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Nov 092018
 

 

Samstag ist nicht lange her und die Ereignisse aus Bielefeld sind sicherlich bei Vielen von Euch – bei uns zumindest schon – noch Thema. Wir als Reaktionskollektiv wollen gerne, da uns dieses Thema sehr am Herzen liegt, kurz zusammenfassend dokumentieren, was wir als wichtig erachten und diese Gelegenheit nutzen, danach kurz ein paar Menschen und Institutionen zu danken.

Vorab: Wir als Fanszene des FC Sankt Pauli wollen eine politische Fanszene sein. Daher ist aus unserer Perspektive auch wichtig, die Grenzüberschreitungen der Polizei politisch einzuordnen und nicht wie andere deutsche Ultragruppen Gewaltexzesse der Exekutive aus sich selbst und apolitisch zu erklären.

Es ist kein Geheimnis, dass sich die Polizei und ihre Interessenvertretungen sich weit rechts der „politischen Mitte“ positionieren. Wo sie nur können, überschreiten Sie ihre Befugnisse, brechen Gesetze, ignorieren Gerichtsurteile, schüren Ängste und fordern, mit großen Schritten den Staat und die Gesellschaft autoritär umzubauen.

Ironischerweise entscheidet sie dabei nach eigenem Ermessen selbst, entweder Kilometer weit über die Stränge zu schlagen oder nur zaghaft zu reagieren. Staat und Polizei agieren nicht zwingend, wenn sie angegriffen werden, sie reagieren, wenn sie sich angegriffen fühlen. Diese Prioritätensetzung zeigt sich immer wieder, wenn Nazis, z.B. in Chemnitz, ungestört Menschen jagen können, aber bei jeder noch so kleinen linken Kundgebung drei Hundertschaften bereitstehen.

Die neue Regierung in NRW scheint mit dieser Priorisierung auch keine sonderlichen Probleme zu haben, befürchtet sie beispielsweise doch, dass die Ökos im Hambacher Forst die bürgerliche Mitte dazu bringen könnten, dem Kapitalismus abzuschwören und aus „Sicherheitsbedenken“ deren Kundgebung auf offenem Feld absagt, während man Nazis gerne den Weg freiprügelt.

Es ist wichtig, auch ganz klar zu benennen, dass die Polizeiangriffe auf Linke oder Fußballfans oder eben auch linke Fußballfans in diesem Kontext zu sehen sind. Politisch bleiben, FCSP!

Zunächst möchten wir kurz die verschiedenen Stellungnahmen aus dem Vereinsfeld dokumentieren:

Offizielle Stellungnahme des Vereins und des Fanladens

Stellungnahme Braun-Weiße Hilfe

Stellungnahme USP

Stellungnahme Amnesty International (Themenkoordinationsgruppe Polizei und Menschenrechte)

Besonders die Stellungnahme des Vereins hat uns sehr gefreut. Beim Kiezkieker-Fanzine gibt es eine schöne, kurze Einordnung, was diese bedeutet, wenn man die Entwicklungen des FCSP über Jahrzehnte verfolgt hat.

Wir wollen keine Presseschau folgen lassen, primär weil das bedeuten würde, 50 mal den Polizeibericht zu lesen. Dankenswerterweise gibt es aber immer noch ein paar kritischere Artikel, wie z.B. hier in der taz.

Bedanken möchten wir uns auch bei dem Journalisten Felix Tamsut, der sehr schnell auf Twitter auf die Lage aufmerksam wurde, Informationen gesammelt und sie auf Englisch weitergegeben, sodass unsere internationalen Fans und Gruppen, sich auch schnell ein Bild machen konnten.

Wir hoffen auf eine produktive Aufarbeitung, auf rechtliche Schritte, auf Konsequenzen für die Verantwortlichen innerhalb der Polizei.

