auf vielleicht enthaltene richtige oder halbrichtige Punkte nicht mehr ein.

… die Hamburger Morgenpost, die noch in einem Artikel, in dem klar gemacht wird, dass von den Festgenommenen und ihren Transparenten keine Gefahr ausgegangen sind, weil sie halt nicht Benzin getränkt waren, wie von der Polizei zuerst behauptet, folgenden Satz einbaut:

„Ein Becherwurf, ein gerade noch verhindertes Feuer auf der Tribüne und ein zusammengeschlagener Ordner – mehrere Chaoten verliehen dem Derby eine üble Fratze.“

Laut mehrere Quellen hat der Lokalrivale vor dem Mittelblock in der Heimkurve noch mal eine Extrakontrolle aufgebaut, weil in diesem in letzter Zeit häufiger gezündelt wurde. Inklusive einem Container, wo sich Personen (wohl auch Jugendliche), die „verdächtig“ sind wohl mehr oder minder nackt ausziehen durften. Es ist egal, ob Pyros nun gefährlich, verboten oder was auch immer sind, aber wenn man Menschen insbesondere Jugendlichen auf Verdacht hin jegliche Menschenwürde raubt, dann sind alle Grenzen überschritten. Das ist aus meiner Sicht nicht verhältnismäßig.

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Feb 162012
 

Original Posted on 18. Februar 2011 by admin

 

oder

Authentisch

Zur Feier des Tages veröffentliche ich nochmal den Derbysiegerbericht von letztem Jahr. Er ist etwas verändert um einen Personenschutz herzustellen.

Vorwort

Wer in diesem Bericht Worte zu dem Thema „Pyros“ und „Polizeieinsatz“ vermisst, der blättere bitte einfach mal einen Beitrag zurück. Bilder von mir gibt es bei diesem Spiel nicht. Ich weiß nicht, ob ich von Afroh noch ein paar Bilder schnorren kann, aber wenn nicht, dann verweise ich auf den entsprechenden Forenthread. (Update, Afrohs Karte hat ihren Geist aufgegeben, aber ein paar Bilder hab ich und darf sie auch verwenden). Ich kann überall fotografieren, ich kann überall neutral sein, ich kann jeden Gegner respektieren, selbst Hansa Rostock, aber nicht den Lokalrivalen. Dafür ist zuviel vorgefallen (siehe die Berichte vor dem ersten Versuch) und dafür verachte ich die viel zu sehr.

Ohne Punktverlust in der Imtech Arena

Und so wurde im Fanladen 14b geordert. Wir sind ja nicht doof, wir konnten uns ja erahnen, was passiert und sind daher nicht in den Stehplatzblock gegangen, sondern haben unsere Stehplätze abgegeben und dafür Sitzplätze genommen. Und unser traditioneller Derbyblock ist nun mal 14b, auch wenn das ein unverschämt teures Vergnügen war.

Zu dem ersten Termin hatten wir ein perfekt ausgeklügeltes System, wie wir dahin und wieder weg kommen. Ein Marsch von Othmarschen war geplant und mit allen Leuten abgestimmt und wäre garantiert auch spaßig geworden. Ging nur aufgrund des mehr als bescheidenen Nachholtermines nicht mehr.

Und so organisierte man sich in Kleingruppen. Ich schloss mich den Skinheads an, denn die kenn ich und kann sie einschätzen. Eine Anreise alleine erschien mir irgendwie nicht sinnvoll, denn dann muss ich nur auf einen Idioten treffen, der mich kennt und der mir an die Wäsche will und habe verloren. In einer Gruppe kann einem dies nicht passieren. Damit mich niemand falsch versteht: Ich halte die Mehrzahl der Lokalrivalenfans für absolut friedlich und die meisten auch für absolut normale Menschen. Nur umso weniger Leute du selber bist, umso weniger Idioten musst du treffen.

Ich bin aber mit dem Auto ins Viertel, genau aus diesem Grund. Geparkt wieder in der Glücksstraße und dann erst mal mit M. Mittag essen gegangen. Das Raval schon voll mit Leuten und es wurde viel diskutiert über Schalklau, die Folgen und wie und ob sich was verändert hat. Ich kündige hiermit schon mal einen Diskussions- und Theseneintrag in diesen Blog an, der versucht die ganz große Linie zu fahren. Aber das kommt mit Zeit mal zwischendurch. Und nicht in der Hektik eines Derbys. Neben der Kommerzdiskussion ist dies nebenbei die große Diskussion unserer Zeit. Wie wollen wir als Fanszene sein? Was soll unser Grundkonsens sein? Diese Diskussion ist genauso umfangreich, genauso schwierig, wie sie überfällig ist. Aber wie schon geschrieben: nicht jetzt, nicht hier. Warum ich auf diese Idee komme? Weil ich den Ansatz des (nebenbei lesenswerten) „Es lebe das Laster“ Blogs nicht teilen mag, dass unser gemeinsamer Nenner schon so klein ist, dass jeder in seiner Kleingruppe ihre eigenen Regeln machen kann.

Danach ging es zum Treffpunkt der Skins, wo für Bier und Unterhaltung gesorgt war. Vielen Dank an die Leute, die dies organisiert haben. In der Sammelstunde passierte sonst nix, denn die fünf auffällig unauffälligen Rauten erwiesen sich bei näherem hinsehen als komplett harmlos. Angesagt wurde, dass man 16:30 los will und wirklich um 16:31 kam man los und bekam ohne Probleme die Bahn nach Othmarschen. Wir ohne Polizeibegleitung und in einer nicht wirklich überfüllten Bahn, was ja schon einmal sehr angenehm war. USP hatte die S Bahn von Landungsbrücken genommen und in Altona konnte man sehen, dass die eine volle Bahn mit Polizei gebucht hatten. Also: Alles richtig gemacht.

Begegnungen mit Rauten gingen eher lustig, wenn auch niveaulos aus. Aber es ist schon lustig, wenn jemand sagt „Pass mal auf, wenn die Tür zu ist, entweder Fuckfinger oder Dosenwurf“ und was passiert? Tür zu, Fuckfinger. Es blieb den ganzen Tag nebenbei bei eher absurden als gefährlichen Begegnungen mit Rauten.

Ich sage euch ganz ehrlich: Ich habe mir sportlich nichts ausgerechnet. Dies war mein 14. Derby (erste Mannschaft gegen erste Mannschaft) und wir haben vielleicht in dreien wirklich gut ausgesehen. Ich bin fest von einer Niederlage ausgegangen. Das mögen die einen als Schwarzmalerei sehen, die anderen als gutes Zeichen. ;-)

Die Kontrollen ziemlich langwierig, aber wir hatten das Glück noch vor der breiten Masse das Stadion entern zu können, so dass wir schnell drin waren. Und erst mal unsere gewonnene Zeit mit einem Kaffee und einem Wasser begossen. 8 Euro für die drei Getränke finde ich okay und der Kaffee schmeckte auch. Ihr merkt, ich bin kein moralischer Konsumverweigerer, aber an 8 Euro wirst du nicht wirklich reich. Das die meisten keine Konsumverweigerer sind, merkte man nebenbei in der Halbzeit, als der Getränkestand umlagert war.

Kennt ihr dieses alte Guido Comic, wo zwei Typen vom Klo in der „Stadion Unter Dem Aktuellen Namen“ (im Forum gelesen) Arena kommen und zwei andere sie fragen, ob die Klos auch so beschissen seien wie bei uns und die beiden antworten „Jetzt schon“? So eine Szene spielte sich auch auf dem Herrenklo ab, als ein Typ auf eine Kabine ging und den Zustand nur mit „Man haben die hier die ganze Mannschaft die ganze Woche zum … geschickt?“ beschrieb. Viel Situationskomik, ich weiß, aber ich habe schon gelacht.

Auf zu unseren Plätzen und eigentlich konnte ja nix schief gehen, hatte doch M. (ein anderes M. als oben) den Glückslappen mitgebracht. So ganz glücklich war unsere Platzwahl dann jedoch nicht, stand neben uns doch eine Mischung von Leuten, denen ich nicht zu nah kommen muss bei einem Spiel bei dem definitiv gezündelt wird.

Das es auch in diesem Block ziemlich eng war und viele auch mit anderen Karten dort drin waren, muss ich wohl niemandem erzählen. Wir hatten aber einen Platz gefunden und nun warteten wir alle entspannt auf das Spiel.

Bis irgendwann M. (das dritte M.) aus Block 13a fragte, ob Bene spiele. Bis dahin hatte ich nicht wirklich auf das Spielfeld geguckt, weil warmmachen ist nun nicht gerade spannend. Äh, richtig, das ist Bene, der sich da warm macht. Antwort: „Dann scheint sich Kessler verletzt zu haben, ich frage mal die Presse“. In ihrer unnachahmlichen Art kam folgende Antwort: „Wenn Bene spielt, dann gehe ich.“

Antwort der Presse „Nein, Kessler ist fit, Stani sagt, Bene habe sich das Spiel verdient, wir sind hier alle sprachlos, das ist vollkommen unverständlich.“ Mein Kommentar nur: „Entweder das war die größte Dummheit, die Stani je gemacht hat oder er wird heute zum Held.“

Und war mir bisher das ganze Spiel mehr oder minder egal, so sprang nun mein Herz auf Puls 200. Ganz ehrlich: Bene ist seit sieben Jahren bei uns im Verein, er mag nicht der beste Torhüter sein, der je für uns gespielt hat, aber in Sachen Verbundenheit, Ideale leben und Herz ist er auf einer Stufe mit vielen Helden. Und ich wollte alles, nur nicht, dass Bene einen Fehler macht und dann für immer unten durch ist. Dafür habe ich ihn viel zu lange begleitet und ihn als emotionalen und positiv verrückten Menschen kennen gelernt.

Stoßgebet in den Fußballhimmel: Bitte alles, aber kein Fehler von Bene.

M. (das Dritte) blieb natürlich trotzdem, wir auch und so begann das Spiel. Und mit ihm das, was auf Twitter nach dem Spiel mit „Deine Mudda hatte 80 % Ballbesitz“ () umschrieben wurde. Man könnte auch sagen, dass wir in den ersten 10 Minuten gar nicht auf dem Platz standen und einfach extrem schlecht waren, während die Rauten um ihr Leben liefen.

Danach wurden wir etwas besser, aber insgesamt waren die Rauten auch 90 Minuten die bessere Mannschaft, hatten riesige Torchancen, viel mehr Ballbesitz und schafften es immer wieder clever auf der Außenbahn eine Überzahl zu schaffen. Da war unser Mittelfeld insbesondere viel zu langsam und so hatte gerade Jarolim viel zu viel Platz. Auch Volz war in Halbzeit 1 einfach schlecht und überfordert und so rettete uns Glück, Bene und unsere Innenverteidigung in die Halbzeit.

In Halbzeit 2 dann ein ähnliches Bild, nun aber mit einem entscheidenden Unterschied. Volz fand ins Spiel und nachdem ich mir das Spiel noch mal vollständig bei Sky angesehen habe, muss ich sagen: Halbzeit 2 ist er eine glatte 1 insbesondere vom Kampfgeist. Also insgesamt eine 3. Und was Ralle da in der Innenverteidigung spielte, war einfach genial. Immer irgendwie einen Fuß oder irgendein anderes Körperteil dazwischen. Das mag alles nicht moderner Fußball sein, aber mir gefällt das.

Takyi sein Spiel war das auch nicht und auch Asamoah fiel nicht besonders auf. Aber dann kam die 59. Minute. Volz mit einem Versuch aus spitzem Winkel, Rost klärt zur Ecke und was dann kam, beschreibt ein Forenuser abschließend und richtig: (Ich habe das jetzt mal einfach kopiert, um es authentisch zu lassen) “nie wieder drogen, alkohol, stimmungsaufheller; einfach folgende gedankenkette: -eckball Kruse -der große zeh von Boll -kopfball Asamoah.” Kann ich jetzt noch lesen und sofort habe ich Gänsehaut. (Und das gilt selbst beim Lesen hier heute 16.02.12)

Danach waren die Rauten eigentlich ständig am Ball, aber eine wirkliche Chance hatten sie nicht mehr. Und wisst ihr was?

ICH KANN MICH IMMER WIEDER BEPISSEN VOR LACHEN, WENN WESTERMANN DAVON SPRICHT, DASS SIE DIE BESSERE MANNSCHAFT WAREN. DAS SAGT NÄMLICH IMMER NUR DER VERLIERER.

Und mir ist es so etwas von Latte, ob das nun verdient, glücklich oder was auch immer war. Wer kein Tor schießt und eines rein bekommt, der ist immer der verdiente Verlierer, so läuft Fußball nun einmal.

Um den sportlichen Teil mal abzuschließen: Ich habe mir ohne Scheiß nachts die letzten 80 Minuten des Spieles noch mal auf Sky angeguckt und das ohne irgendwas nebenbei zu machen, was ich sonst nie tue. Das sagt wahrscheinlich alles.

Zum Fanverhalten (ohne Pyros): Wir sind nach dem Pyroeinsatz nach oben in Block 14b und hatten dabei den ärmsten P. verloren, der dann fragte wo wir sind und meine -zugegeben missverständliche – SMS „ganz oben im Block“ so deutete, dass wir ganz oben in 14c stehen. So musste der Ärmste einmal ganz nach oben, was er aber mit Humor nahm und wir mit der Feststellung, dass er nun wenigstens fit ist für die Rückrunde bei seiner Trümmertruppe.

Auf unserem neuen Platz hatte sich auch eine illustre Runde eingefunden, die so auch bei unseren Heimspielen stehen könnte. Standen da doch auch der Bierholer und seine Gang. Aber Bier holen wollte der schon wieder nicht. So geht es nicht weiter!

Tor? Tor! Und wenn jetzt jemand was schreibt von „unglaubliches Gefühl“, dann trifft er das nur bedingt. Der Block tickte komplett aus und war am feiern. Sowieso war die Stimmung eigentlich ganz okay, auch später, als viele die Blöcke verlassen hatten. Das Stadion an sich ist ziemlich stimmungsfeindlich, weil sich alles oben im Dach verliert und irgendwie diffus wieder kommt. So war die Nordkurve auch nur ein paar mal wirklich laut zu hören und die Teilung in zwei Stimmungszentren finde ich nicht wirklich förderlich. Aber das ist ja deren Problem, nicht unseres.

Ach wenn wir uns gerade mit dem Vorstadtverein beschäftigen: Also das Spruchband hat mich so richtig ins Herz getroffen. Wenn ein Verein, der ALLES verkauft hat, inklusive seines Stadionnamens jede Woche an jemand anderen, mich mit meinem angeblich überbordenden Kommerz ärgern will, dann wird es irgendwie lächerlich. Und wo die selbstverwaltete Kurve verkauft ist, das wissen wahrscheinlich selbst die Rauten nicht einmal. Und dabei war die Punschline mit dem Stangentanz selbst noch ganz nett.

Ein sehr netter Kommentar war auch: „Wenn ich Bücher lesen will, dann gehe ich in die Bibliothek“. Die Choreo von drüben war perfekt vorbereitet und durchgeführt, aber wie bei allen Rautensachen fehlt mir da irgendwie die Genialität, das Herz, das Blut an den Nähfingern. Das wirkt mir persönlich (!!!) zu klinisch, zu perfekt. Wenn man so will, sind die Rauten, die Präzisionshandwerker des Choreomarktes, aber nicht die genialen Künstler. Mal ganz davon, dass dieses tottreten der eigenen angeblichen Tradition schon alleine deswegen lächerlich wirkt, weil man diese erst durch eine Fusion 1919 begründet hat und damit weder traditioneller noch sonst irgendwas ist. Tradition ist nebenbei auch ein so rückwärtsgewandtes Alleinstellungsmerkmal, dass es nur sehr konservative Leute ansprechen kann.

Und weil ich gerade Zitattag habe:“Euer Verein ist die Großraumdisko in der Pampa, wo es bestenfalls eine schlechte Nacht gibt, an die man sich am liebsten gar nicht erinnern will. Unser Verein ist der kleine Punkrock-Gig, bei dem man die Liebe seines Lebens trifft.”