Wenn ihr weiterhelfen wollt, kommt heute (9. November!) ins Jolly Roger und trinkt etwas zugunsten der Braun-Weissen Hilfe, die können vermutlichen in den kommenden Wochen jeden Cent gebrauchen.

Falls ihr selbst einmal von (körperlicher) Polizeigewalt betroffen wart, folgt bitte diesem Link und lest euch das mal durch. Im Bereich Polizeigewalt und staatlicher Machtmissbrauch gibt es riesige Forschungslücken und diese zu füllen, ist garantiert ein Schritt in die richtige Richtung.

Zuletzt sei noch kurz angemerkt, dass wir als Blog verschiedene Hilfeangebote von Einzelpersonen erhalten haben. Wir haben diese vertrauensvoll an den Fanladen und die BWH weitergeleitet. Danke auch an Euch!

Okt 252018
 

Der Fußballclub Sankt Pauli hat heute über Social Media und seine Website mitgeteilt, dass er am kommenden Heimspiel gegen Holstein Kiel ein ganz besonderes Schmankerl für seine Fans parat hat. Vor dem Spiel wird die Berliner Band „The BossHoss“ auf dem Harald-Stender-Platz spielen. Das Redaktionskollektiv des MagischerFC-Blogs nimmt diese freudige Abwechslung zum Anlass, die Band vorzustellen und ein kurzes Preview zum kommenden Album „Black Is Beautiful“ (ab dem 26.10. überall erhätlich!) zu verfassen.

Als langjährige Fans von Johnny Cash sind wir natürlich schon vor Jahren auf die sympathischen Jungs mit Südstaaten-Flair aufmerksam geworden. Abgesehen von dem musikalischen Einfallsreichtum und Kreativität stehen die Country-Popmusiker vor allem für ehrliche Texte über männliche Identität und träumerische Phantasien des Wilden Westens.

Toll, diese Ironie, oder? Seien wir mal ehrlich, The BossHoss ist nun nicht gerade so problematisch wie eine beliebige Rechtsrockband, aber es gibt durchaus einige Punkte, die uns veranlassen, diese zumindest zweifelhafte Ansetzung kurz kritisch zu kommentieren, denn wir sind nicht der Ansicht, dass der FCSP der Band eine Bühne bieten sollte – wortwörtlich und im metaphorischen Sinne.

Und dabei reden wir gar nicht von der aggressiven Abwesenheit jedweder ästhetischen Dimension oder einer mangelnden Abgrenzung zur Kulturindustrie des deutschen Privatfernsehens.

Der Autor dieses Textes kannte vor der heutigen Ankündigung des Vereins nur den Namen der Band, doch nach ungelogen maximal 30 Sekunden Internet-Recherche offenbarten sich bereits mehrere problematische Layer, die sich durch weitere Beschäftigung mit der Band leider nur verstärkten.

Zunächst ist das künstlerische Schaffen der Band durchsetzt von einer bestenfalls peinlichen, schlimmstenfalls extrem toxischen Maskulinität, die uns die Haare zu Berge stehen lässt. Dass die Band ihre Texte nicht im Ansatz kritisch reflektiert hat, zeigt sich unter anderem auch an der visuellen Repräsentation von „starken, heroischen“ Männlichkeiten sowie eindeutig sexistischen Darstellungen von Frauen. Wir haben gar keine Lust uns durch das Gesamtwerk der Herren zu arbeiten und an Beispielen und kulturwissenschaftlicher Argumentation diese Probleme aufzuzeigen. Aber ihr werdet es selbst sehen, wenn ihr euch ein Video ansehen solltet.

Wir haben im Blog in den vergangenen Monaten häufiger über ein Sexismus-Problem am Millerntor berichtet und der Verein hat freundlicherweise auf verschiedene Art und Weisen dabei geholfen, Öffentlichkeit für dieses Problem herzustellen. Warum wird dann mit der Einladung dieser Band aktiv gegen eine antisexistische Kultur beim FCSP gewirkt?