Irgendwelche Plakate soll CFHH auch noch hochgehalten haben, aber hab ich die gesehen? Wer sich irgendwo in eine dunkle Ecke verzieht, der muss nicht glauben, dass man ihn sieht. Oder stehen die bewusst in der Ecke um sich zu schämen?

Unsere Fahnenchoreo war nett anzusehen, wenn man mal so Videos sieht und mal zweifarbig zu arbeiten war mal eine nette Abwechselung zu dem sonst üblichen einfarbigen Blöcken oder dreifarbigen Fahnen. Der Optiker in mir sagt nun: Da fehlte der Rauch ;-) . Aber wie schon gesagt: Ein uneingeschränkter Pyrofreund werde ich nicht mehr.

Und nach dem Spiel wussten wir: Bene (und damit auch Holger) war der Held. Und ich sage euch mal ganz ehrlich: Ich will diese Emotionen, ich will das Gefrotzel, ich will wie er die Raute umtritt, ich finde es geil! Ich hätte gekotzt, hätte das eine Raute bei uns gemacht, aber genau das will ich. Emotionen, keine Maschinen, keine planbaren Roboter und Jungmillionäre, die morgen die Raute, übermorgen das Bayern Emblem und in drei Wochen unseren Totenkopf küssen. Authentisch ist ein großes Wort, aber Bene ist authentisch. Natürlich kann es passieren, dass er das irgendwann frisst, egal. Authentisch! Das ist wichtig. Daher: Danke Bene. Und das Derbysieg Shirt und das Fahne umtreten: Ganz großes Tennis. Auch ganz großes Tennis im Interview den Interviewer auf seine schwarz-weiß-blaue Krawatte aufmerksam zu machen und die Sache gegen Petric sinngemäß mit „ach kleine Frotzelei, dann ist er motiviert und trifft das Nächste mal, aber dann nicht mehr gegen uns.“ zu erklären. Was habe ich gelacht. Ich bin nebenbei kein Pathos, aber ich meine, dies war das erste Pflichtspiel von Bene ohne Gegentor. Aufbewahrt für den richtigen Moment. Und dabei sage ich nicht einmal, dass Kess nicht das alles genauso gehalten hätte.

Und wisst ihr was das schlimme ist? Die einzige Raute, wo ich dieses Authentische erkenne, den wollen sie vom Hof jagen, das war nämlich Reinhardt, der sich nicht in „wir waren besser“ Floskeln verlor, sondern aussprach, was wahrscheinlich jede Raute dachte. Gut kotzen, kann ich nur sagen. Aber das vielleicht ist der Hauptunterschied zwischen uns und denen: Wir haben Respekt vor authentischen, selbst wenn es sportlich vielleicht nicht reicht. Und deswegen freut es mich, dass Bene im Tor stand, Egi das ganze wenigstens von der Bank verfolgen konnte, Ralle und Boller (ACABAB) mit auf dem Platz standen. Sie sind St. Pauli und nun endgültig für IMMER Helden.

Wie historisch ist dieses Ergebnis? Neben den Spielereien, dass wir keinen Punkt in der Imtech-Arena verloren haben (einmalige Sponsorennamensnennung) und dem Fakt, dass die Rauten seit über 40 Jahren nicht mehr ein Pflichtspiel am Millerntor gewonnen haben und seit 8 Jahren gegen uns nicht gewonnen haben, gibt es auch einen Fakt, den man nicht vergessen darf: Wir haben in der Bundesligageschichte noch nie in einer Saison gegen die Rauten gewonnen und in der gleichen Saison nicht verloren!

Jedoch und damit kommt denn das Wasser in den Champagner: auch in der Bundesliga noch nie ein Heimspiel gewonnen. Aufgabe für nächste Saison.

Einschub: Unsere Helden waren: Pliquett Thorandt Zambrano Gunesch Volz
Boll  Lehmann  Kruse Takyi Bartels Asamoah von Anfang an, rein kamen: 58. Ebbers für Takyi 71. Daube für Asamoah 89. Bruns für Boll das ganze von der Bank abgesichert haben: Kessler Eger Kalla Sukuta-Pasu. Tor: Asamoah 59. Minute. Danke an euch, danke an Holger für die bekloppteste Idee ever und danke an Truller, dass er nicht sofort gekündigt hat, als Stani diese Idee hatte.

Noch heute, zwei Tage danach kommen mir nebenbei die Freudentränen, wenn ich den Kader abtippe.

Nach dem Spiel wollten wir eigentlich mit den Pendelbussen zurück, was aber nicht klappte, wir aber dabei M. (Nr. 3) verloren, die noch in den Bus kam. Der Rest musste mehr oder minder gezwungen zu Fuß gehen, wenn er nicht alleine mit Paulis auf die nicht kommenden Busse warten wollte. Es entwickelte sich ein spontaner Marsch, der insgesamt sehr diszipliniert war. Ein bisschen Pyro (hier aus meiner Sicht vollkommen okay) und als die Polizei das mit stoppen des Marsches beantwortete wurde diszipliniert gewartet und dann entspannt weitergegangen. Angriffe von irgendwelchen Orks blieben aus, abgesehen von einem eher skurrilen Ding, als ein Marsch von ca. 1.500 Leuten plötzlich aus einer Privatwohnung von einer hysterischen Frau (ich weiß, dass das Attribut hysterisch viel zu schnell für Frauen verwendet wird, aber die war hysterisch) bepöbelt wurde. War dies schon so absurd, dass man sich schenkelklopfend abpackte, wurde es absurd, als entweder sie oder die einzig andere Person, die im Fenster stand, anfing mit Vogelschreck oder ähnlichem auf den Marsch zu werfen. Die Reaktion? Der Marsch packte sich noch mehr ab und auf das Fenster richtete sich der Scheinwerfer des Wasserwerfers, der uns sonst den Weg geleuchtet hatte. Leider kam es nicht zu einem Wassereinsatz. Wahrscheinlich hatten die dann noch eine Das Leben des Brain“ Hausdurchsuchung, weil ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass sich die Hamburger Polizei so ein Freispiel entgehen lässt?

An der Bahn gab es noch vereinzelt Hauereien, aber das waren eher Dinge, wo zwei Leute sich in der Emotion in die Haare bekamen. So etwas kann leider passieren, ist nicht schön, aber nix, wo ich jetzt gleich ein riesen Ding draus mache. Was ich immer wieder nicht begreifen kann ist warum in solchen Szenen die Polizei wie bekloppt dazwischen springt und noch drei bis vier andere gefährdet. Kann man das denn als gut gesicherte Kampfmaschine nicht entspannter lösen? Ich denke schon.

Die Bahnfahrt war sonst von singen, freuen und labern geprägt. Auf St. Pauli glücklicherweise kein Ärger mehr, obwohl am Hans Albers Platz nicht wirklich Polizei stand. Hätte der Mob wirklich gewollt, dann hätten die paar Polizisten ein Problem gehabt. Und die Verstärkung musste hektisch erst kommen. Aber noch ein Unterschied: Dieser Mob hatte nur Bock auf Spott.

Vor dem Jolly stand dann aber ungefähr die gesamte Hamburger Polizei Spalier, was wahrscheinlich gar nicht mal so falsch war, denn irgendwelche dubiosen Typen mit Holzlatten und in Riotstimmung wurden doch noch im Viertel gesehen. Passiert ist zum Glück aber nichts.

Und meine Enkel können froh sein, dass sie nie geboren werden, denn ich würde sie lange mit diesem Tag nerven. Mein 14. Derby, war mein erstes gewonnenes Derby. Danke Jungs.

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Feb 142012
 

Ich habe ehrlich gesagt weder Ahnung, was Rivva  ist (also mal ab von dem was auf Wikipedia steht), ob das jemand hier nutzt und nach welchem System da Artikel ausgesucht werden. Nach seiner eigenen Unterschlagzeile “filtert [Rivva] das Social Web nach meist empfohlenen Artikeln und debattierten Themen.”

Dies ist also gestern/heute in der Kategorie “Leben” mein Artikel. Dabei ist die Empfehlungsbreite doch eher überschaubar (Screenshot von Rivva):

 

So stehe ich also einmal in einer Linie mit Spiegel Online und anderen und habe wahrscheinlich daher heute Besucher, die ansonsten nie hier sind (“Die sind sonst nie da”). Sie seien willkommen.

 

 

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Feb 132012
 

oder

Schachten der Vollstrecker

Präskriptum

Liebe Leser, über Heimspiele zu schreiben, ist so kreativ wie nur irgendwas. Und auch wenn der liebe Kollege von der Breitseite für sich reklamiert, dass er derjenige ist, der notwendigerweise das Spiel aufschreibt, möchte ich doch noch ein paar Worte dazu geben.

Mit Gunesch gewinnen wir halt

Der Morgen begann im Fanladen und ich bin erstaunt. Innerhalb von gut einem halben Jahr hat sich das Publikum vor dem Spiel im Fanladen erheblich gewandelt. Kannte ich vor einem halben Jahr noch ungefähr jeden, muss ich sagen, dass ich diesmal außer den paar Fanräumeaktivisten beinah niemanden kannte. Ist das der Generationswechsel? Wahrscheinlich. Zumindest im Ultraumfeld scheint dieser stattzufinden, denn die Leute, die ich – vorurteilsbehaftet – als „Ultra“ einstufe sind neu und jünger. Das ist wahrscheinlich der Lauf der Zeit und eine Szene lebt ja auch davon, dass neue Leute in ihr groß werden und die Graurücken irgendwann abtreten.

Ich bin ja auch der Meinung, dass Reden vollkommen überbewertet wird, aber in einem Verein hätte das doch mal was. Unsere Gegengerade lebt ja gerade ihre letzten Tage Gnadenbrot und die Bauvorbereitungen sind doch stark zu sehen. So haben wir keine Bäume mehr vor der Gegengerade und es wimmelt vor Bauzäunen. Ich sage euch ehrlich: Es ist traurig diese Bäume gehen zu sehen. Sie haben Millionen Liter Pisse und anderen Dreck überlebt und am Ende sterben sie profan unter der Säge. Auch hinter der Nordkurve muss gebaut werden und so musste nicht nur der AFM Container weichen (was der AFM dann auch eher zufällig mitgeteilt wurde), nein auch der Nordkurvencontainer musste weichen. Versprochen wurde ein Platz vor dem Stadion und dieses Versprechen wurde auch eingehalten. Nur das man einen Bauzaun (und dies wohl am Freitag) um den Container baut, so dass dieser nicht zugänglich ist, dies ist von den verantwortlichen Personen verschwiegen worden. Und an ein Handy gehen an einem Spieltag? Das ist ja wohl eher schwierig. Ganz ehrlich: Sind doch nur Fans und irgendwelche Tanten, die Kuchen verkaufen wollen, die da ohne Platz sind. Fans malen doch sowieso nur mein Stadion voll und die Tanten stören das Catering. (Achtung Ironie)

Wäre es das erste Mal, dann würde man dies ja noch unter „passiert halt mal“ packen, aber das ist ja nicht die Ausnahme, sondern die Regel, dass man vor vollendete Tatsachen gestellt wird, anstatt mal eine Email, ein Gespräch oder einen Telefonanruf zu bekommen. Als Vereinsvorstand könnte man sich mal fragen, ob das so wirklich sinnvoll ist oder ob man da nicht mal leitend tätig werden muss.

Ärgernis des Tages also abgefrühstückt. Der Zugang war trotz der schwierigen Lage gut gewährleistet und so kam man halbwegs vernünftig ins Stadion. Die Bauarbeiten müssen aber wohl bei Dom beendet sein, denn sonst kommt man nicht ins Stadion.

Im Stadion dann auf den Plätzen doch erhebliche Lücken. Von den 24.XXX Zuschauern, die verkündet wurden, waren bei weitem nicht alle im Stadion. Auf den Sitzplätzen fällt das sehr schnell auf, auf den Stehplätzen geht das doch etwas unter, aber auch hier war sehr viel Platz vorhanden. Selbst die Dauerkartentauschbörse war nicht ausverkauft und die „Suche Karte“ Schilder konnte man an einer Hand abzählen. Aber seien wir ehrlich: Wenn man aus den Tiefen des Umlandes kommt und der Wetterbericht sagt Eisregen als Möglichkeit an, dann überlegt man sich zweimal, ob man zu einem Heimspiel fahren will und dann verstehe ich auch jeden, der das nicht macht. Das unsere NRWler vollständig angetreten waren, versteht sich natürlich trotzdem von selbst.

Eines muss man Andy Bergmann lassen, er hat aus Bochum etwas gemacht. Aus der tiefe der Tabelle kommend hat er zwischen den Verein und die Abstiegsplätze erstmal Punkte gelegt. Nach oben wird diese Saison nichts mehr gehen und man muss sehen, ob er jetzt vielleicht einen Verein gefunden hat, wo er dauerhaft ankommt, aber immerhin. Es sei ihm zu gönnen, denn ohne die von ihm verantwortete Pokalsaison wären wir jetzt wahrscheinlich irgendwo in der Kreisliga.

Bochum hatte sehr viele nette Leute mitgebracht, so dass auch noch ein Schnack vor dem Spiel stattfand (vermittelt durch unsere Schalkerin), aber natürlich gibt es auch in Bochum Typen, die Fußball zu ihren Männlichkeitsritualen nutzen. Das davon einige ohne Polizeibegleitung über das Heiligengeistfeld defilieren konnten, ist schon wieder bemerkenswert. Es passierte aber nix. Bemerkenswert ist aber dann, dass 10 ebenso friedliche Jugendliche der Marke „sehen aus wie Ultras“ sich engster Begleitung durch eine Kohorte Kampfmaschinen erfreuen durfte.

Kommen wir zum Spiel. Man muss wohl von Arbeitssieg, von einem dreckigen Spiel, von einem Kampfspiel sprechen. Und im Gegensatz zu Aachen nahm unsere Truppe den Kampf an. Der übliche Aussetzer in der Abwehr führte zum 0-1. Ganz ehrlich: Klar sieht man als Torhüter bei einer Bogenlampe nie gut aus. Man muss sich aber auch fragen, warum ein Spieler sich am 16er den Ball seelenruhig zurecht legen kann und seelenruhig abschließen kann und so gar nicht angegriffen wird.

Gut, es sollte eine von zwei Torchancen bleiben und ansonsten arbeitete unser Abwehrkollektiv sehr gut. Offensiv war es eher Krampf, Ballverluste und Fehlpässe waren im dutzend billiger zu bewundern. Mir persönlich ist das viel zu einfach dies auf den Rasen zu schieben, denn dieser war eigentlich gut bespielbar und eben. Da fehlte (ähnlich wie schon in Aachen) die Konzentration und die Ruhe. Das erinnert irgendwie an die Aufstiegssaison. Hat unsere Truppe etwa ein Frostproblem? Gut, dass es jetzt wieder wärmer wird.

So mussten zwei Standardsituationen her und zweimal zeigte Schachten, dass er auch als Strafraumwühler Qualitäten hat. Auch in seiner Hauptbeschäftigung spielte er solide, auch wenn auf unserer Höhe doch eine gewisse Schachtenphobie herrscht. „Ich will das Tor zurück geben.“ war so eine der Aussagen. Überhaupt war auch Volz solide. Sein Hinterteil wurde – sexistisch wie wir sind – in der ersten Halbzeit ausgiebig bewundert und führte zu folgendem Spruch: „Unter Moritz Volz Hintern können Bären überwintern.“ Der junge Mann sollte Strafraumwühler werden, mit seinem äh ja mit seiner Kompaktheit könnte er da war reißen.

Solide nebenbei deswegen, weil es mich doch immer wieder erstaunt, welche Ratlosigkeit bei unseren Spielern herrscht, wenn der Ball mal auf die offensive Außenseite kommt. Es ist ja schön, dass wir nicht über Flanken funktionieren wollen, ist ja auch sinnvoll, wenn die Sturmspitze nicht gerade ein Hüne ist, aber dann muss man irgendeine Verarbeitungsmöglichkeit durch Training und durch Laufeinsatz der anderen Spieler entwickeln.