Ein kurzer Blick auf die Diskographie und das Wirken der Bandmitglieder im Fernsehen legt noch ein weiteres Problem offen. Nämlich die mannigfaltige und freundliche Kooperation mit Xavier Naidoo, dem Mann der nicht gerne Antisemit genannt wird (auch wir müssen uns rechtlich absichern). Jede Band, jede*r Kulturschaffende*r, der zur gesellschaftlichen Akzeptanz dieses notorischen Verschwörungstheoretikers und Reichsbürger-Freundes beiträgt, ist absolut inakzeptabel im Umfeld unseres Vereins.

Liebe Verantwortlichen beim FCSP, die Idee mit Livemusik vor oder nach den Spielen ist wirklich cool, aber ihr müsst einfach mehr darauf achten, wen ihr euch da ins Boot holt. Auch wenn eine vermeintlich große Bands, die gerade ihr neues Album promotet für lau spielt, lohnt sich ein Backgroundcheck. Und wenn ihr partout Programm haben wollt, es gibt auch im Jahre 2018 immer noch ’ne Menge Bands, die für eine Kiste Bier auftreten.

In Hoffnung auf schnelle Besserung des Rahmenprogramms und eine kritische Aufarbeitung, bis Sonntag!

Jun 012018
 
Dass ich für den Magischer FC-Blog bereits einen pathetischen Vorbericht über das Antira-Turnier 2018 schrieb, reichte nicht ganz aus, um mich verpflichtet zu fühlen, auch eine kurze Nachlese zu verfassen. Viel mehr ist es der Wunsch, die Kamera das ganze Wochenende nicht umsonst mitgeschleppt zu haben und den daher veröffentlichten – und nicht mal zwingend guten – Bildern eine gewisse Legitimation durch das geschriebene Wort zu verleihen. 
 
Erwartet also bitte keinen kompletten Bericht mit Zusammenfassung aller Workshops, der Ergebnisse des Turniers und ausführlichen Anekdoten der Partys, sondern lediglich ein paar ausformulierte Gedanken.
 
Das Wichtigste direkt zu Beginn: Das Antira ist ein tolles Event auf so vielen Ebenen. Der politische Austausch ist extrem wichtig und wenn es Gruppen, die es in ihren Vereinen oder Städten aktuell sehr schwer haben, auch nur ein wenig positiv Energie geben konnte, ist das bereits ein Erfolg. In diesem Sinne vielen Dank an alle, die dieses Wochenende ermöglicht haben.
 
Dieses Jahr fand das Event in der Nordkurve statt und für den Autor war es der erste längere Besuch auf dieser. Auch wenn die Arbeit bewundernswert ist, die die Menschen auf der Nord bereits in die Gestaltung der Kurve gelegt haben (Kein Mensch ist illegal!), sieht der ganze Beton insbesondere im Umlauf noch sehr steril und beliebig aus. Vielleicht kann man da ja noch mal was dran machen. Millerntor Gallery auf der Nordtribüne?
 
Ansonsten muss man die Nordkurve mögen. Besseres Verhältnis zwischen Steh-und Sitzplätzen als auf der Süd, keine Logen… USP in die Nordkurve! Nein, war nur Spaß.
 
Wenn das Turnier für den Schreibenden politisch etwas gelehrt hat, dann über die Lage des Amed SK, dem ehemaligen Verein Deniz Nakis im kurdischen Gebiet der Türkei. Das Thema ist definitiv zu wichtig und ernst, um es hier zwischen Späßen und Diskussionen über Beton aufzuführen, aber mit Sicherheit wird dazu noch was kommen, ggf. auch hier auf dem Blog. 
 
Einen wunderbaren, persönlicheren Bericht schrieb auch unsere gute Freundin Jaane, auf den wir verweisen wollen.
 
Schließlich die versprochenen Bilder.
 

Antira 2018!