Auf den Rängen muss man die Leistung wohl auch unter „solide“ abhaken ohne jetzt wirklich geglänzt zu haben.

Und trotzdem gab es einen Gänsehautmoment, als unsere Nr. 11 verabschiedet wurde. Das „You’ll never walk alone“ kam richtig fett und zum Glück hatte man ihm auch genügend Zeit für Ehrenrunde und Welle gegeben. So eine Verabschiedung hatte er absolut verdient (und einige andere Spieler, Herr Schulte. Ja, ich bin nachtragend.) und ich vermisse ihn jetzt schon. “Gunesch auf den Zaun” als Gesang und viele “Zieh dich um und rauf aufs Spielfeld” Rufe zeigten, dass es nicht nur mir so ging.

Die Südchoreo zu Beginn war aber ebenso einfach wie fett. Gerade als Alle in der GG fragten, ob die Süd heute so gar nix mache, explodierte diese in einem Konfettiregen. Das war richtig cool und stimmungsvoll. Ich mag dieses explosive dahinter. (Jaja und wenn sich das Konfetti gelegt hat, setzt der Gesang mit 10 Pyros ein *Weglauf*)

Nach dem Spiel noch Fanladen (diesmal mit bekannten Gesichtern) und „Hin & Veg“ welches sonst immer leer war, diesmal aber voller Leute, die direkt vom Fußball kamen. Haben wir da einen Trend gesetzt?

Gab es eigentlich keinen Kiezkieker? Ich habe keinen entdeckt und vermisse ihn nun. Basch und Streets of Hamburg sind aber wieder fetter Lesestoff.

Das war es dann auch wieder. Mal sehen, ob ich diese Woche Zeit finde mich mit der GDP auseinanderzusetzen.

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Feb 102012
 

Hoffenheim zahlt die Kasse

oder

Wie der DFB judiziert

Vorwort

Liebe Leser, ich bin nicht bereit in das ständige Hoffenheim gebashe einzusteigen. Ja man kann Herrn Hopp für Sachen kritisieren (siehe vorletzten Artikel), aber man kann ihn nicht dafür kritisieren, dass er den Verein seiner Jugend genommen hat und aus ihm ein Bundesligisten gemacht hat. Jeder Fan, der schon einmal in den tiefen der 3. Liga gespielt hat, der hat doch davon geträumt es ihm nach einem Lottogewinn oder einem wirtschaftlichen Erfolg gleich zu tun. Ich würde es doch nicht anders machen mit meinem Heimatverein (was bei mir natürlich nicht der FC St. Pauli ist, sondern ein Team im Alstertal; nein Spaß beiseite). Ich halte daher auch nichts davon, nun Herrn Hopp zur Zielscheibe von niveaulosen Beleidigungen zu machen. Man gönne ihm doch sein Spielzeug.

Fragwürdig ist aber, wie sich einige Herren ihm an den Hals schmeißen. Und viele dieser Herren haben ihren Geschäftssitz in der Otto-Fleck-Schneise. Anders sind WM-Spielorte, Länderspiele in Sinsheim und andere Geschichten nicht zu erklären. Sorry, aber auf so etwas mussten große Bundesligastandorte lange warten. Und das kann es nicht sein. Ist aber primär nicht die Schuld des Herrn Hopp, sondern die Schuld derer, die eben auch mal mit einem reichen Milliardär fotografiert werden wollen.

Hoffenheim ist für mich daher kein Kackverein, Herr Hopp kein Hurensohn und das auch nicht alles scheiße. Dafür bin ich da auch zweimal viel zu gut behandelt worden und habe da ausnahmsweise obwohl ich in Baden war nicht ständig ein „Disch isch verbodde“ zu hören bekommen.

Trotzdem ist es ja interessant zu sehen, wie die Geräuschaffäre vom DFB aus der Welt geschaffen wurde. Dies ist umso spannender, als dass ja bald auch ein Urteil für uns in der Welt steht.

Sachverhaltsdefinition

Ich möchte vorab einen kleinen Hinweis geben: Wir gehen hier von einem unsicheren Sachverhalt aus. Das muss man deutlich sagen und das muss man immer beachten. Meine Betrachtung soll auf folgenden Tatsachen beruhen:

Wir gehen erstmal davon aus, dass die Pressemitteilung des DFB die vollständige und ganze Urteilsbegründung im Fall Hoffenheim enthält. Daher will ich sie hier wortwörtlich zitieren, denn an ihr müssen und wollen wir uns abarbeiten:

„DFB stellt Verfahren gegen Hoffenheim-Mitarbeiter ein

Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat mit Zustimmung des DFB-Sportgerichts das Ermittlungsverfahren eingestellt, das gegen einen Angestellten des Vereins 1899 Hoffenheim nach dem Bundesliga-Heimspiel gegen Borussia Dortmund am 13. August 2011
eingeleitet worden war. Der Mitarbeiter hatte im Sinsheimer Stadion eine Beschallungsanlage installiert und betrieben, um Schmähgesänge in Richtung des Hoffenheimer Präsidenten Dietmar Hopp zu unterbinden.

Dr. Anton Nachreiner, Vorsitzender des DFB-Kontrollausschusses, begründet die Einstellung des Verfahrens wie folgt: „Das Vorgehen des Mitarbeiters stellt zwar ein unsportliches Verhalten dar, ist allerdings als geringfügig einzustufen. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Heidelberg, die ihr Verfahren ebenfalls eingestellt hat, wurde mittels eines Sachverständigengutachtens nachgewiesen, dass die Stadionbesucher durch die Beschallungsanlage nicht gesundheitlich beeinträchtigt worden sind. Dazu war die Anlage von vorn herein nicht geeignet.“

Wie Nachreiner weiterhin ausführt, hätten die Ermittlungen des Kontrollausschusses und der Staatsanwaltschaft keinerlei Hinweise darauf ergeben, dass Hoffenheimer Verantwortliche von der Beschallungsaktion wussten beziehungsweise in irgendeiner Weise an ihr beteiligt gewesen seien.

Wir gehen weiterhin mal davon aus, dass der dort genannte Sachverhalt der Wahrheit entspricht bzw. etwas anderes weder Hoffenheim, noch dem Mitarbeiter nachzuweisen ist. Sprich: Wir gehen von einem Einzeltäter aus, von dem niemand etwas wusste. Man mag dies bezweifeln, aber so lange wir keine anderen Beweise haben, müssen wir von dieser Darstellung ausgehen. Ebenso gehe ich davon aus, dass diese Beschallungsanlage wirklich niemanden hätte verletzten können und dazu auch nicht geeignet ist. Das ist angesichts der ja auch auf Youtube dokumentierten Lautstärke schon eher zweifelhaft, aber gut, gehen wir mal davon aus. (In dem verlinkten Video hält sich jemand immerhin ein ganzes Stück entfernt vom Gästeblock sofort die Ohren zu.)

Jetzt lese man sich mal die Urteilsbegründung durch und insbesondere die Wertungen.

Nun kommen wir zu unserem Kassenrollenwurf. Nehmen wir hier mal folgenden Sachverhalt an: Der Wurf war nicht absichtlich. Der Verein hatte Kassenrollen genehmigt. (Alternativ auch gerne: Er hatte sie nicht genehmigt. Wo das ein Unterschied macht, siehe später) Die Kassenrolle in ihrer Form (ohne harten Kern, nur ein Teil einer Kassenrolle) hat niemanden verletzt und war dazu auch nicht geeignet. Letzteres kann gerne bestritten werden, ich möchte dann bitte ein Gutachten, wie man mit einer halben aufgerollten Kassenrolle jemanden umbringen kann. Aber Achtung: MacGyver ist kein erlaubter Gegenbeweis.

Auf welcher Rechtsgrundlage?

Der DFB hat eine Rechts- und Verfahrensordnung, die sehr viel in sehr wenigen Paragraphen regelt. Sehr umfangreich ist die Regelung für Doping in den §§ 8 a bis g, was aber in einem einzigen §§ geregelt ist, ist die Bestrafung von Vereinen und Kapitalgesellschaften die §§ 5 in Verbindung mit den §§ 7ff und dem § 44 der DFB Satzung. § 7 regelt die Strafen gegen Vereine und Tochtergesellschaften. Auch diesen möchte ich euch im vollen Wortlaut wiedergeben:

§ 7Strafen gegen Vereine und Tochtergesellschaften in einzelnen Fällen

1. Bei Bundesspielen gelten für Vereine und Tochtergesellschaften unteranderem folgende Strafen:

a) für Spielen ohne Genehmigung Geldstrafe bis zu € 30.000,00;

b) für schuldhaft verspätetes Antreten oder schuldhaftes Nichtantreten zueinem Spiel Geldstrafe bis zu € 50.000,00;

c) für nicht ordnungsgemäße Platzherrichtung und nicht ausreichendenOrdnungsdienst Geldstrafe bis zu € 50.000,00;

d) für mangelnden Schutz des Schiedsrichters, der Schiedsrichter-Assistenten oder des Gegners Geldstrafe bis zu € 100.000,00;

e) für schuldhaftes Herbeiführen eines Spielabbruchs Geldstrafe bis zu € 100.000,00;

f) für Spielenlassen eines Spielers ohne Vorlage eines ordnungsgemäß erstellten Spielerpasses oder ohne Vorlage der vom DFB oder der DFL herausgegebenen Spielberechtigungsliste Geldstrafe bis zu € 1.000,00;

g) für Spielenlassen eines nicht spiel- oder einsatzberechtigten SpielersGeldstrafe bis zu € 10.000,00;

h) für nicht ordnungsgemäße Erfüllung von Auflagen Geldstrafe bis zu€ 30.000,00;

i) für das Mitwirkenlassen gedopter Spieler (§ 6), die Verabreichung von Dopingmitteln, die Weigerung, Dopingkontrollen zuzulassen sowie jede Beteiligung an diesen Handlungen oder ihre Duldung und bei Verstößen gegen die Anti-Doping-Richtlinien Geldstrafe bis zu € 150.000,00 für jeden Einzelfall;

j) für aktive oder passive Bestechung Geldstrafe bis zu € 250.000,00.

2. In den Fällen der Nr. 1. Buchstaben i) und j) ist der Versuch strafbar.

3. Anstelle einer verwirkten Platzsperre kann eine Spielaustragung unter Ausschluss der Öffentlichkeit festgesetzt werden, falls dies aus besonderen Gründen zweckmäßig erscheint.

4. Bei Vergehen, die mit einer höheren Geldstrafe als € 2.500,00 bedroht sind, kann in schwerwiegenden Fällen an Stelle oder neben der Geldstrafe eine weitergehende Strafe nach § 44 der Satzung des DFB verhängt werden. Gleiches gilt in Wiederholungsfällen und in Fällen der Tatmehrheit.

5. Die Strafbestimmungen der Nr. 1. finden sinngemäße Anwendung auch auf Mitgliedsverbände, die mit ihren Mannschaften an Bundesspielen teilnehmen.

Zitat Ende

Wichtig für unsere Betrachtung ist noch § 9a, der folgenden Wortlaut hat:

Verantwortung der Vereine

1. Vereine und Tochtergesellschaften sind für das Verhalten ihrer Spieler, Offiziellen, Mitarbeiter, Erfüllungsgehilfen, Mitglieder, Anhänger, Zuschauer und weiterer Personen, die im Auftrag des Vereins eine Funktion während des Spiels ausüben, verantwortlich.

2. Der gastgebende Verein und der Gastverein bzw. ihre Tochtergesellschaften
haften im Stadionbereich vor, während und nach dem Spiel für
Zwischenfälle jeglicher Art.

und auch § 1 Abs. 4 sagt noch etwas:

„Sportliche Vergehen, d.h. alle Formen unsportlichen Verhaltens aller in Nr. 1. genannten Angehörigen des DFB, werden mit den in § 44 der Satzung des DFB aufgeführten Strafen geahndet.“

Ich habe bei mir hier einen dicken grauen Wälzer, der alle Satzungen, Ordnungen, Verträge, Spielbestimmungen etc. des DFB, der DFL enthält, aber das sind die einzigen Normen in diesem Wälzer, die Strafrahmen vor dem Sportgericht regeln. Ich bin natürlich nicht unfehlbar, daher: Falls jemand den Knallerparagraphen findet, der meine folgende Ausführungen aushebelt, dann schreibe er mir bitte, bitte, bitte.

Und was heißt das nun?

Polemisch gesagt: Der DFB hält sich nicht an sein eigenes Recht- und Gesetz. Weniger polemisch gesagt: Es sind schon einige merkwürdige Windungen, Wertungen und Sätze in dieser Pressemitteilung (die wir ja mit einer Urteilsbegründung gleichgesetzt haben) enthalten, wenn man mal von der Verfahrensordnung ausgeht. Fangen wir mal von hinten an (so etwas erhöht die Aufmerksamkeit):

„Wie Nachreiner weiterhin ausführt, hätten die Ermittlungen des Kontrollausschusses und der Staatsanwaltschaft keinerlei Hinweise darauf ergeben, dass Hoffenheimer Verantwortliche von der Beschallungsaktion wussten beziehungsweise in irgendeiner Weise an ihr beteiligt gewesen seien.“

Tatbestandlich muss dem auch nicht so sein, denn § 9a rechnet ja absolut zu. Umso erstaunlicher, dass dieser Satz in diesem kurzen Text auftaucht. Für die Erfüllung des Tatbestandes braucht man ihn nicht. Also kann er eigentlich nur für die Strafzumessung von Bedeutung sein. Und das verwundert dann doch ein bisschen, denn bisher habe ich das als Argument noch nie gehört. „An der Pyroaktion waren Frankfurter Verantwortliche weder beteiligt, noch wussten sie davon.“ Das müsste man dann doch auch mal lesen, oder?

Nehmen wir wieder unser Kassenrollenbeispiel und dies nun in der Alternative „nicht genehmigt“. Dann käme man auch nur über die Zurechnung des Verhaltens des Zuschauers auf den Verein überhaupt zu einer Bestrafung. Warum aber werde ich dann diesen Satz nicht in der Strafzumessung lesen?

Aber halt! Der DFB stellt ja gegen „den Mitarbeiter“ ein. Ist also gegen die TSG 1899 Hoffenheim gar nicht ermittelt worden? Gilt § 9a da plötzlich nicht mehr? Warum dann bei Fans? Man verstehe mich nicht falsch, ich finde §9a nicht zwingend falsch, insbesondere da ich ihn auch als Waffe gegen Diskriminierung für unverzichtbar halte. Aber wie ermittelt der gegen den Mitarbeiter? Falls der nicht Mitglied der TSG 1899 Hoffenheim ist (eine Möglichkeit, die ja doch in Betracht kommt) hat der DFB gar keine Strafgewalt. Und viel wichtiger: Warum anscheinend nicht gegen die TSG 1899 Hoffenheim? Ein Novum. Und egal was, der Satz ist absurd.

„Dr. Anton Nachreiner, Vorsitzender des DFB-Kontrollausschusses, begründet die Einstellung des Verfahrens wie folgt: „Das Vorgehen des Mitarbeiters stellt zwar ein unsportliches Verhalten dar, ist allerdings als geringfügig einzustufen. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Heidelberg, die ihr Verfahren ebenfalls eingestellt hat, wurde mittels eines Sachverständigengutachtens nachgewiesen, dass die Stadionbesucher durch die Beschallungsanlage nicht gesundheitlich beeinträchtigt worden sind. Dazu war die Anlage von vorn herein nicht geeignet.““

Gesundheitlich beeinträchtigt: Ich werde jetzt mal etwas zynisch, aber wie beeinträchtigt man einen Menschen durch den Wurf eines Weichplastikbechers? Oder eben durch den Wurf einer halben Kassenrolle? Ich bin nebenbei auch immer noch der Meinung, dass die ausgesprochene gefährliche Körperverletzung in unserem Bierbecherfall eher problematisch ist, aber dies würde nun zu weit führen. Das soll aber nicht der Punkt sein, warum ich das zitiere. Darüber mag man ja noch diskutieren. Aber lest mal vor, was dem Mitarbeiter (und damit der TSG 1899 Hoffenheim; nicht § 9a vergessen!) vorgeworfen wird:

„unsportliches Verhalten“

Nun lest euch § 7 noch mal durch. Und noch mal. Und glaubt mir, ich habe ihn vollständig zitiert. Was ist da nicht geregelt? Richtig: Unsportliches Verhalten. Hammer oder? Oh, aber an versteckter Stelle findet man dann doch die Strafnorm, die ich noch mal zitieren will:

§ 1 Nr. 4.: Sportliche Vergehen, d.h. alle Formen unsportlichen Verhaltens aller in Nr. 1. genannten Angehörigen des DFB, werden mit den in § 44 der Satzung des DFB aufgeführten Strafen geahndet.

In Nr. 1 sind auch die Vereine genannt, also wäre eine Ermittlung gegen die TSG 1899 Hoffenheim also ohne weiteres möglich. Eine kurze weitere Anmerkung: So etwas wie Bestimmtheitsgebot scheint in der Strafordnung des DFB nicht vorzuherrschen. Hier werden diffuse Tatbestände „alle Formen unsportlichen Verhaltens“ mit noch undifferenzierteren Strafen belegt. § 44 sieht immerhin alles von Geldstrafe bis Lizenzentzug vor. Kurz gesagt: Jemanden, der etwas auf rechtsstaatliche Grundsätze (zur Zeit derbst unmodern) hält, dem dreht sich hier der Magen um. Die Bestrafung von Taten wird komplett in die Willkür (Polemik) / in das pflichtgemäße Ermessen (freundliche Umschreibung) der Richter gestellt. Kurz: Eine Ungeheuerlichkeit.

Nach § 44 wird „näheres“ nebenbei von der Strafordnung geregelt. Oder eben auch nicht.

Ich will selbst noch ein Schritt weiter gehen. Vereine (und damit auch Verbände) müssen in Deutschland demokratisch aufgebaut sein. Dazu gehört eben auch, dass man Verbandsstrafen demokratisch legitimiert. Hier versagt der DFB auf ganzer Linie, denn er verschiebt die gesamte Abwägung in seine Judikative. Das ist ein extremes Demokratiedefizit des DFB. Der Verbandstag muss hier dringend tun, was seine Aufgabe ist, nämlich eine Strafordnung schaffen, die wirklich „näheres“ bestimmt.

Soweit so absurd. Immerhin in einer Sache hat sich der DFB mal an sein eigenes Recht und Gesetz gehalten. Eine Einstellung ist in „geeigneten Fällen“ (§ 5 Nr. 5) vorgesehen. Und seien wir ehrlich: Wenn wir dem oben genannten Sachverhalt mal glauben wollen, dann kann man hier eine Einstellung ohne weiteres vertreten, wenn man diesen Sachverhalt mal betrachtet.

Alles wäre gut, wenn unsere Kassenrolle auch ein „geeigneter Fall“ wäre. Denn was man nicht vergessen darf: Der Mitarbeiter von Hoffenheim hat mit vollem Wissen und Wollen (kurz absichtlich) gehandelt. Unser Kassenrollenwerfer war einfach nur dumm (sorry), sprich: Fahrlässig. Verletzt wurde bei beiden Sachen niemand und beide Sachen sind nicht wirklich gefährlich (im Gegensatz z.B. zu einem Pyro, der nun hin- und herspringt, weil er auf den Boden geworfen wurde.).

Verharmlose ich den Kassenrollenwurf? Bei einer Strafzumessung ist doch Motiv, Folge und Mittel zu bewerten. Und wenn man dieses mal betrachtet, dann sind die Folgen gering, das Motiv nicht bösartig und das Mittel wenn überhaupt mindergefährlich.

Okay, man soll bei Jura Fälle nicht vergleichen. Aber eine gewisse Vergleichbarkeit eines Falles von eher geringer Auswirkung und geringer Problematik liegt auf der Hand, oder? Nun mögen wir ja noch Wiederholungstäter sein, was man wohl strafverschärfend werten muss.

Willkür?

Nun dürft ihr mal Strafzumesser spielen. Und insbesondere rufe ich jetzt alle Rostock und Rautenfans auf (die sind wenigstens nicht parteiisch), wenn ihr das nun alles lest. Und von diesen Sachverhalten ausgeht, ist dann ein Teilausschluss mit einer finanziellen Folge von deutlich mehr als 100.000 Euro gerecht? (wenn denn dieser käme?) Wohlgemerkt: Als Geldstrafe sieht die Verfahrensordnung bis zu 250.000 Euro vor. Wir sind hier also schon im eher oberen Bereich, wenn man das mal umrechnen würde.

Haltet ihr das noch für vertretbar? Oder muss man annehmen, dass der DFB hier schlichtweg willkürlich ohne eine wirkliche Betrachtung der Fälle handelt?

Und haltet ihr es für vertretbar, dass beim Kassenrollenwurf gegen den FC St. Pauli, bei der TSG 1899 Hoffenheim aber „nur“ gegen den Mitarbeiter ermittelt wird/wurde? Wo ist für euch der Unterschied, der eine unterschiedliche Behandlung rechtfertigt? In der Genehmigung von Kassenrollen als Choreoelemente? Okay, das wäre noch eine Möglichkeit. Ist aber natürlich auch eher schwierig, denn Choreoelemente per se können als Schlagwerkzeuge etc. eingesetzt werden.

Ich hatte das schon mal geschrieben: Verbandsgerichtsbarkeiten sind nur dann zulässig, wenn sie sich an rechtsstaatliche Grundsätze halten. Und eines davon ist ein Willkür-Verbot.

Ob dieses Verbot hier verletzt wurde, wird vor ordentlichen Gerichten zu klären sein. Ich will da keine abschließende Meinung vertreten, aber wir haben hier zwei Fälle, die doch sehr nach Willkür stinken.

Nachtrag 10.02.11 um 18:20: Einen Aspekt hatte ich noch vergessen. Man lese sich mal die Stellungnahme unseres Fanladens durch. Darin steht u.a.: “Der DFB weiß und fordert von den Vereinen, dass Strafen in Fällen wie diesen den ermittelten
„Tätern“ aufgebürdet werden.” Sprich: Der DFB zerstört wissentlich und wollentlich mit solchen Urteilen auf dieser unsicheren Rechtslage wirtschaftliche Existenzen von Menschen. Auch dies darf bei der Beurteilung einer “Willkür” nicht außer acht bleiben. Polemisch könnte man von einer menschenverachtenden Haltung sprechen. Nachtrag Ende.

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Feb 102012
 

Liebe Leser, der geneigte Marathonläufer schielt schon wieder auf die Frühjahrs Saison und ist voll im Training. Der Nicht-Läufer hingegen guckt den Marathoni nur an und sagt “Bei dieser Kälte? Wie machst du das?”

Wie andere es machen kann ich nicht sagen, aber meine ultimativen, subjektiven und nicht verallgemeinerbaren Tipps sind Folgende (teilweise geschrieben in der Badewanne voller warmen Wasser, was sozusagen auch schon ein Tipp ist):

1. Laufband ist doof. Ja so ein Fitness-Studio ist warm, trocken und was zu gucken (im Fernseher, ihr Sexisten) gibt es da auch immer. Aber ich empfinde ein Laufband als zu monoton, das ganze als zu klinisch und auf einen kalten Fruhlingsmarathon bereitet es auch nicht vor. Mal ganz davon ab, dass ich die Belastung und die Bewegungsart als nicht vergleichbar mit normalem Laufen empfinde.

2. Klamotten: Warme Funktionssachen sind Ehrensache und die gibt es selbst bei Tschibo in guter und relativ (!) billiger Qualität. Nun würde ich aber aus so etwas nie ein Dogma machen. Wenn jemand lieber Baumwolle trägt, dann sollte er das machen. Auch Kombinationen aus beidem sind häufig anzutreffen. Mein Rat: Ausprobieren und falls es nicht passt, schnell wieder nach Hause.

3. Sowieso ein guter Rat: Nicht den Helden spielen. Wenn es nicht geht, weil Klamotten nicht passen, weil der eisige Wind heute einfach zu eisig ist, dann ab ins Warme und lieber mal eine Trainingseinheit ins Wasser fallen lassen. Ich persönlich verzichte auch auf zu harte Tempoläufe bei Kälte. Ganz ehrlich: Was nützt mir der harte Tempolauf, die auf Gedeih und Verderb durchgezogene Trainingseinheit, wenn ich sie mit Muskelaua oder mit einer Erkältung bezahle.

4. Warmmachen. Der normale Jogger tritt vor die Tür und läuft los. Ich auch. (Jaja, eigentlich schon falsch, aber seien wir doch ehrlich).Trotzdem bei extremen Minusgraden versuche ich mich wenigstens ein bisschen in der Wohnung anzuwärmen. Ein wirkliches Warmmachen wird das für einen Marathoni, der so bei ca. Kilometer 5 warm wird natürlich nicht, aber während des Umziehens mal durch die Wohnung zu tanzen macht zumindest mich etwas warm und erleichtert den Start.

5. Trinkflasche. Ich trage meine Trinkflasche ja immer spazieren, da sonst mein Kopf sagt, dass ich Durst habe (und zwar ab Kilometer 0,2). Und ich trage sie in der Hand. Bei Minusgraden nehme ich warmes Wasser, was den Vorteil hat, dass man zu Beginn eine warme Hand bekommt und später -wenn man das Wasser wirklich braucht- dieses noch nicht gefroren ist. Zugegeben: Das hilft einem wenig, wenn man Trinkgürtel etc. benutzt. Ach ja: Nur warmes Leitungswasser. Noch stärkere Erwärmung hat zumindest meine Trinkflasche nicht überlebt. ;-)

Zumindest ich komme so gut durch den Winter. Und in drei Trainingswintern lässt sich die Anzahl der ausgefallenen Trainingsrunden an einer Hand abzählen. Und davon waren die meisten noch wegen extremer Glätte beendet oder nicht begonnen worden.

Abschließend möchte ich der Wade meines Lieblingsrostockers @BluecherHRO viele gute Wünsche und eine schnelle Heilung mit auf den Weg geben. Werde schnell wieder lauffit.

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Feb 092012
 

oder

Das kann man mit Truller nicht machen

Vorwort

Liebe Leser, es passiert im Profigeschäft, dass Trainer entlassen werden. Dies umso mehr, als dass sie das berühmte schwächste Glied in der Kette sind und im Fußball ein Führungsstil und ein Führungsverständnis herrscht, welches mit „mittelalterlich“ noch freundlich umschrieben ist. Trotzdem ist es mal wert so ein zwei Zeilen zu dem Ende von Holger Stanislawski in Hoffenheim zu verlieren. Natürlich ist es schwer, gewisse Vorgänge von außen wirklich zu beurteilen, aber vieles was passierte wirkte so vertraut.

Was war, was ist

Holger S. wird noch beweisen müssen, dass er ein guter Trainer ist. Es gibt für mich zwei Arten von Trainern. Diejenigen, die überall zumindest einen gewissen Erfolg haben (auch wenn sie mal scheitern) und diejenigen, die eine Eintagsfliege bleiben, weil sie nur bei einem Verein der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt waren. Winnie Schäfer z.B. fällt in die letztere Kategorie. Beim KSC der frühen 90er Jahre der richtige Mann am richtigen Ort, aber danach nie wieder etwas erreicht. Anders z.B. Jupp Heynkes, der zwar auch bei Stationen bitterlich gescheitert ist (Gladbach), aber doch immer wieder in verschiedenen Umfelden Erfolg hatte.

Man muss dabei immer etwas einschränkend argumentieren, denn die äußeren Umstände im Fußball sind sehr stark und gerade in dem oben schon angerissenen komischen Führungsverständnis können diese den Trainer sehr schnell unterminieren.

Aber Holger S. hat Fehler gemacht. Sein erster Fehler war schon die Auswahl des Vereines TSG 1899 Hoffenheim. Man muss sich wirklich fragen, warum er sich in der Rückrunde 2010/2011 eher damit beschäftigt hat, welcher Verein ihn nun aus seinem Vertrag bei uns errettet, als sich voll auf den Klassenerhalt zu konzentrieren. Und dann zu einem Verein zu gehen, der auf der einen Seite regelmäßig Führungssspieler verkauft, auf der anderen Seite aber einen UEFA-Cup Anspruch hat, ist schon einmal problematisch. Wenn dann noch jemand ständig von der Seite reinredet, der außer „Beiratsvorsitzender“ keine Funktion hat, dann ist dieser Verein eigentlich schon dem Untergang geweiht.

Was ich bei Holger S. seit der Saison 2010/2011 und insbesondere seit der Rückrunde vermisse ist der Aufbau auf einem harten Trainingslager in den Pausen. Das war doch ein Markenzeichen von ihm. Bei uns gelang es ihm auch der Mannschaft ein Vertrauen in ihre (konditionelle) Stärke zu vermitteln. Trotzdem verzichtete er in der Winterpause 2010/2011 auf dieses Mittel, schimpfte lieber über verschneite Plätze und so verkorkste unsere Vorbereitung. Folge waren unzählige Verletzungen und ein vollkommener konditioneller Einbruch der Mannschaft nach der englischen Woche durch das ausgefallene Derby.

Mag bei uns ja noch das „kein Geld“ Argument gegolten haben, so war ich doch erstaunt, dass Stanislawski erneut nicht ins Trainingslager fahren wollte und nicht gefahren ist.

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich Hoffenheimspiele eher mit einem Auge verfolgt habe, aber neben der guten Kondition waren Mannschaften des Holger S. bei uns auch immer dadurch geprägt, dass man ein gewisses (spielerisches) System spielen wollte und auch gespielt hat. So etwas vermisste ich bei Hoffenheim die ganze Zeit.

In der Presse ist von vielen Umstellungen im defensiven und offensiven Mittelfeld die Rede. Eine Sache, die Holger S. bei uns beinah nie machte. Egal welches Personal spielte, die Positionen und das System blieb eigentlich relativ statisch. Und wenn er mal offensiv etwas probierte, dann ging es meistens in die Hose.

Viel zu früh setze Holger S. auch auf Brandreden. Bereits in der Hinrunde hielt er mehrere davon. Ein Mittel, welches er bei uns eigentlich erst in der Aufstiegssaison (und da auch nur einmal) und in der Bundesligasaison einsetzen musste. Man hatte das Gefühl, dass Brandreden über „die Jungs“ das arbeiten, das erarbeiten mit „den Jungs“ ersetzte.

Und wahrscheinlich ist da noch ein Fehler des Holger S. Während er bei uns eine intakte Mannschaft vorfand, die von echten Führungsspielern geleitet wurde (siehe die jetzt abtretende Heldengeneration) hatte er so etwas bei Hoffenheim halt nicht. Und es gelang ihm auch nicht, so etwas zu installieren. Und dann wird es schwierig mit „den Jungs“, die sich dann von so einer Ansprache eher nicht motiviert finden.

Aber all dies baut eben auf dem großen Kardinalfehler auf: Dem vorzeitigen und falschem Zeitpunkt der Suche nach einem Verein, der ihn bei uns herauslöst. Mag es für sein Verhalten Gründe geben (so wird ja immer wieder ein schlechtes Verhältnis zu Schulte kolportiert), aber für seine weitere Karriere wäre ein konzentriertes arbeiten, ein damit verbundener Klassenerhalt und dann wahrscheinlich die freie Auswahl unter den Vereinen sehr viel erfolgsversprechender gewesen.

Man kann nur hoffen, dass Holger S. aus diesen Fehlern lernt und es bei seinem nächsten Verein besser macht. Immerhin spielt er in unserer Geschichte eine große Rolle und alleine schon für seinen Co-Trainer hoffe ich, dass er bald einen Verein findet, wo er seine Rolle spielen kann. Zu gönnen wäre es den beiden. Es sollte Lesern dieses Machwerkes auch bekannt sein, dass ich Holger S. sehr respektiere, Truller aber abgöttisch liebe. Und so lange dieser nur als Sidekick zu Holger S. auftritt, muss Holger S. irgendwo Erfolg haben.

Gerüchteweise soll ja England einen Manager für sein Team suchen. Stani, ruf mal Prinz William an, der ist immerhin Präsident der FA.

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